#151

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 10.01.2019 16:42
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Es tat gut, ihr kurzes Lächeln zu sehen. Aber sie wirkte nicht völlig beruhigt und erleichtert. Irgendetwas beschäftigte sie stark, aber es war ja auch gut nachzuvollziehen. Selbst wenn ich ihr sagen konnte, dass ich unschuldig war. Dass ich sie liebte und niemals einfach ausgenutzt hätte für ein bisschen Spaß in der Haft. Ich befürchtete, dass sie trotzdem Zweifel behalten würde oder dass es lange brauchen würde, bis sie mir wieder voll vertrauen würde. Ich würde zu gerne in einer ruhigeren Minute mit ihr sprechen. Ich wollte sie in den Arm nehmen. Sie küssen und sie beruhigen. Doch als sie sagte, dass sie schwanger war, fühlte ich mich nicht mehr in der Lage sie zu beruhigen. Ich hätte selbst jemanden gebraucht, der mich beruhigte und hätte mich gerne gesetzt, während das Blut in meinen Ohren rauschte. Ich wollte lachen, sie herumwirbeln und mit ihr Babysachen shoppen gehen. In einem Leben, an dem solche Dates wie unser eines normal wären und ich nicht hier wäre, wäre das absolut möglich gewesen. Ich hätte sie unterstützt und versucht für sie da zu sein. Ihr gesagt, dass wir das schafften. Aber was sollte ich hier nur machen? Ich könnte ein paar Jahre vielleicht ab und zu mein Kind sehen. Ich würde aber nichts miterleben. Die ersten Schritte, die ersten Worte, die Einschulung, der erste Wackelzahn. Ich würde nie dabei sein können und dann würde ich getötet werden. Damit war ich mehr Belastung als alles andere. Das Kind wäre besser dran ohne mich vermutlich. "Nein. Es ist nicht deine Schuld. Ich hab mehr Erfahrung als du, ich hätte daran denken sollen", sagte ich leise, als ich sah, wie ihr Tränen in die Augen traten. Ich fühlte mich hilflos unfähig ihr irgendwie zu helfen. Und diese Schuldzuschreibungen klangen sicherlich auch nicht gerade förderlich, sondern als wäre es ein großer Fehler. Ein Problem, wie sie es nannte. Wenn ich der größte Arsch der Welt wäre, hätte ich vermutlich gesagt, dass nicht wir das Problem hatten, sondern nur sie, denn ich war im Gefängnis. Als sie laut aussprach, weswegen ich saß, biss ich die Zähne zusammen, senkte den Kopf. Es schnürte mir selbst die Kehle zu. "Das stimmt, aber..", setzte ich an, doch sie setzte wieder zum Sprechen an, weshalb ich mich unterbrach und sie genau so unsicher ansah, wie sie mich. Als sie mich dann fragte, wie lange ich sitzen würde, presste ich die Lippen zusammen, wandte den Blick ab und unterdrückte den Kloß im Hals. "Noch etwas mehr als vier Jahre..", setzte ich an und meine Stimme wurde brüchig. "Wegen der Grausamkeit der Tat, steht mir dann allerdings nicht die Freiheit, sondern die Todesstrafe bevor", sagte ich leise, flüsterte schon fast. Ich traute mich nicht, sie anzusehen. "Ich.. hab oft versucht dagegen vorzugehen. Es ist ausweglos", setzte ich leise und deprimiert hinzu. Ich hätte vielleicht in einem Nebensatz erwähnen sollen 'weil ich unschuldig bin aber ich stand zu sehr neben mir um es so präzise auszudrücken.


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#152

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 10.01.2019 21:02
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ich hatte mit vielem gerechnet, aber definitiv nicht mit dem, was mir Nate gerade beichtete. Insofern es überhaupt noch möglich war, wich mir das letzte bisschen Farbe aus dem Gesicht. Fassungslos starrte ich meinen Gegenüber an, meine Miene zeigte keinerlei Regung. Ich musste mich verhört haben. Das konnte einfach nicht sein! Seine erste Aussage hatte in meinen Ohren sogar verlockend geklungen. Vier Jahre vergingen schnell und unser Kind würde nicht komplett ohne Vater aufwachsen. Ich könnte Nate oft besuchen und vielleicht wurde er wegen guter Führung auch früher entlassen. Wir konnten ein Paar werden, vielleicht heiraten, vielleicht noch mehr Kinder bekommen. Doch all meine Wünsche und Träume für die Zukunft jäh zerstört. Ich hätte schwören können, dass jeder hier in der Kantine in diesem Moment mein Herz in tausend Teile zerbrechen hören konnte. Dieses eine Wort wiederholte sich in meinem Kopf wieder und wieder. Ich spürte, wie mir schwindlig wurde, weswegen ich mich hastig an die Wand anlehnte, die zum Glück nicht weit von mir entfernt war. Mit geschlossenen Augen atmete ich tief ein und aus, zählte in Gedanken bis zehn, um meine Augen dann wieder zu öffnen. Die Sicht war durch den Tränenschleier vernebelt. "Todesstrafe.", antwortete ich dann nach einer gefühlten Ewigkeit tonlos und starrte einfach nur ins Leere. Nate musste einen miesen Scherz gemacht haben. Er konnte doch nicht wirklich zu Tode verurteilt worden sein, oder etwa doch? Das ging doch nicht...Inzwischen hatten wir die Aufmerksamkeit einiger Häftlinge und auch Wärter erregt, doch ich blendete diese unwichtigen Personen aus. Die einzige Person, die gerade zählte, war Nate. Nathan Cheers, mit dem ich mein erstes Mal gehabt hatte. Nathan Cheers, dessen Kind ich unter meinem Herzen trug. Nathan Cheers, der in vier Jahren hingerichtet werden würde. Wie konnte ich das einem Kind antun? Langsam schüttelte ich den Kopf und schluchzte leise. "Wieso?", fragte ich irgendwann rhetorisch, da ich keine wirkliche Antwort erwartete. Dennoch fragte ich mich, wieso mir keine Menschenseele gebeichtet hatte, dass Nate dieses Gefängnis nicht lebend verlassen würde. Die Tränen liefen inzwischen wie ein Wasserfall aus meinen Augen heraus und suchten sich ihre Wege über meine roten Wange. Ich warf es Nate vor, mir nichts gesagt zu haben. Ich warf es meinem Vater vor. Ich warf es jedem hier vor. Wie konnte man es zulassen, dass ich so viel Zeit mit ihm verbrachte, mich in ihn verliebte und mich von ihm schwängern ließ, wenn man wusste, dass unsere 'Beziehung' definitiv kein glückliches Ende nehmen würde? Ich war außer mir vor Wut und Trauer. "Ich kann das nicht, Nate...", stieß ich schließlich mühsam hervor. "Es tut mir leid, aber ich kann dieses Kind unter diesen Umständen nicht bekommen und großziehen...was soll ich ihm oder ihr denn sagen?", flüsterte ich weinend und schüttelte mehrmals den Kopf. Das ging so einfach nicht. Ich musste es abtreiben, meinen Job hier kündigen und Nate vergessen. Es brach mir das Herz, doch ich sah keine andere Möglichkeit. "Mach's gut, Nate. Es tut mir so leid...", murmelte ich mit stockender Stimme und beugte mich kurz zu ihm, um ihm einen sanften Kuss auf die unrasierte rechte Wange zu geben. "Ich liebe dich, Nathan Cheers. Vergiss das nicht...", hauchte ich in sein Ohr, ehe ich mich ohne ihn einen weiteren Blickes zu würdigen von ihm abwandte und den Ausgang ansteuerte. Ich ahnte bereits, dass er mir sicher folgen würde. Aus diesem Grund nickte ich tränenüberströmt zwei Wachen zu, welche den Häftling zurückhielten. Auf meinem Weg zum Ausgang wanderte meine Hand an die Kette an meinem Hals, umklammerte das kleine Holzteil. Wie durch ein Wunder schaffte ich es noch zu meinem Auto, sank jedoch kraftlos hinter dem Steuer zusammen und ließ meinen Gefühlen freien Lauf.



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#153

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 11.01.2019 00:03
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich konnte sehen, was meine Worte bei ihr auslösten. Anfangs war es fast eine gute Antwort für sie scheinbar, dann allerdings fiel dieses böse Wort. Ich wagte es nicht direkt, sie anzusehen, hob nur langsam den Blick um ihre Reaktion zu prüfen. Und was ich sah, war eine am Boden zerstörte Maddie. Sie lehnte an der Wand, die Augen geschlossen und sehr beherrschte Atmung. Ich konnte mir vorstellen, dass sie gerade laut losgeheult oder geschrien hätte, wenn sie sich nicht versuchen würde so sehr zu beherrschen. Mir selbst ging es ähnlich. Ich wollte nicht atmen, ich wollte nicht hier stehen. Ich wollte irgendetwas kaputt schlagen und schreien. Ich wünschte mir ein anderes Leben. Ich hätte sie vielleicht nie kennengelernt, aber dafür hätte ich uns beiden auch viel Leid erspart. Ich wandte beschämt meinen Blick wieder ab, aber bemerkte nicht, wie uns die Häftlinge ansahen, schon gar nicht, wie einer an der Wand um die Ecke lehnte um zu lauschen. Wir waren vermutlich gerade ganz groß darin, uns nicht anzusehen. Als sie leise schluchzte und fragte, wieso, wusste ich nicht ganz worauf es sich bezog. Aber es klang auch nicht wirklich danach, als würde sie eine Antwort erwarten. Ihre Stimme war bröckelig und ich schluckte nur schwer um mich nicht von ihren Tränen anstecken zu lassen. Ich versuchte also tief durchzuatmen. Bei ihren nächsten Worten sah ich sie schon fast erschrocken an. "Was..?", hauchte ich tonlos. "Maddie nein. Das kannst du doch nicht machen", flüsterte ich geschockt. "I-ich weiß nicht, was du machen kannst oder... aber... du kannst doch nicht..", stammelte ich. Gefühlt rauschten ihre nächsten Worte einfach an mir vorbei. Ich wusste, was sie sagte, was das bedeutete, aber ich konnte es einfach nicht fassen. Erst als sie sich abwandte, kam wieder Leben in meinen erstarrten Körper. "Maddie! Bitte! Tu das nicht", rief ich verzweifelt, wollte ihr nachlaufen, aber ich wurde aufgehalten. Ich versuchte mich mit aller Kraft gegen die Griffe der Wachen zu lösen, aber ich schaffte es nicht. "Maddie!", versuchte ich noch einmal, sie zum Umdrehen zu bewegen, doch sie verschwand um die nächste Ecke und war weg. Kraftlos ließ ich mich auf die Knie sinken. Verständnisvoll ließen mich die Wachen kurz durchatmen, ehe sie mich zurück brachten zur Kantine. Allerdings war mir jeder Appetit vergangen und irgendjemand hatte sicher schon mein Essen entweder weggeworfen oder aufgegessen. Geistesabwesend schlich ich durch die Gänge zurück zu meiner Zelle, ging hinein und ließ mich auf meine Pritsche fallen.
Es vergingen mehrere Tage, an denen ich einfach nur herumhing. Ich aß wenig, machte gar nichts mehr sonst. Ich stand völlig neben mir, es war schlimmer noch als der letzte Monat, in dem ich ja noch die Hoffnung gehabt hatte, dass sie sich melden würde, dass sie herkommen würde. Die Hoffnung hatte ich jetzt aufgegeben. Sie hatte mich aufgegeben. Sie hat mir Lebewohl gesagt und dass ich nicht vergessen sollte, dass sie mich liebte. Es war, als hätte sie sich zu meinem Tod verabschiedet. Ich war mir also sehr sicher, sie nicht mehr wieder zu sehen. Aber viel schlimmer als das war, dass ich immer öfter an das Baby dachte. Es war vermutlich noch nicht mehr, als ein unförmiger Zellhaufen, aber es war ein Leben. Ein wundervolles Leben, das doch nicht getötet werden durfte. Es war unschuldig und hatte nicht verdient zu sterben. Sicher, es würde schwer werden, aber sie würde das sicherlich schaffen. Sie hatte eine Famiilie, die ihr sicher irgendwie helfen würde, wenn sie sich für das Kind entschied. Nach ungefähr zwei Wochen und somit vermutlich viel zu spät, hielt ich die Gedanken nicht mehr aus. Ich hielt nichts mehr aus.

Liebe Maddie,
bitte wirf den Brief nicht einfach weg und hör mir nur noch dieses eine Mal zu.
Ich liebe dich und es tut mir leid. Ich hätte dir davon erzählen sollen, aber ich
hatte einfach Angst und dachte, du würdest mir nicht zuhören und mich hassen.
Ich habe diese Taten nicht begangen. Ich bin unschuldig, aber ich kann es nicht
beweisen. Ich wäre so gerne draußen. Bei dir. Bei euch. Ich vermute zwar, dass
es bereits zu spät ist, aber ich hoffe, bete, dass du nicht abgetrieben hast. Ich
weiß, ich kann nicht so helfen, wie ich gerne würde. Und auch ich habe Angst,
zum Beispiel so ein furchtbarer Vater wie meiner zu werden. Ich habe keine guten
Erfahrungen mit Familie gemacht. Aber ich will nicht aufgeben, weder dich noch
das Kind. Es ist ein Leben und es ist wunderbar! Wir haben von Schuld und
Problemen gesprochen, aber zu aller Erst ist es ein wunderschönes neues Leben!
Auch wenn du dich zu jung fühlst, du würdest eine wundervolle Mutter sein.
Bitte, lass es meinen letzten Wusch sein, dass du das Kind behältst. Du hast
gesagt, du liebst mich. So könnte ich immer irgendwie bei dir sein, wenn ich nicht
mehr hier bin. I
Ich liebe dich und ich werde dich immer lieben - Nate


Vermutlich strotzte der Brief nur so vor Fehlern, aber ich hatte mir Mühe gegeben, sogar versucht, etwas weniger stockig zu schreiben. Es hatte mich viel Zeit und einige verbissene Tränen gekostet und ein wenig Schlaf, denn ich hatte damit erst spät abends angefangen und konnte danach eigentlich auch nicht wirklich schlafen. Am nächsten Morgen ging ich damit zum Schalter, der auch Post entgegennahm. "Der ist für Madita Chateaubriand, die Tochter des Leiters", sagte ich leise, erntete dafür einen erstaunten Blick. "Aha", machte der Schaltwächter nur, vermerkte eine Notiz auf seinen Unterlagen. "Sonst noch was?", blaffte er dann, als ich immer noch da stand. "Nein", sagte ich leise und wandte mich schließlich ab. Unter den Blicken einiger Häftlinge ging ich zurück zu meiner Zelle. Ich bemerkte nicht, wie feindselig diese Blicke in letzter Zeit geworden waren, dass getuschelt wurde. Ich war absolut blind für meine Umwelt geworden. Ich befürchtete, dass der Brief nicht geschickt wurde. Er wurde sicherlich auf versteckte Mitteilungen untersucht und erst dem Direktor vorgelegt. Niemals hatte ich die Chance, sie also rechtzeitig zu erreichen, hatte es vermutlich auch zu lange vor mir hergeschoben. Weitere Tage verstrichen, an denen ich nur Trübsal blies. Es ging mir zunehmend schlechter, aber ich tat auch nichts dagegen. Ausnahmsweise trimmte ich einmal meinen Bart wieder und ging zum Friseur des Gefängnisses, aber mehr Herzblut steckte ich nicht in mich. Weiterhin war ich müde, trotzdem schlaflos, aß wenig, rauchte wieder, räumte nicht auf, pflegte mich weniger.

Das Summen und dann das Klacken meiner Zellentür weckte mich in der Nacht. Mein Kopf ruckte hoch, doch ehe ich mich überhaupt ordentlich aufsetzen konnte, wurde ich schon am Kragen gepackt und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Ich stöhnte auf, sah dann im diffusen Licht, das vom Gang und dessen Nachtbeleuchtung kam in mehrere Gesichter von Häftlingen. "So so. Du hast also die hübsche Madita am Boden zerstört ja?", knurrte mich jemand an, schlug mir mit der Faust ins Gesicht. "Du hast ihre Unschuld gestohlen und sie geschwängert, hhm? Und das nachdem du was... Eh schon Vergewaltiger warst?" Wieder traf mich seine Faust, sodass mein Hinterkopf wieder gegen die Wand schlug. "Ich habe nicht..", versuchte ich mich zu verteidigen, aber ich kam nicht weiter, weil die Hand vom Kragen nun meinen Hals packte und zudrückte. "Halt deine Fresse, du Drecksschwein. Du wirst lernen, was du den Frauen antust. Du wirst bereuen", drohte der Mann mir ganz nahe. Panik brach in mir aus neben dem eh schon dröhnenden Schmerz in meinem Gesicht und Kopf. Ich versuchte nach Luft zu schnappen, während er mich auf meine Pritsche niederrang, weiter auf mich einschlug. Ich schmeckte Blut, hörte etwas brechen und war mir wegen der Schmerzen sicher, dass es nicht seine Hand war. Ich war so gut wie wehrlos, als auch ein zweiter mich packte. Sie drehten mich auf den Bauch, sodass ich nicht mehr um mich treten konnte. Dann brannte ein scharfer Schmerz in meinem Nacken, als jemand mit einer selbstgebastelten Waffe mein Shirt aufschnitt und dabei meine Haut erwischte. Als nächstes wurde mir die Hose runtergerissen samt Boxer. "Nein!.. Nein nein nein!", schrie ich, bekam dafür aber nur einen Finger verdreht, bis er knackte. "Finger weg von unschuldigen Frauen. Wiederhole das. Das ist alles was du heute noch zu sagen hast", wurde mir ins Ohr geflüstert, während ich vor Schmerz wimmerte. Ein letzes Mal versuchte ich mich aufzubäumen, mir einen Überblick zu verschaffen, statt mit dem Gesicht ins Kissen gedrückt zu werden. Ein heftiger Tritt in die Rippen brachte mich wieder zu Fall, trieb mir jede Luft aus der Lunge. Ich rang nach Luft, wollte nach Hilfe schreien. Und dann auf einmal sollte ich wirklich lernen, was Vergewaltiging bedeutete. Einer der Männer hatte sich hinter mir positioniert, drang gnadenlos in mich ein. Ein lautes schmerzerfülltes Brüllen drang aus meiner Kehle, wurde aber halb erstickt vom Kissen. Tränen traten in meine Augen, während er wieder und wieder zustieß. Die anderen lachten, feuerten den Kerl an. Als er fertig war, folgte ein weiterer, der sich an mir verging. Dann noch einmal. Wann immer ich kurz glaubte, mich wehren zu können, bekam ich Schläge ins Gesicht oder die Rippen. Am Ende lag ich benommen blutend und gebrochen auf der Pritsche. "Vergiss nie, dass du nie wieder eine Frau anfasst", wurde mir eine letzte Drohung ins Ohr gehaucht, ehe mir derjenige mit der selbstgebastelten Klinge rapist in den Rücken ritzte. Blutend und ohne Bewusstsein wurde ich zurückgelassen.

Ich befand mich in einem Dämmerzustand, nahm nur am Rande das regelmäßige Piepen wahr. Ich stand unter starken Schmerz- und Betäubungsmitteln. Ich fühlte dennoch einen pochenden Schmerz im ganzen Körper, wusste aber in diesem Moment kaum noch, was passiert war. Von außen betrachtet gab ich aber einen sehr krassen Anblick. Krass und mitleiderregend. Ich lag im Krankenhaus, angeschlossen an den Tropf und Überwachungsmonitore. Ich war gerade aus dem OP gekommen, bei denen sie meine analen Verletzungen und die Schnitte im Rücken genäht und meine gebrochene Nase gerichtet hatten. Neben den Verletzungen hatte ich noch mehrfach geprellte Rippen, über denen sich in bunten Tönen ein riesiger blauer Fleck erstreckte. Mein Gesicht war zugeschwollen, hatte ein paar Cuts, die gebrochene Nase und ein angebrochenes Jochbein, dazu ein Schädelhirntrauma von den Schlägen gegen die Wand und einen gebrochenen Finger. Wenn ich noch ein paar Stunden unbemerkt dort gelegen hätte, nachdem die Nachtwache ja erfolgreich weggeschaut oder es eher bewusst zugelassen hatte, wäre ich vielleicht sogar gestorben oder würde im Koma liegen.



zuletzt bearbeitet 13.01.2019 23:57 | nach oben springen

#154

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 13.01.2019 20:26
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Obwohl ich es Nathan angekündigt hatte und es selbst auch für die beste Lösung hielt, hatte ich es einfach nicht übers Herz gebracht, mein Frauenärztin aufzusuchen und das Gespräch bezüglich der eigentlich gewünschten Abtreibung zu führen. Ich wusste, dass ich niemals alleine ein Kind großziehen können würde, dessen Vater noch vor seiner Einschulung zum Tode verurteilt werden würde. Ich wusste, dass zumindest mein Vater dieses Kind niemals akzeptieren oder gar lieben können würde. Dennoch konnte ich dieses unschuldige Leben einfach nicht beenden. Zwei Wochen später hatte ich mein Leben schon beinahe umgekrempelt. In meiner Wohnung befand sich kein einziger Tropfen Alkohol mehr und ich durchforstete beinahe täglich die Immobilienanzeigen auf der Suche nach einer größeren Wohnung, die Platz für ein Kinderzimmer bieten würde. Natürlich dachte ich oft an Nate, was mich jedes Mal aufs Neue zum Weinen brachte. Ich vermisste ihn, war aber zeitgleich auch so sauer auf den jungen Mann. Jeden Tag kämpfte ich aufs Neue mit mir, nicht ins Gefängnis zu fahren. Ich wollte seine Nähe spüren, ihn an mich drücken. Ich wollte ihn anschreien, auf ihn einschlagen. Meine Gefühle glichen einer Achterbahnfahrt und ich war mir nicht sicher, ob das nur mit der Schwangerschaft zusammenhing. Inzwischen hatte ich auch mehr Symptome als nur eine ausbleibende Monatsblutung. Mir war häufig übel, ich übergab mich bereits mindestens einmal am Tag und hatte ziemlich widerliche Heißhungerattacken. Mehr als nur einmal verbrachte ich die ganze Nacht an die Küchenzeile gelehnt und auf dem kalten Fließenboden sitzend mit einem Glas Nutella und einem Glas Erdnussbutter in den Händen, deren Inhalte ich mir abwechselnd mit den Fingern in den Mund schob und währenddessen Rotz und Wasser heulte. Umso erstaunter war ich dann, als ich eines Morgens mein Vater unangekündigt vor der Tür stand und mir einen Briefumschlag entgegenstreckte. "Was...?", fragte ich verwirrt und nahm den geöffneten Umschlag entgegen. "Der ist von Nathan.", informierte er mich mit eiskalter Miene und ich zuckte zusammen. Mein Vater musste ihn gelesen haben. Nicht nur aus dem Grund, dass alle Briefe, die das Gefängnis verließen oder erreichten, vom Personal geöffnet und gelesen wurden, sondern auch die Tatsache, dass dieses Stück Papier vom Häftling Nathan Cheers an Madita Chateaubriand verfasst worden war. Die Tochter des Gefängnisleiters. Ich betete innerlich, dass Nate nichts von dem kleinen Würmchen erzählt hatte, doch die Reaktion meines Vaters sprach Bände. "Wann hast du gedacht mir und deiner Mutter zu erzählen, dass du schwanger bist?!", schrie mein Vater mich an und erntete einen verwirrten Blick eines Nachbarns, der gerade durch das Treppenhaus lief. Mit Gänsehaut schloss ich hastig die Tür und riss ihm den Umschlag aus der Hand. "Wieso hast du den gelesen?!", schrie ich wütend zurück und schluchzte. Ich kannte die Antwort doch sowieso. Mein Vater schüttelte den Kopf und lief hinter mir her ins Wohnzimmer, wo ich mich auf der Couch niederließ und mit zittrigen Händen den Brief aus dem Umschlag zog. Meine nassen Augen überflogen hastig die Zeilen und ich schenkte den Rechtschreibfehlern keine Beachtung. Nate schien sich dennoch viel Mühe gegeben zu haben, auch wenn dieser Brief dem Können eines Zweitklässlers glich. Er bat mich, nicht abzutreiben. Beteuerte, dass er unschuldig war. Sagte, dass er mich liebte. Kraftlos ließ ich den Brief auf den Couchtisch sinken und starrte ihn mit einem leeren Blick an. "Maddie...?", riss mich schließlich die nun sanftere Stimme meines Vaters aus den Gedanken und ich spürte einen starken Arm, der sich um meine Schultern legte und mich in eine feste Umarmung schloss. "Wieso hast du nicht wenigstens mit deiner Mutter geredet, Kind?", flüsterte er mir in meine blonden Haare und verteilte mehrere Küsse auf dem Haaransatz. Es war ungewohnt, ihn so sanft zu erleben. Sollte ich Unrecht haben und er würde das Baby annehmen? Schluchzend blickte ich ihn kurz an, vergrub dann aber den Kopf wieder an seiner Brust. "Ich will dich nicht anlügen, Madita. Deine Mutter und ich finden es gar nicht gut, dass du mitten im Studium und so jung schwanger bist. Vom Vater mal abgesehen. Aber wir werden dich beide unterstützen, egal für was du dich entscheidest.", versicherte er mir und die warmen Worte sorgten nur dafür, dass ich noch mehr weinen musste. "Ich muss dir noch etwas wichtiges erzählen, Maddie. Es ist etwas schlimmes passiert.", murmelte mein Vater dann und sein Tonfall jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Meine Ängste galten sofort Nate. Ihm musste etwas passiert sein. War sein Urteil vorgezogen worden? War der Vater meines ungeborenen Kindes vielleicht schon tot? Mit angsterfüllten Augen blickte ich meinen Vater durch einen Tränenschleier an, welcher langsam mit einer Erklärung begann. "Irgendjemand muss mitbekommen haben, dass Nate Ausgang hatte und eine Nacht mit dir verbracht hat. Und dass du schwanger von ihm bist. In Anbetracht der Tatsache, dass er als Vergewaltiger bekannt ist, hat ihm das keine Pluspunkte gebracht. Einige Mithäftlinge sind nachts in seine Zelle eingebrochen und...", mein Vater stoppte und senkte betroffen den Blick. Ich hatte ihn wirklich noch nie so erlebt und gerade das machte mir so viel Angst. Und dann sprach er das aus, was man sonst nur aus Filmen kannte. Vergewaltigt. Nate war von mehreren männlichen Sträflingen vergewaltigt worden. Zusammengeschlagen. Vergewaltigt. Die Worte hallten immer wieder in meinem Kopf und mir wurde schlecht. Gerade noch rechtzeitig hatte ich es ins Bad geschafft, den Klodeckel und die Klobrille hochgeklappt und mich dann auch schon übergeben. Wenig später saß ich wieder mit angezogenen Beinen und einem Glas Wasser in der Hand neben meinem Vater auf die Couch. "In welchem Krankenhaus liegt er, Papa? Ich muss zu ihm...", stieß ich leichenblass und geradezu tonlos hervor.
Mein Vater ließ mich tatsächlich gewähren. Eine weitere gute Tat, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Dennoch führte mich mein Weg nicht direkt ins Krankenhaus. Stattdessen hatte ich schweren Herzens die Nummer gewählt, welche mir vor einigen Tagen ein Privatdetektiv mitgeteilt hatte. Es war die Mutter von Suzan Cheers, Nathan's Mutter. Es piepte einige Male, bis sich die Frau tatsächlich meldete. "Guten Morgen, Mrs. Cheers. Mein Name ist Madita Chateaubriand. Sie kennen mich wahrscheinlich nicht, aber ich kenne Ihren Sohn Nathan. Ich muss dringend mit Ihnen über ihn sprechen." Zu meiner Verwunderung befand sich Nate's Mutter samt seiner Schwester Lora in der Stadt und hatte einem Treffen in einem Café zugestimmt. Wenig später saß ich also nervös den beiden fremden Frauen gegenüber und wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Ich erzählte ihnen von meinem Studium und dem Nebenjob im Gefängnis, wo ich vor einigen Monaten Nathan kennengelernt hatte. Ich erzählte ihnen sogar, dass wir uns ineinander verliebt hatten. Und irgendwann brach es dann einfach aus mir heraus und ich erzählte schluchzend von der ungeplanten Schwangerschaft und der Vergewaltigung. Sowohl Suzan, wie sie sich mir ziemlich schnell vorgestellt hatte, als auch Lora zogen mich daraufhin fest in ihre Arme und versprachen, sich so gut sie eben konnten um mich und das Baby zu kümmern. Einem Besuch im Krankenhaus standen sie zunächst skeptisch gegenüber, stimmten aber schließlich unter der Voraussetzung, dass ich zuerst alleine in das Zimmer gehen würde, zu. Am frühen Mittag hatten es sich die beiden also in der Cafeteria des Krankenhauses bequem gemacht, während ich bewaffnet mit einem Strauß Blumen nach dem richtigen Zimmer suchte, welches leicht zu finden war. Die zwei Beamten vor der Tür waren von meinem Vater zum Glück informiert worden, sodass sie nach einer kurzen Ausweiskontrolle die Tür freigaben. Mit dem bunten Strauß vorm Gesicht trat ich unsicher in den Raum und schielte zwischen einigen Blüten hindurch auf das Bett, wobei mich fast der Schlag traf. Entsetzt ließ ich die Blumen auf dem Tisch nieder und eilte zu dem Krankenbett. "Oh Gott, Nate...", flüsterte ich schockiert und spürte schon wieder die warmen Tränen auf meinen Wangen. Er sah schrecklich aus. Schluchzend ergriff ich vorsichtig seine Hand und drückte diese zaghaft. "Nate...kannst du mich hören? Ich bin es, Maddie...mein Vater hat mir deinen Brief gebracht und erzählt, was passiert ist...Ich musste einfach zu dir...es tut mir so leid, Nate...", stotterte ich weinend und vergrub meinem Kopf hinter meiner freien Hand.



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#155

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 14.01.2019 00:32
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich war mir nicht sicher, ob ich noch am Leben war. Das Gefühl aus der Narkose aufzuwachen war so schwerelos und gleichermaßen fühlte ich mich als würde mich Blei nach unten ziehen. Schwach und matt lag ich einfach in meinem Bett, warm und wohlig, während trotzdem mein ganzer Körper langsam pochend schmerzte. Mal mehr mal weniger. Am schlimmsten war eigentlich jeder Atemzug. Oder doch mein Gesicht? Oder doch der Rücken, auf dem ich dazu auch noch lag? Oder es war doch mein Hintern. Langsam nur kam ich wieder zu mir und nur langsam kam die Erinnerung zurück, was passiert war. Gequält hielt ich die Augen geschlossen, unfähig mich irgendwie zu bewegen oder der Situation irgendwie zu entfliehen. Ich wollte es verdrängen. Ich wollte schlafen. Ich wollte nichts davon spüren oder wissen. Langsam öffnete ich meine Augen, blinzelte einige Male. Ich war alleine in diesem Zimmer. Es war recht klein. Ein leerer Schrank stand gegenüber, ein Fenster spendete Licht, wenn auch dieses nur grau war durch die Wolken am Himmel. Und ein Bad war am Zimmer angeschlossen. Keine Menschen, keine Geschenke. Ich hatte aber auch nichts erwartet. Es war vermutlich sogar ganz nett, dass die Wachen nur draußen standen und nicht im Zimmer. Zumindest ging ich davon aus. Mühselig versuchte ich mich aufzurichten um an etwas zu Trinken zu kommen, doch das Stechen in meinen Rippen hielt mich davon ab. Ich ließ mich langsam wieder zurück sinken, harrte einfach aus und dämmerte tatsächlich noch einmal wieder weg.
Ich wachte erst wieder auf, als die Tür ins Schloss fiel. Nur meine Augenlider zuckten kurz, aber ich ließ sie erst noch geschlossen, war zu wenig wach, als dass ich realisierte, was los war. Erst als meine Hand ergriffen wurde, drehte den Kopf leicht zu dem Flüstern, öffnete aber nicht meine Augen, ich war zu schlapp und meinte zu träumen. Niemals konnte Maddie hier sein. Sie hatte Lebewohl gesagt. Nicht Auf Wiedersehen. Sie hatte auf den Brief nicht reagiert und sie hatte sicherlich den Beweis für meine Liebe, den sie in sich getragen hatte, beseitigt. Aber als sie dann weiter sprach, öffnete ich doch mühsam meine zu gequollenen Augen und sah auf eine weinende Maddie, die ihr Gesicht in der Hand vergrub, die nicht die meine hielt. "Hey...", krächzte ich leise, verzog meine spröden Lippen zu einem leichten Lächeln, was mehr Schmerzen auslöste, als ich gedacht hätte. Ein leises Stöhnen kam aus meine Kehle, als ich also mein Lächeln wieder fallen ließ. Müde hob ich meine freie Hand, wollte mein Gesicht befühlen, blickte aber erst einmal auf meinen geschienten Finger und den Clip am Daumen, der am Überwachungsgerät angeschlossen war. So unmotorisch vermutlich keine gute Idee, mir ins Gesicht zu fassen. Ich ließ also kraftlos den Arm wieder fallen. Wahrscheinlich war es auch besser, mich weder zu sehen noch zu fühlen. Die durch Schmerzmittel gepufferten Schmerzen fühlten sich schon eklig an. Nur langsam wurde ich etwas wacher, realisierte, dass wirklich Maddie hier war und was sie gesagt hatte. "Was genau tut dir leid?", flüsterte ich leise. In einer Mischung aus Hoffnung, Ärger und Frust. Sie hatte mir das Herz gebrochen. Sie hatte mich aufgegeben. "Dass mir das passiert ist? Dass du meinen Brief zu spät bekommen hast und dein 'Problem' schon beseitigt hast? Dass ich dein Leben gestört habe? Dass du gegangen bist?", faselte ich bitter. Wahrscheinlich tat ich ihr unrecht. Sie war da. Aber sie war genau so vorher einfach weg geblieben. Sie ging und kam wieder. Schon zum zweiten Mal. Beim letzten Mal hatte sie mich wieder von sich gestoßen und mir gesagt, dass sie schwanger war und abtreiben wollte und dass sie mich nicht wiedersehen wollte. Ich wusste nicht, was ich jetzt denken sollte.


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#156

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 14.01.2019 00:51
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Es dauerte eine Weile, bis Nate auf mich reagierte. Wehleidig beobachtete ich den jungen Mann dabei, welcher wirklich schlimm aussah. "Was haben diese Schweine nur mit dir angerichtet...?", murmelte ich eher an mich selbst gewandt als tatsächlich zu ihm. Seine krächzende Begrüßung und der verzweifelte Versuch zu lächeln taten mir in der Seele weh. Schweigend beugte ich mich etwas zur Seite und griff nach dem Wasserglas auf dem kleinen Tisch, welcher neben dem Bett stand. "Trink was...", flüsterte ich liebevoll und stützte seinen Kopf vorsichtig mit der einen Hand, während die andere Hand ihm das Glas an die Lippen hielt. Danach erkundigte er sich danach, was mir leid tat. Leise seufzte ich und stellte mit den Schultern zuckend das Glas wieder ab, nur um seine Hand dieses Mal mit beiden meiner Hände zu greifen. "Alles, Nate...", murmelte ich schluchzend und drückte seine Hand zaghaft. Sein bitterer Tonfall brach mir ein weiteres Mal das Herz. Es war ein Wunder, dass ich noch nicht zusammen gebrochen war. Wobei das, was mir regelmäßig geschah, wohl schon einem Nervenzusammenbruch glich. Und schon wieder stiegen mir die Tränen in die Augen, liefen über meine Wangen hinunter und tropften schließlich auf unsere Hände. "Mir tut es so unglaublich leid, was sie dir angetan haben, Nate. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für dich sein muss.", brachte ich schließlich mühsam einen ganzen Satz hervor, stotterte allerdings unbeholfen. "Du hast mein Leben nicht zerstört.", unterbrach ich ihn dann kopfschüttelnd und atmete einmal tief durch. "Mein Vater kam heute früh zu mir und hat mir den Brief gebracht. Er hat ihn natürlich gelesen und weiß von der Schwangerschaft. Wir haben lange darüber geredet und ich hätte niemals mit seiner Reaktion gerechnet. Aber er...würde ein Baby akzeptieren. Auch wenn du der Vater bist. Und ich...ich habe nicht abgetrieben.", beichtete ich ihm schließlich und mir fiel in diesem Moment eine große Last von den Schultern. "Ich konnte es einfach nicht.", gab ich ehrlich zu und weinte inzwischen hemmungslos, ehe ich meine Handtasche auf meinen Schoss zog und diese durchwühlte. "Zwar habe ich es nicht geschafft, mit der Frauenärztin über eine Abtreibung zu sprechen...aber ich...ich...", ich stockte und schloss für einen Moment die Augen, ermahnte mich selbst in Gedanken mich gefälligst zusammen zu reißen. "Ich hatte natürlich trotzdem Untersuchungen. Und einen Ultraschalltermin...", murmelte ich und zog schließlich den Umschlag mit der Kopie eines Bildes hervor, öffnete ihn langsam und zog das schwarz-weiße Ultraschallbild hervor. "Man erkennt bisher nicht sonderlich viel..Ich bin in der 5. Woche und er oder sie ist gerade einmal so groß wie ein Samen von einem Apfel.", erklärte ich mit brüchiger Stimme und reichte ihm das Bild, auf welchem das Baby rot eingekreist war. Eigentlich erkannte man nichts, aber mir bedeutete dieses erste Bild unglaublich viel und ich hoffte einfach, dass es Nate ebenso ergehen würde. "Mir tut es leid, dass ich einfach abgehauen bin. Aber ich war..bin..einfach überfordert. Ich bin erst 18, Nate. Ich stecke mitten in einem anspruchsvollen Studium. Der Vater meines Kindes sitzt im Gefängnis und ihn erwartet eine Todesstrafe...wie soll ich das denn bitte alles schaffen?", weinte ich weiter und ließ mich nach vorne sinken, vergrub meinen Kopf schluchzend an seiner Brust, ehe ich mich wieder aufrichtete. "Es tut mir leid...ich weine dich hier voll und dabei bist du der wirklich Leidtragende...Mein Vater wird veranlassen, dass du künftig von den Anderen ferngehalten wirst. Zu deinem Besten.", erzählte ich ihm schluchzend und nannte die Isolationshaft mal nicht beim Namen. Nachdenklich betrachtete ich den jungen Mann für einen kurzen Moment, ehe ich wieder das Wort ergriff. "In deinem Brief schreibst du, dass du unschuldig bist. Magst...kannst...würdest du mir davon erzählen?", fragte ich schließlich leise und suchte verzweifelt nach den passenden Worten, während sich in mir schon wieder eine unangenehme Übelkeit ausbreitete.



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#157

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 14.01.2019 01:57
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Während ich erst noch zu mir kam, bekam ich ihr Gemurmel über die Schweine nur am Rande mit. Ich war zu sehr damit beschäftigt noch wach zu werden und mir darüber klar zu werden, dass Maddie hier war. Was es bedeutete, wusste ich noch nicht so ganz. Ich war froh, ich wollte sie in den Arm nehmen und küssen. Aber ich konnte nicht. Sie hatte mich letztes Mal von sich gewiesen, sie hatte aufgehört mich Nate zu nennen und hatte mich aus ihrem Leben gesperrt. Sie hatte mir das Herz gebrochen. Ich hatte vielleicht ihre Unschuld gestohlen, aber sie mein Herz. Einen Moment vergaß ich es aber fast, ließ mir von ihr Wasser geben und trank es in vorsichtigen Schlucken. Es war nicht viel, aber schon das war unglaublich gut. Doch ihre Worte rissen die Wunden wieder auf. Nicht die sichtbaren, nicht die, die unter Klebepflastern, dem Krankenhaushemd oder der Decke verborgen waren, sondern die in meinem Herzen. Ich hasste es , sie weinen zu sehen, aber ich selbst könnte auch weinen, schreien, alles kaputt schlagen. Die Betäubungsmittel machten mich nur unheimlich ruhig, weshalb ich meinen Frust nicht in Handlungen, sondern in Worten verarbeiten konnte.
"Mir tut es so unglaublich leid, was sie dir angetan haben, Nate. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für dich sein muss." Ich starrte an ihr vorbei. "Natürlich kannst du das nicht. Aber glaub mir. Es sollte dir eher leid tun, was du mir angetan hast." Da sprach definitiv mein gebrochenes Herz aus mir. Sie hatte mich unglaublich verletzt. Und vermutlich kam dann noch der Ekel vor mir selbst, der Hass auf alles und mich und die die mir das angetan haben dazu und brachten mich dadurch dazu diese furchtbaren Worte zu sagen. Sobald sie ausgesprochen waren, konnte ich sie auch nicht zurücknehmen. Auch wenn es mir fast sofort leidtat. Scheinbar waren sie wirklich sehr vorweg gegriffen. Denn dann erklärte sie mir davon, dass sie nicht abgetrieben hatte. Das Gespräch mit ihrem Vater hatte mich nicht interessiert, aber als sie diese magischen Worte sagte, war meine ganze Aufmerksamkeit wieder bei ihr. Ich sah sie wieder an mit großen Augen. Sprachlos musterte ich sie, während sie ein wenig erzählte und mir schließlich ein Bildchen zeigte, auf dem ein undefinierter Zellhaufen eingekreist war, der mal unser Kind werden würde. "Ich...es..", ich wollte mich entschuldigen für meine harschen Worte, aber ich fand meine Sprache noch nicht so recht. Und sie redete eh sehr viel, sehr weinend. "Du schaffst das sicher irgendwie", seufzte ich dann leise. Ich hatte vielleicht gehofft auf eine Formulierung mit wir, aber wie war ich nur darauf gekommen. Sie hatte ja korrekt festgestellt, dass ich eine Todesstrafe erwartete. Bei ihren nächsten Worten wuchs wieder der Frust. Klar, Isolation schützte mich vor anderen. Aber ich würde noch mehr vereinsamen oder wenn mir jemand etwas antat, würde es noch später festgestellt werden. Ihr abrupter Themenwechsel zu meiner Unschuld ließ mich einen verbissenen Gesichtsausdruck aufsetzen. "Es ändert doch eh nichts, ob ich es war oder nicht. Mich haben bisher alle aufgegeben", grummelte ich. Dass es sich nicht nur auf die schlechten Pflichtverteidiger bezog, konnte man hören. Ein deutlicher Seitenhieb. Sie hatte doch eh keine Pläne mit mir. Sie und ihre Familie wussten doch, was das beste für andere war, schafften das mit dem Kind. Mich konnte man wegsperren. Niemand brauchte mich. Wenn ich rauskam, könnte sie nur Unterhalt einfordern. Mich wollte sie doch gar nicht haben.


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#158

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 14.01.2019 02:18
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

„Natürlich kannst du das nicht. Aber glaub mir. Es sollte Dir eher leid tun, was du mir angetan hast.“
Seine Worte brannten sich gerade zu in mein Herz und ich verlor die Kontrolle über meine Gesichtszüge. Sprachlos starrte ich Nate einfach nur eine Weile an, ehe ich mich beinahe in Zeitlupe aufrichtete und nach der Kette an meinem Hals griff. Mit einer schnellen Bewegungen riss ich sie mir weg und schleuderte sie mit dem Anhänger gerade zu auf den jungen Mann. „Das Bild und den Anhänger kannst du behalten. Es werden deine letzten Erinnerungen an mich und unser Kind sein, Nathan!“, knurrte ich stinksauer, aber auch zutiefst verletzt von seinen Worten und dem deutlich ersichtlichen Seitenhieb. „Ich war von Tag 1 für dich da, habe mich um dich gekümmert, dich für einen Tag aus diesem Loch rausgeholt. Und das ist der Dank dafür? Schäm dich, Nate.“, schrie ich ihn an und konnte mich gerade noch davon zurückhalten, seinem ohnehin schon entstelltem Gesicht eine Ohrfeige zu verpassen. „Du bist wirklich das Letzte. Ich habe nie geglaubt, dass dieses ‚Gutes Mädchen verliebt sich in bösen Jungen‘ wirklich passieren kann. Aber mir ist es passiert und ich bereue den Tag, an dem wir uns kennengelernt haben! Du bist ein Arschloch, Nathan Cheers“, meinte ich abschließend und krümmte mich dann zusammen vor Schmerzen. Jetzt war mir nicht mal mehr nur schlecht, sondern noch dazu schwindlig und ich spürte ein schmerzhaftes Ziehen im Unterleib. Vielleicht würde ich durch den Stress und die Aufregung das Baby jetzt einfach verlieren. Mit tränenüberströmten Gesicht blickte ich den jungen Mann an, meine Augen funkelten wütend. „Wie konnte ich nur so dumm sein und mich Hals über Kopf in dich verlieben...“, murmelte ich abschließend und wankte langsam in Richtung Tür, gegen welche ich mit der rechten Seite krachte und zusammensank. Sofort wurde die Tür von außen geöffnet. „Miss Chateaubriand?! Geht es Ihnen gut? Madita?! Können Sie mich hören? Jerry, ruf einen Arzt!“, erklang die Stimme des einen Polizisten direkt neben meinem Ohr, doch für mich war sie meilenweit entfernt. Schluchzend drückte ich mich verzweifelt an den fremden Mann, welcher Nate einen fragenden Blick zuwarf und mir dann die Arme unter den Kniekehlen und Schulterblättern hindurch schon, um mich aus dem Raum zu tragen. Draußen warteten inzwischen Nathan‘s Mutter und Schwester, welche besorgt zu mir eilten. „Schätzchen, was ist passiert?“, fragte Suzan besorgt und griff nach meiner Hand. „Er ist ein Mistkerl. Und ich dumme Kuh habe so viel für ihn getan.“, gab ich mit brüchiger Stimme von mir und wurde dann auf eine Trage gelegt und in ein Behandlungszimmer gefahren, wo mich mehrere Ärzte untersuchten und mir schließlich ein Schlafmittel verabreichten.



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#159

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 14.01.2019 03:06
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich hätte ja gerne gesagt, dass ich die beste Ausrede hatte für meinen Ausbruch. Ich hatte mein Leben verloren. Mehrfach. Egal was ich bisher in meinem Leben getan oder erreicht hatte, alles war kaputt gegangen. Meine Selbstachtung hatte ich aber nie ganz verloren. Ich war auf meinen Körper stolz gewesen, ich war stolz gewesen. Ich hatte vielleicht auch mal Drogen genommen, aber nie so viel, dass sie mich krass kaputt gemacht hätten. Das Ende vom Lied war aber, dass ich nun hier lag, in den Kissen eines Krankenhausbettes mit einem deutlichen Titel auf dem Rücken, von dem ich noch nicht einmal etwas wusste. Was ich aber wusste, war, dass sie mir den Rücken zerstört hatten, dass sie mir Knochen gebrochen hatten. Und.. dass sie mich vergewaltigt hatten. Ich hatte meine Würde verloren. Sie haben mich kaputt gemacht. Nicht nur körperlich an Stellen, die intim waren, sondern psychisch. Nach der Trennung von Maddie war das zu viel. Ich konnte nicht mehr. Und sie war die einzige, die da war. Ich hätte froh sein sollen, dass sie da war und was tat ich? Ich gab ihr die Schuld. An allem. Ich wollte sie hassen, aber als sie mich so entgleist ansah und mir ihre Kette entgegenschleuderte, merkte ich meinen Fehler. Ich liebte sie noch. Ich liebte sie und machte alles kaputt, was ich vielleicht noch hätte retten können. Ich konnte sie nicht ansehen, während sie mir versprach, nie wieder von sich hören zu lassen, wie sie mich beschimpfte und sagte, dass sie es bereute, mich zu kennen. Trotz Beruhigungsmitteln fing mein Puls an, anders zu laufen und ich schluckte den Kloß im Hals herunter. "Es tut mir leid", flüsterte ich so leise, dass sie es vermutlich nicht hören konnte unter ihren Tiraden. Als sie dann taumelte und gegen die Tür krachte, setzte ich mich schnell auf. Ich wollte helfen, aber die Schmerzen zwangen mich sofort wieder in die Kissen. "Maddie..", krächzte ich leise, doch da wurde sie schon weg gebracht. Die weibliche Stimme, die sich bei ihr erkundigt hatte, was passiert war, kam mir erst danach bekannt vor. Nervös richtete ich mein Bett etwas mehr auf, dann kamen zwei Frauen in mein Zimmer. Ich wurde sofort bleich. Es war vielleicht 17 Jahre her, dass ich meine Mutter das letzte mal gesehen hatte, aber ich erkannte sie. Sie sah gut aus, fit und lebendig. Dann sah ich auf die Frau neben ihr. Sie war vielleicht so alt wie Maddie. Es musste meine Schwester sein. "Mom? Lora?", fragte ich unsicher. Ungläubig. Ich hatte noch immer einen Kloß im Hals. Und der wurde nicht gerade besser. Beide nickten. "Wie..?", fragte ich unzusammenhängend. "Dein süßes Mädchen Maddie hat mich gefunden und mir erzählt, dass du im Gefängnis sitzt, aber unschuldig bist.Ich hatte erst Angst, dass du so bist, wie dein Vater..Was.. was ist gerade passiert?", Die Stimme meiner Mutter weckte alte Erinnerungen. Ich zögerte, senkte dann den Blick. Maddie hatte sie gefunden und mitgebracht. Sie hatte sich Mühe gegeben. Und ich hatte sie so hart verscheucht. "Ich bin schlimmer als mein Vater, auch wenn ich nicht das getan habe, wofür man mich verurteilt hat", sagte ich leise, düster.
Das Gespräch verlief etwas schleppend. Es war nun einmal merkwürdig, wenn man sich so lange nicht sah. Meine Schwester erzählte mir, dass sie bis vor einer Weile noch nicht einmal von meiner Existenz gewusst hatte und meine Mutter vermied dazu jeden Kommentar. Sie hatte sie vermutlich nur schützen wollen. Eine weitere junge Frau, die mich besser nie kennengelernt hätte. Ich fühlte mich unwohl mit den beiden in dieser Situation. Nicht, dass ich sie nicht nur nicht mehr kannte, ich war auch geschunden und fühlte mich so entblößt, so würdelos. Meine Familie war maximal eine halbe Stunde da, ehe sie mich wieder verließen. Sie wurden von einer Krankenschwester weg geschickt. Aber da es eh zwischendurch peinlich still war, war es vermutlich auch besser so. "Sagen Sie mir... Warum schaffe ich es nur, alles kaputt zu machen?", fragte ich die Pflegerin, während sie meinen Tropf auswechselte. Sie legte mir sachte eine Hand auf die Schulter. "Geben Sie sich nicht selbst die Schuld", sagte sie nur, dachte vielleicht, dass ich nur von dem Grund redete, aus dem ich hier war. Aber sie hatte keine Ahnung.


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#160

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 14.01.2019 22:44
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ich hatte noch mehrere Tage im Krankenhaus verbracht, bis die Ärzte schließlich ihr Okay gegeben hatten und mich mein Vater am frühen Nachmittag abholte. Trotz der ganzen Aufregung hatte ich das Baby nicht auf natürliche Art und Weise verloren und auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ, war ich darüber ziemlich froh. Irgendwie hatte ich mich mit dem Gedanken angefreundet, bald Mutter zu sein. An Nate versuchte ich so gut es eben ging nicht mehr zu denken. Mit seinen Worten hatte er mich dieses Mal so verletzt, dass ich nicht mehr zu ihm zurückkehren würde. Sollte er doch seine vier weiteren Jahre absitzen und dann die tödliche Flüssigkeit gespritzt bekommen. Dem Baby würde ich sobald die Zeit gekommen war irgendeine Lügengeschichte erzählen. Es sollte aber niemals erfahren, wer der richtige Vater war und wieso er nicht bei uns war. Mein Vater unterstützte mich wo er nur konnte und bald hatte ich tatsächlich eine größere Wohnung gefunden, die mir wirklich sehr gefiel. Sie war gut gelegen und groß genug für mein Kind und mich. Im Erdgeschoss befanden sich Wohnzimmer, die offene Küche mit Essbereich, ein Gästebad und ein kleiner Stauraum. Eine Treppe führte dann nach oben zu den zwei Schlafzimmern mit jeweils einem eigenen Bad. Ich richtete mein neues Reich mit viel Liebe ein und als schließlich nach einigen Wochen auch meine Mutter in die Stadt gereist war, half sie mir mit viel Vorfreude bei der Auswahl der Einrichtung des Kinderzimmers. Tatsächlich vergaß ich Nate Tag für Tag immer mehr und wurde nur an den jungen Mann erinnert, wenn ich nackt vor dem Spiegel stand und meinen stetig wachsenden Bauch betrachtete. Den Job im Gefängnis hatte ich aufgegeben, da ich es nicht verkraften konnte, dem Vater des ungeborenen Kindes auch nur über den Weg zu laufen. Stattdessen investierte ich nun den Großteil meiner Zeit in mein Studium, wobei ich durch die Schwangerschaft in ein Fernstudium hatte wechseln können. Ich lernte beinahe Tag und Nacht, schrieb fleißig eine Prüfung nach der anderen und war schon bald die jüngste Juraabsolventin weltweit. Und nicht nur das. Ich hatte mein Studium mit Bestnoten abgeschlossen, was mir ein persönliches Abendessen mit dem Präsidenten von Amerika eingebracht hatte. Ich konnte wirklich stolz auf mich sein. Und an diesem Tag, an dem ich mein Abschlusszeugnis erhalten hatte, machte ich mich zum ersten Mal wieder auf den Weg zum Gefängnis. Ich war inzwischen im 5. Monat schwanger und allmählich verschwand mein sonst so flacher Bauch immer mehr. Mit weiten Klamotten konnte ich die kleine Kugel noch einigermaßen verbergen, doch meine weiße Bluse, die ich heute trug, zeigte die Rundungen deutlich. Eigentlich wollte ich gar nicht ins Gefängnis, doch ich wollte meinem Vater unbedingt von meinem Erfolg erzählen. Zu ihm hatte ich die letzten vier Monate über endlich ein besseres Verhältnis aufgebaut, was wohl auch dem Einfluss meiner Mutter zu verdanken war. Unsicher parkte ich auf dem Besucherparkplatz und blieb noch einige Minuten im Auto sitzen, ehe ich meine Handtasche ergriff und zielsicher das Gebäude ansteuerte. Hier und da erntete ich einen neugierigen Blick. Natürlich wusste inzwischen jeder hier von der Sache mit Nate und mir. Nachdenklich senkte ich den Blick und lief einfach stur zum Büro meines Vaters, welchem ich kurz darauf von den guten Neuigkeiten berichtete. Dennoch war ich einfach nervös, hier zu sein, weswegen ich unruhig vor dem Fenster auf und ab lief. "Papa...?", murmelte ich schließlich alarmiert und starrte nach draußen. "Aus der Kirche kommt rauch...", fügte ich hinzu und eilte dann auch schon hinter meinem Vater her, welcher wütend vor den zwei Wachen stoppte. "Was ist hier los?!", schrie er die zwei Männer aufgebracht an und versuchte die Tür zu öffnen. "Das haben wir schon versucht, Mr. Collins. Er hat sich eingesperrt...", gab einer der Männer kleinlaut von sich. "Wer hat sich eingesperrt?!", brüllte mein Vater und in dem Moment als der Name fiel, wurde mir schwindlig. "Nathan Cheers, Sir. Er wollte beten." Entsetzt drückte ich mich an meinem Vater und seinen Angestellten vorbei, um gegen die versperrte Tür zu trommeln. "Nate! Mach die Tür auf, verdammt!", schrie ich und bekam darauf allerdings keine Reaktion. Leichenblass sah ich zu meinem Vater, welcher bereits in ein Telefonat mit der Feuerwehr verwickelt war. Panisch lief ich um die Ecke des Gebäudes herum zu den Fenstern. Die Flammen waren nicht zu übersehen. "Nate! Komm da raus!", versuchte ich es ein weiteres Mal vergeblich. Verzweifelt wie ich war schlug ich einige Male mit der geballten Faust gegen eines der Fenster, ignorierte die stechenden Schmerzen und das Blut. Ich spürte ein Ziehen, welches von meinem Bauch ausging. Das arme Ding musste so viel mitmachen. Trotz der kleinen Wölbung schaffte ich es schließlich, dass Fenster mit einem Fuß einzutreten und irgendwie in das Innere der Kirche zu gelangen. Hustend hielt ich mir den Arm vor den Mund und sah mich in dem von Rauch und Flammen gefluteten Raum um. "Nate?", schrie ich mehrmals laut hintereinander und suchte mir einen Weg durch das brennende Gebäude.



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#161

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 16.01.2019 00:42
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Mein Leben war wie ein zusammengefallenes Kartenhaus. Aber nicht nur zusammengefallen. Es war als hätte man die Karten auch noch zerrissen und im Wind zerstreut. Es war nichts mehr übrig. Ich hatte Maddie genau in der Sekunde verloren, in der sie mir eigentlich etwas Gutes hatte geben wollen. Sie hatte meine Mutter und meine Schwester zu mir gebracht. Sie hatte mir einen Teil meiner kindlichen Hoffnung erfüllen wollen. Doch ich war einfach nur so verzweifelt und wütend gewesen, nicht einmal unbedingt auf sie selbst. Sie hatte mich verlassen, sie hatte mir das Herz gebrochen und glaubend gemacht, dass sie mit einem Kind von mir nicht leben konnte. Ich hatte nie gedacht, dass sie ein Kind wirklich abtreiben könnte, ich hatte gedacht, dass sie mich liebte. Aber sie hatte die Vorstellung zunichte gemacht. Statt zu fragen, was in ihr vorging, ihr zu sagen, dass ich sie unglaublich vermisst hatte, hatte ich ihr nur Gemeinheiten an den Kopf geworfen. Ich war eine Zumutung. Es war definitiv berechtigt, dass sie sich so von mir trennte, dass sie mich hier zurückließ, dass sie weinte und mich nicht mehr kennen wollte.
Man hätte denken können, dass wenigstens meine Familie mir Rückhalt geben konnte, aber wir waren uns fremd. Meine Schwester hatte lange nichts von mir gewusst. Genau so wie mein eigenes Kind nichts von mir wissen würde. Ich war der Schandfleck, den Mütter gerne unbedacht ließen. Auch meine Mutter hatte ich ewig nicht gesehen. Sie hatte mich verlassen, zurückgelassen. Ich hatte immer gehofft, dass sie eines Tages wiederkam, mich in den Arm nehmen würde und mir sagte, dass sie mich liebte und es ihr leid tat. Es war nie passiert und passierte auch jetzt nicht. Sie fühlte sich einfach unwohl, das konnte ich ihr ansehen. Vermutlich war ich für sie wirklich die Schande, die sie immer befürchtet hatte. Und so war mein kindlicher Traum von Familie nicht nur zerplatzt, er war ein Albtraum geworden. Hätte ich sie nie getroffen, wäre mir mein Wunschdenken noch geblieben. Jetzt wusste ich aber, dass auch meine Familie nicht hinter mir stand, mich nur mit Skepsis und Zweifel begutachtete. Sie wussten von all den unangenehmen Dingen. Warum ich saß, warum ich jetzt im Krankenhaus war und aus dem merkwürdig stockenden Gespräch konnte ich entnehmen, dass sie auch von Maddies Schwangerschaft wussten. Und sie hatten sie gerade so verzweifelt rausstürmen und zusammenbrechen sehen. Ich konnte den Vorwurf in jeder Mimik und in den Worten herauslesen.
"Geht es Madita Chateaubriand gut? Ich hab gesehen, dass sie auf eine Trage gelegt wurde..", versuchte ich am Abend die Krankenschwester zu fragen, als sie mir das Essen brachte. "Darüber kann ich nicht reden", sagte sie entschuldigend. "Sie ist schwanger. Ich muss wissen, ob es ihr und dem Baby gut geht", flehte ich, sie lächelte aber nur tröstend. "Ich weiß es nicht. Und selbst wenn, stehe ich unter der Schweigepflicht" Also wusste ich gar nichts und es machte mich fertig. Ich war Schuld an ihrem Zustand, ich war so gemein gewesen. Ich musste mich entschuldigen.
Aber die Tage vergingen und ich war im Prinzip nur an das Bett gefesselt. Ich bekam extreme Schonkost, viele Schmerzmittel. Ich konnte nichts alleine außer sitzen, trinken und essen. Ich konnte nicht aufstehen, nicht auf Toilette, nicht duschen, mich nicht umziehen. Und ich konnte nicht zu Maddie. Es zerbrach mir das Herz immer weiter. Je länger die Zeit zwischen dem schlimmen Streit und einer Entschuldigung wurde, desto schwieriger würde eine Versöhnung werden. Und nach einer Woche erschien es mir unmöglich. Es war dennoch nicht weniger schmerzhaft, denn nur mein Körper wurde von Schmerzmitteln betäubt. Mein Geist dagegen war zumeist klar und gefüllt mit selbstzerstörerischen Gedanken. Ich wollte weinen und schreien, tat es manchmal sogar, wenn die Mittel doch mal mein Urteilsvermögen und Selbstbeherrschung störten. Aber es war für alle, die dann nach mir sahen, einfach nur Grund zum Mitleid. Sie wussten ja, was passiert war und dachten, das wäre der einzige Grund für meine Verzweiflung. Die Zeit im Krankenhaus verstrich langsam und zäh. Niemand kam mich besuchen, niemand scherte sich um mit. Die einzigen Leute, die ich sah, waren das Personal und das machte nur seine Arbeit und ich fühlte mich eh unwohl ihnen gegenüber, weil ich zwei Wochen lang auf ihre Hilfe angewiesen war um mich auf Toilette zu erleichtern. Und es kamen Polizisten, die mich nach dem Angriff fragten. Welche Insassen mir das angetan hatten und an was ich mich erinnerte. Ich schwieg aber verbissen. Ich traute mich nicht, das Wort zu erheben und zur Ratte zu werden. Und auch wollte ich mich nicht daran erinnern müssen. Dann wurden schließlich endlich die Fäden gezogen und ich blieb nur noch wenige Tage zur Kontrolle, in denen ich mich sogar ein bisschen auf dem Gang bewegen durfte um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Allerdings natürlich nur begleitet von den Wächtern, die sich sonst nur vor der Tür aufhielten. Ich durfte sogar alleine ins Bad, doch wann immer ich dort war, vermied ich einen Blick in den Spiegel. Ich war mit allen Farben gemustert, ein paar Schwellungen waren noch zu sehen, die aufgeplatzten Wunden waren noch nicht verheilt. Ich hatte bisher auch vermieden zu fragen, wie mein Rücken aussah. Eine Ärztin hatte mir gesagt, dass es gut heilte, das war alles was ich wusste. Wie viel am Ende vielleicht doch noch davon zu sehen bleiben würde oder ob es ebenmäßig und unsichtbar wurde, wusste ich nicht.
"Es ist am besten, wenn du sie vergisst, so wie sie dich auch vergessen wird. Wir werden die Familie von deinem Kind sein. Lass nicht zu, dass du meiner Tochter im Weg stehst, nur weil deine Gefühle verletzt sind", diese Worte von Maddies Vater verließen mich nicht mehr. Er hatte sie mir gesagt, als ich wieder ins Gefängnis gebracht wurde. In Dauerisolation. In Handschellen wurde ich in den Trakt mit höchster Sicherheitsstufe gebracht, bekam eine Zelle, die nur mit zwei Mitarbeitern geöffnet werden konnte. Der eine an der Tür und der andere in der Zentrale, der es freischalten musste. So konnte nicht wieder ein Mitarbeiter überrumpelt und ich angegriffen werden. Und außerdem war die Zellentür jeder Zeit videoüberwacht. Stille und Einsamkeit brach über mich herein, als die schwere Tür hinter mir wieder ins Schloss fiel. Die Zelle war kalt und leer, nichts erinnerte an Menschlichkeit. Grauer Boden, weißes Bett, Edelstahl in der Sanitärecke. Ein kleines vergittertes Fenster, kaltes Licht. Ein Stapel Wechselsachen und Handtücher wie Bettwäsche lag auf dem frischen Bett. Ich sah in meine Hände, als ich mich langsam darauf setzte.In der einen hielt ich die beiden Holzpuzzlestücke, die mir Maddie zurückgegeben hatte. In der anderen mit dem noch immer geschienten Finger das Ultraschallbild mit dem kleinen Häufchen Zellen, die einmal ein besseres Leben führen würden ohne mich, als wenn es mich kennen lernen würde.
Jede Nacht war eine wahre Tortur. Ich hatte Albträume. Ich wurde verfolgt, ich wurde aufgeschnitten, ich wurde missbraucht. Ich wurde ausgelacht und verlassen. Ich wurde mit ekligen Blicken bedacht und gemieden. Ich war alleine in einem weiten nichts. Ich war so verdammt allein. Die Wochen verstrichen, mein Aussehen wurde zottelig und ungepflegt, während ich einfach vor mich hin vegetierte. Und je länger ich einfach nur atmete und überlebte, desto sicherer wurde ich mir, dass das hier kein Leben mehr war. Ich verpasste nichts mehr, wenn ich schon vor Ablauf meiner Frist starb. Der Tod würde Erlösung sein. Aber diese Zelle war absolut Selbstmordsicher. "Ich möchte in die Kirche", stellte ich irgendwann schließlich meinen Anspruch klar. Es war selbst mir in der Hochsicherheit nicht zu verwehren, meine Seele von einem Priester reinigen zu lassen, zu beten oder was auch immer man in der Kirche noch so machte. Es war ein geschützter Raum, der einzige friedliche Raum auf diesem Gelände. Keine große pompöse Kathedrale, aber ein Gotteshaus. Ich wurde in Handschellen hin und zurück gebracht, aber ich durfte mich dort drinnen frei bewegen. "Was treibt dich her, mein Junge?", fragte der Priester, als er mich das erste Mal erblickte. "Ich habe dich hier noch nicht gesehen" Ich war nicht gläubig, ich war verzweifelt, aber ich sagte das einzig Wahre. "Ich suche Erlösung", sagte ich leise, meine Stimme brach, ebenso wie ich zusammensank. Der Mann hatte eine so herzliche Ausstrahlung, dass ich ihm gegenüber einfach nicht stark sein konnte. Er setzte mich auf eine der Bänke, unterhielt sich mit mir. Er fragte nichts, er redete. Er versuchte nicht, mir etwas aufzubinden, nur mir zu helfen. Ab da kam ich jede Woche, doch mein Plan der Erlösung war anders als der, den er sich für mich vorstellte. Es ging mir zwar fast ein wenig besser. Aber nicht genug um mich zu retten. Jedes Mal, wenn ich dort war, sah ich mir ein Teilgebiet der Kirche an, versuchte meine Möglichkeiten abzuwägen. Ich würde mich eigentlich gerne lieber erschießen lassen, doch da ich immer unter höchster Sicherheit stand, konnte ich nichts anstellen, was das provozieren würde. Ein erster Fehltritt wurde schon immer geahndet.

Mein Plan festigte sich. Und schließlich, nach längerer Zeit, als ich eigentlich selbst gedacht hätte, wollte ich es durchziehen. Ich hatte Angst vor dem Tod, so viel war sicher. Ich hatte es schon ein paar Wochen vor mir hergeschoben. Aber ich hielt auch dieses Leben nicht mehr aus. Ein letztes Mal ließ ich meinen Bart trimmen, meine Haare schneiden und sah ordentlich aus. Dann ging ich zu meiner wöchentlichen Kirchenstunde, das inzwischen ziemlich abgegnaddelte Ultraschallfoto und die Holzteilchen in der Hosentasche. Ich wurde hingebracht und alleine gelassen mit dem Priester. Mit aufgeregtem Herzklopfen sprang mein Blick durch den Raum. Nichts hatte sich verändert. Ich würde es durchziehen. "Du siehst gestresst aus, Junge", begrüßte er mich. "Ich hatte schlechte Träume. Ich muss mich sortieren. Darf ich Sie bitten, mich einen Moment alleine beten zu lassen?", fragte ich. Verständnisvoll sah er mich an. "Natürlich mein Junge", sagte er, dann ging er in das angrenzende Büro, wo diverse religiöse Schriften, Lieder und so weiter gelagert wurden. Ich wusste, dass dieser Raum einen Ausgang nach draußen hatte. Sobald er mich alleine gelassen hatte, begann ich eilig zu laufen. Ich nutzte ein beiseite gestelltes Rednerpult um die Tür dorthin zu blockieren, dann blockierte ich die Außentür, indem ich eine der schweren Kirchenbänke in dem Rahmen verkeilte. Tränen verschleierten meine Sicht, während ich den Stoffläufer vom Altar riss, Bänke und Stühle zusammenschob, Bücher zerfledderte. All das in der Nähe von einem der tragenden Balken. Sie waren vielleicht weiß lackiert, aber der große Raum war gestützt durch Holzbalken, stehende und solche, die quer von Links nach rechts des Raumes reichten. Dann griff ich mit klopfenden Herzen die Kerze vom Altar. Die Kirche war der einzige Ort auf diesem Gelände mit offenem Feuer. Und keinem Rauchmelder aus dem Grund. Ein letztes Mal atmete ich tief durch, ehe ich die Kerze in den mit Buchseiten bestreuten Stoff fallen ließ. Es fing sofort Feuer. Ich trat davon zurück, setzte mich auf eine abseits stehende Bank und beobachtete das Feuer, welches schnell und laut um sich griff. Die Bänke waren alt und fingen schnell Feuer, das den Balken nach oben fraß. Ich schloss die Augen. Mein letzter Tag. Erlösung. Alles was von mir bleiben würde, war eine blasse, unangenehme Erinnerung und ein letzter Brief auf dem Bett in meiner Zelle.


Liebe Maddie,

ich weiß, ich habe alles falsch gemacht, was ich hätte falsch machen können.
Du musst diesen Brief nicht lesen, wenn du nicht möchtest. Ich weiß, dass du
nichts mehr von mir wissen möchtest. Ich wollte nur wenigstens hoffen, noch
einmal alles klären zu können. Ich wollte dir sagen, dass es mir leid tut. Es tut
mir unendlich leid, was ich dir angetan habe, was ich gesagt habe. Ich war so
gebrochen, ich konnte nicht ordentlich denken. Du bist das beste, was mir in
meinem Leben passiert ist und es tut mir leid, dass ich dich so belastet und
erschöpft habe. Du hattest von Anfang an etwas besseres verdient und ich
hoffe inständig, dass du dein Glück und Liebe finden kannst und dass ̶u̶̶n̶̶s̶̶e̶̶r̶
dein Kind gesund ist und dich mit viel Freude füllt. Es tut mir leid, dass es das
einzige ist, was ich dir geben konnte und wenn das ein Grund sein sollte, es
weniger zu lieben.
Bitte sag meiner Familie, dass es mir leid tut, dass ich eine solche Enttäuschung
war. Ich hab es in ihren Augen gesehen. In deinen Augen. Ich habe keinen Wert
hier zu bleiben. Ich werde also gehen und schon fort sein, wenn du das hier ließt.
Bitte fühl dich nicht schuldig. Ihr tut alle recht daran, mich aus eurem Leben zu
verbannen.
Ich liebe dich. Lebe wohl.
Nate



Das Trommeln und Brüllen vor der Tür sperrte ich völlig aus meinem Kopf. Sie würden eh nicht reinkommen. Das einzige, was sie schafften, war einen kleine Spalt die Tür aufzumachen. Das fachte das Feuer allerdings durch den frischen Sauerstoff nur noch mehr an. Meine Gedanken waren nur bei Maddie, während ich langsam im Rauch das Bewusstsein verlor. Ich stellte sie mir als Mutter vor. Mit einem Baby auf dem Arm. Mit einem Kleinkind, das die ersten Schritte machte. Sie, wie sie dem Kind Fahrrad Fahren beibrachte. Eine letzte Träne rollte über meine Wange, ehe ich auf der Bank zusammensackte und zu Boden fiel. Im Hintergrund vernahm ich das Zerbersten von Glas, aber es kam mir neben dem Rauschen und Knacken des Feuers nichtig vor. Dann hörte ich mehrfach wie sie meinen Namen rief. Ich war so nah an der Bewusstlosigkeit, das ich es für meine Erlösung hielt. Mein Himmel, nicht meine Hölle. Ein Traum, der mich begleitete ins Nichts. "Ich liebe dich", flüsterte ich leise mit von der Hitze spröden Lippen, während ich regungslos auf dem Boden lag und inzwischen jedes Stückchen Holz in meiner Nähe Feuer gefangen hatte und die Deckenbalken bedrohlich anfingen zu knacken.



zuletzt bearbeitet 16.01.2019 00:54 | nach oben springen

#162

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 17.01.2019 20:49
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Hustend duckte ich mich, als ein brennendes Stück Holz nur wenige Zentimeter neben mir von der Decke auf den Boden krachte. Besorgt wanderte mein Blick nach oben und ich musste feststellen, dass das Gebäude wohl nicht mehr lange stehen würde. Zutiefst besorgt suchte ich mir weiter einen Weg durch den Rauch und die Flammen. Ich gefährdete mit dieser Aktion nicht nur mein Leben, sondern auch das meines ungeborenen Kindes. Doch gerade zählte für mich nur Nate. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. War es ein Unfall gewesen? Hatte der junge Mann wirklich nur beten wollen? Oder steckte mehr dahinter? Nach unserem Streitgespräch und unserer quasi Trennung war Nate schon am Boden zerstört gewesen. Dann war noch die Sache mit der Vergewaltigung dazu gekommen. Ich machte mir unmenschliche Vorwürfe und gab mir allein die Schuld. "Nate!", schrie ich wieder gegen die Flammen an und fiel keuchend auf die Knie. Ich bekam kaum noch Luft. Schwer atmend presste ich mir die Hände auf meinen Bauch. "Tut mir leid, Kleines. Aber wir müssen Papa retten...", flüsterte ich liebevoll und zog mich an einer Kirchenbank nach oben. "Es tut mir leid, Nate. Es tut mir alles so leid...", rief ich gegen den Lärm des Feuers und der in sich zusammen fallenden Kirche an. Meine Augen brannten und ich konnte sie kaum noch offen halten. Warme vom Ruß schwarz gefärbte Tränen liefen über meine Wangen, bis ich schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit ein paar Beine erblickte. Ich schnappte ein letztes Mal nach Luft, ehe ich mich Schritt für Schritt nach vorne bewegte, bis ich schließlich neben Nate auf die Knie fiel. "Oh, Nate...", stieß ich mühsam hervor und spürte, wie mir immer schwindliger wurde. Ich musste uns unbedingt aus dieser verdammten Kirche schaffen. Doch wie? Hilfesuchend sah ich mich um, doch ich konnte kaum noch etwas erkennen. Der Rauch und die Flammen erschwerten die Sicht sowieso schon, die heruntergestürzten Dachbalken machten es nicht gerade besser. Innerlich fluchend griff ich den jungen Mann an den Beinen und zog ihn vorsichtig hinter mir her, wobei ich immer wieder vor Schmerzen stöhnend Halt machen musste. Hier und da kickte ich mit schwachen Bewegungen brennende Holzteile weg. Befand ich mich überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Wo war das verdammte Fenster, welches ich eingeschlagen hatte? Kurz senkte ich den trüben Blick und sah zu Nate, welcher wohl nicht mehr bei Bewusstsein sein. In meinem Bauch spürte ich ein stechendes Ziehen, was mich nun schon ein drittes Mal zusammen sacken ließ. Ich konnte nicht mehr. Die Schwangerschaft, die Hitze, der Rauch, die Anstrengung. Schweiß tropfte mir förmlich von der Stirn, während ich mich mit letzter Kraft über Nate beugte. "Nate...bitte...du musst...aufwachen. Wir...müssen...hier...raus.", brachte ich stockend einige vereinzelte Worte hervor. Ich wollte husten, doch selbst das tat zu sehr weh. Ich hatte schon fast aufgegeben, als ich plötzlich ziemlich nah eine männliche Stimme hörte. Müde hob ich den Kopf an und zwang mich, meine Augen ein letztes Mal zu öffnen. Ein Feuerwehrmann. Nur wenige Meter von uns entfernt. Schwach hob ich die Hand, räusperte mich einige Male und bekam schließlich ein raues "Hier." über die trockenen Lippen. Nicht viel, aber es hatte gereicht. Der Feuerwehrmann blickte in unsere Richtung und eilte so gut er eben konnte auf uns zu. "Sind noch mehr Menschen hier drinnen, Miss?", fragte er mich besorgt, woraufhin ich nur verausgabt den Kopf schüttelte. Ich wollte ihm antworten, doch ich bekam nur ein jämmerliches Stöhnen hervor. Sein Blick wanderte zu meinem Bauch, woraufhin er nur noch besorgter wurde. Ich spürte, wie er seine Arme unter mich schob, um mich hoch zu heben. Abwehrend schob ich ihn mit letzter Kraft von mir und deutete auf Nate. "Er zuerst. Er ist schon viel länger hier drinnen." Nun hatte ich doch meine Stimme wieder gefunden. Widerwillig nickte der Feuerwehrmann und schob nun seine Arme unter den jungen Mann. "Ich bin gleich zurück, Miss.", versicherte er mir und ich nickte leicht, ehe er auch schon in den Flammen verschwunden war. Langsam wanderten meine Augen nach oben, der Dachstuhl stand mittlerweile lichterloh in Flammen. Es war nur noch eine Frage von Minuten, wenn nicht sogar Sekunden. Jedenfalls war es zu wenig Zeit. Erschlagen schloss ich die flackernden Augen und betete in Gedanken dafür, dass es der Feuerwehrmann mit Nate noch rechtzeitig raus schaffen würde.



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#163

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 17.01.2019 22:02
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Mein Atem brannte, jedes Heben meiner Brust sorgte für ein Rasseln in meiner Lunge. Die Hitze, der Rauch, ich war dem zu lange ausgesetzt um wach zu bleiben. Ich lag halb bewusstlos am Boden und das rettete mir vermutlich das Leben. Da der Rauch nach oben stieg, blieb die Luft am Boden noch am besten und hatte noch genau so viel Sauerstoff, dass die Flammen mehr um sich griffen und ich aber auch noch atmen konnte. Meine Angst war inzwischen verflogen. Mein Kopf war leer, ich hatte nichts mehr zu verlieren. Ich würde einfach einschlafen, sterben und verbrennen. Ich ließ nichts außer einem letzten Brief zurück, denn meine einzigen persönlichen Gegenstände hatte ich bei mir. Sicher in meiner Hosentasche steckten die beiden Puzzleteile zusammen mit dem Ultraschallbild. Symbolbilder für das Schmerzlichste, was ich je verloren hatte. Maddie und mein Kind. Dass ich meine Familie verloren hatte, das war vor langer Zeit. Sie noch einmal wiederzusehen hat vielleicht Hoffnungen gedämpft, meine kindliche Vorstellung von mütterlicher Liebe zerstört, aber ich hatte nie etwas wirklich anderes erwartet. Ich hatte immer gedacht, dass ich genau die Enttäuschung war, die meine Mutter hatte vermeiden wollen und dass sie meine Schwester vor all dem hatte schützen wollen. Es war mir vielleicht nicht egal gewesen, was sie von mir dachten, aber es hatte mich nicht so kaputt gemacht, dass sie der Grund für das hier waren. Der Grund war allein ich. Ich hatte alles verbockt. Ich hatte es geschafft, dass ich mich nicht mehr im Spiegel ansehen mochte. Ich hatte all meine Würde und Ehre verloren durch die Schweine von Insassen und ich hatte allen Anstand und Selbstachtung verloren, weil ich so schlimm mit Maddie umgesprungen war. Sie hatte mich besucht, sie hatte sich Sorgen gemacht und meine Hand gehalten. Ich hätte vielleicht die Chance gehabt, unser Verhältnis wieder zu bessern, auch wenn sie Schluss gemacht hatte. Und was war stattdessen? Ich hatte sie auf brutale Art von mir gestoßen, sie tief verletzt. Damit konnte ich einfach nicht leben.
Ich seufzte leise, als ich meinte Maddies Rufe zu hören. Ich hielt es für den Traum, der mich ins Jenseits brachte und es machte mich bereit dafür. Wenn sie dort auf mich wartete, dann konnte ich loslassen. Doch irgendetwas war merkwürdig. Ich fühlte mich, als würde ich geschleift werden. Hustend öffnete ich meine geröteten, zugequollenen Augen und blinzelte in den Rauch. Benommen versuchte ich in dieser verschwommenen Welt etwas zu erkennen. Dann schob sich Maddies Abbild über mich, verschwommen wie der Rest. Aber ihr Haar kitzelte in meinem Gesicht, ihre Stimme drang an mein Ohr. War sie etwa real? Eine realistische Vorstellung? Ich konnte es nicht einschätzen. "Maddie..." Meine Stimme war nur noch ein raues Kratzen, dennoch lag ein liebevoller Ausdruck auf meinem Gesicht, ehe mein Kopf wieder zur Seite kippte und meine Augen sich verdrehten.
Ich bemerkte nicht, wie ich nach draußen getragen wurde. Kraftlos und leblos hing ich im Arm des Feuerwehrmannes, bis wir nach draußen kamen. Die frische Luft schnitt kalt in meine Lunge. Ich keuchte auf, rang mühselig nach Luft - nun wo meine Lungen danach schrien, obwohl sie so ausgebrannt und verqualmt waren. Ich war nicht wirklich wach, aber ich merkte, dass ich lebte. Ich versuchte mich aufzurichten, doch Schwindel packte mich. Wo war ich überhaupt? Auf einer Trage? Sah so aus, fühlte sich so an. Ein Feuerwehrmann friemelte an mir herum, wollte mir eine Sauerstoffmaske aufsetzen. "Ich finde die Frau nicht mehr. Ist sie rausgekommen? Ich kann nicht länger hier drinnen bleiben, der Dachstuhl bricht!", hörte ich über das lautgestellte Funkgerät mit. Kurz gefror ich. Es war keine Halluzination gewesen? Sie war da drinnen gewesen? "Nein", krächzte ich, schlug die Hände des Mannes weg, die mich festhalten wollte und sprang auf. Taumelnd, aber so schnell ich nur konnte, rannte ich zurück auf die krachende, brennende Kirche. "Maddie?!", brüllte ich. Einen Moment dachte ich, ich würde sie sehen. Aber es war nur ein Feuerwehrmann, der alleine die Kirche verließ und floh. Dann brach auf einmal unter einem ohrenbetäubenden Krachen und Brechen das Gebäude in einander zusammen. Eine Feuerfontäne schlug mir entgegen, Wandteile brachen nach außen weg, fielen mir entgegen, während ich dennoch hinein wollte. "Nein!", schrie ich verzweifelt, wehrte mich dagegen, dass der Feuerwehrmann mich festhielt. Immer wieder schrie ich dieses eine Wort, ging langsam in die Knie. Was hatte ich nur getan.. Und warum überlebte ich es, während meine große Liebe, zusammen mit unserem ungeborenen Kind darin starb? Fassungslos und ohne einen klaren Gedanken starrte ich auf den brennenden Trümmerhaufen.


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#164

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 17.01.2019 22:35
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ich bekam kaum noch mit, wie ein zweiter Feuerwehrmann sich in letzter Sekunde aus dem Feuer rettete und mich dabei zurück ließ. Keuchend blickte ich nach oben zu dem, was vom Dachstuhl noch übrig war. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis das ganze Gebäude zusammen stürzen würde. Mit meiner letzten Kraft robbte ich über den Boden und zog mir dabei gewiss die ein oder andere Verletzung zu. Gerade im richtigen Moment rollte ich mich unter einer Kirchenbank Schutz suchend zusammen, wobei ich vor allem meinen Bauch zu beschützen versuchte. Der Krach, welcher dann um mich herum ertönte, machte mich beinahe taub. Ich hielt die Augen fest geschlossen und presste die Lippen aufeinander, bis es schließlich ruhig war. Unter Schmerzen öffnete ich die Augen und stellte erst einmal fest, dass die Kirchenbank den Zusammensturz beinahe heil überstanden hatte. Keuchend schon ich mit dem Fuß ein brennendes Stück Holz von mir weg und versuchte dann, mich irgendwie aus meinem Versteck zu befreien. Mir tat jeder Knochen und jeder Muskel meines Körpers weh. Von meinem Bauch wollte ich gar nicht erst anfangen. Demnach gab ich auch einen gellenden Schrei von mir als ich meine blutigen Hände erblickte. Doch mit dem Kind schien zumindest von außen alles okay zu sein. Erleichtert atmete ich auf, blickte dann aber auf mein anderes Bein; welches seltsam verdreht war. Der Stoff der Hose war zerrissen und irgendetwas ragte aus einem Loch hervor. Bestürzt versuchte ich mich aufzurichten, doch der offensichtlich offene Bruch ließ es kaum zu. Ich wollte um Hilfe rufen, doch meine Kehle war viel zu trocken dafür. Das Feuer war durch den Einsturz größtenteils gelöscht worden, nur hier und da flackerte noch ein kleines Feuer. Nach Luft schnappend zog ich mich langsam auf die Beine, wobei ich mein rechtes Bein nicht belasten konnte. Angewidert starrte ich die Verletzung an. Ich konnte von Glück reden, dass ich noch lebte. Der Großteil der Kirche war um mich herum komplett dem Erdboden gleich gemacht worden, doch mich hatte kein einziges Teil unter sich begraben. Dennoch konnte ich nach wie vor nichts erkennen, geschweige denn mich aus den Trümmern retten. Verzweifelt sah ich mich um, bis ich schließlich eine beinahe unversehrte Holzlatte erspähte, welche ich als Krücke nutzen konnte. Es dauerte mehrere Minuten, bis ich mein Ziel krabbelnd erreicht und mich dann mithilfe der Latte auf die Beine gezogen hatte. Stück für Stück kämpfte ich mich dann geduckt und mein rechtes Bein einfach nur schleifend durch die zerstörte Kirche. Ich stolperte einige Male und hatte wirklich Probleme, nicht nach vorne auf meinen Bauch zu fallen. Mein Baby war wohl das Einzige, was mich gerade antrieb oder überhaupt am Leben erhalten hatte. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die stickige Luft und ich traute meinen Augen dann kaum, als ich plötzlich eine Gestalt wahr nahm, die sich mir eilig näherte. „Boss! Hier ist jemand.“, rief er und gerade als ich kraftlos zusammensackte, hatte er mich erreicht und aufgefangen. Mit den Nerven und Kräften am Ende ließ ich mich regungslos aus den Trümmern tragen und auf eine Trage ablegen. Sofort kümmerten sich mehrere Sanitäter des eingetroffenen Notarztteams um mich. „Maddie! Maddie! Maddie!“ Eine vertraute Stimme hob sich immer wieder unter den Fremden hervor. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht die Augen öffnen und auch nicht sprechen. „Sir, bitte halten Sie Abstand.“ „Das ist meine Tochter, verdammt! Madita?! Was ist mit dir?“ Irgendwann hatten die Ärzte wohl aufgegeben und ließen meinen Vater zu mir. Ich spürte seinen sanften Händedruck und hätte schwören können, dass er weinte. „Was ist mit meiner Tochter?! Machen Sie doch was! Sie ist schwanger! Was ist mit dem Baby?!“, schrie er immer wieder und ich hätte ihn nur zu gerne beruhigt. „Sir, bitte lassen Sie uns unsere Arbeit machen. Wir können Ihrer Tochter nur dann helfen, wenn Sie uns in Ruhe lassen. Über denZustand des Kindes können wir nichts sagen. Ihre Tochter atmet noch, aber sehr schwach. Sie hat kaum Puls!“ Ich nahm all die Gespräche nur vage wahr, es fühlte sich an als hätte ich Watte im Ohr. Doch meine Gedanken kreisten nun nur noch um ein Thema. Nate. Was war mit Nate? Es kostete mich viel Anstrengung, all die Fremden lauten Stimmen zu trennen. Ich hörte meinen Vater, der immer noch außer sich vor Wut war. Ich erkannte die Stimme eines netten Wärters, der meinen Vater beruhigen wollte. Doch wo zur Hölle war Nate?! „Ihr Herzschlag wird immer langsamer..wir verlieren sie. Joey, Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten!“ „Sir, bitte treten Sie zurück!“ „Gerät ansetzen. Und weg!“ „Und noch einmal! Jede Sekunde ist entscheidend für das Baby.“ „Stop. Ihr Herzschlag hat wieder eingesetzt.“ „Was ist mit Maddie? Was ist mit meiner Tochter?!“ „Sir, bitte. Ihre Tochter schwebt immer noch in Lebensgefahr.“ „Kann sich jemand um diesen Mann kümmern?!“
Ich war komplett in meine schwarze Welt versunken, hörte nichts mehr und fühlte nichts mehr. Doch irgendwann erklang wieder das aufredete Gezwitscher verschiedener Stimmen. Langsam öffnete ich den Mund, formte tonlos Nate‘s Namen. „Miss?! Können Sie mich hören?“ Das war eine gute Frage. Ich konnte diesen Mann hören. Doch wie sollte ich es ihm mitteilen. Nur ganz langsam und kaum sichtbar bewegte ich den Kopf wenige Millimeter nach unten und wieder nach unten, um ein Nicken anzudeuten.



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#165

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 17.01.2019 23:26
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Meine Welt hätte nicht noch mehr zusammenbrechen können. Ich hatte mich selbst töten wollen, ich hatte sterben wollen. Ich wollte nicht mehr leiden müssen, wollte niemandem mehr wehtun, denn das war es, was ich laufend tat. Ich hasste mein Leben, ich war müde von diesem Leben und ich wollte es nicht mehr. Nicht so, nicht alleine. Ich wusste, dass es ungesund war, sein Leben nur für jemanden anderen führen zu wollen, aber das hatte ich auch nicht getan. Ich konnte nur nicht mehr damit leben, wie sehr ich Maddie verletzt hatte. Was ich ihr alles angetan hatte. Ich hatte ihr das ganze Leben verbaut. Ich hatte ihre Unschuld geraubt, ihr das Herz gebrochen, sie geschwängert und damit ihr Studium gefährdet und dazu war ich noch mit ihr umgesprungen, als seien mir ihre Gefühle egal, als wäre ich der einzige der es schwer hatte. Ich konnte verstehen, warum sie mich verlassen hatte, aber leben damit wollte ich nicht und konnte ich nicht. Ich hätte die vier Jahre abgesessen und wäre im Frieden gegangen, wenn nicht noch so viel dazwischen gekommen wäre. Ich hätte vielleicht sogar damit leben können, wenn sie dem Kind nie sagte, wer sein Vater war und mir nur ab und zu mal ein Bild mitbrachte oder eine süße Geschichte erzählte. Aber einsam und das wirklich durch den Isolationshaft konnte ich keine vier Jahre mit mir selbst überstehen. Ich hatte meine einzige Chance auf den Freitod gewählt und nutzen wollen.
Und jetzt kniete ich hier. Die Kirche war ein einziger Trümmerhaufen, der qualmte, der brannte, der vor sich hin glimmte. Wäre ich bei Bewusstsein gewesen, als der Feuerwehrmann mich herausbringen wollte, hätte ich es nicht zugelassen. Hätte ich verstanden, was passiert war und dass Maddie wirklich dagewesen war, dann hätte ich niemals zugelassen, dass er sie in der Kirche zurückgelassen hätte. Ich hatte mir ausgesucht zu sterben. Sie hatte das nicht. Und sie hatte auch nicht verdient zu sterben. Sie hatte doch ein Leben vor sich. Vielleicht ein ungeplantes, anders laufendes. Aber sie hatte eine Familie. Einen Vater, eine Mutter, einen Bruder. Ein Kind. Sie konnte alles werden, was sie wollte. Sie sollte nicht sterben und doch war sie diejenige, die drinnen gelassen wurde. Diejenige, die nicht gerettet werden konnte bevor der Dachstuhl brach.
Vermutlich würde ich weinen, wenn meine Augen nicht so extrem gereizt und trocken waren. Oder aber jeglicher Gefühlsausdruck spiegelte nur die Leere wider, die gerade in meiner Seele herrschte. Verzweifelt krampften sich meine Finger in meine Haare, während ich auf das Feuerfeld vor mir starrte. Sie musste da raus kommen. Sie musste leben. Sie war doch schon immer stark gewesen. Sie musste auch das schaffen. Warum konnte sie nicht einfach wie Wonder Woman daraus stapfen und mir wieder sagen, dass sie mich hasste. Die Möglichkeit damit zu leben kam mir auf einmal so viel leichter vor im Vergleich dazu, mit ihrem Tod zu leben. "Bitte... ", flüsterte ich ohne Stimme zu einem Gott, an den ich nicht glaubte und dessen Haus ich gerade zerstört hatte. Und dennoch schien es etwas zu bringen. Denn kaum hatte ich meinen Mund wieder geschlossen, bewegte sich etwas und zwar nicht nur weiter zusammensackendes Holz, sondern ein Feuerwehrmann, der brüllte und dann mit einem Bündel Mensch im Arm seinen Weg durch die Trümmer bahnte. "Ich muss zu ihr"; flehte ich denjenigen an, der immer noch versuchte mich festzuhalten "Bitte", versuchte ich es weiter. "Sie müssen selbst erst einmal behandelt werden. Es wird sich um sie gekümmert. Außerdem dürfen Gefangene nicht zu Zivilen"; wollte der Feuerwehrmann mich abhalten und zurück zu dem zweiten Wagen der Sanitäter bringen, der mir aber viel zu weit weg stand von dem, zu dem Maddie gebracht wurde. "Nein. Sie verstehen nicht. Sie war nur wegen mir da drinnen. Sie... sie ist meine Freundin", knurrte ich, während ich aufstand, energisch versuchte, seinem Griff zu entkommen und an ihm vorbei zu sehen. Und was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ihr Vater war in Panik, schrie rum, wurde aufgehalten. Und dann sah ich einen Sanitäter mit dem Defibrillator. "Nein. Sie darf nicht sterben", murmelte ich und wusste mir nicht mehr zu helfen. Trotz meiner eigentlichen Kraftlosigkeit trat ich dem Feuerwehrmann ins Knie, schlug ihm in den Magen, dann taumelte ich los. "Maddie!", schrie ich, während ich dichter kam. Die Leute waren damit beschäftigt, ihren Vater aufzuhalten, sahen deshalb nur recht geschockt in meine Richtung. Sie hatten wohl nicht mit noch jemandem gerechnet. Dennoch wurde ich wieder eingefangen von jemandem. "Lasst mich zu ihr! Bitte. Ich muss zu ihr!", verlangte ich, aber mir wurde nicht zugehört. Ich hatte aber nur einen Blick für sie, nicht einmal für ihren Vater, der mich hier sicherlich auch nicht sehen wollte. "Maddie! Es tut mir leid! Es tut mir alles so leid! Bitte! Bleib am Leben!", schrie ich, während ich mich wieder den Händen entwand, den Mann zurück stieß und an den Wagen herantrat. Die Sanitäter waren aufgebracht, sauer, wollten mich wegschicken, aber ich griff nach der Hand von Maddie, ging neben ihrer Liege auf die Knie, sodass ich mit ihrem Gesicht auf einer Höhe war. "Bitte... Maddie. Du musst leben. Ihr beide müsst leben. Es tut mir so leid..", sagte ich sanft, ungeachtet der anderen Leute und hob meine zweite Hand um ihr über die Wange zu streichen.


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#166

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 25.01.2019 22:00
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Das Drama, welches sich um mich herum ereignete, bekam ich kaum mit. Ich schwebte in meiner eigenen Welt und ahnte Nichts von dem, was sich in der realen Welt gerade abspielte. Ich wusste nicht, dass mein Vater um mein Leben bangte. Ich wusste nicht, dass Nate bereits dachte, ich sei tot. Doch irgendwie fand ich einen Weg aus meiner Fantasiewelt zurück in die Realität, indem ich mich hustend aufbäumte und meine Hand gegen Brust drückte. "Miss?", erklang eine fremde Stimme neben meinem Ohr und ich versuchte langsam, meine Augen zu öffnen. Das plötzliche Licht war unangenehm und so dauerte es eine Weile, bis ich schließlich stöhnend blinzelte und dabei feststellte, dass irgendetwas oder irgendjemand meine Hand hielt. "Madita! Lasst mich zu ihr!" Ein beinahe erleichterter Gesichtsausdruck erschien in meinem schwarzen Gesicht, als ich die Stimme meines Vaters wahrnahm. Doch was war mit Nate? Ich hoffte wirklich, dass der Feuerwehrmann in aus den Flammen gerettet hatte. Unter Schmerzen drehte ich den Kopf zu der Seite, deren Hand auch gehalten wurde. "Na...", formte ich mit brüchiger Stimme die ersten zwei Buchstaben seines Namens und bekam endlich die Augen ein wenig auf. Ich sah etwas verschwommen, doch das markante Gesicht und die dunklen Haare erkannte ich sofort. Ein kleines Lächeln bildete sich in meinem verrußten Gesicht ab. Er hatte es geschafft. Neben dem jungen Mann tauchte nun ein weiteres bekanntes Gesicht auf. Mein Vater blickte mich mit sorgenvoller Miene an. "Maddie, Liebes. Alles wird gut, versprochen.", versicherte er mir und strich mir über die Wange. Ich wollte nicken, doch ich konnte mich immer noch kaum bewegen. Also drehte ich den Kopf nur wieder schwach zurück, wobei mein Blick meinen Bauch streifte. "Das Baby...", stieß ich mühsam hervor und riss meine Augen plötzlich weit auf. "Was ist mit meinem Baby?", schrie ich schon fast, auch wenn meine Worte alles andere als ein Schreien waren. Eher ein klägliches Wimmern. "Dazu können wir nichts sagen, Miss. Wir bringen Sie jetzt sofort in ein Krankenhaus und dort werden alle Untersuchungen durchgeführt.", erklärte mir ein Sanitäter und ich spürte, wie warme Tränen über meine Wangen liefen. "Maddie, jetzt wein doch nicht. Dem Kind geht es sicher gut!", versuchte mein Vater mich zu beruhigen, doch ich konnte ihm nicht glauben. Der Stress, die schwere Arbeit, der Rauch, die Flammen...die ganzen letzten Minuten konnten unmöglich gut für ein Ungeborenes sein. Schluchzend klammerte ich mich schwach an die Hand, welche meine nach wie vor hielt. Nate. Ging es ihm gut? Erschöpft wendete ich meinen Blick wieder ihm zu und musterte ihn. "Nate...", presste ich mühsam seinen Namen hervor und blickte kurz zu meinem Vater. "Er...Papa...bitte. Er muss mit ins Krankenhaus...Ich will ihn bei mir haben. Bitte...", flehte ich meinen Vater weinend an und hielt die große Hand des Vaters meines Kindes so fest, dass man ihn gar nicht von mir lösen könnte. Zumindest in meiner Wunschvorstellung nicht, tatsächlich war es wahrscheinlich kein Hexenwerk. Ich beobachtete, wie mein Vater sich unsicher auf die Unterlippe biss und von mir zu Nate und dann zu den Sanitätern sah. "Das liegt in Ihrer Macht, Sir. Allerdings können wir den jungen Mann nicht im Krankenwagen mitnehmen. Außerdem sollte er sich dringend untersuchen lassen.", erklärte ein Sanitäter mit einem gleichgültigen Unterton. "Papa, bitte...", versuchte ich es erneut und legte meine freie Hand auf meinen Bauch. "Bringen Sie meine Tochter ins Krankenhaus. So schnell es geht. Sie bekommt ein Einzelzimmer. Ich werde Nathan höchstpersönlich dorthin fahren.", beschloss mein Vater schließlich und blickte mich aufmunternd an. "Danke, Papa...", flüsterte ich und zog die trockenen Mundwinkel ein wenig nach oben. "Wir müssen jetzt wirklich los, Miss. Ihnen zuliebe und Ihrem Kind zuliebe.", erklärte man mir und ich nickte müde. Ich würde nur ins Krankenhaus gefahren und dort behandelt werden. Und Nate würde dann im Krankenzimmer auf mich warten. Immerhin hatte mein Vater mir das versprochen. Meine Augen fielen wieder zu, was wohl auch an dem Beruhigungs- und Schmerzmittel lag, welches man mir verabreicht hatte. So bekam ich das weitere Vorgehen gar nicht mehr weg und dämmerte auch noch einige Stunden später vor mich hin, als eine Krankenschwester mein Bett in das leere Einzelzimmer schob.



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#167

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 31.01.2019 01:46
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich wünschte mir nichts sehnlicheres, als dass all das einfach enden würde. Ich wollte die Augen schließen und aufhören zu denken, aufhören zu fühlen. Ich wollte mich am liebsten einfach in die Flammen stürzen, nach Maddie suchen und sie im Arm halten, während ich starb. Alles, was ich getan hatte, waren so schwere Fehler gewesen, Fehler, die uns hierher gebracht hatten und die Maddie das Leben gekostet hatten. Ich hätte alles akzeptiert, aber nicht, dass ihr etwas geschah, während ich überlebte, nur weil sie mich retten wollte. Warum auch immer sie aufgetaucht war. Warum ausgerechnet heute? Warum nur war sie so waghalsig und selbstlos, dass sie sich wegen mir in Flammen stürzte und mich gerettet haben wollte, anstatt sich selbst wieder rausbringen zu lassen. Ich war so unfair zu ihr gewesen, ich hatte sie verletzt und ihr das Leben verbaut. Warum war sie nicht einfach froh gewesen, mich los zu sein? Solche Gedanken kreisten in meinem dröhnendem Kopf, während das Feuer im Hintergrund laut rauschte und krachte bei dem Versuch in dem zusammengestürzten Haufen noch genug Nahrung zu finden. Der Feuerwehrmann, der mich davon abgehalten hatte, zurückzustürmen, redete auf mich ein, doch ich verstand kein Wort, hörte ihm aber auch nicht zu, sobald ich Maddies leblosen Körper in den Armen eines weiteren Mannes gesehen hatte. Ich musste zu ihr. Ich würde mich ganz sicher nicht irgendwo in Ruhe behandeln lassen, wenn ich nicht sicher sein konnte, ob Maddie noch lebte. Nichts könnte mich davon abhalten, zu ihr zu eilen.
Das Eilen war nur wirklich kein Eilen. Jeder Atemzug schmerzte, ich rang nach Luft mit dem Gefüh nichtl an genug Sauerstoff zu kommen. Ich fühlte mich also, als würde ich mit angehaltenem Atem sprinten. Nur dass meine Schritte auch eigentlich schwerfällig und nicht sehr stabil waren. Ich wankte, meine Beine wollten nachgeben, aber ich erlaubte es ihnen nicht. Es wäre dem Feuerwehrmann sicherlich eigentlich auch ein leichtes gewesen, mich aufzuhalten, aber er war vermutlich einfach nur betroffen von meiner Verzweiflung und mitfühlend genug um mich gewähren zu lassen. Und weil mich in meinem Zustand gerade niemand für gefährlich zu halten schien, rechnete auch der, der mich zunächst stoppen wollte, nicht damit, dass ich mich entwand und wehrte. Es kostete mich meine ganze Kraft und mein Atem rasselte ungesund, meine Lunge brannte wie die Hölle, während ich erschöpft bei Maddie ankam. Als sie versuchte meinen Namen auszusprechen - oder es war meine Einbildung - drückte ich sanft ihre Hand. "Ich bin hier... ich bin hier", krächzte ich mit ebenso rauer Stimme zurück, ließ mich neben ihrer Liege auf die Knie sinken und war dadurch mit ihr auf Augenhöhe. Ich war auch einfach zu schwach auf den Beinen um stehen zu bleiben. "Es tut mir so leid", murmelte ich dann, zu Maddie, vielleicht auch zu ihrem Vater, der neben mir auftauchte. Ich befürchtete kurz wirklich, dass er mich aus dem Krankenwagen prügelte und mich verantwortlich dafür machte. Das tat ich selbst aber schon ganz gut. Als sie panisch wimmerte, wie es dem Kind ging, flog mein Blick kurz zu ihrem Bauch, der schon gewölbt war und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, während ich mich an ihre Hand klammerte. Was hatte ich nur angerichtet. Ich würde mir nie verzeihen können. Ich schluckte schwer, unfähig etwas zu sagen. Ich hatte nun selbst Angst; Angst um dieses ungeborene Kind, das ich nie kennenlernen sollte. Ich war wie in Schockstarre, bis sie meinen Namen aussprach. Ich blickte wieder in ihr schmutziges Gesicht, auf dem sich die Tränenspuren abzeichneten. "Ich bin da...Es tut mir so leid..", wiederholte ich die zwei Sätze, die wohl in nächster Zeit alles aussagten, was ich noch zu sagen hatte.
Ein wenig beklommen verfolgte ich das Gespräch. Sie wollte mich bei sich haben und ich verstand es nicht. Mein Kopf wehrte sich gegen die Vorstellung, dass sie noch etwas für mich empfinden könnte. Mein Herz hingegen schrie danach, bei ihr zu bleiben, auf sie aufzupassen. Als ihr Vater schließlich sagte, er würde mich persönlich fahren, sah ich ihn unsicher an. Er würde mich doch sicherlich unterwegs töten, mir die Leviten lesen und mich spontan in ein anderes Gefängnis bringen um mich endlich loszuwerden. Er konnte Maddie zwar zu selten etwas abschlagen, aber solange ihr Leben nicht von mir abhing, war ich vermutlich sein größter Feind. Ich erhob mich mit leicht zitternden Beinen, drückte einen Kuss auf ihren Handrücken, ehe ich meine Finger von ihren löste. "Alles wird gut..", sagte ich, versprach damit nicht, da zu sein, weil ich wirklich nicht daran glaubte. Schließlich traten wir von dem Krankenwagen weg, der verschlossen wurde und dann eilig vom Grundstück fuhr. Sobald sie freie Strecke hatten, rasten sie mit Sirene und Blaulicht davon.
"Sir, wir haben das hier in Cheers' Zelle gefunden", sprach ein Wächter den Direktor an. Mein Kopf ruckte zu den beiden und mir wurde heiß und kalt als ich den Brief sah, den er hochhielt. Ich griff schnell danach, faltete ihn und steckte ihn in meine Hosentasche. "Ich glaube da müssen wir nicht drüber reden", murmelte ich leise mit gesenktem Blick, während ich unsicher von einem Bein aufs andere trat. Es war eh keine Überraschung mehr, wer das hier veranstaltet hatte und warum. Ich war es gewesen und ich hatte mich töten wollen. Die Konsequenzen würden noch sicherlich folgen und ich fühlte mich jetzt schon gelähmt, wenn ich daran dachte. Rechtliche Folgen, Gespräche mit Maddies Vater, Gespräche mit Maddie. Ich wusste nicht, was auf mich zukam und deshalb hatte ich Angst. Ich wusste nicht, ob ich das Ertragen konnte.


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#168

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 28.07.2019 22:45
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ich bekam nicht mehr sonderlich viel mit. Mein Vater kündigte an, sich höchstpersönlich um Nate kümmern zu wollen. Ob das nun positiv oder negativ war, war die andere Sache. Ich wurde jedenfalls mit Priorität in das nächste Krankenhaus gefahren, da meine Verletzungen schwerwiegender als zuvor angenommen waren. Ich hatte unter anderem eine schwere Rauchentzündung und war kaum noch fähig, alleine zu atmen. Aus diesem Grund wurde ich dann auch in ein vorübergehendes künstliches Koma versetzt, damit ich weniger Schmerzen hatte und den Ärzten ihre Arbeit leichter fiel.
Mein Vater tauchte in Begleitung meines Bruders mehrere Stunden später im Krankenhaus auf, unterhielt sich aufgeregt mit den Ärzten und ging immer wieder an sein klingelndes Handy. Natürlich wusste ich bisher nichts von dem Gespräch zwischen meinem Vater und Nate. Wie denn auch? Vermutlich würde man es mir auch nicht erzählen, da ich erst einmal andere Sorgen hatte.
Mein künstliches Koma wurde nach weniger als einer Woche beendet und mir ging es den Umständen entsprechend gut. Inzwischen war meine Mutter auch in der Stadt angekommen und saß Tag und Nacht an meinem Krankenbett. "Maddie, Liebes...Was machst du denn für Sachen?", fragte sie mich und strich mir liebevoll die blonden Haare aus dem Gesicht. "Nate..was ist mit...Nate..", stieß ich mühsam hervor und blinzelte benommen gegen das plötzliche Licht an. "Schatz, du musst jetzt erst einmal gesund werden. Tu es dir zu liebe..und deinem Kind zu liebe.", versuchte meine Mutter mich zu beruhigen. Mein Kind. Das hatte ich schon fast vergessen. Die Schwangerschaft. Schwanger nach dem ersten Mal. Von Nate. Ich konnte es nach wie vor nicht wirklich fassen. Doch ich musste gerade einfach nur an meinen geliebten Nate denken. Ich hatte es versucht, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Doch es ging einfach nicht. Ich liebte ihn und musste es mir endlich eingestehen. Doch hatten wir überhaupt eine Zukunft. "Hat er Ärger bekommen?", hakte ich besorgt nach und blickte ängstlich in das Gesicht meiner Mutter. "Das soll dein Vater dir am besten erzählen. Er sollte bald kommen:"
Ich hatte mich mit meiner Mutter noch eine Weile unterhalten, bis sie sich verabschiedete und meinem Vater Platz machte. "Papa, bitte. Was ist mit Nate? Wie geht es ihm?", fragte ich panisch und blickte in das faltige Gesicht meines Vaters. "Maddie..durch den Vorfall in der Kirche wurde sein Urteil vorgezogen. Seine Hinrichtung ist in zwei Monaten...", beichtete mir mein Vater die schlechte Nachricht und ich verlor das letzte bisschen Farbe in meinem Gesicht. "Was?! Das kann nicht sein. Papa, bitte. Du musst das verhindern..Ich liebe ihn doch. Ich brauche ihn.", schluchzte ich und vergrub mein Gesicht in der Krankenhausdecke. Das konnte doch nicht sein. Ich wollte unser Kind nicht alleine großziehen.



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#169

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 09.11.2019 23:55
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Es war dem jungen Mann schwer gefallen, die ruß-verdreckte Hand seiner großen Liebe los zu lassen. Aber es war ihm auch bewusst, dass sie nur so eine gute Chance hatte, das man ihr schnell und kompetent helfen konnte. Ihr und ihrem Baby. Er konnte es immer noch nicht fassen. Er hatte anfangs gedacht, dass sie abtreiben würde, sie hatte den Kontakt abgebrochen, um sich auf ihre Prioritäten konzentrieren. Dann war sie nach ... dem Vorfall ... wieder da gewesen und er hatte sie in all seiner Verzweiflung von sich gestoßen. Für sie wäre es vermutlich eigentlich auch besser so gewesen, wenn sie sich daran gehalten hätte, nie wieder zu ihm zurückzukehren, nie wieder Kontakt zu suchen. Und doch hatte sie es geschafft, genau an dem Tag zum Gefängnis zu kommen, an dem er versuchte, sich von seinem eigenen Leid zu erlösen und hatte ihn gerettet. Er verstand nicht, wieso sie das getan hatte. Sie wäre viel besser dran gewesen, wenn sie es zugelassen hätte. Es hätte ihr vielleicht einmal Leid getan, ihr einmal doch wehgetan, weil sie dann verstand, dass sie ihn wirklich nie wieder bei sich haben konnte, aber sie hätte auch keine lange Zeit die ganze Zeit darauf hinarbeiten müssen, dass er dann irgendwann starb. Dieser Druck des Todes im Nacken hatte es doch nur komplizierter gemacht. Und nun hatte sie ihm die Möglichkeit genommen, dem zu entkommen. Wenn er nicht spontan gerade eine tödliche Allergie entwickelte, würde er vermutlich nicht wieder an eine Möglichkeit kommen, sich das Leben zu nehmen. Sie wussten jetzt, dass er suizidal war. Sie würden ihn nicht mehr aus den Augen lassen und sicher würde er auch nicht einfach abgeknallt werden, selbst wenn er es drauf anlegte. Außer er würde versuchen auszubrechen und bis auf die Mauer kommen. Da war Stacheldraht, der ihn stark verletzen konnte und dahinter war freies Gebiet, auf dem er abgeschossen werden konnte und musste.
Erst das Knallen der Fahrzeugtür des Krankenwagens holte ihn aus seinen düsteren Gedanken zurück und er blickte in das Gesicht von Maddies Vater. Selbst er hatte Spuren von Rauch und Ruß abbekommen und man sah seine Sorge durchaus in den tiefen Furchen seiner Sorgenfalten an der Stirn. "Komm mit, wir fahren hinterher", wies er mich an. Seine Stimme war kühl, aber nicht so aggressiv wie sonst. Die Sorge überschattete wahrscheinlich seinen Verstand oder er unterdrückte sehr gut das Wissen, dass ich Schuld daran war. Er winkte noch zwei Wachen heran. Einer blieb bei uns, legte mir Handschellen an, der andere machte einen Wagen startklar.
Einige Zeit später waren wir ebenfalls im Krankenhaus angekommen. Es war schon fast so bekannt, als wäre es meine zweite Gefängniszelle. Gefühlt kannte ich schon die Hälfte des Personals. Nach einer kurzen Einweisung verschwand Maddies Vater. Er suchte sicher nach seiner Tochter. Ich hingegen konnte dort nicht mit hin, sondern wurde selbst erst einmal untersucht und kam schließlich zur Beobachtung in ein Zimmer. Ich war dehydriert, meine Augen und Atemwege gereizt. Ich bekam daher Tropfen und bekam Sauerstoff über einen Schlauch an der Nase. Ich sollte zwei Tage bleiben, damit sie kontrollieren konnten, dass meine Atemwege nicht mit einer Entzündung oder Kollaps reagierten. Ich verbrachte die beiden Tage also schweigend und bewacht, ans Bett gekettet und fragte bei jeder Gelegenheit nach Maddie, doch ich erfuhr nichts. Sie wollten oder konnten mir nichts sagen. Und natürlich wurde mal wieder eine polizeiliche Befragung durchgeführt. Ich sollte erklären, was passiert war und wieso. Ich gestand die Wahrheit ohne mein Recht auf einen Anwalt in Anspruch zu nehmen. Ich hatte mein Vertrauen in diese Berufsgruppe schon lange verloren und glaubte eh nicht, dass es etwas gebracht hätte. Und dennoch war es scheinbar ein Fehler, denn mir wurde mitgeteilt, dass ein Eilverfahren eröffnet worden war.
Drei Tage später saß ich, nun doch mit Pflichtverteidiger, in einem Gerichtssaal, einige Reporter im Nacken. Mein Fall wurde noch einmal dargelegt und dann wurde herangezogen, was im Knast alles passiert war. Ich saß ja noch gar nicht so lange. Nicht einmal ein Jahr. Und ständig war um mich herum etwas passiert. Angriffe auf mich, Angriffe von mir auf andere, der Übergriff und nun auch noch die Gefährdung und fahrlässige schwere Körperverletzung, Brandstiftung. Der Staatsanwalt fand sehr harte Worte, scharfe Argumente dafür, dass ich eine Gefahr und Last für alle Beteiligten darstellte und beantragte ein sofortiges Einleiten des Hinrichtungsverfahrens. Ich wurde bleicher, je länger die Verhandlung andauerte. Ich hatte bis zum Plädoyer keine Ahnung gehabt, worum es ging und mein Pflichtverteidiger tat sich schwer, Argumente für mich zu finden. Als die Geschworenen sich beraten mussten, wippten meine Knie nervös auf und ab, die Kette meiner Handschellen klirrte leise bei jeder Bewegung. "Erheben Sie sich. Die Geschworenen sind zu einem Urteil gekommen", sprach der Gerichtsleiter. Ich stand brav auf, schluckte schwer, als die Jury ihr Urteil verlas. "Wir geben dem Antrag der Staatsanwalt statt. Das Verfahren soll unverzüglich eingeleitet werden. Der endgültige Termin zur Durchführung der Exekution liegt in exakt 6 Wochen", wurde verkündet. Während das Rumoren im Gericht laut wurde, der Richter zur Ruhe aufrief und das Urteil rechtskräftig sprach, sank ich auf meinen Stuhl zurück. Mein Kopf war wie leergefegt. Ich würde sterben. Fremdbestimmt durch den Staat. Ich wusste nicht, ob ich das gut fand, selbst wenn ich mich selbst versucht hatte zu töten. Ich hatte Maddie gesehen mit diesem unglaublich schönen Schwangerschaftsbauch und sie hatte mich trotz meiner bösen Worte gerettet. Kurz barg ich mein Gesicht in meinen Händen. Vielleicht saß ich doch auch ein wenig länger so dort. Denn erst als man mich auf die Beine zog und ansprach, folgte ich. Mit leerem Gesichtsausdruck folgte ich den Wachen durch die Gänge, dann raus aus dem Gebäude. Reporter brüllten Fragen, wie ich mich fühlte, was jetzt der Plan war, ob ich das gerechtfertigt fand. Und eine Reihe dahinter gab es doch tatsächlich Demonstranten, die gegen die Todesstrafe protestierten. Vermutlich aber nur generell und nicht wegen mir persönlich. Ich wurde von den Wachen zurück zum Fahrzeug gebracht und dieses fuhr uns dann zum Gefängnis zurück. Ich wurde direkt weitergeführt in den Sicherheitsbereich. Eine neue Zelle. Es dauerte keine zwei Minuten, bis ein Psychiater eintrat. Er erklärte mir in aller Ruhe, was jetzt auf mich zukam. Es würde stündlich nach mir gesehen werden. Es würden Berichte geschrieben werden von drei unabhängigen Psychiatern und einem Geistlichen. Einer in einer Woche, einer zwei Wochen darauf. Dann noch ein letzter drei Tage vor der Hinrichtung. Am letzten Tag vor der Hinrichtung kam ich dann in eine Überwachungszelle direkt neben der Hinrichtungszelle und dann kam der letzte Morgen. Da konnte ich dann Besuch empfangen, mich verabschieden bis zum Mittag. Und am Abend war es dann vorbei. "Hast du das alles verstanden?", fragte er mich schließlich. Langsam hob und senkte ich meinen Kopf. "Ja..", flüsterte ich brüchig. "Lassen Sie mich bitte allein", sagte ich dann. Ich wollte niemanden mehr bei mir haben. Wenn überhaupt wollte ich mich mit Maddie aussöhnen, aber ich wusste nicht einmal, wie es ihr ging, ob sie aus dem Krankenhaus raus war. Und vielleicht bereute sie sogar, dass sie mich gerettet hatte und würde mich nicht suchen kommen.


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#170

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 10.11.2019 14:25
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Mit zittrigen Händen hielt Maddie das Diplom in der Tasche, welches sie so eben erhalten hatte. Der Brand auf dem Gefängnisgelände lag nun schon einige Wochen zurück. Die junge Frau hatte sich überraschend gut erholt und auch dem Kind ging es gut. Obwohl sie sich nach Nate sehnte, hatte sie die letzten Wochen jeden Gedanken an ihn verdrängt. Stattdessen hatte Maddie Tag und Nacht in der Bibliothek gesessen und dicke Gesetzbücher auswendig gelernt. Vor wenigen Tagen war es dann so weit gewesen. Sie hatte als jüngste Absolventin der Geschichte ihr Juraexamen abgelegt. Die ganzen Wochen und Jahre harter Arbeit hatten sich also für sie gelohnt. Doch Maddie hatte sich nicht nur einfach so in ihr Studium noch mehr reingehängt als davor schon. Es gab einen Grund. Eigentlich sogar zwei Gründe. Der eine Grund befand sich in ihrem Bauch, den Maddie inzwischen nicht mehr verstecken konnte. In knapp drei Monaten würde es so weit sein und die junge Frau hatte beschlossen, ihre Tochter nicht alleine großziehen zu müssen. Den ersten Schritt dafür hatte Maddie nun gemacht. Ihr Blick fiel auf die Urkunde in ihren Händen und ein glückliches Lächeln zierte ihr Gesicht. Mit ihren knapp 20 Jahren war Maddie nun die jüngste Juristin, die es jemals gegeben hatte. Andere begannen in ihrem Alter gerade einmal ihr Studium. Maddie war komplett durch. Einer der Vorteile eines Fernstudiums. Wenn man es nur wollte, konnte man den ganzen Stoff innerhalb weniger Monate oder Jahre durcharbeiten, sämtliche Klausuren schreiben und dann das Examen schon frühzeitig absolvieren. In der Realität war das natürlich schwerer, doch irgendwie hatte es die Blondine dennoch geschafft. Stolz strich sie sich über ihren dicken Bauch, ehe sie die Urkunde beiseite legte. Neben dem ständigen Lernen hatte Maddie es irgendwie geschafft, das angebliche Vergewaltigungsopfer, wegen welcher Nate überhaupt im Knast gelandet war, ausfindig zu machen. Es hatte viele Stunden und zahlreiche Gespräche gedauert, bis das Mädchen schließlich zugegen hatte, dass Nathan ihr gar nicht hatte schaden wollen, sondern ihr sogar geholfen hatte. Mit dieser Aussage musste sich die Kleine nun nur noch an das Gericht wenden. Maddie's Plan war klar. In ihrem Kalender hatte sie den Tag der Hinrichtung rot eingekreist. Bisher hatte sie nichts unternehmen können, da sie weder Anwältin war noch eine beglaubigte Widerrufung der damaligen Aussage des Opfers hatte. Beides lag der jungen Frau nun vor und gab ihr die Möglichkeit, den Vater ihres Kindes zu retten. Seufzend schlüpfte die junge Frau aus ihren bequemen Sachen, welche sie gegen einen schwarzen Bleistiftrock, eine weiße Bluse, einen schwarzen Blazer und schwarze Pumps eintauschte. Abgesehen von den Schuhen war mittlerweile alles aus der Schwangerschaftabteilung, da Maddie definitiv nicht mehr in ihre normalen Klamotten passte. Doch damit hatte sie kein großes Problem. Maddie freute sich ungemein auf ihr Kind und für das vollkommene Glück fehlte nur noch der Kindesvater. Die blonden Haare band Madita sich zu einem strengen Dutt nach oben. Ein letzter Blick in den Spiegel und der griff nach ihrem Lippenstift machte es perfekt. Man sah Maddie kaum noch an, wie jung sie tatsächlich war und dass sie erst seit wenigen Sekunden legitimierte Juristin war. Mit einem sanften Lächeln schnappte sich die Blondine ihre Handtasche, in welcher sämtliche notwendigen Unterlagen waren. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie sich dringend beeilen musste, um pünktlich zu kommen. Die Hinrichtung sollte um Punkt 18 Uhr erfolgen, also in einer Stute. Seufzend eilte Maddie also in die Tiefgarage, startete den Motor ihres i8 und jagte den teuren Schlitten kurze Zeit später auch schon durch die Straßen der Stadt. Ob es in ihrem Zustand eine gute Idee war, viel zu schnell in einer so PS-starken Karre Richtung Gefängnis zu rasen? Vermutlich nicht. Doch Maddie hatte keine andere Wahl. So parkte sie das schwarze Auto nicht einmal auf dem Parkplatz, sondern hielt direkt vor dem großen Tor mit Stacheldraht an. "Miss Chateaubriand...was machen Sie denn hier? Sie sollten nicht hier sein...heute ist doch...", stotterte eine Wache mit einem kurzen Blick in Richtung Maddie's Bauch. "Keine Zeit. Öffnen Sie das verdammte Tor.", rief Maddie ihm hektisch zu und eilte dann auch schon über das Gelände in Richtung des Gebäudes, wo die Hinrichtungen statt fanden. Aufgrund des öffentlichen Interesses war auch die Hinrichtung Nathan's öffentlich. Bei dem Gedanken daran wurde Maddie schlecht - und diese Übelkeit lag definitiv nicht an ihrer Schwangerschaft. Es war einfach grotesk, einem Menschen beim Sterben zusehen zu wollen. Kurz warf die Blonde einen Blick auf ihre Armbanduhr. Fünf Minuten vor 18 Uhr. Nathan wurde wohl gerade schon auf der Liege befestigt und die Spritzen vorbereitet. Die junge Frau schluckte leicht und legte noch einmal einen Zahn zu, ehe sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich die Tür des Zuschauerraumes aufstieß und mit einem lauten "Stop! Sofort aufhören!" genau eine Minute vorm Ansetzen der Spritze die Aufmerksamkeit sämtlicher Anwesenden auf sich zog.



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#171

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 11.11.2019 17:46
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Er würde sterben. Es gab ein verdammtes festes Datum dafür, wann er sterben würde. Es war absurd und es war nicht richtig so. Ein Mensch sollte nicht wissen, wann und wie er sein Leben verlieren sollte. Die ersten Tage kamen ihm vor, als würden die Sekunden, Minuten und Stunden nur sehr zäh vergehen. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen, versuchte zu verstehen, was das bedeutete und überlegte, ob er noch eine Möglichkeit gab, dem zu entkommen. Aber de Prognose war doch durchaus düster. Er hatte immer nur miserable Pflichtverteidiger gehabt und es wäre schwierig nach einem Eilverfahren ein neues aufzuziehen. Es gab keine neuen Beweise, keine Zeugen und das Opfer hatte noch nie auf Anfragen zu einer erneuten Aussage reagiert. Dazu kam, dass der Fall weitgehend bekannt war und es dadurch wirklich sehr schwer war, unvoreingenommene Richter, Staatsanwälte oder Geschworene zu finden, die sich gegen das Urteil noch mal erheben wollten. Zuspruch gab es nur unter den Demonstranten. Sicher gab es viele, die durch die Meinungsmache der Medien gerechtfertigt fanden, dass der junge Mann sterben sollte, aber es gab exakt jede Woche nach der Verhandlung eine kleine Demo, bei der dann nach Menschenrechten und einer Erneuerung der alten Strafrechte verlangt wurde. Nathan konnte sie von seiner Zelle aus sehen, aber es konnte ihm nur ein müdes Lächeln entlocken. Ansonsten wurde es tagsüber aber auch nicht langweilig. Durch den Sicherheitstrakt hatte er keinen Kontakt mehr mit anderen Häftlingen, aber dafür bekam er stündlich den Besuch von Psychiatern. Sie redeten mit ihm , fragten nach seinem Befinden und versuchten ihm zu helfen. So wenige Wochen waren zwar nicht geeignet um all seine Probleme und Erlebnisse aufzuarbeiten, aber nach und nach wurde er etwas ruhiger. In der Ausweglosigkeit fand er nicht mehr nur die Verzweiflung. Keine Hoffnung und keinen Frieden, aber es ging im an sich einfach ein bisschen besser.
Dennoch belastete es ihn, dass er keinen Besuch empfangen durfte und das Maddie diese Regeln nicht brach. Es zermürbte ihn, nicht zu wissen, ob es ihr gut ging oder sie immer noch im Krankenhaus war. Ob sie ihn nur gerettet hatte, aber eigentlich doch nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Oder ob sie ihm seine schlimmen Worte doch verzeihen konnte. Und ihm einfach alles verzeihen konnte, was passiert war und was passieren würde. Sie hatte zum Glück ihre Familie, die sicher mit ihr zusammen ein wundervolles Kind großziehen würde. Aber Nate selbst würde es verpassen. Aber er musste sich auch keine Sorgen mehr machen. Er würde einschlafen und nicht mehr aufwachen. Doch bevor das geschehen würde, wollte er für alle, die er kannte, einen kleinen Abschluss finden. Er schrieb Abschiedsbriefe für seine Mutter und seine Schwester. Er entschuldigte sich dabei für den Vorfall im Krankenhaus, wünschte ihnen alles Gute. Außerdem schrieb er seiner Mutter, dass sie seine Schwester bitte nicht mitnehmen sollte zur Exekution. Sie war noch so jung und unschuldig, kannte ihn kaum. Sie sollte sich nicht damit belasten, ihn sterben zu sehen. Maddie schrieb er natürlich auch. Eine seitenlange Entschuldigung für all seine Fehler und eine Aufzählung seiner liebsten Momente mit ihr. Die Briefe an seine Familie ließ er schon vorher abgeben, der an Maddie sollte erst am besagten Tag vergeben werden.
An seinem letzten Abend kam er dann in das Gebäude, wo die Hinrichtung stattfand, in eine Zelle neben dem Hinrichtungskomplex. Er durfte fernsehen und Radio hören, wurde dabei von drei Wärtern dauernd bewacht. Zwischendurch plauderte er sogar mit ihnen. Er hatte es geschafft seinen Zorn und Abscheu abzulegen. Aber nervös war er nach wie vor. Die Nacht konnte er daher auch kaum schlafen. Wie denn auch. Morgen sollte alles vorbei sein. Und trotz all der vorbereitenden Gespräche hatte ihm ja niemand sagen können, wie es sein würde, tot zu sein. Der nächste Morgen war begleitet von Radiomusik, einem netten Frühstück. Und danach bekam er Besuch. Seine Mutter kam zusammen mit seiner Schwester, setzten sich außerhalb der vergitterten Zelle hin und beide sahen aus wie kurz vor den Tränen. "Ich hätte nicht unbedingt geglaubt, dass ihr mich noch einmal sprechen wollt", sagte der junge Mann leise nach einem Moment der Überraschung. Er zog seinen Stuhl zum Gitter, setzte sich dann vor die beiden und griff nach den beiden Händen, die sie ausstreckten. "Keine Be-", fing ein Wärter an, bekam aber einfach einen leichten Stoß mit dem Ellenbogen durch einen anderen, der Nate dann zunickte. Heute wurde also Milde walten gelassen. Ungefähr eine Stunde waren die beiden da. Nate ließ sie von ihren letzten Tagen berichten, lenkte das Thema immer wieder lieber von sich weg. Letztendlich ließ er sich noch einmal versprechen, dass seine kleine Schwester später nicht da sein würde. Dann kam der Priester noch einmal zu Besuch, eine ganze Weile war er dort. Nate war nach wie vor nicht gläubig, aber er wusste die Worte zu schätzen. Er ging, als er seine Henkersmahlzeit bekam. Er hatte sich etwas wünschen dürfen und er hatte sich das gewünscht, was er an seinem Abend des Freigangs mit Maddie gegessen hatte. Es war frisch und gut gemacht. Wenn er die Augen schloss, konnte er fast verdrängen, dass er nur noch wenige Stunden zu leben hatte.
Schließlich durfte er ein letztes Mal duschen. Er stellte sich vor, wie er alles Last von sich spülte, wie er ruhig und entspannt wurde. Selbstmeditation hatte er zwar kennengelernt, aber wirklich wirksam blieb es nicht. Langsam trocknete er sich dann ab, zog die frische Kleidung an, die ihm extra gegeben wurde. Dann nickte er den Wachen zu. Es war soweit. Und er war so bereit, wie es eben möglich war. In Handschellen wurde er dann schließlich aus der Zelle in den angrenzenden Trakt geführt, dann in die Hinrichtungszelle. Die Ärzte waren durch Hauben und Mundschutz anonymisiert, der ganze Raum war steril, hell beleuchtet. Es gab nur die Liege in der Mitte, die Schläuche, die aus der Wand kamen, darüber sah man durch das Fenster die drei Vorrichtungen mit den Flüssigkeiten, die ihm nacheinander automatisiert gespritzt werden würden und ein Mikrofon über der Liege für letzte Worte. Dann war da die verglaste Wand. Hinter den Scheiben lagen drei voneinander abgesonderte Bereiche, die alle mit einer Wache besetzt waren, der neben einem Telefon stand. Ein solches hing auch in der Hinrichtungszelle. Denn Kommunikation konnte nur darüber stattfinden, da die Räume schalldicht zueinander waren. Einer der Bereiche war für die Journalisten und Medienvertreter, einer für die Angehörigen des Hinzurichtenden und einer für die Angehörigen des Opfers. Nate ließ mit klopfendem Herzen seinen Blick schweifen. Der Raum der Journalisten war voll. Sie tuscheten untereinander, stritten nahezu. Als sie sahen, dass Nate auf die Liege zuschritt, wurden sie ganz still, starrten ihn als als würden sie ein Spektakel, ein letztes Aufbäumen erwarten. Sein Blick huschte zu den anderen beiden Räumen. Dann runzelte er die Stirn. In dem einem Raum saß seine Mutter, die anfing zu weinen, als sie seinen Blick auffing. Er schenkte ihr ein aufmunterndes tapferes Lächeln. Aber in der dritten Kammer, das war es was ihn so irritierte, war niemand. Dafür dass die Aussage des Opfers damals so harsch gewesen war, wunderte er sich, dass sie oder ihre Familie nicht hier waren um zuzusehen, wie er starb. Schließlich trat er an die Liege, schluckte schwer. Dann setzte er sich, lehnte sich zurück. Die Kälte des Materials jagte ihm einen Schauer über den Rücken.
Die Handschellen wurden abgenommen, dafür wurden seine Arme und Beine an der Liege fixiert. An seinen Daumen kam ein Klipp, der seine Herzfrequenz maß. Sein Puls war erstaunlich ruhig. Vermutlich weil er nun doch einfach aufgab. Er hoffte nur für Maddie das beste. Dann wurde der Venenzugang gelegt. Ihm wurde dann zugenickt. Er durfte seine letzten Worte veräußern. "Ich bin nicht das Monster, für das mich alle halten. Ich habe nicht getan, wofür man mich hier verurteilt", sagte er mit ruhiger Stimme. Ein letztes Mal wollte er seine Unschuld beteuern. Gerade als einer der Ärzte den Schalter betätigen wollte, sah Nate Maddie in einen der Räume stürmen. Ihr Bauch war rund, sie außer sich und hatte irgendwelche Zettel dabei. Der Wachmann des Raumes bremste sie aus. "Sind Sie in offizieller Funktion oder als seine Freundin hier?", fragte der Wachmann sie, auch wenn seine Hand schon Richtung Hörer wanderte. Sein Puls beschleunigte sich. Er konnte ihn nicht verstehen und auch nicht, was sie da machte. Aber allein die Tatsache, dass sie da war, machte ihn nervöse. Er hatte so sehr damit abgeschlossen, sie nicht nochmal zu sehen und eigentlich wollte er auch nicht unbedingt, dass sie ihn sterben sah. Aber ein kleiner Funke Hoffnung wurde entfacht, während sie da stand. Nur hielt der nicht lange für Nate, sondern wurde durch bleiernde Müdigkeit ersetzt. Solange die Ärzte kein Offizielles Stopp bekamen, fuhren sie fort. Was erst einmal bedeutete, dass ich nur ein Betäubungsmittel bekam. Die zweite Dosis wäre ein lähmendes Mittel, die dritte dann tödlich, weil die auch das Herz zum Erliegen brachte. "Maddie..", Nate versuchte die Augen offen zu halten um zu verstehen, was da vor sich ging. Ob sie ihn im letzten Moment doch retten konnte, doch das letzte was er am Rande hörte, war das Klingeln des Telefon, aber er war sich nicht sicher, ob es rechtzeitig war und ob er noch einmal aufwachen würde...


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#172

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 12.11.2019 13:52
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Maddie's strahlend blaue Augen richteten sich für einen Moment auf die Glasscheibe, hinter der die Ärzte bereits mit Nate beschäftigt waren. War sie etwa zu spät? Das durfte nicht sein. Schwer atmend presste sie sich die freie Hand an die Hüfte und starrte dann den Wachmann an, der sich ihr tatsächlich in den Weg stellte. Wer dachte er denn, zu sein? Ein verächtliches Schnauben verließ den Mund der schwangeren Blondine. "Erstens: Fassen Sie mich nie wieder an. Zweitens: Wissen Sie überhaupt, wer ich bin? Drittens: Ich bin in offizieller Funktion hier. Ich habe vor wenigen Minuten das Mandat für Nathan Cheers übernommen und vertrete ihn nun in allen rechtlichen Angelegenheiten.", erklärte Maddie mit lauter Stimme und schenkte dem Mann ein zufriedenes Lächeln, als dieser endlich zur Seite ging. "Dieser Mann wurde zu Unrecht zu seiner Haftstrafe und zu Tode verurteilt.", informierte sie alle Anwesenden aufgebracht und zog die Mappe aus ihrer Handtasche. [/b]"Ich konnte mit dem angeblichen Opfer sprechen. Sie hat sämtliche Anschuldigungen und Beschuldigungen gegenüber Mr Cheers zurückgezogen und ihre Aussage widerrufen. Ihre neue Aussage wurde vom obersten Gerichtshof unterzeichnet und für gültig erklärt. Nathan Cheers hat das Mädchen weder angegriffen, noch vergewaltigt. Als er am Tatort eintraf, war dies schon gesehen und er hatte ihr lediglich helfen wollen. Aufgrund der falschen Aussage der jungen Dame und seiner Vorgeschichte wurde er dann zu Unrecht verurteilt. Mr Cheers hat wahrlich einige Fehler in seinem Leben gemacht. Aber keiner davon rechtfertigt die Todesstrafe. Das Gericht hat das Urteil zurück gezogen und Nathan Cheers zu einem freien Mann erklärt."[/b], informierte Maddie alle Anwesenden und endlich reagierte jemand darauf, indem der Knopf der Sprechanlage gedrückt wurde. "Hören Sie auf."
Am liebsten hätte Maddie losgeweint, doch das ging gerade nicht. Stattdessen drückte sie dem Wachmann sämtliche Unterlagen in die Hand und eilte zu der Tür, die zu dem Raum führte, in welchem Nate inzwischen bereits das Betäubungsmittel gespritzt wurde. "Ihr verdammten Hurensöhne! Habt ihr nicht gehört?! Ihr sollt aufhören!", schrie Maddie außer sich vor Wut und war selbst leicht schockiert über ihre Ausdrucksweise. Ihre Hand drückte kurz auf den Knopf, der den Raum zum Zuschauerbereich hin verdeckte. Das musste nun wirklich niemand mehr mitbekommen. Immer noch wütend schlug sie einem der Ärzte die Spritze aus der Hand und stützte sich dann auf der Liege ab, auf welcher Nathan schon ziemlich benommen lag. "Nate, Liebling. Ich bin da. Es ist alles in Ordnung. Das Gericht hat dich für unschuldig erklärt und sämtliche Strafen fallen lassen. Du bist ein freier Mann. Du kannst mit mir nach Hause kommen und mit mir unsere Tochter großziehen.", murmelte die Blondine schluchzend und warme Tränen liefen über ihre Wangen. Der Vater ihres Kindes schien schon ziemlich unter dem Einfluss des Medikaments zu stehen, was dazu führte, dass Maddie ihm eine leichte Ohrfeige verpasste. "Hörst du mir zu, du Arsch? Du bist frei! Du musst nicht sterben! Du wirst dein Kind aufwachsen sehen!", schrie sie ihn lachend an und vergrub den Kopf an seiner Brust.



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#173

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 12.11.2019 16:21
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Nate glaubte wirklich, dass sein Leben nun vorbei war. Der Venenzugang, über den die Mittel gespritzt werden würden, drückte kalt in seinem Arm, die Riemen an Armen und Beinen fühlten sich schwer an und die Liege kalt. Es war kein Heldenhafter Abgang, aber er würde als Märtyrer sterben. Er hatte in all den Sitzungen mit den Psychiatern gelernt, seine Gefühle umzulenken, seinen Fokus anders zu setzen und Dinge aufzuarbeiten. Er wusste, dass die Situation für ihn ausweglos sein würde, aber seine Hoffnung galt der Zukunft. Sein Fall war öffentlich, man berichtete. Und irgendwann würde vielleicht eben doch der Tag kommen, an dem er nachwirkend begnadigt werden würde. Dann würde die Todesstrafe vielleicht erneut diskutiert worden und vielleicht sogar abgeschafft worden. Er konnte nachvollziehen, wie andere aufgrund der Gerüchte über Grausamkeiten oder einfach so aufgrund der Taten, die manche begingen, ihnen den Tod gönnten, nicht verstehen wollten, weshalb sie Steuergelder für solche Straftäter aufbringen sollten, damit derjenige im Knast überlebte. Aber Nate merkte am eigenen Leib, was das alles wirklich bedeutete. Was das Gefängnis mit einem machte, was die Todesstrafe mit einem machte. Nun würde er nur noch feststellen, was der Tod selbst mit ihm machte.
Eigentlich hatte er das beklemmende Gefühl, einsam zu sterben. Es guckten zwar ein Dutzend Medienleute zu und seine Mutter von ihnen abgesondert, und die Ärzte und Wächter waren da, aber das war etwas anderes. Aber als Maddie dort reinplatzte - passender Weise zu den Presseleuten - fühlte sich Nate nicht mehr so allein. Selbst wenn er nicht einmal verstand, was sie dort sagte und tat, für ihn war es wie ein letzter Beistand. Und er hatte einen letzten kleinen Funken Hoffnung, dass sie ihm zumindest verzieh. Er hätte sie gerne noch weiter beobachtet, doch seine Augen wurden so schwer. Ein müdes Lächeln lag auf seinen Lippen, als sein Kopf zur Seite kippte und er sein Bewusstsein verlor.
Den Streit nebenan bekam er nicht mit, auch nicht, wie Maddie in den Raum hineinstürmte. Aber sie hatte es geschafft. Die Ärzte entfernten sofort den Zugang, baten um Entschuldigung und lockerten die Fesseln leicht. "Er ist bisher nur betäubt. Es ist ein starkes Mittel, aber das wirkt nicht sehr lange. Er sollte gleich wieder zu sich kommen", erklärte einer der Männer. Dann traten die Männer in weiß zurück um ein bisschen Privatsphäre zu gönnen. Den Raum verließen sie aber nicht, da er ja immer noch beobachtet werden musste wegen der Betäubung. Wie in einem Traum hörte Nate Maddies Stimme auf einmal bei sich. War er schon tot? War das ein Traum? Er versuchte gegen die bleiernde Schwere anzukämpfen. Kurz öffneten sich seine Augen einen Spalt breit, wurden geblendet von dem weißen Licht. Dann fielen sie wieder zu. "...alles in Ordnung...unschuldig...freier Mann...Tochter" Dann ein brennender Schmerz an der Wange. Er brummte leise, runzelte die Stirn und zwang mühsam seine Augen wieder auf. Er musste dann an sich hinabsehen, da sie schon ihr Gesicht an seiner Brust vergrub. Es dauerte noch einen Moment, bis er ihre Worte alle nachvollziehen konnte. "Ich muss träumen... oder schon tot sein..", murmelte er. Er klang fast ein wenig wie betrunken. Weil er es aber auch merkte, räusperte er sich leicht. "Hast du... hast du Tochter gesagt? Ein Mädchen? Und ich..", langsam wurde er wieder etwas klarer im Kopf. Und wenn er sie richtig verstanden hatte, hatte sie wirklich gesagt, dass er sie aufwachsen sehen würde. Also hasste Maddie ihn nicht. Er ließ lächelnd seinen Kopf zurück auf die Liege fallen, streckte seine Arme im Rahmen seiner Fesseln aus. "Wenn ich frei bin, dann mach mich bitte los. Ich will dich in den Arm nehmen", sagte er dann, ein Schmunzeln in der Stimme. Er konnte immer noch nicht richtig glauben, was sie gesagt hatte. Aber er würde erst seine große Liebe in den Arm nehmen wollen, bevor er nachhakte, ob das wirklich gerade alles echt war.


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#174

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 12.11.2019 16:49
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ein sanftes Lächeln schlich sich in Maddie's verweintes Gesicht, als sich Nate endlich zu Wort meldete. Er klang noch ziemlich benommen, aber das spielte doch gar keine Rolle. Er lebte und das war die Hauptsache. Alles was zählte. "Wir bekommen eine Tochter.", wiederholte die frische Juristin erneut und schluchzte weiter. Bisher hatte sie niemandem das Geschlecht ihres Kindes verraten und auch Nate hätte es eigentlich noch nicht erfahren können. Doch in diesem Moment konnte Maddie einfach nicht anders. Der freudige Ton seiner Stimme sagte ihr, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Bei seiner Bitte nickte die Blondine sofort und richtete sich leicht auf, um mit zittrigen Fingern die Fesseln zu lösen, welche ihren Freund noch fixierten. Fluchend drehte sie sich dann zu einem der Ärzte, damit dieser diese Aufgabe übernahm. Maddie war dafür gerade einfach viel zu durcheinander. Endlich lösten sich die Bänder und Nathan war tatsächlich frei. Sofort fiel die junge Frau ihm wieder in die Arme und schluchzte vor sich hin. "Weißt du, was das heißt?", murmelte sie leise an seine Brust und schluckte. Sie hatte es tatsächlich geschafft. "Ich bin durch mit meinem Studium, Nate. Es tut mir so leid, dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe. Ich wollte, aber ich hatte einfach keine Zeit. Ich habe rund um die Uhr gelernt oder auf dein angebliches Opfer eingeredet...bis ich das Examen schreiben konnte und sie endlich die Wahrheit gesagt hat...", erzählte Maddie mit brüchiger Stimme. Sie war stolz auf das, was sie geleistet hatte. Das stand außer Frage. Doch ohne dem Wissen, dass ihr geliebter Nate sonst dem Tode geweiht war, hätte sie das niemals so durchgezogen. Genau in diesem Moment spürte sie die Bewegungen des Kindes in ihrem Bauch. Maddie lachte leise und richtete sich mit dem Oberkörper auf, nur um nach der Hand des jungen Mannes zu greifen, welche sie liebevoll drückte. Mit der freien Hand zog Maddie die weiße Bluse aus dem Rock, sodass ihr Bauch frei lag. Auf die nackte Haut legte sie dann seine Hand und flüsterte ein "Deine Tochter würde gerne hallo sagen.".
Langsam schien es Nate auch wieder besser zu gehen. Zum Glück ließ das Medikament schnell nach. Die Ärzte entfernten sich nun auch endlich aus dem Zimmer und ließen den Beiden ihre Ruhe. Maddie fiel in diesem Moment eine riesige Last von den Schultern. Sie hätte es sich nie verziehen, wenn Nathan heute tatsächlich gestorben wäre. "Ich liebe dich so sehr, Nate...", murmelte die Blondine immer wieder und bedeckte sein doch noch recht blasses Gesicht mit vielen Küssen. Am liebsten hätte Maddie ihn direkt gepackt, in ihr Auto gesetzt und mit in ihre Wohnung genommen. Doch es stand leider noch einiges an Papierkram an, bevor Nathan die Anlage tatsächlich als freier Mann verlassen durfte. Zwar freute sich Maddie unglaublich auf die anstehende Zeit, doch Bedenken hatte sie trotzdem. Sie war eigentlich noch viel zu jung für ein Kind. Zum Glück hatte ihre Familie genug Geld. Und wie würde es für Nate weitergehen? Sie hatte zwar ihren Juraabschluss, würde aber die nächsten Jahre nicht wirklich arbeiten können. Zwar waren alle Vorstrafen als Entschuldigung fallen gelassen, doch Nathan hatte durch seinen Fall eine traurige Berühmtheit erlangt. Würde ihn irgendjemand einstellen? Unsicher biss sich Maddie auf die Unterlippe und kuschelte sich wieder an Nate. Über solche Dinge konnte man sich auch noch in paar Tagen Gedanken machen.



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#175

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 13.11.2019 16:57
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Nate hatte natürlich häufig in seiner Zelle gesessen und darüber nachgegrübelt, wie es wohl wäre, hier rauszukommen und mit Maddie ein Leben zu führen. Wie es wäre, Vater zu sein. Meistens hatte er recht schnell wieder andere Gedanken gesucht. Er hatte sich nie die Hoffnungen machen wollen, die dann eh nie eintraten. Besonders nach den großen Streits, die sie hatten. Er hatte dennoch bis zum Schluss das Bild vom ersten Ultraschall behalten. Er hatte es so oft in der Hand gemacht, dass das Papier schon ganz weich und knitterig war, die Druckerfarbe teilweise abgegriffen. Die zwei Puzzlestücke, die er mal gemacht hatte, hatte er auch nie weggegeben. Er hatte sie nicht mit in die Hinrichtungszelle nehmen können. Aber irgendwo bewahrten sie die Kiste mit seiner persönlichen Habe auf und hätten sie am Ende vermutlich seiner Mutter überreicht. Und auf einmal hatte er doch all diese Möglichkeiten. Wenn er nicht so betäubt gewesen wäre, hätte er vielleicht kurz etwas Panik bekommen. Ihm wurde gerade auf einmal ein Leben geschenkt. Ganz plötzlich hatte er all das, was zuvor nur dumme Hoffnungen waren.
Er konnte kaum Abwarten, dass sie ihn endlich losmachte. Nur zitterten ihre Hände so sehr, dass ein Arzt zur Hilfe eilen musste. Schnell war er dann endlich befreit. Er setzte sich auf, auch wenn er sich ein wenig schummerig fühlte, schlang dann seine Arme um Maddie, als sie ihm wieder um den Hals fiel. Er zog sie fest an sich, lachte glücklich. "Eine Tochter..", wiederholte er immer noch etwas fassungslos. Tränen rannen über sein Gesicht. Tränen des Glücks und der Erleichterung. Bei ihrer Erklärung, weshalb sie nie da war, strich er ihr über den Rücken. "Es ist okay.. ich bin stolz auf dich", sagte er leise, drückte ihr dann einen Kuss auf das Haar. Er ließ ihr dann kurz etwas Abstand, als sie lachte und seine Hand griff. Er musterte sie, als sie ihre Bluse frei zupfte, dann wurden seine Augen groß, als sie seine Hand auf ihren Bauch legte. "Oh mein Gott", hauchte er leise, als er die kleinen Bewegungen spürte. Noch nie hatte er sich so glücklich gefühlt. Der schlimmste Tag seines Lebens wurde zum besten. Er bekam seine Mimik gar nicht mehr in den Griff, sie wechselte immer zwischen purer Faszination, einem liebevollen Lächeln und einem kleinen Lachen. Immer noch standen glückliche Tränen in seinen Augen. "Ich liebe dich auch Maddie. Es tut mir so leid, was du wegen mir durchmachen musstest, erwiderte er, während sie sein Gesicht küsste. Mit seiner zweiten Hand fing er kurz ihr Kinn ein um sie zu küssen. Liebevoll und innig. Als er sich löste, stand er auf. Er ging dann in die Knie, wofür seine noch recht wackeligen Meine auch ganz dankbar waren. Kurz blickte er zu Maddie hoch, ehe er vorsichtig sein Ohr an ihren Bauch legte. Er vermochte es kaum, zu atmen. "Ich kann den Herzschlag hören"; flüsterte er leise, während er dem leisen und hellen Tuckern lauschte. "Hey Kleines. Ich freu mich wahnsinnig darauf, dich kennen zu lernen", sagte dann, strich liebevoll über Maddies Bauch. Es war alles wie ein Traum. Ein Traum aus dem er nicht aufwachen wollen würde.


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