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in Unfair Justice | Dodo & Alex 15.01.2015 01:01
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Mein Leben war kein einfaches. Gefangen zwischen Drogenhandel und Drogenrausch. Das Mittelmaß zu finden war schwierig. Der, der mir die Drogen zum verkaufen gab, wollte natürlich auch daran verdienen, weshalb viel für ihn wieder absprang. Um mehr zu verdienen punchte ich das Zeug teilweise. Außer das, was ich für mich abzweigte natürlich. Ich mochte die Reinqualität, von der kaum jemand einen Schimmer hatte. Weiteren Gewinn drückte ich an die Gang ab. Man brauchte immer Geld in der Gemeinschaft. Zum einen um uns unseren Treffpunkt zu halten und auch um uns mal zu versorgen, das lief manchmal im Teamwork. Der Rest ging für Essen drauf und wenn es nicht reichte, wurde ein Laden eben auseinander genommen oder zumindest etwas gestohlen. Auch die Leute in der Einkaufspassage waren nicht sicher vor mir. Irgendwie musste ich mich doch finanzieren und versuch das mal ohne richtige Wohnadresse, mit einem langen Vorstrafenregister und ohne Schulabschluss. Es sei denn man wollte die Grundschule dazu zählen. Aber ich kam klar, ich hatte meine Leute und wir halfen uns gegenseitig. Und verteidigten uns gegen andere Banden.
Mit einer Bande hatten wir besonders viel Stress. Ich hatte mich ein paar mal gewagt bei ihnen Drogen zu verticken und sowieso stand die Grenze nicht so richtig fest. Zu oft liefen wir uns über den Weg und es gab zu viele Reibereien. Nachdem wir aus Versehen die Polizei mal aufmerksam gemacht hatten – wir hielten uns ja sonst auch fern von ihnen – standen wir richtig auf Kriegsfuß, weil sie sehr aufpassen mussten. Man konnte schon nicht mehr zählen, wie oft man sich inzwischen schon geprügelt hatte und mal fiel der Sieg zu uns, mal zu ihnen. Und nie gab jemand wirklich auf. Es hielt sich lange in diesem angespannten Verhältnis. Und dann kam der verhängnisvolle Tag. Zumindest für mich war er verhängnisvoll. Ich war damit beauftragt worden, Patrouille zu laufen um zu kontrollieren, ob die Ärsche die Füße still hielten oder nicht. Ich war ausgestattet mit Messer und Waffe, wie jeder, der hier im Ghetto unterwegs war. Es war schon fast nötig, nur um schon irgendwie zu überleben und nicht mutwillig angegriffen zu werden.
Als ich Geschrei einer Frau gehört hatte, war ich automatisch schon losgelaufen um zu sehen, was da los war. In einer Nebenstraße, klein und verdreckt, sah ich, wie zwei Kerle über ihr hingen. Sie kämpfte, hatte aber keine Chance. Der eine drückte sie nieder und hielt ihr den Mund zu, der andere verging sich an ihr. Bei mir brannte eine Sicherung durch. Ich war vielleicht ein Rüpel, schreckte nicht zurück auch Frauen zu bestehlen und wenn sie es verdient hatten, eine Ohrfeige zu verpassen, aber Vergewaltigung ging einfach gar nicht. „Hey! Runter von ihr, Drecksschwein!“, brüllte ich die Gasse entlang, rannte los um sie zu verjagen. Als sie mich bemerkten, schienen sie wie erstarrt, kein Wunder. Ich hatte sie erwischt und könnte sie verpfeifen. Und das Mädchen ebenso. Scheinbar wollten sie dem entgegenwirken. Einer der Kerle zückte sein Messer, stach auf das Mädchen ein. Fluchend rannte ich weiter, während sie vom Mädchen abließen und der Kerl sich die Hose wieder hochzog. Mit einem flüchtigen Blick auf das Mädchen konnte ich nicht sagen, ob sie noch lebte.
„Bleib stehen, Idiot. Du kannst sowieso nichts tun!“, drohte einer der Kerle. „Oh doch. Ihr werdet im Knast landen dafür“, knurrte ich, war dabei mein Handy zu zücken und den Notruf zu wählen. „Ich glaube nicht“, sagte der eine und ich machte mir eigentlich auf alles gefasst. „Hier, fang!“, forderte der Kerl mich auf, der das Mädchen erstochen hatte und ich sah nur etwas auf mich zu fliegen. Aus Reflex fing ich den Gegenstand auf, nur um dann zu bemerken, dass es das Messer war. Erstarrt sah ich die Kerle an, die lachend flohen. „Fuck“, fluchte ich, hörte eine Stimme aus meinem Handy, die sich lautstark beschwerte. Ich hob es an mein Ohr zuckte bei der Stimme zusammen, die mich anbrüllte, dass es nicht witzig und strafbar wäre, aus Spaß den Notruf zu wählen. „Nein. Es ist kein Scherz. Sorry. Hier wurde eine Frau vergewaltigt und niedergestochen. Ich weiß nicht, ob sie noch atmet. Schicken sie mal einen Notarzt“, murmelte ich, nannte noch schnell die Adresse, ehe ich auflegte ohne meinen Namen zu nennen, nach dem der Polizist noch fragte.
Dann ließ ich endlich mal das Messer fallen. Klirrend fiel es zu Boden, riss mich aus meinem Trancezustand. Ich steckte das Handy weg, kniete mich zu der Frau. Ihre Strumpfhose war zerfetzt, der Rock zerschnitten und bei einem gewagten Blick konnte man sagen, dass sie auch zwischen den Beinen blutete. Meine Miene wurde hart, während ich auf die Blutverschmierte Bluse sah. Ich lehnte mich über sie, lauschte auf ihren Atem. Es war nur ein Hauchen und auch ihr Puls war mehr als schwach, als ich ihn fühlte. „Komm Mädchen, du musst das überleben“, knurrte ich, wartete ungeduldig auf die Sirenen, zog mein Shirt aus um es auf die Wunden zu drücken. Irgendwann hörte sie auf zu atmen. Fluchend tastete ich nach ihrem Puls, der zum Erliegen gekommen war. Kurzerhand wollte ich sie reanimieren, während langsam die Sirenen näher kamen. Nachdem ich ihr Herz massiert hatte, so wie ich dachte, dass es richtig wäre, und mich an ihrem BH störte, weil es mir nicht praktisch vorkam, dass er ihren Brustkorb beengte. Ich riss also ihre Bluse auf, schnitt den BH auf. Dass das Mädel wieder bei Bewusstsein war, hatte ich nicht bemerkt. Ich handelte nur ohne zu denken. Also wollte ich sie auch beatmen, wobei sie sich dann aber zur Wehr setzte. Heftig biss sie mir in die Unterlippe, sodass ich mich fluchend zurück ziehen wollte, aber da wurde ich auch schon brutal im Nacken gepackt und zu Boden geworfen. Meine Arme wurden mir auf den Rücken gedreht, bis es schmerzte und das Klicken der Handschellen besiegelte mein Schicksal, auch wenn ich es da noch nicht wusste und mich nur herzhaft fluchend versuchte zu wehren, während mir der Blutgeschmack schwer auf der Zunge lag.

Ich wurde abgeführt, vermeintliche Beweise wurden gesammelt und man schaffte das Mädchen ins Krankenhaus. Ich wurde stundenlang in einem Verhörzimmer festgehalten, mit Handschellen gefesselt, also sogar unfähig irgendwas zu trinken. Irgendwann erbarmte sich scheinbar jemand und kam ins Verhörzimmer. „Da haben Sie aber ganz schön was angestellt, Nathan“, meinte er, legte meine Akte ab und setzte sich. „Sie sollten wohl besser einen Anwalt rufen“, meinte er und ich sah ihn nur sarkastisch an. Man hatte mir alles abgenommen. Meine Waffe und mein Handy. Und immer noch waren meine Hände auf meinem Rücken gefesselt. Ich zog demonstrativ die Schultern hoch, woraufhin der Polizist scheinbar beschämt auflachte, ehe er mir endlich die Handschellen abnahm. „Ich habe nichts getan“, meinte ich dann hart. „Heißt das, du möchtest deinen Anwalt nicht anrufen?“ fragte der Typ, las mir kurz meine Rechte vor. „Ich habe keinen und ich brauche keinen, ich habe nichts getan, außer versucht zu helfen“, meinte ich dann nachdrücklich.
Und dann begann das Verhör. Ich erläuterte, was vorgefallen war, aber es wurde nicht wirklich darauf eingegangen. Irgendwann kam jemand herein, berichtete, dass die Frau es wohl überstehen würde. „Gut, dann beschränkt sich die Anklage auf schwere Vergewaltigung und versuchten Mord“, meinte der Typ. Entgeistert sah ich ihn an. „Ich habe der Frau nichts getan, verdammt nochmal“, knurrte ich, woraufhin der Kerl mich mit einem Seufzen ansah. „Machen Sie sich nichts vor. Ihre Fingerabdrücke sind auf dem Messer, mit dem die Frau verletzt wurde. Sie haben ihre Bluse zerrissen und sie geküsst. Das konnten wir sehen“, meinte der Typ dann mit einem überlegenen Lächeln. „Und bei Ihrem Vorstrafenregister“, setzte er dann hinzu, zuckte mit den Schultern. „Okay.. ich will einen Anwalt“, meinte ich dann steif.
Und damit nahm das Drama seinen Lauf. Ich saß im Untersuchungshaft, aber die Ermittlungen wurden schnell eingestellt, denn immerhin dachten sie ja, sie hätten den Täter und gingen gar nicht auf die ganzen fehlenden Beweise. Mein Verteidiger dachte auch nicht wirklich mit. Er meinte, er versuchte das bestmögliche für mich herauszuschlagen, aber irgendwie tat er nichts. Die Befragungen vor der Jury waren so gestellt, dass ich keine Chance hatte. So fragten sie, ob ich das Messer in der Hand gehabt hatte und ich musste es bestätigen und durfte es aber nicht mehr erläutern. Man fragte mich, ob ich ihre Bluse und den BH kaputt gemacht hatte und ich musste es bestätigen und konnte es nicht erklären. Man ließ mir keine Chance und der Staatsanwalt war ein gerissener Fuchs, der die Jury davon überzeugen konnte, dass ich eine Gefahr für alle wäre, bei meinem Leben und Verhalten. Und er appellierte vor allem an die Frauen und schürte bei den Männern die Wut. Ich konnte zusehen, wie ihre Mienen immer härter wurden, wie sich Abscheu und Hass dort abzeichnete in ihren Gesichtern. Die schlimmsten Momente waren, als sie sich beraten gingen und wir auf das Urteil warteten. Meine Kehle war wie zugeschnürt, als sie mich ansahen und das Urteil verkündeten. Ich erhob mich, als ich dazu aufgefordert wurde, sah unsicher zu der Jury. „Aufgrund der Schwere des Verbrechens hat die Jury einstimmig entschieden: Der Angeklagte sollte eine Strafe von 5 Jahren Haft und im Anschluss die Todesstrafe erhalten“, verkündete einer der Jurymitglieder. Alle Farbe wich mir aus dem Gesicht. Von ihm sah ich zu meinem Verteidiger, der nicht einmal schockiert schien. „Sie elendiger Nichtsnutz! Sie lassen das zu?! Und das nennt sich Verteidigung?“, schnauzte ich den Kerl an, der neben mit bis eben entspannt seine Akten zusammen räumte. Aus purer Wut riss ich ihm die Akte aus der Hand, warf sie in den Raum. Die Bilder von den Verletzungen der Frau und vom Tatort verstreuten sich über dem Boden, während der Mann ängstlich zurück wich. „Ich bin unschuldig! Ich habe nichts getan!“, fluchte ich weiter, schlug auf den Tisch, schüttelte verzweifelt den Kopf. Ich hatte ein Todesurteil bekommen. Ich hatte vielleicht kein tolles Leben, aber ich wollte nicht sterben. Garantiert nicht. Als ich in Richtung der Jury ging um sie mir vorzuknöpfen, was auch immer ich hatte erreichen wollen, wurde ich von einem Sicherheitsbeamten gepackt und mir wurden mal wieder Handschellen angelegt, als wäre ich ein Schwerverbrecher. Dass der Richter das Urteil annahm und die Sitzung auflöste, nahm ich nur noch am Rande war, den Spott der Leute, als ich raus geführt wurde, zog an mir vorüber.

Noch am selben Tag hatte man mich in die große Vollzugsanstalt gebracht. Meine privaten Sachen musste ich wegschließen, ich wurde einer Leibesvisitation unterzogen und bekam die typische Gefängniskleidung. Ich fühlte mich unbehaglich in den Sachen, der lockeren Hose, den Schuhen, die Chucks glichen und dem einfachen Shirt und Hemd. Schön war anders. Ich bekam Wechselklamotten in die Hände gedrückt, die wieder vor meinem Körper in Ketten lagen und folgte dem Beamten durch die ausgestorbenen, tristen Gänge. Hinter mir hatte ich noch zwei Wächter und ich mochte es nicht, dass sie hinter mit gingen. Ich mochte die Ausweglosigkeit nicht. Ich wurde in einen weiteren Abschnitt geführt, der durch Gittertüren abgetrennt wurde, ein Zellentrakt. Entgegen des Klischees waren die Zellen mit schweren Türen verschlossen, allerdings gab es einen Türspion für die Überwachung der Gefangenen und eine Klappe, durch die wahrscheinlich das Essen gereicht wurde. Schließlich blieben wir stehen. Die Zellennummer stand an der Tür. Trakt A, Nummer 73 – wahrscheinlich sollte ich es mir merken. Ich wurde in die Zelle gebracht legte meine Sachen vorerst auf dem Tisch ab. „Hinknien“, forderte mich ein Wärter auf und widerwillig folgte ich dem Befehl. Die Handschellen wurden mir abgenommen und ich sollte auf den Knien bleiben, bis sie die Zelle verließen. Als das schwere Geräusch der ins Schloss fallenden Tür erklang, verließ mich meine Anspannung. Ich stand auf, während er Schlüssel sich im Schloss herum drehte. Ich war alleine in diesem kleinen Raum. Das Bett, auf dem die Bezüge noch lagen, stand direkt neben der Tür. Ein Tisch und ein Stuhl standen unter dem Fenster, das außen vergittert war. Ich warf einen kurzen Blick nach draußen. Meine Aussicht lag auf der Mauer, die mit oben mit Stacheldraht gesichert war. Wunderschöner Ausblick. An der anderen Wandseite stand ein Schrank. Wofür auch immer ich den brauchte mit meinen wenigen Wechselsachen. Seufzend wandte ich mich um. Hinter der Tür war eine halbhohe Mauer gezogen. Dahinter in der Ecke gab es eine Toilette und das Waschbecken über dem so ein Billigspiegel hing, der garantiert nicht aus Glas war. Na wenigstens war die Ecke diskret. Aber duschen würde man wohl woanders. Halleluja. Alle Klischees vom Seifeaufheben und Vergewaltigern, denen das selbe angetan wurde, liefen durch meinen Kopf. Ich würde eindeutig niemandem davon erzählen.
Ich legte schließlich meine Wechselkleidung in den Schrank und bezog dann das Bett. Und was nun? Langeweile pur, ich konnte nicht über mein Verbrechen nachdenken, ich hatte nur versucht zu helfen. Aber Zivilcourage war heutzutage einfach nicht mehr anerkannt und im Ghetto konnte es sowas ja nicht geben. Zwei Wochen hatte ich kaum Freigang. Vielleicht war das Regel für Neuankömmlinge. Ich hatte versucht einen neuen Anwalt zu bekommen, damit mein Fall nicht einfach beiseite gelegt wurde. Es zog sich und zerrte sich, während ich mich alleine durchschlug. Ich war nie eingewiesen worden, wie was wann funktionierte, aber ich lernte schnell. Frühstück gab es morgens um 6. Um sieben konnte man dann einer Arbeit oder Schule nachgehen, was für mich zunächst flach fiel. Um 12 gab es dann das Mittagessen, aber öffentlich in der Mensa. Ich war der typische Neuankömmling. Früh da und verdrückte mich in die letzte Ecke. Mein Tattoo verbarg ich zunächst unter den langärmligen Oberteilen und hielt mich von den Brechern von Kerlen fern. Recht schnell lernte ich Mick, Lester und Drake kennen, die sich meiner annahmen und sich nicht für meine Gang interessierten. Sie erklärten mir, wie es lief und von wem ich mich lieber fern halten sollte. Mit Lester kam ich schnell ins Gespräch wegen Drogen und er war fortan meine Quelle, auch wenn ich sie zunächst nicht zahlen konnte und so Schulden aufbaute. Aber es war ein Himmel. Ich hatte Koks im Überfluss und konnte mir so die Zeit schön schniefen. Bei Zellenkontrollen konnten sie es nicht finden, weil es in der Außenmauer in einer Lücke im Mörtel steckte. Von 13 bis 16 Uhr gab es wieder eine Arbeitsphase und danach war Freigang bis 18 Uhr, wo es in den Zellen wieder das Abendessen gab. Danach hatte man noch Freigang innerhalb des Gebäudes, konnte Sport machen oder anderen Freizeitangeboten nachgehen oder man konnte sich gegenseitig besuchen. Und ich hasste das. Ich war der Neue und wurde angegafft, geprüft und gereizt, aber ich hielt mich relativ gut zurück. Um 22 Uhr wurde man dann in seiner Zelle eingeschlossen und das Licht wurde ausgemacht. Nachtruhe.
Nachdem mein Versuch, Revision einzuleiten, scheiterte, überfiel mich der Frust. Ich passte mich der Gesellschaft hier drinnen an, fing an Leute zu provozieren und ließ mich auf Gefängniskämpfe ein während des Hofgangs. Es waren halbwegs faire Kämpfe, wenn es wirklich geplante war. Da wurde den Wachen auch mal Geld zugesteckt, das man ja mit Arbeit verdienen konnte, damit sie wegsahen. Meistens gingen sie ja auch ganz glimpflich aus. Richtige Prügeleien, die dann auch damit endeten, dass die Waffen mit Gummigeschossen drohten und sich alle auf den Boden legen mussten, kamen doch eher selten vor. Und meistens noch in der Mensa beim Mittagessen. Die großen bösen Jungs, von denen man wusste, dass sie echt harten Gangs angehörten und wirklich Macht im Untergrund besaßen, wollten halt von anderen das Essen abstauben. Hatten sie bei mir auch versucht und da hatte ich meinen ersten richtigen Kampf. Ich hatte nur essen wollen und dann kam dieser Kerl und zog an meinem Tablett. „Du hast doch keinen Hunger, oder?“, fragte er drohend und ich hob meinen Teller hoch, sodass er das Tablett ohne weiter ziehen konnte. „Doch“, knurrte ich nur, aß weiter, wenn auch angespannt. Der Kerl hatte seine Finger knacken lassen und auf meiner anderen Seite war ein weiterer Typ aufgetaucht. „Hast Recht. Das Essen hier ist eklig. Kannst es haben“, knurrte ich dann, warf den Teller nach ihm und tauchte unter dem Tisch unter. Die Tische waren mit den Sitzbänken verbunden, dennoch rollte ich mich darunter hervor auf der anderen Seite und hatte fliehen wollen. Denkst'e. Zu viele Anhänger. Ein Kerl, der garantiert doppelt so breit war wie ich, hatte sich mich gekrallt und dann ging die Prügelei los, vor der ich hatte fliehen wollen. So viel war mir zum Glück nicht passiert, weil die Wächter eingegriffen hatten. Wenn auch unwillig und nur weil die, die das Essen ausgaben, was gesagt hatten. Sie mochten mich nicht. Sie wussten, dass ich Drogen nahm und wussten nicht, woher ich es bekam und wo ich es versteckte. Sie wussten von meinem Urteil und hatten deshalb schon keinen Respekt für mich über. Ich hingegen sagte allen, dass ich unschuldig saß und man mir den versuchten Mord anhängen wollte. War ja auch Teil der Wahrheit.

Und nun war ich schon drei Monate hier. Ich hatte meinen 22sten Geburtstag hier gefeiert. Ganz schön armselig, aber gut, ich feierte sowieso nie Geburtstag. Draußen wurde Frühling, die Tage schöner und ich konnte nichts tun, außer mal über den Hof zu laufen. Inzwischen besuchte ich einen Handwerkkurs in der Schicht nach dem Mittagessen und war froh, wenigstens etwas tun zu können. Ich machte das noch nicht lange, noch nicht viel und schleifte bisher nur Holzflächen und -ecken ab und lernte den Umgang damit, aber es war besser als in der Zelle zu versauern. Die Schicht war gerade vorbei, der leichte Holzstaub hing mir noch an der Kleidung, den Händen und den Haaren, als der Hof freigegeben wurde, aber ich wollte nicht erst duschen gehen, weil das Wetter einfach gut war für März. Ich strömte also mit anderen nach draußen, setzte mich auf eine Bank und schob meine Ärmel hoch, weil die Sonne mich wärmte.
„Ey Panther“, rief jemand über den Hof, aber erst als ein Schatten auf mich fiel, sah ich auf und bemerkte, dass er mich meinte. Er griff einfach nach meinem Arm, ein wenig zu fest und besah sich mein Tattoo. „Tatsächlich, einer von den Luschen hat es scheinbar mal in größere Kriminalitäten geschafft“, spottete er, seine Bande lachte im Hintergrund. „Ich weiß nicht, ob ich das lächerlich oder interessant finden soll“, setzte er hinzu. Langsam stand ich auf. „Du sollst mich loslassen“, meinte ich schlicht. „Ooh, habt ihr das gehört? Er will nicht Händchen halten“, spottete der Kerl weiter, brach mir gefühlt fast das Handgelenk. „Bist du 'ne Schwuchtel oder warum willst du das?“, fragte ich dann süffisant lächelnd. Als sich ein paar andere doch einen kleinen Lacher gönnten, fühlte er sich scheinbar angegriffen. „Nimm das zurück. Sonst begleich ich meine Rechnung mit dir“, grollte der Typ mich an. „Nimm DAS“, ich deutete auf seine Hand, „zurück, sonst wisch ich den Boden mit dir“, erwiderte ich hart. Ich konnte in seinen Augen sehen, dass er zuschlagen wollte und kam ihm zuvor. Ich riss meinen rechten Ellenbogen hoch, schlug ihm den von unten gegen das Kinn und packte dann seinen Daumen und verdrehte ihn mit einem Ruck, sodass er mich automatisch los ließ. Jaulend taumelte er einen Schritt, bewegte seinen Kiefer. „Schnappt euch die Dreckssau!“, fauchte er dann, starrte auf seinen ausgerenkten Daumen. Niemand hatte je behauptet, ich wäre fair beim Kämpfen. Dennoch schien es mir nicht gerade gerecht, als er seine Horde auf mich los schickte. Sieben Kerle kamen auf mich zu. Der erste rannte direkt in meinen Fuß, der ihn auf Magenhöhe empfing. Die Wächter drehten sich demonstrativ weg und wollten nichts sehen oder hören. Dafür, dass ich es mit acht Kerlen zu tun hatte, schlug ich mich anfangs ganz wacker. Ich war gerissen und strategisch. Dann blockte ich halt erst einen Schlag und nutzte es dann zu kontern. Ich trat dem einen die Kniekehle weg, einen nächsten ließ ich ins Leere laufen. Aber dann stellten sie sich langsam auf mich ein. Sie kreisten mich förmlich ein. Wollte ich den einen abwehren, riss mich ein anderer herum. Sie spielten mit mir, traten mich, stießen mich, schlugen mich. Ich tat mich schwer damit zu kontern, wenn so viele auf einen einstürmten. Immer weniger konnte ich ausrichten, während ihre Schläge trafen. Bei einem deftigen Schlag ins Gesicht, taumelte ich. Blut strömte mir aus der Nase, meine Lippe war wieder aufgeplatzt. Bevor ich aber fallen konnte, packte mich jemand, würgte mich, hielt mich, während sie auf mich einschlugen, wo ich doch schon nahezu wehrlos war. Ein weiterer Schlag traf mich hart, das würde ein blaues Auge geben. Endlich schaffte ich es, den Kerl loszuwerden, der mich festhielt, indem ich ihm die Ferse zwischen die Beine rammte. Ich fiel zu Boden, keuchend. Ich wollte mich wieder aufstützen um nicht in der Position zu bleiben, aber sie begannen bereits auf mich einzutreten. Ich versuchte nur noch, meinen Kopf zu schützen und rollte mich leicht zusammen. Ein Tritt, der meine Stirn erwischte, riss eine weitere Platzwunde und sorgte für Schwindel. Ich hoffte einfach, dass es gleich vorbei war, weil er mich in Ohnmacht trat oder dass die scheiß Wachen doch endlich mal eingriffen. Aber wie groß war schon die Chance.



zuletzt bearbeitet 27.11.2018 10:54 | nach oben springen

#2

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 15.01.2015 17:27
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ich hatte schon immer ein angenehmes Leben geführt. Zur Welt kam ich in Frankreich nahe Nizza als zweites Kind meiner Eltern. Vier Jahre vor mir hatte bereits mein Bruder Dylan das Licht der Welt erblickt. Heute war der 22-Jährige mit einer eigenen Sicherheitsfirma selbstständig. Wir standen uns nicht allzu nahe, da er nach der Scheidung unserer Eltern mit unserem Vater in dessen Heimat Amerika gezogen war, während ich bei Maman in Frankreich lebte. Damals war ich fünf Jahre alt gewesen und die Trennung meiner Eltern hatte mich kaum getroffen, da ich ein richtiges Mamakind gewesen war. So saß ich also nur jedes zweite Wochenende im Flieger nach Phoenix, während Dylan zeitgleich zu unserer Mutter flog. Die Ferien hatten wir gemeinsam jeweils zur Hälfte bei einem Elternteil, bis Dylan ich mit 14 Jahren zu alt gefühlt hatte. Meine Mutter war Reporterin, daher ständig irgendwo unterwegs. Diesem Beruf verdankte ich es unter anderem, dank der internationalen Nannys mehrere Sprachen zu beherrschen. Doch nach der Grundschule beschloss ich mit meiner Mutter, meine schulische Laufbahn in der Schweiz fortzusetzen. In den Sommerferien flogen wir also in das mit fremde Land und sahen uns schicke Eliteinternate für Mädchen an. Unsere Wahl fiel auf ein Anwesen in Luzern und ich hatte es nicht bereut, mich dafür entschieden zu haben. Die monatlichen Kosten von 7.600 Euro, beziehungsweise umgerechnet in Schweizer Franken, teilten sich meine Eltern fair. Und während Maman weiterhin durch die Welt reiste und mein Vater die höchstmögliche Position im Gefängnis erreichte, baute ich mir den Grundstein meiner Zukunft. Nachhilfe hatte ich stets nur gegeben, statt genommen. Und trotz meiner strikten Einserschreiberei war ich schnell auf der Beliebtheitsliste ganz nach oben geklettert, bis ich letztendlich im vergangenen Juli mein 1,0er Abi in der Tasche gehabt hatte. Doch dieses Mal war mein Ziel nicht meine gewohnte Heimat in der schicken Wohnung in der kleinen Gemeinde nahe Nizza. Ich hatte mich schon vor knapp zwei Jahren dazu entschieden, Jura zu studieren. Nicht, weil ich mit meinem Schnitt überall angenommen wurde oder ich viel Geld verdienen wollte. Meine Entscheidung rührte eher daher, dass ich später gerne den Leuten helfen wollte, die sich keine richtigen Anwälte leisten konnten. Für mich spielte Geld nach wie vor keine Rolle. Ich lebte bescheiden und hatte nur selten große Summen ausgegeben. Meine teuerste Anschaffung war wohl letztendlich mein Auto gewesen. Ansonsten hatte ich die Jahre über Geldgeschenke auf meinem Konto abgelegt und jahrelang die Zinsen dafür bekommen. So einfach ging das. Außerdem hatten meine Eltern für uns Kinder je ein Konto angelegt, als wir zur Welt gekommen waren. Dylan hatte sein Geld zum Aufbau seiner Firma genutzt und wahrscheinlich auch verbraucht, wobei er heute genug Einkommen hatte und nicht mehr darauf angewiesen war. Ich selbst hatte dieses Konto noch nie angerührt, da ich die erhebliche Menge an Geld nie gebraucht hatte. Für was denn auch? Neben dem monatlichen Taschengeld meiner Eltern, welches sehr großzügig angesetzt war, hatte ich als begeisterte Reiterin am Internatsgestüt, wo auch mein Pferd jahrelang gestanden hatte, Reitunterricht gegeben. Zusätzlich war ich seit meinem 16. Lebensjahr jedes Wochenende für einige Stunden am Tag in einem kleinen Café als Kellnerin aktiv gewesen. Da war monatlich dann schon was zusammen gekommen und letztendlich hatte es mir voll und ganz gereicht. Entschieden hatte ich mich dann auch tatsächlich dazu, mein Studium in Phoenix durchzuführen. Mit meinem Vater war schnell alles geklärt und meine Mutter verstand es vollkommen, da sie nach wie vor viel unterwegs war. Meinem Bruder war es eigentlich relativ egal, er lebte zwar ebenfalls noch in der Villa unseres Vaters in dem noblen Stadtteil, war aber sowohl tagsüber wie auch nachts meistens unterwegs. Was er so trieb? Ich wusste es nicht und wollte es auch wahrscheinlich gar nicht wissen. Er war alt genug, um selbst zu entscheiden. Dass sahen unsere Eltern auch so. Ende. Sogar ich entschied schon lange ganz alleine, was ich wollte und was nicht. So einfach war das. Ich wollte Jura studieren, zog dafür zu meinem Vater und hatte sogar schon einen Nebenjob gehabt, bevor ich überhaupt in Amerika angekommen war. Die Ferien nach meinem Schulabschluss hatte ich zum Teil in Lloret de Mar mit meinen Mädels verbracht, dann hatten meine Maman und ich einen Mutter-Tochter-Urlaub in einem Wellnesshotel in Deutschland gemacht und nach wenigen Tagen Aufenthalt in Frankreich war ich dann in den Flieger nach Phoenix gestiegen. Und nun lebte ich hier seit etwa einem Monat. Seit einem Monat studierte ich brav an der Universität, schlug mich gut und nebenbei jobbte ich im Gefängnis. Vielleicht war das kein passender Nebenjob für ein zierliches Mädchen, doch ich hatte ja nicht umsonst jahrelang Kampfsportarten betrieben. Bisher hatte mein Vater mir allerdings untersagt, in die langen Trakts der Gefangenen zu gehen. Büroarbeit hier, Küchenarbeit dort. Eigentlich nicht besonders spannend, aber das Geld konnte ich gut gebrauchen. Es waren schließlich 500 Dollar im Monat, die ich als Studentin gut brauchen konnte. Denn auf die Hilfe meiner Eltern war ich gewiss nicht angewiesen. Wollte ich auch gar nicht sein. Seit knapp einer Woche durfte ich inzwischen aber auch auf Tuchfühlung mit den Gefangenen gehen. Zumindest mit denen, die nicht allzu gefährlich waren. Mein Vater hatte schnell gemerkt, dass ich mit meiner sensiblen und feinfühligen Art einen engen Draht zu den störrischen Böcken hier aufbauen konnte. Immer wieder mal saß ich in einem der Besucherräume gegenüber von einem der Gefangenen und sprach ein wenig mit ihm. Auch wenn vor allem die Wächter der Meinung waren, dass man den Gefangenen nicht so eine Behandlung zu kommen lassen sollte. Mittlerweile war leider auch der frühe Winter ins Land gezogen und ich vermisste den warmen Sommer schon jetzt. Hier im Knast trug ich natürlich weder die Klamotten der Insassen, noch die strengen Uniformen der Angestellten. Solange ich nicht zu viel zeigte, gingen meine privaten Klamotten durchaus klar. Und das ich an einem Ort, wo sich kaum eine Frau aufhielt, die Männer fast nur Schränke waren und es Vergewaltiger gab, nicht in High Heels und Minikleid aufkreuzte, war wohl logisch. Ich war gerade erst von der Uni mit meinem Wagen zum Gefängnis gefahren und befand mich nun auf meinen Streifgängen durch de Gänge. Mein Outfit war demnach auch recht schlicht und im Gesicht trug ich nur etwas Wimperntusche und Lipgloss. Die blonden Haare fielen mir in sanften Wellen über den Rücken, doch der Wind brachte sie immer wieder mal durcheinander. Erschrocken sah ich von meinem Handy auf, als ich aus der Umgebung deutliche Anzeichen einer Schlägerei hörte. Schlägereien gab es an diesem Ort wirklich täglich und das schlimmste daran war, dass es die Angestellten nicht interessierte. Ganz im Gegenteil. Sie ließen sich gerne mal mit Geld bestechen, sahen einfach weg oder machten schlimmstenfalls auch noch mit. Hier ging es gewiss nicht mit rechten Dingen zu. Aber so war Amerika nun mal. Hier gab es auch noch die Todesstrafe. Leider. Ich hielt davon rein gar nichts und wenn ich manchmal mitbekam, wie die Insassen gefoltert wurden, überkam mich stets ein kalter Schauer. Mein Vater wollte von meinen Zweifeln nichts hören. Er hatte damit nichts zu tun und fertig. Wir hatten nach wie vor kein enges Verhältnis und ich nannte ihn auch nie Papa, sondern einfach nur Matthew oder Matt. Wobei ich meine Maman auch häufig mal mit Vornamen ansprach. Mit großen Schritten lief ich also die Gänge entlang und folgte den Geräuschen, bis ich auf den großen Hof hinaus trat und einigen Bullen kurz zu nickte. Die Angestellten kannten mich alle und ich hatte wirklich Narrenfreiheit. Niemand wollte sich mit der Tochter des Chefs anlegen. Ich ließ meine Unitasche neben der schweren Tür zu Boden sinken und rannte dann auch schon auf die kleine Gruppe zu, welche sich um einen jungen Mann aufgestellt hatte. Bestimmt schob ich mir zwei Finger zwischen die Lippen und stieß einen schrillen Pfiff aus. "Ey! Was soll das? Aufhören! Sofort.", schrie ich die Kerle wütend an und verscheuchte sie mit Handbewegungen. Auch wenn ich nur wenige der etwa 300 Insassen kannte, jeder kannte mich. Die liebevolle und dennoch dominante Tochter des Leiters war eben bekannt wie ein bunter Hund. Aufgebracht sah ich den Männern nach und ging dann neben dem Verletzten in die Hocke. "Ach herrje.", murmelte ich besorgt und begutachtete die zahlreichen Wunden. Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen zog ich den jungen Mann dann hilfsbereit auf die Beine, griff nach seiner Hand und lief los in Richtung Tür. Der Arme musste ja schließlich verarztet werden. "Maddie? Was wird das? Du kannst doch nicht einfach mit einem Verbrecher rumlaufen.", zischte einer der Wachmänner und stellte sich vor die Tür. "Er ist verletzt.", knurrte ich nur genervt, griff mit der freien Hand nach meiner Tasche und lächelte zufrieden, als der Mann nachgab. Auf Handschellen bestanden die Wachmänner jedoch dennoch. Nachdem einer der Männer den so genannten Verbrecher außer Gefecht gesetzt hatten, lief ich vor ihm langsam zu einem Sanitätsraum. Die Tür lehnte ich hinter uns nur an, ehe ich den Mann bestimmt auf die Liege drückte und in dem Schrank einen erste Hilfe Kasten suchte. "Wie heißt du?", fragte ich mit ruhiger Stimme und stellte den Kasten auf einem kleinen Tisch ab. Anschließend tränkte ich ein Wattepad mit Desinfektionsmittel und tupfte damit dann vorsichtig die blutenden Wunden ab.


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RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 16.01.2015 23:56
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Als der laute Pfiff über den Hof schallte, zuckte ich leicht zusammen. Er klingelte in meinen Ohren und meinem brummenden Schädel nach. Die Tritte ließen nach und ich stöhnte leise auf, als der Schmerz ein wenig nachzog und überall pochte. Mit einem Fluch trat der Anführer mir noch einmal in den Magen. Keuchend drehte ich mich auf den Rücken, unterdrückte den Würgereiz, weil mein Magen wegen des Trittes so rebellierte. Der Boden war kalt unter meinem Rücken, aber das interessierte mich wenig. Vielleicht half es sogar ein bisschen, weil die Kerle ja überall hingetreten hatten und die Kühle ein wenig die Schmerzen linderte. Ich konnte nur mit Bestimmtheit sagen, dass ich mich die nächsten Tage wohl kaum bewegen könnte, weil meine Muskeln das nicht so witzig fanden, so behandelt zu werden, aber das war auch nicht dramatisch. Ich würde es überstehen, auch wenn ich mich im Moment nicht so wirklich danach fühlte. Ich blieb einfach liegen und starrte gen Himmel, hob vorsichtig eine Hand und befühlte mein Auge, das garantiert ein Veilchen bekommen würde. Ich ließ meine Hand wieder zu Boden sinken, als ein neuer Schatten über mir auftauchte. Ich blickte nach oben, in das mir fremde, weibliche Gesicht. Gott, seit mehr als drei Monaten war es das erste hübsche Gesicht, das ich sah. Wenn an der Kantine überhaupt Frauen arbeiteten, waren das harte, raue, dicke alte Frauen, die man nicht länger als nötig musterte. Aber die waren auch mit heißen Kellen mit sonstwas für Essen bewaffnet. Ich hatte eine gute Vorstellung davon, wer sie war. Immerhin war sie wirklich das einzige Mädel und dann noch hübsch. Da wurde sowieso über sie geredet, wie über ein Weltwunder. Und erst recht, weil sie die Tochter des Leiters vom Gefängnis war. Na wenn sie wüsste, was für Pläne in den Reihen geschmiedet wurden, ihn durch sie fertig zu machen, indem man sie zusammenschlug, verstümmelte, vergewaltigte oder sonst was anstellte. Aber hey, ich saß ja auch im Trakt der harten Jungs, da waren solche Sprüche Alltag. Bei all der insgeheimen Bedrohungen, so wurde sie doch auch respektiert, weil man verlauten ließ, dass sie sich wehren konnte und zudem tanzten die Wachen nach ihrer Pfeife. Und niemand wollte Stress mit den Wachen. Niemand. Bisher hatten sie mich noch nicht all zu schlimm aufs Korn genommen, aber in der letzten Zeit schien ich leider unangenehm aufzufallen. Das Abendessen, das ja in den Zellen eingenommen wurde, wurde mir deshalb schon mal einfach nicht gebracht. Konnte ich aber mit leben, wenn ich mal bedachte, wie fertig manche Kerle waren, nachdem sie von Wachen aus einer Streitsituation rausgeführt wurden und erst nach längerer Zeit wieder gesichtet wurden.
Ich biss die Zähne zusammen, als ich mich aufstützte und mit ihrer Hilfe schließlich aufstand. Ich schwankte kurz, stand leicht gekrümmt, weil mein Bauch sich noch nicht wieder entspannt hatte und taumelte dem Mädchen nach, das mich einfach hinter sich herzog. Ich wusste nicht unbedingt, ob das so die gute Idee war, mir so offensichtlich helfen zu lassen, weil ich dann wahrscheinlich verarscht werden würde von hinten bis vorne, weil ich ja so schwach war. Aber hey, ich durfte das heute mal, weil ich wahrscheinlich einen Schuhabdruck an der Stirn hatte. Gott was würde ich jetzt für zwei kleine weiße Linien tun. Wobei das ordentlich zwiebeln würde, weil ich Nasenbluten hatte. Aber hey, wahrscheinlich wirkte es dann schneller. Ich konnte es nur vergessen, weil die Kleine mich hinter sich her zog. Als sich ein Wächter uns in den Weg stellte und ich seinen Tonfall bemerkte, seufzte ich leider, versuchte mich ihrem Griff zu entwinden, während ich mir versuchte einzuprägen, dass sie scheinbar Maddie hieß. Ob es wohl ein Spitzname war? Irgendwie ließ die Kleine mich nicht los, aber ich wollte mich auch nicht ruckartig ihr entreißen, weil der Wachmann da stand und das vielleicht als Angriff auf sie sah und mir dann noch mit dem Knüppel eins drüber ziehen würde. Oder mit dem Elektroschocker. Man konnte nie wissen, aber keines von allen Möglichkeiten könnte ich gebrauchen.
Mein Schwindel ließ ein wenig nach, als wir kurz standen, weil sie ihre Tasche aufsammelte und der Kerl darauf bestand mir wieder Handschellen anzulegen. Ein wenig zu hart ließ er sie einrasten, aber ich beschwerte mich nicht darüber. Ich war es inzwischen gewohnt und war nur erstaunt, dass man es meinen Handgelenken nicht so sehr ansah. Ich ließ es einfach über mich ergehen, folgte ihr dann ohne irgendein Wort. Patrouillierende Wachen beobachteten uns mit Argwohn, die Hand immer an ihrer Ausrüstung. Weil ich ja auch so böse war und in Handschellen die Kleine überwältigen würde, hm? Als sie mich zur und auf die Liege dirigierte, seufzte ich leise, setzte mich und beobachtete sie. Wahrscheinlich hatte ich es ganz gut mit ihr getroffen, weil ich von den Wachen nur auf mein Zimmer gesperrt werden würde und dann konnte ich mir da nur das Gesicht waschen und das war es dann. Als sie mich fragte, wie ich hieß, seufzte ich leise. "Willst du das wirklich wissen und dann deinen Daddy fragen, was mich ausmacht?"; fragte ich trocken, biss die Zähne zusammen, als sie meine Wunden versorgte und entspannte nur langsam wieder meine Kiefer. "Nathan Cheers. Zellentrakt A, Zelle 73", klärte ich sie dann monoton auf. Ich wollte meine Arme verschränken, konnte es aber leider ja nicht. Nur das Klirren der Handschellen verriet, dass ich mich hatte bewegen wollen, aber ich tarnte es, indem ich meine Schultern etwas lockerte. Ich hoffte nur, dass sie nicht fragte, warum ich in der Ecke der bösen Jungs saß. Sie würde nicht glauben, dass ich unschuldig wäre und Frauen reagierten immer negativ auf Vergewaltiger. Und ich wollte doch nicht, dass sie mir das Desinfektionsmittel in die Augen jagte oder sowas.


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#4

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 17.01.2015 17:43
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ich hatte wirklich keinerlei Verständnis für die Dinge, die sich in diesen Mauern abspielten. Von außen sah das Gefängnis, welches etwas abseits von Phoenix lag, wie jedes andere auch aus. Doch außerhalb wusste auch kaum jemand, was hinter den Mauern ereignete. Eine Flucht aus diesem Gefängnis war nicht möglich. Die innerste Eingrenzung bestand aus einem etwa drei Meter hohen Stachelzaun. Dann ein Stück Wiese und anschließend die erste Mauer. Ein Meter dick, vier Meter hoch. Und oben auf der Mauer noch einmal ein Stacheldrahtzaun, welcher unter Strom stand. Und wenn man tatsächlich auch dieses Hindernis überwunden hatte, stand man auf einem Brachlandstück, welches es in sich hatte. Zum einen waren überall Auslöser für automatische Schussanlagen versteckt. Zum anderen waren unter der Wiese kleine Zellen versteckt und der Boden darüber stürzte gerne mal ein. Und zu guter Letzt befand sich auf diesem Stückchen Brachland auch noch der Hundezwinger. Sprich: Über 50 perfekt ausgebildete Polizeihunde, die jeden Fremden sofort angriffen und schlimmstenfalls sogar töteten. Nach diesem Horrortrip gelangte man zuerst zu einem tosenden Fluss, welcher das gesamte Gefängnisgelände umgab. Viele der Insassen konnten nicht schwimmen und die weitere Mauer mit Stacheldrahtzaun und Strom machte es zum Schluss wirklich unmöglich, zu fliehen. Wobei ich es durchaus verstanden hätte, wenn jemand es wenigstens versuchte. Wahrscheinlich hätte ich dem ein oder anderen sogar bei der Flucht geholfen. Allerdings erkundigte ich mich auch nie über die Personen in ihren Akten. Sicherlich saßen hier manche Männer zurecht ab. Todesstrafe mal außer acht gelassen. Von der war ich nämlich nach wie vor kein Fan. Absolut nicht. Doch ich war mir bewusst, dass es genügend Gefangene gab, die zu Unrecht saßen. Aber was sollte man machen. Die meisten hier kamen aus den Ghettos und hatten kein Geld. Gute Anwälte konnten sie sich nicht leisten und die eingeteilten Pflichtverteidiger kümmerten sich kaum um sie. Und außerdem war es wahrscheinlich manchen noch lieber, hier zu sitzen. Ein Dach über den Kopf, Beschäftigungsmöglichkeiten, freie Kost und außer ein paar Prügeleien keine Probleme. Doch hin und wieder kam es doch mal vor, dass sich eine Bande auf einen einzelnen Kerl warf. So wie es jetzt eben den verletzten Fremden getroffen hatte. Aufmerksam lauschte ich der Stimme, welche zwischen den rauen Lippen hervor kam und trocken klang. Beinahe amüsiert schüttelte ich mit einem sanften Lächeln den Kopf und musterte besorgt die Platzwunde an seiner Stirn. Nathan Cheers. Interessanter Name. Ich konnte ihn allerdings nicht zuordnen, was auch keine große Rolle spielte. "Nun ja, dein Vorname hätte gereicht.", stellte ich ruhig fest und zwinkerte Nathan zu, ehe ich mit einer Pinzette vorsichtig einige Schmutzpartikel aus der Wunde. "Und entgegen aller Gerüchte bin ich nicht Daddy's kleines Mädchen.", klärte ich den jungen Mann sofort auf. "Ganz im Gegenteil. Meine Eltern sind seit ich fünf bin geschieden und ich habe bei meiner Mutter und später im Internat gelebt. Daraus folgt, dass ich kein besonders enges Verhältnis zu Matthew habe.", fuhr ich gesprächig fort. Eigentlich ging es Nathan nichts an und interessieren würde es den Gefangenen wohl auch nicht, allerdings wollte ich ihn von den Schmerzen ablenken. "Deswegen werde ich auch nicht mit ihm über dich oder sonst wen reden.", versprach ich lächelnd und seufzte kurz leise. "Und welche Zelle du hier bewohnst, ist mir auch egal. Sehen eh alle gleich aus und wenn ich eine bestimmte suche...Naja. Dann verlaufe ich mich eh nur.", stellte ich lachend fest. Argwöhnisch warf ich einen Blick auf die Handschellen. Nathan kam mir nicht so vor, als würde er mich gleich anfallen oder so. Ganz im Gegenteil. Er erweckte den Eindruck, sehr besonnen zu sein. Als würde er einfach nur hier raus und nicht auffallen wollen. "Ich gehe hier mit jedem respektvoll um und denke nicht daran, dass es sich um Verurteilte handelt. Deswegen lese ich auch niemals die Akten. Ich will ohne Vorurteile an die Sache ran gehen.", klärte ich den jungen Mann mit sanfter Stimme auf und lächelte kurz, als mein Handy vibrierte. Kurz sah ich Nathan entschuldigend an, ehe ich das IPhone aus der Handtasche zog und das Display anstarrte, ehe ich den Anruf annahm. "Maman? Je ne peux pas téléphoner maitenant. Je suis en prison. Oui. Je t'appelle ce soir. Bisou!", murmelte ich hastig auf französisch und legte auf. "Tschuldigung. Meine Maman kann sich noch nicht so damit anfreunden, dass ich in einem Knast jobbe. Vor allem, weil ich nie viel Kontakt zu Männern hatte. Mädcheninternat lässt grüßen.", beschwerte ich mich indirekt und kramte in meiner Tasche herum, bis ich eine helle Haarnadel zwischen den Fingern hielt. Die Truppe hatte Nathan verprügelt. Wahrscheinlich hatte er sich durch die Fußtritte am Ende sogar noch eine Rippe gebrochen. Das konnte ich schwer beurteilen, solange er das Oberteil der Gefängniskleidung trug. Arme Frauen, die im Knast saßen. Ich erinnerte mich an einen dummen Witz. 'Wieso spielen so wenig Frauen Fußball? - Finde mal elf Frauen, die das gleiche Outfit anziehen.' Hahahaha. Scherz beiseite. Ich lief zurück zu Nathan, welcher ruhig auf der Liege saß. "Du bist jetzt ganz brav, ja?", flüsterte ich und warf einen letzten Blick in Richtung Tür, ehe ich auch schon mit der Haarnadel an dem Schlüsselloch der Handschellen bohrte, als würde ich nichts anderes machen. Nach wenigen Sekunden lächelte ich zufrieden und legte das kalte Eisen neben Nathan auf die Liege. "Zieh dein Shirt aus, bitte.", bat ich den jungen Mann und wollte gar nicht wissen, was sich unter dem Stoff verbarg. Zum einen hatte der Verbrecher eindeutig einen sehr guten Körper, zum anderen schlugen ja auch die Wachen gerne mal zu. "Richtige Ärzte kommen nur in Notfällen.", murmelte ich nachdenklich. "Wobei es hier oft Notfälle wären...", fügte ich noch leiser hinzu und verschränkte die Arme vor der Brust, damit Nathan sich in Ruhe ausziehen konnte. "Hast du noch irgendwo unter dem Hosenbund Verletzungen, die eine Behandlung gebrauchen könnten? Wer weiß, wann du dieses Privileg mal wieder erleben darfst.", schmunzelte ich ruhig und sah mich ein wenig in dem tristen Raum um.


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#5

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 18.01.2015 00:59
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

An eine Flucht hatte ich nicht einmal gedacht. Ich hatte einen perfekten Blick auf diesen schönen Stacheldraht und die Mauer mit noch mehr Stacheldraht und auf der Fahrt hierher sah ich alles andere und das reichte mir. Ich fragte mich, was sie dachten. Schon der erste Stacheldraht und die Mauer waren doch nahezu unüberwindbar. Wer nahm denn sowas in Kauf und dann noch den ganzen Rest? Wahrscheinlich nur die, die ihre Hoffnung aufgegeben hatten und entweder sterben wollten, wenn sie es nicht schaffen würden, auszubrechen. Und während der Monate, die ich hier war, hatte es noch nicht einmal jemand versucht. Es gab genügend Selbsthilfegruppen oder Beschäftigungsmöglichkeiten für die, die hier drinnen anfingen durchzudrehen. Und wenn sie doch ein wenig abdrehten, wurden sie in ihre Schranken geprügelt und weggesperrt. Ich war bisher noch nicht in den Genuss schlimmerer Folter gehört, aber man hörte von vielem. Absichtlich Allergien auslösen, in Dunkelheit sperren. Für Tage in Isolationshaft setzen, Elektroschocks, einem das Gefühl geben zu ertrinken und all so Zeug, von dem erzählt wurde. Ich wusste nicht, ob der werte Herr Gefängnisleiter davon wusste, aber er sollte doch dringend mal abgelöst werden und hier musste jemand faires hin. Hier arbeiteten doch nur gelangweilte Sadisten. Aber vielleicht dachten sie sich auch einfach, dass wir alle es verdient hatten. Zumindest die hier in unserem Abteil. Das Gefängnis hatte ja zwei getrennte Bereiche, die sozusagen Spiegelverkehrt aneinander lagen. Und ich saß halt im Bereich der bösen Jungs. Ob die Wächter im anderen Teil netter und umgänglicher waren, war ja so eine Frage.
Es gab aber auch die, die nahmen es in Kauf. Ich kannte ein paar Insassen, die hatten es ähnlich wie ich. Sie kamen aus armen Verhältnissen und hatten Mist gebaut auf der Straße, wurden eingesperrt und passten sich schnell an und waren brav. Es gab hier immerhin was zu essen, auch wenn es nicht so richtig lecker war und ein Bett, das sogar ganz passabel war. Außerdem konnte man ja ein wenig arbeiten und das half vielleicht für später. Nur für mich gab es halt kein später, weshalb ich mein Geld für Drogen ausgab um mir die Zeit hier möglichst angenehm zu machen. Und den Rest der Zeit vertrieb ich mir inzwischen ja auch damit, mein Leben spannend zu gestalten, indem ich Leute aufhetzte oder Tumulte anzettelte oder einfach nur da war und eher andere das für mich erledigten und mich einfach in ihre komischen Angelegenheiten mit hinein zogen. Und nur weil ich dann halt nicht kuschte und mich unterwarf, kam es dann zu sowas. Aber wenigstens bekam ich diesmal etwas mehr Versorgung als sonst, aber das war auch bisher die schlimmste Prügelei. Ihren besorgten Blick musterte ich argwöhnisch und als sie dann mit einer Pinzette wieder ankam, lehnte ich mich leicht zurück, auch wenn das in dem Rest meines Körpers schmerzte. Aber ich mochte Arztgegenstände nicht so. Ich verfiel wieder in meine vorige Haltung, spannte meinen Kiefer an, als sie anfing an der Wunde herum zu stochern und es höllisch brannte. Ich fluchte ungehalten und dabei war mir kurz egal, ob da eine Lady vor mir stand. Ich würde ihr immer noch am liebsten ausweichen, aber ich wusste, dass es wohl sein musste. Sonst würde sie das doch nicht machen, oder? Dennoch machte es mich kirre und ich war am Überlegen, meine Arme zu heben um sie von mir zu schieben. "Nun ja, eine kurze Info hätte gereicht"; scherzte ich mit ihrem Satzbau von vorher, wenn auch wenig amüsiert. Zu den pochenden Schmerzen überall kam immerhin jetzt dieses brennen dazu. Als würde der Schmerz sich in mein Hirn bohren.
Als sie erklärte, warum sie nie die Akten las, sah ich sie an. Das erste mal wirklich, ich war ihr ja gerade eher immer ausgewichen. Ein kurzes, ehrliches Lächeln erschien auf meinen Lippen, ehe ihr Handy vibrierte. Ich wusste nun nicht, was ihr entschuldigender Blick sollte, es war immerhin nicht wichtig, ob sie nun telefonierte oder nicht. Jeder Moment hier, ob nun beachtet oder nicht, war besser als auf der Zelle oder dem Hof, wo die Bande garantiert noch aufgebracht war. Ein wenig überrascht zog ich die Augenbrauen hoch, als Maddie anfing französisch zu sprechen. Auf der weiterführenden Schule hatte ich französisch, nur halt nicht so lange, weil ich auf die Straße geflohen war. Aber ich verstand, dass sie ihrer Mutter erzählte, dass sie im Gefängnis war und nicht telefonieren wollte. Oder konnte. Und vielleicht, dass sie zurückrufen wollte. "Welche Mutter findet das auch beruhigend?"; meinte ich mit einem Schmunzeln und fragte mich, ob ich auf einem Internat wohl klar gekommen wäre. Aber dafür hätte vorne und hinten das Geld gefehlt und ich war so wenig gefördert worden, schon seit der Grundschulzeit, ein Stipendium wäre unmöglich gewesen. Das bekamen nur die ganzen Geigenspieler- und Pianistenkinder. Und sie klang, als würde es sie stören, dass ihre Mutter sich sorgte oder dass sie auf einem Internat war. Ich hatte nicht einmal mehr wirklich eine Mutter. Ich wusste nicht, ob und wo sie noch lebte und was mit meiner Schwester war. Auch als mein Fall abgeschlossen war und ich meinen Anwalt gebeten hatte, meine Mutter ausfindig zu machen, bisher war ich jeden Samstag zu den Besuchzeiten in dem Empfangsraum und nie war auch nur irgendwer aufgetaucht. Mein Vater nicht, aber dem hätte ich das auch nicht zugetraut, mein verschollener Teil der Familie nicht und auch keiner meiner Gang. Warum ich seit guten 10 Wochen trotzdem jedes Mal da aufkreuzte und wartete und auch bei der Poststation nach Post fragte ohne etwas zu erhalten, war echt schon eine gute Frage, wo ich doch schon ziemlich aufgegeben hatte für meine Unschuld zu kämpfen.
Ich seufzte leise, suchte eine bequemere Haltung, während sie da irgendwas in ihrer Tasche suchte. Als sie mich förmlich dazu aufforderte, brav zu sein, sah ich sie fragend an. Als sie nach meinen Handschellen griff und ich die Haarnadel sah, sah ich sie ein wenig geschockt an, wollte meine Hände ihr entziehen. "Das kannst du nicht tun", zischte ich unsicher, sah zur Tür mit einem Hauch Unsicherheit. Wenn ein Wächter reinkam und das sah, wäre es egal, ob sie oder ich das war, im Endeffekt würde ich Schuld bekommen und ich würde die Strafe erleiden müssen. Und wenn nicht heute, dann eben morgen, wenn sie das nicht mitbekam. Ich ergab mich schließlich, als sie scheinbar darauf bestand und sah unsicher zwischen Handschellen und Tür hin und her, während ich mir die Handgelenke rieb. Was ich mit meiner neuen Freiheit anfangen sollte, wurde mir im nächsten Moment gesagt und ich sah sie ein wenig misstrauisch an. Ich war wegen einer ähnlichen Szene hier gelandet. Wenn ich mich jetzt auszog und sie anfing zu schreien, na Halleluja. Langsam und bei protestierenden Muskeln zog ich dennoch mein Shirt aus, verzog dabei leicht das Gesicht und konnte ein leises, schmerzerfülltes Stöhnen nicht unterdrücken. Mir tat wirklich fast alles weh und man sah es mir auch an. Mein Körper war übersät mit roten Flecken von den Schlägen und Tritten. Blaue Flecken hatte ich 'nur' auf dem Rücken in der Nierenregion. Die stammten von vor ein paar Tagen von den Schlagstöcken der Wächter, als sie wegen völlig banalem Zeug auf uns losgegangen waren. Weil wir uns ein paar Minuten mehr Zeit genommen hatten um zu unseren Zellen zu gehen. Ihre murmelnden Worte bestätigte ich mit einem leichten Nicken. Ärzte müsste man ja bezahlen, beziehungsweise müsste der ja für seine Bezahlung arbeiten, das ging doch nicht. Ich behielt die ganze Zeit mein Shirt in den Händen, bis zu ihrer nächsten Frage. Es gefiel mir wirklich nicht, diese Situation. Ich legte ein wenig nervös das Shirt beiseite, schüttelte leicht den Kopf. "Verletzungen nicht, nur Bedürfnisse", scherzte ich bitter. Ich ging nicht davon aus, dass sie darauf einging, wollte es auch eigentlich nicht, sonst hätte ich bald ein Problem. Immer wieder sah ich zur Tür. "Und nun?", fragte ich unruhig, wollte einfach nur, dass wir hier schnell fertig waren. Ich wollte nicht ohne Handschellen erwischt werden. Schon gar nicht bei einem Mädchen, nicht bei meinem Urteil.


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#6

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 18.01.2015 19:14
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Schmunzelnd legte ich die Stirn in Falten und strich mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. "Da hast du wohl Recht. Aber meine Mutter weiß ganz genau, dass ich mich wehren kann. Und außerdem passt es doch perfekt, dass ich als Jurastudentin nebenbei in einem Gefängnis arbeite.", stellte ich lachend fest und musste zeitgleich zugeben, dass mir dieser Nathan durchaus sympathisch war. Ich konnte es nicht nachvollziehen, für was der junge Mann hier drinnen saß. Er war in meinen Augen ein ganz normaler Kerl. Gut gebaut und gutaussehend. Was wollte man mehr? Was hatte dieser junge Mann verbrochen, dass er im Gefängnis eine Strafe absaß und von den Wachen noch dazu so grausam behandelt wurde? Normalerweise ließ sich anhand des Verhaltens der Wachen sagen, für was die betreffende Person hier eingesperrt war. Doch bei Nathan konnte ich beim besten Willen keine Antwort finden. Ich fand ihn wirklich nett. Trotzdem wollte ich nicht in seiner Akte herum schnüffeln. Es fühlte sich so an, als würde ich jemanden hintergehen. Und das wollte ich nicht, da es gegen meinen Charakter sprach. Es schien Nathan jedenfalls nicht zu gefallen, sich ausziehen zu müssen. Fragend legte ich den Kopf schief und zeigte keine Scheu davor, seinen muskulösen Oberkörper zu betrachten. Ich stieß einen leisen Pfiff aus und nickte anerkennend. "Nicht schlecht. Kann sich sehen lassen.", stellte ich frech fest und musste dann bei seinem bitteren Scherz schmunzeln. "Bedürfnisse hat der junge Herr also?", wiederholte ich seine Aussage ein wenig belustigt und zuckte anschließend mit den schmalen Schultern. "Ich kann mir gut vorstellen, wie es für einen Mann hier drinnen sein muss. Weit und breit keine einzige wenigstens ein wenig hübsche Frau. Wahrscheinlich bin ich das hübscheste Ding mit Titten, was die meisten Kerle hier seit Jahren zu Gesicht bekommen.", scherzte ich amüsiert und kam Nathan wieder näher. Vorsichtig war ich auf keinen Fall. Wieso denn auch? Ich schätzte den jungen Mann nicht so ein, dass er mir gleich an die Kehle gehen würde. "Es muss sicher schwer sein.", bedauerte ich alle Männer lächelnd. "Ich kann zum Thema Bedürfnisse leider nicht viel sagen.", murmelte ich dann noch nachdenklich, ehe ich vorsichtig mit den Fingerspitzen die blauen Flecken abtastete. "Man knüpft nicht so leicht Kontakte zu Jungs, wenn man jeden Tag bis spät abends in einem Mädcheninternat steckt, auf welchem Jungs streng verboten sind. Und viel Freizeit hatte ich auch nie. Ich bin ein einsamer Wolf und werde als alte Jungfer sterben.", meinte ich theatralisch und griff nach einer kühlenden Creme. Mit dieser stellte ich mich hinter Nathan und begann erst einmal, seinen Rücken sorgfältig einzucremen. "Das wird nicht von heute auf morgen helfen.", informierte ich den Gefangenen leise. "Aber es wird sicher schnell besser.", versprach ich und gab etwas mehr Creme in meine Handflächen, um dann mit diesen über Nathan's Schultern zu fahren. Zärtlich strich ich dann mit den Händen weiter nach unten über seine Brust bis zum Bauchnabel. Dort verteilte ich den Rest der Creme und betrachtete mein Werk zufrieden. "Vielleicht hätte ich Medizin studieren sollen. Wechseln könnte ich ja immer noch. Und eine Ärztin wird auch immer gebraucht.", stellte ich nachdenklich fest. "Und du beruhigst dich jetzt mal. Du bist ja total angespannt. Hast du Angst vor mir?", fragte ich vorsichtig nach und trat wieder vor den jungen Mann, sah ihn prüfend an. "Ich bin die Letzte hier, die dir irgendetwas tut. Mein Vater sagt schon dauernd, dass ich viel zu lieb und hilfsbereit für so einen Job bin. Dabei bin ich nur der Meinung, dass auch Verbrecher Menschen mit Gefühlen sind. Und die Methoden, welche manche Wachen hier an den Tag legen...Ich habe bisher leider nichts live mitbekommen und mein Vater glaubt mir auch nicht. Ich warte wirklich darauf, dass ich irgendwann mal etwas vor die Kamera bekomme und es ihm beweisen kann.", meinte ich leise und sah in Richtung Tür, da ich Stimmen hörte. Es gab sicher bald Abendessen und die Gefangenen wurden jetzt in die Mensa gebracht. Nachdenklich griff ich nach dem tristen Gefängnisoberteil und sah es argwöhnisch an. "Mode ist anders.", stieß ich entgeistert aus. "Vielleicht sollte ich mal vorschlagen, ein paar neue Outfits entwerfen zu lassen. Ist ja grauenhaft.", meckerte ich lachend und hielt Nathan sein Shirt hin. "Die Handschellen muss ich dir leider wieder anlegen.", beichtete ich dann schon beinahe traurig und lächelte herzerwärmend. "Auch wenn ich denke, dass du ungefährlich bist.", fügte ich noch überzeugt hinzu. "Sag mal. Ich war bisher nur einmal in der Mensa. Das Essen dort sieht echt...unappetitlich aus.", stellte ich angeekelt fest und griff nach meiner Tasche. Kurz darauf hielt ich dem jungen Mann auch schon ein Vollkornbrot mit Butter und Salami hin. "Iss. Ist sicher mal eine willkommen Abwechslung zu dem Fraß.", meinte ich und drückte Nathan das Brot in die Hand. Er tat mir wirklich leid. "Wie lange bist du denn schon hier?", erkundigte ich mich dann neugierig. Auch wenn er nicht antworten würde, hätte ich es akzeptiert. Ich wollte niemanden zu etwas zwingen.


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#7

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 19.01.2015 17:55
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Es war schon irgendwie toll, mal mit jemandem normal zu reden und zwar nicht mit jemandem, der auch im Gefängnis saß. Man kam zwangsläufig nur auf das Thema Wächter, Essen und wie lange man noch saß oder wie nervig es hier war. Selten bekamen wir irgendwelche Zeitungen um mal auf dem Laufenden zu bleiben. Mit ihr redete ich zwar gerade auch nicht über irgendwas Weltbewegendes, aber sie war nicht von hier und irgendwie entspannte es die Lage ein kleines Bisschen. Wahrscheinlich auch, weil ich ihr glaubte, dass sie keine Vorurteile hatte. Dennoch war mir immer noch nicht schlüssig, warum sie mir half und mir sogar die Handschellen abnahm. Weil selbst wenn sie keine Vorurteile hatte, ich war ein Häftling und eigentlich ging man dann ja davon aus, dass Häftlinge auch etwas getan hatten. Als sie erklärte, dass sie hier jobbte, weil sie sich ja wehren konnte. Und weil sie Jura studierte. Kurz hob ich meinen Blick, ein Schimmer Hoffnung lag darin. Aber dann erstarb der Funke auch schon wieder. Als würde sie mir helfen können. Sie sah zu jung aus, sie war noch nicht lange hier. Sie würde mich hier nicht rausholen, es nicht einmal können. Dabei hätte ich es ihr sogar zugetraut, dass sie sich vielleicht meiner annahm, denn bisher machte sie wirklich einen lockeren, freundlichen Eindruck. "Naja, Eltern machen sich doch immer Sorgen um einen, oder nicht", meinte ich mit einem leichten Grinsen, auch wenn ich ja nichts dergleichen erfahren hatte.
Bei ihrem Pfiff und dem musternden Blick schmunzelte ich. Ja, es schmeichelte mir schon irgendwie. Wer hörte nicht gerne, dass man gut aussah - auch wenn ich mich gerade eher fühlte wie ein aufgeschwollener Ball auf Beinen. Ein leises Lachen verließ meine Kehle, als sie auf meinen Scherz einging und schüttelte ein wenig den Kopf über ihre interessante Wortwahl über sich selbst. "Ein wenig", meinte ich mit einem theatralischen Seufzen und einem gespielt wehleidigem Blick. Bei ihren nächsten Worten sah ich sie überrascht an. Klang ja so, als wäre sie noch Jungfrau. Na Halleluja, wenn das so manch anderer hier wüsste, wäre aber der Teufel los. Dann war manchmal alleine über die Gänge gehen vielleicht nicht so ratsam, wenn wir Freigang hatten. Dass sie nämlich mit Kampfmaschinen, einer ganzen Horde der großen, skrupellosen Mistkerle klar kam, bezweifelte ich, auch wenn sie sagte, dass sie sich wehren konnte. Das sagten so viele und endeten dann missbraucht und verletzt in den Gassen. Kurz biss ich die Zähne zusammen, als sie anfing an den Flecken herumzudrücken. "Na das glaube ich nicht. Du bist doch hübsch und freundlich, ich bin ziemlich sicher, dass du ein schönes Leben mit einem Mann und Kindern haben wirst", meinte ich, wandte dann leicht den Blick ab und versucht nicht deutlich zu machen, wie sehr mich das Thema eigentlich angriff. Nicht, dass ich jemals eine richtige Chance gehabt hätte, mir eine Familie aufzubauen. Kein Geld, keine Arbeit und wahrscheinlich war ich nicht mal zu einer längeren Beziehung fähig. Zumal ich nun im Gefängnis saß und nie wieder die Freiheit haben würde. Niemals. Ich saß hier etwas ab, was ich nicht getan hatte und dann würde ich sterben. Ich würde wirklich sterben. Ich würde mit 27 Jahren einfach getötet werden. Wegen etwas, das ich nicht verbrochen hatte. Da starb man doch lieber als alte Jungfer, als jung und hingerichtet von einer falschen Justiz.
Leise seufzte ich, als sie anfing die kühlende Salbe auf den schmerzenden Stellen zu verteilen. Das tat wirklich gut. Mal abgesehen davon, dass es echt toll war, von einer hübschen jungen Dame eingecremt zu werden. Nur sollte ich nicht zu viel darüber nachdenken, sonst würde es noch irgendwie peinlich werden. Naja, dass ich Bedürfnisse hatte, wusste sie, aber ich wusste nicht, wie sehr es sie belästigen würde, nur wenn ich eine Latte bekam. "Ich komm schon klar, man gewöhnt sich dran"; meinte ich mit einem schiefen Grinsen, als sie mich darüber aufklärte, dass es sicher bald half, wenn auch nicht direkt, und versuchte wirklich mich nicht zu sehr darauf zu konzentrieren, dass sie mich nahezu zärtlich berührte. "Gute Anwälte werden auch immer gebraucht", brummte ich, als sie meinte, sie könnte ja noch auf Medizin umstellen. Mir würde es zwar nicht mehr helfen, aber vielleicht jemand anderem. Ein wenig ertappt fühlte ich mich, als sie meinte, ich wäre so angespannt. "Nein, ich hab nicht vor dir Angst. Ich habe Angst, dass irgendjemand hier reinplatzt. Es wäre egal, dass du mich hier befreit hast und ich müsste es ausbaden. Und es wäre besser, wenn man das nicht live miterleben müsste", meinte ich und wurde still, als Stimmen erklangen, betete nur vor mich hin, dass niemand einen Blick hier rein warf.
Dann war es wieder ruhig und ich schmunzelte, als sie sich über das Shirt aufregte. "Tja. Hauptsache billig und nicht ausgefallen, sonst wäre es ja vielleicht gefährlich. Und es ist besser als nach Klischee in gestreift oder orange rum zu laufen", sagte ich, nahm das Shirt wieder entgegen und zog es vorsichtig wieder an, auch wenn die Salbe natürlich etwas klebte. Ein Lächeln erschien auf meinen Lippen, als sie meinte, dass sie mich für ungefährlich hielt und dabei deutlich wurde, dass sie mir die Handschellen nicht anlegen wollte, doch ich sagte einfach nichts dazu. "So schön ist es auch nicht. Von pappig bis trocken. Übesalzen, extrem künstlich, verkocht... alles dabei", meinte ich mit einem Schulternzuckend. "Und das kann man schon Werbung dafür nennen"; fügte ich trocken hinzu. Ich wartete eigentlich nur darauf, dass sie mir die Handschellen wieder anlegte, als sie wieder in ihrer Tasche rum wühlte und mir dann auf einmal ein Brot vor die Nase hielt. Ich zog die Augenbrauen hoch, sah sie an, während der würzige Geruch mir in die Nase stieg und es kam mir vor wie der Himmel. "Oh ja, das ist es. Danke"; murmelte ich, schenkte ihr flüchtig ein Lächeln, ehe ich ihr das Brot abnahm und herzhaft hinein biss. Ein zufriedenes Stöhnen kam über meine Lippen. Wie lange hatte ich schon kein Vollkornbrot mehr gesehen. Oder gute Butter. Oder Salami. Bei ihrer Frage leerte ich erst meinen Mund, seufzte dann. "Etwa 3 1/2 Monate", sagte ich dann kurz, ehe ich weiter aß. Ob ihr wohl drei Monate lang vorkamen? Für mich war es eine Ewigkeit. Zumal ich mich ja nicht mit mir und meiner Tat auseinander setzen konnte, wie es ja bei Gefängnissen eigentlich der Sinn war. Ich dachte die ganze Zeit nur an meine Unschuld, meinen verschollenen Familienteil und meinen bevorstehenden Tod.


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#8

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 23.01.2015 14:01
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Nathan schien es wirklich zu genießen, mal mit jemand anderem als sonst sprechen zu können. Ich zählte mich auch selbst zu den wünschenswerten Gesprächspartnern, mit denen sich jeder gerne unterhielt. Vor allem so ein Verurteilter sah ja sonst nur die weniger netten Wachen und mit etwas Glück einmal im Monat Freunde oder Familie. "Ich denke nicht, dass es selbstverständlich ist.", meinte ich nachdenklich und lächelte ein wenig, ehe ich Nathan musterte. "Ich habe einfach nur Glück, so eine tolle Mutter zu haben. Mein Dad ist ja auch nicht schlimm, aber wir haben halt einfach kein enges Verhältnis zueinander.", stellte ich schmunzelnd fest und zwinkerte dem jungen Mann kurz zu. "Ich habe die letzten Jahre über viel im sozialen Bereich zu tun gehabt. Zum einen kommt das bei der Bewerbung für ein Jurastudium gut, zum anderen helfe ich gerne. Jedenfalls habe ich mit so vielen jungen Leuten gearbeitet, deren Eltern sich gar nicht um sie gekümmert haben. Und ich glaube, dass geht den meisten Männern hier im Knast ähnlich. Es sind ja viele noch relativ jung.", erklärte ich leise. Doch ich wollte nicht weiter über dieses Thema reden. Ich konnte ja nicht wissen, inwiefern es den jungen Mann betraf. "Hübsch und freundlich heißt aber noch lange nicht, dass ich jemanden finden werde. Andere Frauen sind auch hübsch und freundlich.", murmelte ich grinsend. "Außerdem will ich mir auch ungern so ein Schild mit 'Suche Freund' umhängen.", fügte ich lachend hinzu. "Und wer weiß, ob ich überhaupt mal heiraten und Kinder kriegen will. Ich will weder als Hausfrau daheim enden, noch beruflich so im Stress sein, dass meine Kinder mich kaum sehen. Ich weiß, wie es ist, wenn man ständig eine neue Nanny bekommt und jedes Mal eine neue Sprache lernen muss.", erzählte ich und lächelte etwas. "Ich möchte momentan einfach erst mal mein Studium erfolgreich beenden, was noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird. Und dann will ich auch arbeiten. Wobei ich mich so oder so auf Problemfälle spezialisieren will. Die Leute, die sonst keine Hilfe von Anwälten und Richtern bekommen, weil sie einfach in ihren Augen eh nur Abschaum sind. So eine Behandlung hat kein Mensch verdient, Nathan.", sagte ich meine Meinung klar und deutlich und lächelte aufmunternd. "Dann lass halt jemanden hier rein platzen. Du machst doch nicht mal was. Ich werde niemanden anlügen und du wirst einfach sagen, was ich dir quasi befohlen habe. Niemand hier würde denken, dass ich nicht die Wahrheit sage. Ich bin Mutter Theresa. Also eigentlich Mutter Madita.", erklärte ich beruhigend und lächelte leicht. Seine Reaktion auf mein Brot war wirklich niedlich und entlockte mir sogar ein Kichern, da es einfach zu genial aussah, wie er wie eine Maus die Nase ausstreckte und herzhaft in das Brot biss. "Im Moment wohl schöner als ein Orgasmus, mhm?", scherzte ich locker und dachte kurz nach. Vielleicht sollte ich mich mal in der Mensa zu schaffen machen. Meine Dienste als Köchin anbieten. Und dafür sorgen, dass die armen Kerle was anständiges auf den Tisch bekamen. Ich nahm mir vor, später mit meinem Vater darüber zu reden. Insofern ich ihn heute noch sah. Matthew verließ das Haus in der Stadt schon in aller frühe, wenn ich noch in meinem Bettchen träumte. Wenn ich nach der Uni dann hier her kam, sah ich ihn auch relativ selten, obwohl er fast immer in seinem Büro in einem extra Gebäude saß und Papierkram erledigte. Kein Wunder, dass mein Vater keinen blassen Schimmer von den Dingen hatte, die hier abliefen. Abends war ich auch meistens alleine in der großen Villa. Mein Bruder hatte dort zwar noch sein Reich, lebte aber überwiegend in seiner Wohnung in der eigenen Firma. Also war ich jeden Abend alleine zuhause, vertrieb mir die Zeit mit kochen, Hausarbeit, lernen und Sport und schlief irgendwann ein. Matthew kam dann meistens immer gegen zwei Uhr nachts heim. "Hmmmm.", murmelte ich anschließend leise und legte den Kopf schief. 3 1/2 Monate saß Nathan also schon hier. "Oh man.", stieß ich aus und lächelte ein wenig. "Muss sicher...scheiße sein.", stellte ich eine Vermutung auf. Nachdem der junge Mann aufgegessen hatte, griff ich nach den kalten Handschellen und beäugte diese für einen Moment, ehe ich Nathan traurig ansah, bis er mir seine Arme entgegen streckte. Das Eisen hatte ich schnell mit geschickten Griffen um seine Handgelenke gelegt und befestigt. "Meiner Meinung nach unnötig!", kommentierte ich meine Handlung, als die Tür aufging und zwei Männer in Uniform erschienen. "Ach, da ist der Ausreißer ja.", meinte der eine Polizist und grinste hämisch. "Maddie? Was machst du denn bei diesem Verbrecher? Das ist doch der falsche Umgang für dich.", stellte der andere lachend fest. Ich stieß einen verächtlichen Laut aus und bewegte mich ein wenig vor Nathan. "Über meinen Umgang kann ich doch selbst entscheiden. Außerdem war es abgesprochen!", zischte ich. "Und ich werde den jungen Mann jetzt auch zurück in seine vier Wände begleiten. Verstanden?", mein Blick fiel auf die Namensschilder. So eindeutig, dass es niemandem entgehen konnte. Die Bullen verstanden die Andeutung, sie bei meinem Vater schlecht zu machen, sofort. Grummelnd verließen sie den Raum. Kopfschüttelnd sah ich ihnen nach, ehe ich mich wieder Nathan widmete. "Gehen wir? Du musst mir nur sagen, wohin. Ich habe echt keine Ahnung.", beichtete ich lächelnd und schnappte mir meine Tasche, um den Raum vor dem Verbrecher zu verlassen.


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#9

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 23.01.2015 16:10
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Vielleicht hätte ich ihren Worten zugestimmt, dass sich kümmernde Eltern nicht selbstverständlich waren, aber ich wollte dem Gespräch nicht diesen melancholischen, traurigen Touch geben, indem ich sie mit meiner Geschichte belastete. Ich war doch ganz froh, dass wir uns locker und normal unterhalten konnten und wollte das nicht kaputt machen. Ich brauchte kein Mitleid und außerdem konnte sie das sowieso nicht ändern. Sie konnte meine Vergangenheit nicht ändern, niemand konnte das, aber ich war ja auch der einzige, der sich damit herum schlagen musste. Es war doch völlig irrelevant, uninteressant und zerstörte wahrscheinlich nur ihr vorurteilsfreies Bild. Ihr Lächeln bei dem Thema erwiderte ich nicht. Zu sehr nagte das Thema eigentlich an mir und lieber tat ich so, als wäre es mir egal, anstatt ein Lächeln zu versuchen, nur um dann dabei wahrscheinlich mehr als kränklich und verletzt zu wirken. Auch bei ihrer längeren Erklärung dazu setzte ich eine gleichgültige Miene auf. Ich würde jetzt nicht anfangen zu erklären, dass es bei mir genau so war. Dass ich auf der Straße groß geworden war, gelernt hatte mit Drogen zu handeln und mein Leben mit ihnen zu verschönern, weil meine Mutter mich bei meinem aggressiven Alkoholiker-Vater zurückgelassen hatte. Wie schon erwähnt, ich wollte kein Mitleid und was sollte sie mir schon helfen?
Der Themenwechsel tat gut und ihr Lachen war das erste schöne, das ich seit langem hörte. Das abfällige Lachen von den Wachen oder von anderen Insassen war ja kein Lachen in dem Sinne. Es war Spott, Hohn und Hass. Ihres war amüsiert, frei und locker. War wohl das erste und letzte mal, dass ich es hier gehört hatte. Ich glaubte nicht, dass ich so oft so viel Zeit mit ihr verbrachte, in der ich sie zum Lachen bringen konnte. Trotz meiner eher deprimierten Stimmung musste ich schmunzeln über ihre Worte. "Naja, ich glaube auch nicht, dass du es brauchst. Du wirst dein Ding schon machen", meinte ich überzeugt, ehe ich ihren Zukunftsplänen lauschte und wieder hätte fluchen mögen. Sie war perfekt, sie war nur zu spät dran. Zumindest glaubte ich nicht, dass sie innerhalb der nächsten viereinhalb Jahre fertig mit dem Studium und geübt war um für meinen Fall zugelassen zu werden. Sie würde mich nicht retten können. Ich sollte mich einfach damit abfinden, aber ich würde ja nicht nur einfach ewig hier versauern und dann raus kommen, sondern ich würde hingerichtet werden für nichts. "Ja, das stimmt", brummte ich, als sie meinte, das hätte niemand verdient. Sie hatte ja keine Ahnung, aber ich hatte das Gefühl, sie wüsste bescheid und wartete nur auf mein Geständnis.
Ihre Sorglosigkeit konnte ich nicht teilen, aber sie lebte hier auch nicht. Sie hatte vielleicht mehr Ahnung als ihr Vater, aber sie konnte nicht die ganze Zeit auf jeden aufpassen. Wenn die Wächter das mitbekamen, war es ein Vorwand um sonst irgendwas anzustellen. Denen war es doch egal, wenn ich etwas getan hatte oder nicht. Ein schiefer Blick und sie nahmen dich ins Visier. Ich konnte mich also nicht auf ihre Worte verlassen, lächelte sie aber trotzdem an, ihre Bemühungen wusste ich zu schätzen. "Okay..", murmelte ich leise. Bei ihrem Kichern wegen meiner Reaktion auf das Brot schenkte ich ihr einen fast beleidigten Blick. Ich konnte trotzdem ein zufriedenes Seufzen nicht unterdrücken. "Kommt dem auf jeden Fall nahe"; scherzte ich zwischen zwei Bissen. Ich schlang mehr als glücklich das Brot herunter, wischte mit die Finger dann an der lockeren Hose ab. Bei ihren Worten nickte ich. "Das ist es auch"; meinte ich, sagte aber wieder nichts von meiner Unschuld. Es brachte eh nichts. Am Ende würde ich nur noch mehr Spott bekommen, wenn andere wussten, dass ich mich bei ihr ausheulte. Ergeben streckte ich ihr dann meine Handgelenke entgegen, sah auf die blassen Druckstellen von vorhin. "Danke", sagte ich leise, als sie meinte, dass es unnötig wäre. Ich war ihr wirklich dankbar für ihr Urteil, dass sie mich nicht hasste und verurteilte, nur weil ich ein Häftling war. Sie war hilfsbereit und gutgläubig, es konnte natürlich schlecht sein, wenn sie bei allen so naiv war, aber ich tat ihr nun mal wirklich nichts. Dennoch entspannte es mich ein wenig, als die Handschellen klickten und das kühle Metall sich um meine Handgelenke legte. Keinen Moment zu früh, denn kaum hatte ich meine Hände auf meinen Schoß gesenkt, wurde die Tür aufgeschoben.
Argwöhnisch blickte ich den beiden Uniformierten entgegen, ein wenig unruhig unter seinem hämischen Blick und dem Lachen des anderen. Es war kein Wunder für mich, dass sie mich Verbrecher nannten, falschen Umgang und all das, aber jedes mal war da dieser kleine Teil in mir, der schreien wollte: Ich war es nicht. Ich bin unschuldig. Aber mir hörte niemand zu und wenn, wurde mir nicht geglaubt. Ich passte perfekt in das Bild des Verbrechers, warum sollte etwas anderes auch nur untersucht werden. Ein wenig erstaunte es mich, dass sie so selbstbewusst antwortete und sich schon irgendwie für mich einsetzte. Ich hätte es nicht gerade bevorzugt mit den Männern mitzugehen. Die zogen sich wieder zurück, als Maddie unausgesprochen drohte, ihre Namen zu merken und schlecht zu machen und ich entspannte kurz meine Schultern, ehe sie fragte, ob wir gehen wollten. Ich nickte leicht, stand langsam wieder auf. Ein wenig protestierten meine Muskeln, mein Kopf tat noch etwas weh, aber es war besser als vorhin und ich hatte mich ja gut mit dem herzhaften Brot gestärkt. "Vielleicht sollte ich das ausnutzen um mich voll unauffällig raus zu schmuggeln, hm?", grinste ich, während ich auf den Gang hinaustrat. Kurz orientierte ich mich, ehe ich langsam den Gang hinunter trottete. Wir mussten noch ein paar Gänge weiter, dann erst kamen wir zu dem A-Trakt, dem Trakt für die ganz schlimmem Jungs. Der Wächter, der die Gittertür, die den Trakt von dem anderen Gang trennte, musterte mich und Maddie kritisch, ehe er mit seinem Schlüssel die Tür öffnete. Das Scharnier der Tür quietschte, als sie aufschwang und mit einem leisen Seufzen trat ich hindurch, sah mich kurz nach Maddie. "Ab hier übernehme ich, kein Zutritt für..", er schien ein Wort zu suchen. Unbefugt durfte er sie wahrscheinlich nicht nennen. "... unbewaffnete, nicht ausgebildete Begleitpersonen", vollendete er dann seinen Satz und wollte die Tür zu machen, während er mich im Auge behielt.


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#10

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 24.01.2015 19:47
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Nathan schien in meinen Augen leicht nervös zu sein. Weshalb? Ich erklärte mir seine Stimmung daher, dass er seit langem keine Frau mehr gesehen hatte, deren Anblick sich auch lohnte. Die molligen Damen mit ihren Haarnetzen in der Gefängnismensa konnte man ja wohl kaum als schön bezeichnen. Der junge Mann hatte erwähnt, dass er seit 3 1/2 Monaten saß. Davor war er sicher auch schon einige Zeit in Untersuchungshaft gewesen. Armer Nathan. "Ich werde mich mal informieren, ob sie in der Küche noch Hilfe brauchen. Dann bekommt ihr wenigstens mal was Anständiges auf den Tisch.", klärte ich den jungen Mann über mein geplantes Vorhaben auf und zwinkerte ihn verschwörrerisch an. Nachdem die Wachen wieder verschwunden und wir auf dem Gang angelagt waren, musterte ich Nathan argwöhnisch. "Raus schmuggeln?", wiederholte ich seine Frage mit schiefem Blick und grinste kurz darauf. "Ganz ehrlich?", setzte ich an und wurde etwas rot an den Wangen. "Ich würde es wahrscheinlich echt nicht mal checken, bis wir irgendwie draußen sind, du mich ko schlägst und abhaust.", erklärte ich ihm und nickte kurz einem Polizisten zu, welcher uns entgegen kam und ausnahmsweise mal freundlich zu sein schien. Er war nicht von hier, so viel war sicher. Seit ich hier war hatte ich niemanden gesehen, der nett war. Ausgenommen meinen Vater, welcher sich allerdings nur selten hier blicken ließ und lieber die Sicherheit und Ruhe in seinem modernen Büro genoss. Wieso hatte er diesen Job dann eigentlich angenommen? Als Gefängnisleiter sollte er eigentlich mitten im Geschehen sein und sich für die Gefangenen einsetzen. Mal wieder merkte ich, dass meinem Vater die Karriere und der gute Ruf viel zu wichtig waren. Ich seufzte kurz traurig und musterte den jungen Mann, welcher neben mir lief. Er würde mich zu seinem Trakt führen, dass wusste ich. Woher nahm ich nur diese Gewissheit? Es war tatsächlich ein Gefühl in mir, welches mir sagte, dass Nathan nicht gefährlich war. Zumindest nicht für mich. Es dauerte eine Weile, bis wir den A-Trakt erreichten. Der Teil für die ganz schlimmen Kerle. Wieso saß er bitteschön hier? Das Gefängnis war in mehrere Trakte eingeteilt, welche mit Buchstaben gekennzeichnet waren. A war somit der Trakt für die richtigen Gangster und je weiter es runter ging, desto unspektakulärer wurden auch die begangenen Verbrechen, für die Mann absaß. Ich blieb neben dem jungen Mann vor einem Wächter stehen, welcher die Gittertür bewachte und uns ziemlich kritisch musterte. Ich sah Nathan nachdenklich nach, wie er auf die andere Seite lief. "Ab hier übernehme ich, kein Zutritt für unbewaffnete, nicht ausgebildete Begleitpersonen.", gab der Mann ziemlich dominant von sich und ich verdrehte die Augen. "Erstens bin ich bewaffnet.", klärte ich ihn mit fester Stimme auf. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass ich hier wenigstens einen Elektroschocker bei mir trug. Nur zur Notwehr und im Falle eines Falles. Benutzt hätte ich dieses Ding sowieso niemals. "Zweitens kann ich sehr wohl frei entscheiden, welche Trakte ich betrete und welche nicht.", fuhr ich fort und schüttelte tadelnd den Kopf. "Und drittens werde ich mich jetzt auch verabschieden. Ich habe noch zu tun.", erklärte ich beinahe spöttisch und trat doch noch kurz über die Schwelle, um zu Nathan zu gelangen. Kurz wanderte meine Hand in die Hosentasche, ehe ich beide Arme um den jungen Mann legte. Die Umarmung zum Abschied war zwar in den meisten Augen sicherlich übertrieben, doch ich nutzte diese Nähe aus, um Nathan's Shirt etwas hochzuziehen und ihm dann ein Päckchen Kaugummi und etwas Geld in den Hosenbund zu schieben. Den Saum des Shirts zog ich sorgfältig zurück an seinen Platz, trat zurück und schenkte Nathan ein aufrichtiges Lächeln. Kaugummi war sicher eine willkommene Abwechslung und etwas Geld schadete hier auch nicht. Kurz schenkte ich dem Wärter noch einen bösen Blick, ehe ich auch schon durch die Tür verschwand, welche sich direkt hinter mir schloss.


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#11

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 25.01.2015 20:55
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Natürlich kratzte ihre Nähe mich auf, aber nicht nur, weil sie hübsch war und damit auch das erste schöne weibliche Wesen für mich seit fast vier Monaten in meiner Nähe, sondern eben auch aufgrund der Tatsache, dass sie meine Rettung sein könnte, wenn sie doch nur schneller mit dem Studium fertig sein würde. Sie wäre die Lösung, selbst wenn sie nicht viel erreichen würde. Sie wäre vielleicht die einzige, die mir glaubte, egal wie sehr die polizeilichen Verfahren mich als Täter darstellten. Jedem Unschuldigen würde ich sie als Pflichtverteidigerin wünschen, ich traute ihr nämlich wirklich zu, dass sie sich gut für ihre Mandanten einsetzte, woher ich auch immer diese Sicherheit nehmen sollte. Vielleicht weil sie sich auch jetzt schon um mich kümmerte, obwohl sie nicht wusste, was für ein schlimmer Verbrecher ich ja war beziehungsweise sein könnte. Es war aber eben auch so, dass ihre Aufmerksamkeit ungewöhnlich war. Ich bekam eine gesonderte Behandlung und jemand setzte sich für mich ein. Das gefiel weder den anderen Insassen, weil es eine unfaire Behandlung war, noch passte es den Wächtern, die wohl gerne zugesehen hätten, wie ich auf dem Hof verreckte. Und garantiert wurden sie zur Not auch noch bezahlt, damit ich nicht nur mit dem Veilchen und den kleinen Wunden davon kam. Ich wollte nicht, dass das jemand so wirklich mitbekam und erst recht nicht, dass sie mir die Handschellen abgenommen hatte. Es würde definitiv Probleme geben.
"Das wäre herrlich. Und wenn es nur ab und an mal gutes Brot geben würde", meinte ich. Immerhin fing das Drama morgens schon beim Frühstück los. Fades, pappiges Brot, fast ausschließlich Toast, das sowieso nicht satt machte und dazu wenig Auswahl am Belag und frisches Obst war auch nicht immer da, eher mit Dellen oder überreif oder ähnliches. Kurz grinste ich über ihr Zwinkern, schüttelte leicht den Kopf. Sie war echt sonderbar hier in dem Gefängnis, in das sie gar nicht rein zu passen schien. Ich lachte auf, als sie gestand, wie spät sie das erst begreifen würde, falls ich sie in eine Falle lockte um raus zu kommen. "Vielleicht sollte ich das versuchen, hm?", spekulierte ich, hielt mich aber an den korrekten Weg und schmunzelte still darüber, dass sie so rot wurde. Ich würde sie auch nie k.o. schlagen, aber nun gut. Ich saß im Gefängnis, ich war der Böse und wenn ich ihr das sagte, dass ich sie nicht schlagen würde, war das doch kaum glaubwürdig, oder? Über sowas wollte ich aber auch einfach nicht reden, das Bild des gewalttätigen, provozierenden Mörders hielt ich lieber aufrecht anstatt irgendetwas anderes aufkommen zu lassen.
Angekommen bei meinem Zellentrakt seufzte ich leise, zog schon die Schultern leicht ein um gleich zu demonstrieren, dass ich nichts tun würde, während ich durch die Gitterabtrennung glitt. Ich blieb ein paar Schritte weiter stehen, drehte mich um zu dem Wächter und Madita. Der Wächter machte eigentlich recht klar, dass er Maddie nicht auf dieser Seite haben wollte, aber mal wieder überraschte sie mich, indem sie ihm die Leviten las und einfach zu mir kam. Erstaunt sah ich sie an, wollte gerade etwas sagen, als sie ihre Arme auf einmal um mich legte. Ich erstarrte, wollte aber nicht fragen wieso sie das machte. Im nächsten Moment spürte ich, wie sie an meinem Shirt herum hantierte und etwas in meinen Hosenbund schob. Ich verzog keine Miene, da der Wächter uns im Auge hatte und mehr als skeptisch guckte. Als sie wieder zurück trat, lächelte ich sie an. Sogar wirklich dankbar und sei es nur dafür, dass sie sich um mich gekümmert hat und ich da ohne Brüche rausgekommen bin. Und was auch immer sie mir jetzt zugesteckt hatte, es war garantiert nichts schlechtes. Nur wenn es jemand bemerkte. "Bye", murmelte ich nur, als sie sich abwandte und ging. Als die Tür hinter ihr laut ins Schloss schepperte, zuckte ich zusammen. Ich sah den Wächter nur kurz an, der seinen Schlagstock packte. Ich trat einen zögernden Schritt zurück, ehe ich auf seinen Blick hin mich umdrehte und den Gang entlang wandelte. Es machte mich nervös, den Kerl hinter mir zu haben. Vor meiner Zelle blieb ich stehen, nur um im nächsten Moment das Ende des Stockes ins Kreuz gerammt zu bekommen. Ich machte einen Ausfallschritt, verbiss mir einen Schmerzenslaut. "Weiter gehen", dirigierte mich der Mann weiter. Mir blieb nichts anderes übrig, er würde seinen Knüppel weiter einsetzen. Alles in mir sträubte sich, weiter zu gehen, als wir das vom Gang abgetrennte Treppenhaus erreichten. Es gab ja noch Trakte über uns und den Keller. Und das Treppenhaus hier diente zwar eigentlich nur als Notausgang bei Feuer, aber das interessierte die Wächter ja nicht. "Runter", verlangte der Wächter und ich zögerte. Als er mir den Knüppel aber in den Nacken drückte, gab ich nach. Ich wollte nicht da runter, ich wusste, dass es nicht gut enden würde, aber was sollte ich schon tun. Um Hilfe rufen? Witzig.
Im Keller wirkte das Licht diffus, die Luft war stickiger und die Wände dunkel. Die Räume hier waren nur zum Lagern, für Technik oder sonstiges gedacht. Sonstiges war leider illegale Folter. Sei es aus Spaß, um Frust abzubauen oder Geständnisse hervorzupressen. Von mir würden sie eigentlich keines verlangen, ich konnte keine höhere Strafe mehr bekommen. In einem abgelegenem Kellerraum wurden wir dann mit einem Johlen begrüßt. War ja klar, dass das eine Gruppenbespaßung wurde. "Das Schwein hat es ja sowas von verdient", meinte einer, schwang seinen Knüppel und kam mit einem dreckigen Grinsen auf mich zu, Angespannt und schweigend beobachtete ich ihn. Im nächsten Moment schlug er mir mehr als stark in die Kniekehle. Ich keuchte auf, während ich auf die Knie fiel und mich gerade noch so mit den Händen etwas fangen konnte. "Ja, runter zu Boden und friss Dreck", meinte er, als ich wütend aufsah und spuckte mir ins Gesicht. Angewidert wischte ich das umständlich an meiner Schulter ab, setzte mich zurück auf die Fersen. "Der Spast hat heute Sonderbehandlungen von Madita bekommen", klärte der Kerl auf, der noch immer hinter mir stand. An der Schulter riss er mich zu Boden, sodass ich auf dem Rücken lag. Mir tat immer noch alles weh, weshalb das schon mehr als genug. "Na hast Gefallen gefunden an der Kleinen? Würdest sie auch gerne ficken, hm?", fragte er, aber ich sagte nichts. Ich würde nichts sagen, was sie mir dann im Mund umdrehen konnten und was provozieren könnte. Eine Weile hackten sie auf mir rum, fragten mich, aber bekamen nie eine Antwort, während ich da auf dem Boden lag und nichts tun konnte. "Rede schon, Dreckssack", fluchte schließlich einer, riss an meinen Handschellen um sie noch mehr zu zu drücken. Kurz verzog ich das Gesicht, als das Metall in meine Haut drückte. "Der wird nicht reden. Vielleicht sollten wir ihn aber um Hilfe schreien lassen", meinte er und im nächsten Moment landete einfach ein nasser Lappen in meinem Gesicht. Ich versuchte mich aufzusetzen, aber ich wurde einfach zu Boden gepresst und ein Schwall Wasser wurde über mich gekippt. Das Atmen wurde schwer, Der Lappen ließ nichts durch. Mal abgesehen davon, dass ich nichts mehr sah. Hustend versuchte ich die Kerle loszuwerden, aber sie ließen mich nicht los. Immer wieder ergoss sich neues Wasser über mich, bis ich das Gefühl hatte zu ersticken, zu ertrinken. Ich konnte einfach nicht atmen. Irgendwann wurde der Lappen weggezogen. Keuchend holte ich Luft, starrte in die Gesichter der Kerle. "Na, willst du nicht nach deiner Mummy rufen?", stichelte der Typ. "Fick dich", knurrte ich nur, woraufhin er mir den Lappen wieder ins Gesicht schlug und immer mehr Wasser über mich kippte. "Sag das noch ein mal du Hurensohn und du wirst dir wünschen, nie geboren worden zu sein", fluchte der Kerl und hörte gar nicht auf zu schimpfen und setzte den Wasserkanister nicht ab. "Alter, der krepiert gleich wirklich"; meinte einer am Rande meines Bewusstseins. Ich war wirklich nur nach am keuchen, benommen und halb erstickt. Schließlich riss mich einer hoch, der Lappen fiel und ich wurde unter den Armen gepackt und weitergeschleift. Mühsam stolperte ich mit, während ich versuchte meinen Atem zu regulieren und das Wasser aus meiner Lunge zu bekommen. Als wir stehenblieben, blickte ich auf. Vor mir wurde eine Tür aufgetan, die ins Nichts führte. Es war pechschwarz. "Nein", bat ich, sträubte mich, als mich der eine Kerl vorwärtsdrängte und schließlich in den Raum stieß. Ich stolperte zwei Schritte, ehe ich an die Wand stieß. Als auch das letzte Licht genommen wurde, drehte ich mich panisch um. Die Tür war zu. "Nein! Lasst mich raus!", fluchte ich, aber ich konnte hören, dass die Wände gedämmt waren. Panik breitete sich in mir aus, während ich die Wände ablief. Wenn es hochkam, hatte der Raum vielleicht zwei Quadratmeter. Ich wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis ich erschöpft zusammensank an einer Wand. Es war warm hier drin, viel zu warm. Die Luft war dick, ich konnte nicht sehen und mich nicht einmal hinlegen.
Ich hatte schon immer ein Problem mit Enge und EIngesperrtsein gehabt. Und jetzt war es auch noch stockfinster und so warm, dass ich schwitzte. All das hielt mich davon ab zu schlafen, zumal ich irgendwann Hunger bekam, das eine Brot hielt halt eben auch nicht ewig. Meine Zeitgefühl ging verloren und mir ging es zunehmend schlechter. Ich wusste nicht, wie spät es war, als ich irgendwann den Schlüssel im Schloss hörte. Ich wachte aus meinem Dösen aus, kniff die Augen zusammen, als selbst das wenige Licht in meinen Augen blendete. "Zeit rauszukommen", meinte eine hämische Stimme und packte mich am Kragen. Mühsam stand ich auf mit schmerzenden Muskeln. Meine Kniekehle war angeschwollen, tat besonders weh, aber darauf wurde keine Rücksicht genommen. Außerdem war ich etwas zittrig, Zu wenig Wasser und zu viel Wärme hatten mich etwas dehydriert und mir fehlten meine Drogen. Auf dem Weg zu meiner Zelle wurde ich aufgeklärt, dass ich nichts verraten durfte, weil immer jemand ein Auge auf mich hatte. Ich würde sonst noch mehr leiden. Ich nickte nur, trottete dann in meine Zelle und ließ mir die Handschellen abnehmen. Als ich sicher war, dass der Kerl weg war, holte ich erst einmal meine Drogen hervor, legte mir zwei Spuren und zog sie mir in die Nase. Ein paar Minuten später ging es mir besser, vor allem als ich entdeckte, was mir Maddie geschenkt hatte. Ich würde mir sowas von noch mehr kaufen. Nach einer Weile durfte ich duschen. Ich holte mir neue Sachen, ehe ich zum Duschbad ging und betrachtete mich kurz im Spiegel. Zu dem Veilchen unter meinem Auge, stand mir die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben. Mein Gesicht war stoppelig, aber ich nahm mir jetzt keine Kraft um mich zu rasieren. Dazu kamen die spröden Lippen und die anderen Blessuren, die meinen ganzen Körper zierten. Gestern war echt kein toller Tag gewesen und ich wusste immer noch nicht, wie spät es war. Schließlich duschte ich um wenigstens den Schweißgeruch los zu werden und als ich mich wieder angezogen hatte, schickte mich der Wärter gleich Richtung Mensa. "Kannst schon zur Mensa gehen. Essensausgabe ist gleich", meinte er. Ohne Kommentar wandelte ich dann durch die Gänge bis zur Mensa, sah auf die Uhr und erstarrte. Es war wirklich spät. Die Zeit, die ich weg gewesen war, kam mir zwar länger vor, aber nun gut. Langsam humpelte ich dann zu dem Tablettstapel und lehnte mich an den Tresen, wo das Essen ausgeteilt werden würde. Ein paar andere waren auch schon im Raum, stellten sich aber noch nicht hin, wozu auch. Noch mussten wir ein paar Minuten warten.


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#12

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 25.01.2015 21:35
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Nachdem ich mich mit selbstbewusster Haltung durch die Gänge des Gebäudes bewegt hatte und nach einigen Minuten den einzigen Durchgang zwischen den Mauern erreicht hatte, nickte ich dem Pförtner nur kurz zu. Er war relativ jung. Vielleicht Anfang 30. Auf jeden Fall nicht älter als 30. "Mach's gut, Maddie.", rief er mir freudestrahlend hinterher und ich drehte noch einmal den Kopf über meine Schulter, um den jungen Mann anzulächeln. Armer Kerl. Wahrscheinlich hatte er noch nie in seinem Leben eine Frau abbekommen. Gavin war knappe zwei Meter groß, aber dennoch nur so breit wie ich selbst. Demnach konnte man sich sicherlich vorstellen, wie dünn dieses Skelett war. Die Knochen traten deutlich unter dem Stoff seiner Comicshirts hervor und seine Hosen fanden kaum Halt. Gavin's Gesicht war auch kein Lichtblick. Spröde Lippen, welche etwas Botox sicherlich gut vertragen hätten, da sie kaum zu sehen waren. Eingefallene Wangen und tiefe Augenringe. Die Nase hatte er sich vor Jahren gebrochen, weswegen sie heute ziemlich krumm war. Die gesamte Haut war mit Narben und eitrigen Pickeln übersäht und Augenbrauen hatte der Kerl so gut wie keine. Die fettigen Haaren reichten Gavin bis zu den schmalen Schultern und ich hatte mich bereits mehrmals gefragt, wann diese Zotteln zum letzten Mal in den Genuss von Wasser gekommen waren. Gavin war bemitleidenswert und ich hatte schon mehrfach darüber nachgedacht, einmal am Abend mit ihm eine Kleinigkeit essen zu gehen. Er sah mich mit seinen braunen Kulleraugen immer so traurig und hoffnungsvoll zugleich an. Wie hatte seine Mutter ihren Sohn überhaupt Gavin nennen können? Dieser Name war in meinen Augen schrecklich und Spott war sowieso vorprogrammiert. Ich hatte seine Mutter vor wenigen Tagen kennen gelernt, als sie ihrem 'Gavy' seine Mittagsbrote gebracht hatte. Die gute Frau maß vielleicht 1,60m und war rund wie ein Bierfass. Das komplette Gegenteil zu ihrem Sohn, also. Nur die dicke Hornbrille war gleich. Von einem Vater hatte ich nie etwas gehört. Doch wahrscheinlich kam der junge Mann nach diesem. Seufzend machte ich mich auf den Weg zum Parkplatz, stieg in mein geliebtes Auto und steuerte kurz darauf auch schon auf die Stadt an.

Den restlichen Tag verbrachte ich vor allem mit dem Einkauf und Sport. Abends kochte ich mir noch Vollkornnudeln mit veganer Bolognesesoße und stellte meinem Vater den Rest in den Kühlschrank. Ein Post-It landete auf der geschlossenen Tür. 'Habe gekocht. Lasse es dir schmecken. -M.', kritzelte ich in verschnörkelter Schrift auf das gelbe Zettelchen. Allgemein unterschrieb ich bei Briefen oder ähnlichem seit Jahren nur noch mit -M. Wie ich es mir angewohnt hatte, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Nach dem Abendessen verzog ich mich in mein großes Bett und widmete mich noch etwa eine Stunde meinem Handy, bis ich es ans Ladekabel steckte und unter eines der vielen Kissen schob. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Doch morgen war Samstag und ich hatte kaum etwas vor. Nur ins Gefängnis wollte ich noch mal. Meinen Plan in die Tat umsetzen.

Gesagt getan. Mein Wecker riss mich am nächsten Morgen um neun Uhr aus den Träumen und ich war sofort hellwach. Gut gelaunt drehte ich meine Anlage auf und machte mich in Windeseile fertig. Haare kämmen, mit Gesichtswasser übers Gesicht gehen und schnell etwas Make Up aufgetragen. Wobei ich wie meistens auch nur auf etwas Puder und Wimperntusche setzte. Wieso sollte ich mein Gesicht vollkleistern? Ich hatte reine Haut und wollte sie auch so behalten. Wobei ich durchaus ein Talent fürs Schminken hatte, welches allerdings nur dann zum Vorschein kam, wenn es ans Bilder oder Party machen ging. Aus meinem Kleiderschrank hatte ich schnell einige Sachen zu einem Outfit kombiniert und aus dem extra Schuhschrank holte ich noch ein einfaches Paar schlichter schwarzer Pumps mit 8cm Absatz hervor. Über die durchsichtige weiße Bluse zog ich noch eine Art schwarzen Blazer an. In meine mittelgroße schwarze Longchamp Tasche warf ich eilig die wichtigsten Sachen ein, ehe ich mit allem bewaffnet in die Garage lief und mich hinters Lenkrad setzte. Auf dem Weg zum Gefängnis hielt ich noch kurz bei Starbucks an, holte mir einen Kaffee und einen Bagel zum Frühstück und setzte dann auch schon meinen Weg fort. Um kurz vor elf war ich an Gavin vorbeispaziert und hatte von ihm beeindruckte Blicke geernet. Oh ja, ich hatte einen verdammt guten Geschmack und mein Kleidungsstil war einfach nur geil. Auch die Wachen blickten mir mit großen Augen hinterher, was ich jedoch nur mit einem sanften Lächeln kommentierte. War mehr nötig? Wohl kaum. Ich wollte mit niemandem hier flirten. Und auch wenn mein Outfit für einen Ort wie diesen nicht allzu geeignet war...wie hätte ich hier sonst auftauchen sollen? Und auf umziehen hatte ich auch keine Lust. Also stolzierte ich einfach gehobenen Hauptes in die große Mensa, unterhielt mich kurz mit der molligen Küchenchefin und hatte kurz darauf schon eine Beschäftigung. Kartoffeln schälen. Meine blonden Wellen hatte ich sicher unter einem sehr schicken Haarnetz verstaut und meine Kleidung schützte ich mit einer verdreckten Schürze. So saß ich knapp eine Stunde auf einem Stuhl und widmete mich den gelblichen Kartoffeln, ehe ich gewissenhaft einen leckeren Eintopf aus genau diesen und etwas Gemüse machte. Wahrscheinlich gehörte diese Mahlzeit zu eine der besten, die es hier jemals gegeben hatte. Die Küchenchefin stellte scherzend fest, dass zukünftig der Samstag immer 'Maddie-Day' war, was ich lachend aufnahm. In dem großen Kühlraum fand ich noch einige große Eimer mit Vanillepudding, welchen ich kurz darauf auch schon in kleine Schüsseln füllte. Die Mensa füllte sich allmählich und als die Küchenchefin einen Gong auslöste, stürzte sich die hungrige Menge an die Theke. Während eine andere Mitarbeiterin den Gefangenen einen Teller mit Eintopf reichte, verteilte ich monoton und stets mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen den Pudding. Festtagsessen. Hin und wieder erkannte ich ein bekanntes Gesicht und unterhielt mich für einige Sekunden mit diesen Männern. Doch viel Zeit hatte ich nie, da die restlichen Mäuler auch gestopft werden wollten. Als ich plötzlich in ein müde wirkendes Gesicht mit einem blauen Augen blickte, verschwand mein Lächeln automatisch. "Nathan?!", stieß ich leise hervor und musterte den jungen Mann schockiert. Ich musste unbedingt mit Nathan reden. Doch wie stellte ich das an? Kurz biss ich mir auf die Unterlippe, reichte dem jungen Mann sein Schälchen Pudding und ließ es dann unauffällig aus meinen Fingern gleiten. Das Glas zerbrach am Boden und ich stieß einen überraschten Laut aus. "Ach herrje. Das tut mir jetzt aber leid. Setz dich einfach schon mal an einen Tisch, ja? Ich bringe dir sofort einen neuen Pudding.", versprach ich Nathan zwinkernd. Nachdem alle Männer bedient waren, füllte ich mit besonders viel Hingabe eine neue Schüssel Pudding für den jungen Mann. Bevor ich allerdings zu diesem ging, legte ich die Schürze ab und entfernte das Haarnetz. Die gaffenden Blicke der Inhaftierten brannten auf meiner Haut und ich grinste innerlich. Ich sah wohl gerade aus wie so ein Mädel in einem Blogbuster. Mit eleganten Schritten lief ich ohne mit den Wimpern zu zucken die Tische entlang, bis ich bei Nathan ankam. Dieser saß alleine da, weswegen ich mich direkt neben ihn auf einen Holzstuhl fallen ließ. Den Pudding stellte ich mit entschuldigender Miene auf dem Tablett ab. "Ey, wer war das?", flüsterte ich leise und konzentrierte mich voll und ganz auf den jungen Mann. Das man durch den vorne offenen Blazer und durch die transparente Bluse deutliche Ansätze meines rosafarbigen Spitzenbhs sehen konnte, ignorierte ich geschickt.


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#13

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 25.01.2015 23:57
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ein wenig dumpf starrte ich vor mich hin, während ich bei der Theke lehnte. Ich wollte eigentlich nur schlafen, weil ich nicht hatte schlafen können, aber gleichzeitig könnte ich es nicht. Die Angst saß tief in meinen Knochen, auch wenn ich da jetzt raus war. Ich wusste, dass sie mich jederzeit wieder einsperren würden und es würde nicht besser werden, nur weil ich wusste, was das für ein Raum war. An sich war darin nichts passiert, aber ich konnte enge Dunkelheit nicht ab, seit mein Vater mich einmal in einen Schrank gesperrt und lange nicht rausgelassen hatte. Die Nacht hatte mich Kraft gekostet und nur langsam ließ der Stress nach. Dafür kamen jetzt die Schmerzen wieder mehr zur Geltung, die von der Prügelei auf dem Hof und meine Kniekehle sah echt nicht mehr schön aus. Auch wenn ich isoliert gewesen war, so wollte ich jetzt nicht mehr unter den Leuten sein. Ich hatte Schmerzen und fühlte mich beobachtet, alle Geräusche waren zu laut und das Licht zu hell. Meine Kehle brannte und obwohl der Schock des Gefühls zu ertrinken noch tief saß, hatte ich Durst. Ich fühlte mich so schlecht wie selten und brauchte einen Moment um zu realisieren, dass endlich Essen ausgeteilt wurde. Diejenigen, die drängelten und drohten, weil sie zuerst Essen wollten, ließ ich vor, fügte mich ohne sofort wieder Stress zu machen und erst als sich jemand erbarmte, mich vorzulassen, gelangte ich in die Schlange. "Mein Beileid", murmelte der Kerl. Ich schätzte er wusste sowohl von der Prügelei als auch davon, dass mich die Wachen wohl mitgeschleift hatten. Ich nickte nur leicht, wirklich reden wollte ich ja nicht.
Langsam schob ich mein Tablett über den Tresen, nahm dann den tiefen Teller mit Eintopf entgegen. Mein Magen knurrte laut und das Essen roch sogar mal erstaunlich gut, aber Appetit hatte ich keinen. Ich hatte meine persönliche Hölle durchlebt, ich wollte eigentlich nur noch in die Arme meiner Mutter flüchten - aber ach ja, sie hat mich vor vielen Jahren einfach zurückgelassen und mir meine Schwester genommen. Heute bedankte ich mich nicht einmal für das Essen, wie ich es sonst eher tat, auch wenn es nicht schmeckte. Ich hing meinen Gedanken nach, während ich mein Tablett weiterschob. Erst als ich angesprochen wurde, hob ich meinen Blick und sah Maddie an. Vielleicht sollte ich ihr sagen, dass sie mir lieber eine Kamera hätte schenken sollen. Aber gebracht hätte es nichts, ich war ja nicht gerade in der Lage gewesen mal eben ein Filmchen zu machen, während die mich fast ersäuften und dann in einem dunklen Raum einsperrten, der garantiert dreißig Grad gehabt hatte. Bei ihrem geschockten Blick schenkte ich ihr ein kleines, ironisches Lächeln, während ich das Schälchen entgegen nehmen wollte. Doch es erreichte mich nicht einmal und zerschepperte laut am Boden. Bei dem Lärm zuckte ich sichtlich zusammen, nun ein wenig wacher. Ich sah sie erschrocken an bei ihren Worten, nickte dann bei ihrem Zwinkern. Ich meinte zu ahnen, dass sie mit mir sprechen wollte. Und das war eigentlich nicht gut. Wieder Lärm und Bruch in meiner Nähe und wieder eine Extrabehandlung. Ich machte mir Sorgen, mal wieder, auch wenn sie eigentlich ja nichts dafür konnte. Sie konnte nicht wissen, dass bei mir ein kleinster Reiz aussorgte um wieder im Keller zu landen. Nicht umsonst bestanden viele der Vergewaltiger nicht auf den Hofgang und Arbeit oder ähnliches. Sie blieben in ihren Zellen und dadurch außerhalb des Interesses der Wächter. Ich hoffte, dass sie auch den Spaß bei mir verlieren würden.
Ich nahm schließlich mein Tablett, schlurfte mit einem leichten Humpeln zu einem abgelegenem Tisch und ließ mich dort nieder, verzog das Gesicht als ich meine Kniekehle dafür beugen musste. Scheiß Wärter mit ihren Schlagstöcken. Mit einem Seufzen wandte ich mich dann dem Essen zu, schob das Gemüse mit dem Löffel hin und her, zwang mich zu essen, weil ich eigentlich ja Hunger hatte. Lustlos biss ich auf dem Essen herum, zwang es meine Kehle hinunter und starrte immer wieder durch die Leute, suchte nach den Wärtern, ob sie mich schon wieder im Visier hatten. Mein Blick glitt dann zur Mensa, wo Maddie gerade die Schütze abnahm und dann ihre Haare wieder befreite. Die ganze Mensa war einen Moment still, war doch klar. Sie war wunderschön und ihr Stil betonte das auch noch. Ich zwang mich, wieder auf mein Essen zu sehen. Sie war der Grund, weshalb ich im Keller gelandet war, ich sollte nicht weiter Aufmerksamkeit in Bezug auf sie erlangen. Ich zwang mich weiter zu essen, hörte ihre Schuhe auf dem Linoleum-Boden. Ich hätte mich lieber versteckt, ich wusste, dass sie auf mich zu kam und ich wollte nicht darüber reden. Ich durfte nicht. Sie würden mich wieder holen und einsperren und das bedeutete keinen Schlaf, kein Essen, Dunkelheit, nichts sehen, nichts hören und sich gebraten fühlen in dieser viel zu engen Kammer. Ein wenig gequält sah ich auf, als sie sich neben mich setzte und blickte sie an, versuchte dabei nicht zu zeigen, dass ich total angefressen war. Dann sah ich auf den Pudding, als wäre er interessanter als Madita. Bei ihrer Frage zuckte ich mit den Schultern, wich ihrem Blick immer noch aus und wandte mich dem Essen zu, nutzte einen Löffel zu essen um eine Antwort hinauszuzögern. "Ich weiß nicht. Kommt von der Prügelei, da weiß ich doch nicht, wer was war", meinte ich dann kühl. Eine Lüge war es nicht. Es gab eine Prügelei, okay, von den Wärtern nur einfache Schläge, aber es war Prügel. Und wer es war, konnte ich nicht sagen, ich kannte die Namen nicht. Mein Blick zuckte kurz zu ihr herüber, aber bevor sie meine Aufgewühltheit sehen konnte, sah ich lieber wieder weg. In ihren Ausschnitt, den sie mir bot. Dabei war es ja nicht mal ein richtiger Ausschnitt, sondern einfach ihre viel zu dünne Bluse. Und darunter ein feiner BH. Meine Kehle wurde trocken und ich riss mich lieber schnell wieder von dem Anblick los, fuhr mir mit einer Hand übers stopplige Kinn.


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#14

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 26.01.2015 20:38
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Nathan erweckte nicht gerade einen erfreuten Eindruck, als ich mich neben ihm fallen ließ. Konnte ich das verstehen? Nachvollziehen gewiss, aber verstehen war wieder etwas ganz anderes. Nachdenklich legte ich den Kopf in den Nacken und ließ meine Augen durch die große Mensa wandern. Die Außenmauern bestanden komplett aus Glas, allerdings konnte man durch diese kaum etwas sehen, da die grauen Gitterstäbe den Blick versperrten. Es musste wirklich ein tristes Leben sein, das die gefangenen Männer hier führten. Der kleine Garten war zwar sicher eine Abwechslung, doch besonders spannend auch wieder nicht. Nachdenklich richtete ich mich wieder auf und schenkte Nathan ein strahlendes Lächeln. "Du weißt es nicht?", wiederholte ich seine Aussage wenig überzeugt und verdrehte die Augen. "Aber okay. Wenn du nicht reden willst.", beendete ich die Angelegenheit trocken und lächelte schon wieder. Als sein Blick sich auf meinen nicht vorhandenen, aber durchsichtigen Ausschnitt, richtete, zog ich die Augenbrauen etwas nach oben. "Mhhhhhm.", stieß ich schmunzelnd hervor und zuckte belanglos mit den Schultern. "Gefällt dir, was du siehst?", erkundigte ich mich neugerig und blinzelte einige Male mit den vollen Wimpern, ehe ich den rechten Zeigefinger in den Vanillepudding steckte und den Pudding dann abschleckte. "Lecker.", kommentierte ich meinen kleinen Diebstahl amüsiert und hob kurz grüßend die Hand, als ein etwas älterer Gefangener an uns vorbei lief. "Hallo, Maddie.", rief er mir gut gelaunt zu und ich musste grinsen. "Wie geht's?", fragte ich lächelnd und bekam ein Grummeln als Antwort. Interessant. Der Kerl verschwand dann auch schon um die Ecke. "Immer diese freundlichen Menschen.", beschwerte ich mich leise und konnte nicht verhindern, dass mein Zimmer noch einmal in die Schale wanderte. "Ok, jetzt lasse ich dir dein Essen aber echt übrig.", versprach ich beschämt und lächelte entschuldigend. Ich hatte doch schließlich einen vollen Kühlschrank zuhause stehen und wenn ich auf etwas Lust hatte, fuhr ich einfach in den nächsten Laden oder bestellte es mir. Konnte man im Knast Pizza bestellen? Die Wächter konnten es auf jeden Fall, aber die Inhaftierten? Wohl kaum. "Hast du hier keine...ich nenne es mal...Freunde?", erkundigte ich mich sichtlich besorgt, da man Nathan entweder nur ignorierte oder ihm tötende Blicke zu warf. Anscheinend war der arme Kerl hier wirklich unbeliebt. Was hatte er nur verbockt? Ich war nach wie vor nicht neugierig, doch Nathan schien wirklich Probleme zu haben. Nachdenklich zupfte ich an meinem Blazer rum und erhob mich. "Nun ja. Ich will dich auch nicht weiter stören, ja?", beschloss ich und tätschelte dem jungen Mann kurz den muskulösen Oberarm, ehe ich mich auch schon hinter ihm vorbei quetschte. "Ich bin noch ne Weile hier. Vielleicht sieht man sich.", informierte ich Nathan noch beiläufig und fuhr mir mit der sauberen Hand durch die blonden Haare, ehe ich meinen verschmutzten Finger an einer Serviette abputzte und Nathan noch einmal zum Abschied freundlich zu nickte, ehe ich auch schon auf dem Absatz kehrt machte und mit wiegenden Hüften die Mensa verließ. Ich hatte es echt gut. Ich konnte mich bewegen, wie ich wollte. Es stellte sich mir absolut niemand entgegen. Und wenn ein Mann, egal ob Angestellter oder Gefangener, mir doch mal etwas verbot, konnte ich mich recht gut verteidigen. Schmunzelnd beachtete ich wie sonst auch die Männer, welche meinen Weg kreuzten. Mein Weg führte mich in den großen Gruppenraum, in welchem die Leute sich immer aufhalten durften. Außerdem war samstag hier immer der Treffpunkt für die Gespräche mit Freunden und Familie. Die Tische waren teilweise bereits besetzt. Lächelnd holte ich aus einer kleinen Kammer einen Eimer und füllte ihn mit heißem Wasser. Bewaffnet mit einem Putzlappen betrat ich anschließend wieder das Zimmer und fing an, ein wenig Staub zu wischen. Sauberkeit und Ordentlichkeit kamen hier eindeutig zu kurz.


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#15

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 29.01.2015 01:22
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Sie war ja eigentlich gar nicht das Problem. Ich mochte Maddie, sie war ein liebes Mädchen und ich war ihr wirklich dankbar, dass sie mir geholfen hatte. Dass es im Endeffekt damit endete, dass die Aufmerksamkeit die Wachen störte und sie mich auf meine Straftat hinwiesen und schon mal zurechtwiesen, bevor ich überhaupt etwas getan hatte. Aber hier lief es eben anders. Die Wachen hatten so ihre Vorstellungen von ihrem Recht auf Strafverfolgung. Als wäre der Haft nicht schon schlimm genug, mussten sie es einem noch zur Hölle machen. Ich kannte inzwischen ein paar langjährige Insassen, die nahezu gebrochen waren. Die Blicke stumpf, keine Hoffnung und kein Mucks. Man konnte sie schlagen, ihnen das Essen wegnehmen - bevor sie irgendwie für Stress und Aufmerksamkeit sorgten, stellten sie sich lieber selbst zurück. Ich war eben nicht so. Oder eben noch nicht. Erst war es mir egal gewesen und ich war eher still und für mich gewesen, weil es mich verunsichert hatte mit Schwerverbrechern meine Zeit zu verbringen und zum anderen, weil ich ja gedacht hatte, dass ich hier schnell wieder raus kam. Aber kein Verteidiger hatte es geschafft, auch nur eine Strafminderung herauszuschlagen und das obwohl es immer noch ersichtliche Mängel in der Beweisführung gab, wo es doch angeblich doch so offensichtlich war, dass ich das gewesen war. Sie sollten mir dann aber bitte erklären, warum ich nach der Vergewaltigung die Polizei gerufen hatte und an Ort und Stelle geblieben war. Warum ich ihr erst dann die Bluse zerrissen hatte, wo ich es doch erläuterte, dass das Beatmen leichter ohne schnürenden BH war. Außerdem waren die Hautfetzen unter ihren Fingernägeln nicht auf meine DNA untersucht worden, ebenso wenig wie untersucht worden war, ob die Spermien von mir waren. Sie hatten mich ja erwischt, haben sich das so hergeleitet und das reichte ihnen. Inzwischen konnte man das auch nicht mehr nachprüfen, da das Beweismaterial war, das sich nicht lange hielt. Aber dennoch, es hatte niemand mal hinterfragt, ob ich einfach unglücklich da reingelaufen war, wie ich es immer wieder versucht hatte zu erklären.
Jedenfalls war ich erst richtig hier angekommen, als ich die Hoffnung aufgegeben hatte, dass ich noch wieder raus kam. Und seit dem machte ich meinen Standpunkt klar. Wer mir wie ein Köter ans Bein pisste, musste damit rechnen, dass ich, wie bei einem Köter, zutreten würde. Ich verteidigte mein Essen und mich, meine Würde. Und seit dem hatte ich leider dadurch etwas Aufmerksamkeit erweckt. Wenn man nicht mehr auswich, stand man zwangsläufig mal jemandem gegenüber und leider waren es eben gleich mehrere, eine halbe Bande, die sich mit unserer Gang angefeindet hatte. Die Schlägerei war der erste größere Angriff gewesen. Vorher war ich doch noch etwas zurückhaltender gewesen, aber ich wollte mich nicht ewig unterdrücken lassen. Nur hatte ich leider nicht damit gerechnet, dass sich jemand um mich kümmerte. Hätte Maddie mich nicht aufgesammelt und so den Wachen und Insassen getrotzt, wäre ich einfach liegen geblieben und irgendwann in meine Zelle gerobbt. So hatte ich Hilfe von außen bekommen und das war ungewöhnlich und damit schlecht. Die Wachen hatten mir ja deutlich gemacht, dass sie es mir nicht gönnten, dass sie mir geholfen hatte. Ich sollte mich von ihr fernhalten und ihr nichts sagen. Also war ich jetzt eben vorsichtig, ich wollte nicht, dass irgendjemand ein zu genaues Auge auf uns warf und schon gar nicht die Wärter. Ich konnte nicht noch eine Nacht in so einer Dunkelkammer verbringen. Es brachte mich um, früher oder später. Auch wenn es mich körperlich wenig angriff. Ich konnte nichts gegen den Stress tun, den die absolute Stille, die Hitze, die Enge und die Dunkelheit bei mir auslöste. Ich konnte den Schock jetzt ganz gut dämpfen, aber ich war ja auch auf Drogen, was die Schmerzen etwas linderte oder zumindest egal erscheinen ließ und die Laune ein kleines bisschen hob, wobei es in dem Sinne nur dafür sorgte, dass ich nicht gestresst in einer Ecke saß und mich übergab.
Als sie nachhakte, ob ich es wirklich nicht wüsste und die Augen verdrehte, biss ich still die Zähne zusammen. Was sollte ich schon sagen? Hier laut herum posaunen, dass die Wärter ihre sadistischen Adern bei mir ein wenig ausgelebt hatten? Ich fragte mich kurz, ob sie wohl heimlich sogar eine Kamera hatten in der Kammer um sich an der Panik anderer erfreuen zu können. Ich würde nicht zum Nachschauen runter gehen. Dass sie das Thema beendete, erleichterte mich schon irgendwie, auch wenn ihr trockener Ton mir nicht gefiel. Was konnte ich denn schon dafür? Ich wollte sie nicht anlügen, aber ich wollte nicht, dass jemand zuhörte und hier hatten ständig die Leute ihre Ohren auch bei dem Nachbartisch. "Nicht hier", murmelte ich also nur leise, eher für mich als für Maddie, ich war nicht mal sicher, ob sie es überhaupt gehört haben konnte, vor allem weil ich es ja auch eher Richtung Tisch gesagt hatte, auf dem ich den Teller beiseite schob auf dem Tablett, als er geleert war. Und dann glitt mein Blick eben zu ihrem schönen Körper, wofür ich doch auch gar nichts konnte. Bei ihrem schmunzelndem Laut fühlte ich mich ertappt, Wärme stieg mir ins Gesicht und in die Ohren und ich riss mich räuspernd von dem Anblick los, sah sie mit entschuldigendem Grinsen an. Als sie fragte, ob es mir gefiel, wusste ich auch nicht was ich sagen sollte. Sie wusste doch garantiert nur all zu gut, dass sie toll aussah und man hier nie einen solch schönen Körper in halb transparenten Kleidungen sah, was Platz zum Träumen ließ. "Ich stehe nicht so auf Rosa. Schwarz oder Rot ist besser, aber ja, gefällt mir sehr", meinte ich also schlicht mit einem Hauch eines Lächelns. Sie war im Knast verdammt, da musste sie mit sowas rechnen. Außerdem war ich ehrlich, das war doch eigentlich gut. Als sie sich doch wirklich lasziv einen Finger Vanillepudding klaute um den dann abzulecken, starrte ich sie entgeistert an, schluckte mit trockener Kehle. Oh ja, da wurden Vorstellungen wach. "Das ist nicht fair", kommentierte ich ihren Diebstahl und ihr verführerisches Verhalten, selbst wenn sie es vielleicht gar nicht mal so wahrnahm. "Von wegen keine Ahnung von Männern"; grummelte ich ich dann.
Als sie jemanden grüßte und damit von sich ablenkte, atmete ich mal durch. Ich beobachtete den Gefangenen, aber das war niemand, mit dem ich ein Problem hatte. Als auch er auf die Frage nach seinem Wohlbefinden keine Antwort gab und Maddie sich beschwerte, schüttelte ich leicht den Kopf. "Das hat nichts mit Freundlichkeit zu tun. Es liegt an den Umständen", meinte ich nur, und ich schnaubte beleidigt, als sie mir noch etwas von meinem Nachtisch mopste. Da bekam man mal was süßes und es wurde einem weggenommen. Und das nicht mal von einem Insassen sondern von einer frechen, jungen Frau. Das war kein fairer Kampf - Weil ich verlor, weil ich ihr den Pudding einfach überlassen würde. Ich lächelte sie an, als sie schließlich den Pudding aufgab und ich griff mir den kleinen Löffel und die Schale. Zufrieden naschte ich den Pudding, genoss die Süße, das einem kurz das Gefühl vom Himmel entgegenbrachte, ehe sie mich doch wirklich nach Freunden fragte. Ich zuckte leicht mit den Schultern. "Wenige. Ich will mich nicht für Schutz irgendwelcher Leute vor anderen verkaufen"; erklärte ich, ein wenig verwundert über ihre Sorge, die in ihrer Stimme mitklang. Naja, nach gestern vielleicht doch nicht so unverständlich. "Nur kümmern die sich in den freien Zeiten eben öfter auch um ihren Stand und Schutz",fügte ich hinzu, nachdem ich mir noch einen Löffel Pudding gegönnt hatte. "Du störst nicht", murmelte ich in meinen Pudding, als sie sich verabschiedete, auch wenn ich irgendwie ja froh war, dass bisher kein Wächter ein Auge auf uns geworfen hatte und es dann auch nicht mehr haben könnte. Ihre Berührung störte mich keineswegs. ich nickte leicht. "Klar, bis dann", meinte ich dann und sah ihren schwingenden Hüften nach. Man, das war doch wirklich gemein. Perfekter Körper, perfekter Charakter, perfekte Chance. Nur leider etwas zu jung oder zumindest zu früh im Studium und damit war alles für die Katz.
Nachdem ich aufgegessen hatte, schleppte ich mich in meine Zelle. Ich legte mich eine Runde schlafen, auch wenn ich nicht viel Erholung fand, da die Zellen keine Rollläden besaßen und es dadurch hell war. Und schließlich war dann auch Besuchszeit. Ich glaubte nicht, dass es heute anders sein würde als sonst. Ich würde weder Post haben, noch würde ich Besuch bekommen. Dennoch ging ich zum Besucherbereich und dort zur Postverteilung. "Ist etwas für mich da?", fragte ich leise, bekam sogar ein Nicken zur Antwort, als der Mann hinterm Schalter nach meinem Namen in der Kartei gesucht hatte. Hoffnung kribbelte in mir und ich unterschrieb, dass ich den Brief erhalten hatte. Damit setzte ich mich dann an einen der Tische, der noch nicht besetzt war. Ein kurzer Blick hatte mir verraten, dass niemand für mich da war. Maddie wuselte nur herum um zu putzen, als einzige, die ich wirklich kannte. Und selbst einer derer, die mich gestern so unfair zusammen geschlagen hatten, hatte Besuch. Scheinbar von seiner Frau und seiner Tochter. Ein kleines Mädchen, das ihm strahlend ein paar Kritzeleien zeigte. Der Mann wirkte auf einmal wirklich wie ein liebevoller Vater, nicht wie der böser Kerl, als der er hier gelandet war. Am Platz sah ich mir dann den Brief an und grübelte. Er war von meinem letzten Verteidiger. Ob das nun besser war als ein Brief von meiner Familie, das würde sich herausstellen. Hoffend riss ich ihn auf, zog die Zettel heraus und las ihn mühevoll. Ich hatte eine leichte Lese- und Rechtschreibschwäche, weil ich kaum in der Schule aufgepasst hatte und zuhause keine Förderung erhalten hatte, aber ich kaute mich durch den Text in halber Beamtensprache. Meine Miene wurde zunehmend deprimierter, Verzweiflung und Wut machte sich in mir breit. Mein Antrag auf eine weitere Revision war ausgeschlagen worden. Ich sollte meine Strafe akzeptieren, es kam ja nie etwas neues bei rum und man konnte nicht noch mehr ermitteln und so weiter. Ich hatte bereits Chancen, aber die waren vertan, meine Glaubwürdigkeit war nicht gegeben und so sollte ich doch einfach meine Strafe absitzen. Mit einem Kopfschütteln ließ ich den Brief fallen, lehnte mich leicht zurück und verschränkte die Arme. Ich würde also eindeutig hier versauern. Ich würde sterben und vorher nur überleben statt zu leben. Wenn überhaupt. Vielleicht sollte ich einer derer sein, die versuchten auszureißen und mich dabei irgendwie töten lassen. Dann musste ich nicht erst so lange hier drinnen leiden.


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#16

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 29.01.2015 14:51
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Der Hauch von Röte, welcher Nathan's Wangen in ein helles Rot färbten, kommentierte ich mit einem vorwurfsvollen Seufzer. Wieso waren Männer so pervers? Bei Nathan konnte ich es allerdings irgendwie nachvollziehen. Seit über drei Monaten saß er schon hier und davor war er wahrscheinich auch schon in Untersuchungshaft gesessen. Daraus schlussfolgerte ich also, dass er sicher schon etwas Stau da unten hatte. Holte Mann sich im Knast eigentlich mal einen runter? Neugierig legte ich den Kopf in den Nacken und setzte meine Gedanken gleich in ausgesprochene Worte um. "Sag mal....Ich weiß, dass es hier wohl kaum Sex gibt. Außer diese Art von Sex, an die ich gar nicht erst denken will. Wie ist das so mit deinen Bedürfnissen?", erkundigte ich mich schmunzelnd und grinste frech. Vielleicht war diese Frage etwas zu direkt gewesen, doch mich interessierte es herzlich wenig. Es konnte wohl kaum schaden, zu wissen, wie die Männer mit dem Druck umgingen. Am Ende wurde ich nämlich noch ein Opfer von einem notgeilen Kerl und so stellte ich mir mein erstes Mal definitiv nicht vor. Wer wollte auch schon bei einer Vergewaltigung entjungert werden? Meine Mädels und ich jedenfalls nicht. Meine kleine Nascherei schien die Angelegenheit nicht besser zu machen. Jedenfalls guckte Nathan mich relativ entgeistert an und das Schlucken war nicht zu übersehen. "Oh.", stieß ich entschuldigend heraus und zuckte hilflos mit den Schultern. "Ich sollte mich zumindest hier mehr zurück halten, oder?", erkundigte ich mich vorsichtig und lächelte schief. Meine laszive Art konnte ich genauso gut außerhalb der Mauern ausüben, auch wenn ich es eigentlich nicht sehr häufig tat, beziehungsweise nur unabsichtlich. "Blablabla.", maulte ich beleidigt und schob die Unterlippe nach vorne. "Man kann es dir echt nicht Recht machen, richtig?", beschwerte ich mich lautstark. Doch dann hatte ich mich auch schon fürs erste verabschiedet und war verschwunden.

Der Gemeinschaftsraum füllte sich nach und nach mit den Besuchern, welche ihre im Knast sitzenden Ehemänner, Väter, Söhne oder was auch immer besuchten. Lächelnd beobachtete ich eine kleine Familie, ehe ich mich wieder meiner Arbeit widmete und gut gelaunt die Blumen mit Wasser versorgte, da alle Pflanzen hier ziemlich welk waren. Warum schaffte man sich überhaupt Grünzeug an, wenn man sich nicht anständig darum kümmerte? Ich konnte so etwas gar nicht haben. Genauso wenig wie Lügen. Lieber hörte ich die schmerzliche Wahrheit als eine beruhigende Lüge. Außerdem hatten Lügen bekanntlich kurze Beine. Aus diesem Grund sagte ich normalerweise immer die Wahrheit. Wobei kleine Notlügen natürlich auch mal erlaubt waren. Nur nicht immer und vor allem nicht wichtige Dinge, von denen man wissen musste. Hin und wieder fiel mein Blick auf Nathan, welcher schon seit geraumer Zeit schweigend an einem sonst leeren Tisch saß und immer wieder zur Tür sah, wenn diese sich öffnete. Doch niemand kam für den jungen Mann. In mir breitete sich ein trauriges Gefühl aus. Hatte Nathan vielleicht auch außerhalb keine Kontakte mehr? Es wendeten sich häufig Freunde und auch Familie von einem ab, sobald man in der Scheiße saß. Nachdenklich räumte ich die Putzsachen und die Gießkanne zurück an die dafür vorgesehenen Plätze. Als ich zurück kam, saß der arme Kerl immer noch alleine da und hatte inzwischen eine ziemlich aussagekräftige Haltung eingenommen. Mit einem liebevollen Lächeln ließ ich mich gegenüber von Nathan auf den Stuhl fallen und legte die Arme auf den Tisch. "Na du?", meinte ich freundlich und ließ meine Augen noch einmal durch den Raum wandern, welcher von sechs Polizisten bewacht wurde. Einer von ihnen starrte mich mit einem so lüsternen Blick an, dass ich gleich meinen Blazer nach vorne hin enger zusammen zog, um die Umrisse des Bhs zu verdecken. "Ab morgen komme ich nur noch in Jogginghose und Pulli. Bestenfalls noch einer von meinem Vater, damit er viel zu groß ist.", scherzte ich und versuchte, den Polizisten nicht weiter zu beachten. Doch seine Blicke spürte ich dennoch. Die Situation war mir durchaus unangenehm. "Wartest du auf jemanden?", erkundigte ich mich anschließend vorsichtig. Ich wollte Nathan nicht zu nahe treten, vielleicht bekam er ja sonst immer Besuch und nur heute nicht. Ich konnte das nicht beurteilen, da ich diesen Raum heute zum ersten Mal betreten hatte, wenn auch Menschen anwesend waren.


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#17

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 31.01.2015 01:12
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ihr Vorwurf war deutlich zu hören bei dem Seufzen. Aber was konnte ich schon dafür, wenn der Blick sich mir nun einmal bot? Ich war ein Mann, hinzuschauen war Instinkt und ich hatte nun mal schon lange keine hübsche Frau mehr gesehen. Und sie war nun wirklich jung und schön. Und dazu auch noch nett, auch wenn es vielleicht gerade deshalb nicht sehr respektvoll war. Aber es war ja auch nicht so, dass ich penetrant starrte und irgendwelche Sprüche brachte. Aber der Anblick zog mich halt an, sobald ich ihn bemerkt hatte. Ich konnte mir noch so sehr selbst sagen, dass ich ihr in die Augen sehen sollte, es brachte nichts. Zu sehr vermisste ich weibliche, nackte Haut, Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Na gut, Drogen hatte ich, aber das freie Leben ohne Grenzen und ausgelassener Sex, der Himmel auf Erden, das fehlte mir alles. Aber auf Sex würde ich sogar weiter verzichten, solange ich mein freies Leben wiederbekam und nicht sterben musste. Ich würde so gut wie alles dafür tun. Ihre sehr direkte Frage überraschte mich wirklich. Ich verzog kurz das Gesicht, als sie das Thema ansprach, das mir sogar mit am meisten Angst machte. Ich war als Vergewaltiger eingebuchtet wurde, der sein Opfer extrem geschändet hatte. Ich wollte nicht wissen, was sie mit mir anstellten, wenn meine Feinde das erfuhren. "Ehm.. Da man hier wenig Anregung bekommt, es sei denn man steht auf die da"; ich nickte in Richtung der Mensa, wo nun wirklich viele hässliche Frauen arbeiteten, "geht es. Abgesehen davon, dass du aufgetaucht bist und alles durcheinander bringst, wenn ich das mal so sagen darf. Aber wozu gibt es eigene Hände", meinte ich durchweg ehrlich, zuckte schon fast entschuldigend mit den Schultern. Sowas wollte eine Frau wahrscheinlich nicht so sehr unbedingt hören. Aber so beiläufig und wohl unterbewusst war sie auch echt gut dabei, Druck aufzubauen. Ich lachte auf, als sie selbst bemerkte, dass sie sich zurückhalten sollte. "Exakt, es sei denn du möchtest, dass dir alle hinterher sabbern", meinte ich belustigt. Ein wenig argwöhnisch runzelte ich die Stirn, als sie sich beschwerte, ob man es mir nicht recht machen könnte. Hatte ich etwas falsches gesagt und es nicht kapiert? War ich zu direkt? Ein wenig hilflos sah ich ihr nach, zuckte dann mit den Schultern. Es sollte nicht mein Problem sein, vielleicht war es auch besser, wenn sie, weiß Gott warum, beleidigt war.

Es war ein reges Kommen und Gehen im Gemeinschaftsraum. Manche holten nur ihre Post, andere bekamen ihren Besuch, der mal kürzer oder länger ausfiel. Ich hingegen hatte meine Post geholt und wartete. Vergebens so wie immer wie es schien. Ich musste mich damit begnügen Maddie beim Aufräumen und Putzen und Pflanzengießen zuzusehen und die Wächter zu beobachten oder die anderen Leute. Aber diese ganze Liebe und das Vertrauen und Hoffnung, die bei fast allen Gesprächen auftauchten, stimmten mich nur wehmütig. Jeder noch so schlimme Verbrecher, Mörder, hatten Frauen, die sie in flüchtigen Momenten umarmten oder küssten, auch wenn man eigentlich keinen nähren Körperkontakt haben sollte, weil ja sonst was passieren könnte. Geiselnahmen oder sowas. Es war eigentlich Schwachsinn, aber ab und an verteilten die Wächter mal mahnende Blicke, wenn es etwas unübersichtlicher schien. Zwischendurch sah ich immer mal wieder auf meinen Brief, der mein Schicksal besiegelt hatte, zerknüllte ihn irgendwann vor Frust, ließ ihn aber auf dem Tisch liegen. Ich blieb beharrlich sitzen und wartete, sah immer wieder zur Uhr, dann zur Tür, falls jemand auftauchte. Viele kannte ich inzwischen vom Sehen her, aber es war nie jemand für mich. Deprimiert saß ich also mit verschränkten Armen dort, mich packte langsam der Missmut. Ich wusste, dass niemand auftauchen würde, ich sollte einfach gehen. Ich sollte auch nächste Woche nicht wiederkommen, sondern einfach in meiner Zelle versauern. Gerade als ich mich doch bewegen wollte um zu gehen, setzte sich Maddie mir gegenüber und lächelte mich an. Ihr Gesichtsausdruck wirkte ziemlich sanft, ich wusste nicht, ob es aus Mitleid war und eigentlich wollte ich gar kein Mitleid. Dennoch blieb ich sitzen, löste meine verschränkten Arme um nicht so abweisend zu wirken und setzte mich recht normal hin. "Hey", begrüßte ich sie mit einem halben Lächeln, bemerkte wie ihr Blick in Richtung eines der Polizisten wanderte und wie sie den Blazer enger zog, drehte mich dem Typen aber nicht direkt zu, ich wollte nicht provozieren. Bei ihren Worten schmunzelte ich leicht. "Vielleicht besser so, aber bitte dann noch mit Hippie-Stirnband und Asi-Zopf", spaßte ich, seufzte dann leise bei ihrer Frage und beschäftigte meine Finger mit dem zerknicktem Briefumschlag, sah kurz zu der Tür. "Naja... schon.. aber es wird niemand kommen. Also.. ich bezweifle es zumindest", meinte ich, wurde zunehmend leiser. Ich hätte ja auch einfach die Klappe halten können. Aber vielleicht redete ich gerne mit ihr, weil wenigstens mal jemand mit mir redete ohne mich zu beleidigen. Abgesehen von meinen drei mehr oder weniger Kumpanen hier, aber zwei davon waren auch fast laufend unter Drogen und alle drei waren ziemlich harte Kerle. Ich würde wohl nicht über mein Leben jammern, darüber, dass ich niemanden hatte. Sie erwarteten schon irgendwie von mir, dass ich der harte Kerl von der Straße war mit einem riesigen Vorstrafenregister und Mordversuch. Sie zogen mich schon nahezu damit auf, dass ich es nicht geschafft hatte, jemanden zu töten.


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#18

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 31.01.2015 16:06
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ich hatte mir während dem Putzen noch einmal einige Gedanken über das vorherige Gespräch mit Nathan gemacht, war jedoch zu keinem klaren Entschluss gekommen. Dieser junge Mann war tatsächlich anders als die anderen Inhaftierten hier. Doch wieso? Er musste doch irgendetwas schlimmes angestellt haben, sonst wäre er wohl kaum hier. Oder? Er wirkte in manchen Dingen sogar ziemlich unsicher und vielleicht auch schüchtern. War er immer so oder lag es einfach nur daran, dass er den Anblick eines hübschen Mädchens nicht mehr gewohnt war? Schließlich hatte er ja quasi selbst zugegeben, dass es außer den molligen Mensadamen kaum etwas gut aussehendes hier gab, was Vagina und Titten hatte. Und auch die Tatsache, dass er mir erklärt hatte, dass es ja noch Hände gab, machte meine Gedanken nicht viel besser. Ich wollte wirklich nicht dieses Kopfkino haben, welches sich in meinem Kopf abspielte. Nathan auf seinem bettähnlichen Gestell in einer kleinen Zelle, mit heruntergelassener Hose und dem Schwanz in der Hand. Ich verzog kurz das Gesicht und war erleichtert, als genau dieser Kerl live im Gemeinschaftsraum auftauchte. Zwar stahlen sich die Erinnerungen an mein Kopfkino noch immer durch meine Gedanken, waren allerdings vorerst vergessen. Doch ich war mir relativ sicher, dass sie spätestens heute Abend wieder auftauchen würden. Ich war wahrscheinlich im passenden Moment gegenüber von Nathan auf den Stuhl gefallen, um ihn daran zu hindern, den Raum zu verlassen. Seine ruhige Begrüßung klang in meinen Ohren schon beinahe wehleidig. Schmunzelt legte ich den Kopf schief und belächelte den Umstand mit dem Polizisten nur milde. Sich darüber aufregen brachte wohl niemanden was. Und wenn der Mann meinte, mich schon vor seinem geistigen Auge ausziehen zu müssen, nur zu. Solange es bei diesen Wunschvorstellungen blieb, hatte ich rein gar nichts dagegen einzuwenden. Was sprach denn auch dagegen, dass sich sämtliche männliche Lebewesen innerhalb dieser Mauern die Köpfe nach mir verrenkten? Für mich war es ein Kompliment und große Angst hatte ich nun wirklich nicht. "Na klar. Und dann kaue ich noch ganz provozierend Kaugummi und stelle mich jedem als Chantal vor, okay?", fantasierte ich lachend und strich mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. "Du klingst nicht gerade fröhlich, Nathan.", stellte ich daraufhin leise fest und lächelte ihn aufmunternd an. "Du wartest auf deine Familie, nicht?", erkundigte ich mich vorsichtig und behielt das sanfte Lächeln auf den Lippen. Ich wollte dem jungen Mann nach wie vor nicht zu nahe treten, aber eventuell tat es ihm ja sogar mal ganz gut, mit einer netten Person zu sprechen, die sich wirklich für ihn interessierte. "Aber du klingst so, als würde dich noch nie jemand besucht haben.", stellte ich flüsternd fest, da die Wände hier bekanntlich Ohren hatten. Mein Blick glitt auf den zerknüllten Brief auf den Tisch. "Schlechte Neuigkeiten?", stellte ich fragend fest und deutete mit dem Kinn nickend auf das Papier. Während ich auf die Antworten wartete, die Nathan mir schuldete, zog ich mein Handy aus der Handtasche und legte es vor mir auf den Tisch. Schnell legte ich meinen Daumen auf den Homebutton, damit sich das Display entsperrte und somit auch das Bild von meiner Cerise verschwand. Zu meinem Pferd musste ich heute auch noch. Die steckte eh ziemlich zurück, seit ich hier war. Auf dem Internat war das alles kein Problem gewesen, ich hatte jeden Tag Reitstunden gehabt und am Wochenende Turniere. Doch jetzt studierte und arbeitete ich. Glücklicherweise kümmerte sich ein nettes 14-jähriges Mädel um meine Rappstute, solange ich nicht so viel Zeit hatte. Das liebe Geschöpf hatte im selben Stall ihren Haflingerwallach stehen und sah kein Problem darin, Cerise zu füttern, zu putzen und ihre Box auszumisten. Des öfteren hatte sie meinen Liebling auch schon als Handpferd mit ins Gelände genommen, da ihr Hafi und sie sich blenden verstanden. Seufzend tippte ich auf das Whatsappsymbol und scrollte kurz durch die Chatverläufe, welche auf eine Antwort von mir warteten. Letztendlich schrieb ich aber nur in einer Gruppe namens 'Girls', in welcher meine Internatsclique anwesend war. Wir waren inzwischen wirklich in der ganzen Welt zerstreut und ich vermisste sie wirklich, da ich mir in den Jahren auf dem Internat mit jeder von ihnen mal das Zimmer geteilt hatte. Dann sperrte ich mein Iphone wieder und sah lächelnd zu Nathan.


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#19

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 31.01.2015 18:10
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich wusste nicht, warum ich wirklich jeden Samstag wieder hier auftauchte, obwohl ich wusste, dass niemand kommen würde. Über meinen Fall wurde sich in den Medien am Anfang ziemlich das Maul darüber zerrissen und eigentlich dürfte meine Familie wohl davon gehört haben, wobei ich nicht wusste, wie weit das über die Staatgrenzen von Arizona hinausgegangen war. Wenn sie schon gar nicht mehr in diesem Bundesstaat lebten, wusste ich nicht, ob sie es gehört hatten. Mein Vater begriff das vielleicht gar nicht mehr oder nahm sich sogar vor, herzukommen und endete dann aber beim Frühstück mit Alkohol und vergaß es dann einfach. Oder meine Familie ließ mich wirklich einfach im Stich, hatten es zwar mitbekommen und wollten jetzt einfach nichts mehr mit mir zu tun haben. Wer wollte schon einen brutalen Vergewaltiger in der Familie. Dass meine Freunde hier nicht auftauchten, konnte ich besser verstehen. Jeder von ihnen hatte Vorstrafen und Polizei wurde sehr gemieden. Wer wollte schon sich untersuchen lassen, ob man was verbotenes dabei hatte und einem so gut wie alles abgenommen wurde und überall wurde man überwacht, auch als Besucher. Ich konnte verstehen, dass sie da nicht wollten. Und ich hatte sie zudem nicht mehr gesehen seit dem Vorfall und vielleicht waren auch sie wütend, dass ich in unserem Gebiet so etwas getan hatte. Oder überhaupt so etwas ehrloses getan hatte.
Ob es nun gut oder schlecht war, dass sich Maddie zu mir setzte, wusste ich noch nicht so sehr zu beurteilen. Ich fühlte mich ein wenig besser dadurch, nicht mehr ganz so einsam, andererseits war es vielleicht immer noch nicht sonderlich gut, dass sie sich mir so sehr zu wendete. Aber hier war es vielleicht nicht so schlimm, weil die Wächter nicht alle so ganz schlimme Idioten waren, die einen illegal in den Keller verschleppten und folterten, und außerdem war ein Mitleidsgespräch etwas anderes als sich gegen Wachen aufzulehnen um sich um einen Insassen zu kümmern. Als sie die Vision von sich als Asi.Braut vollendete, lachte ich ebenfalls, auch wenn meine Stimmung im Gesamten nicht wirklich so gut war. Es heiterte mich ein wenig auf, auch wenn es schade wäre, wenn sie sich so sehr verschandelte, wobei es ja auch darum ging, damit niemand sie so lüstern ansah. Als sie feststellte, dass ich nicht fröhlich wirkte, zuckte ich mit den Schultern und lächelte sie leicht an. Ich war es ja auch nicht, ich fühlte mich scheiße. Die letzte Nacht nagte noch an mir, ich war einsam und ich hatte keine Chance mehr auf Revision. Mein Schicksal war besiegelt. Als sie fragte, ob ich auf meine Familie wartet, seufzte ich leise, nickte dabei. Mein Blick blieb an ihrem sanften Lächeln hängen und ich fragte mich mal wieder, warum sie sich dafür interessierte. Warum wollte jemand mit Häftlingen zu tun haben.wollen und sich dann noch für deren Schicksal zu interessieren? "Das stimmt leider. Ich kann es aber auch verstehen, ich sollte mich damit abfinden", meinte ich leise mit einem erzwungenem Grinsen. Auch bei ihrer nächsten Frage nickte ich. "Ich hatte einen Antrag auf Revision gestellt und der wurde abgelehnt. Ich hätte es zu oft versucht und nie hat sich ein Sachbestand und Beweisführung geändert, also haben sie mich jetzt gesperrt", erklärte ich frustriert, beobachtete, wie sie an ihrem Handy rumhantierte. Ich hatte schon ewig keins mehr in der Hand gehabt. Bei allem was ich mir nicht geleistet hatte, lebte man natürlich trotzdem mit Handy auf der Straße, nutzte Diebesgut und einen Vertrag konnte man auch auf leere oder fremde Konten laufen lassen. Es fiel oft lange nicht auf und gegen einen tun konnten sie auch nichts.


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#20

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 31.01.2015 19:08
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Hätte ich gewusst, was in Nathan's Kopf so vor sich ging, wäre ich wahrscheinlich in Tränen ausgebrochen. Niemand hatte es verdient, von seiner Familie und von seinen Freunden im Stich gelassen zu werden. Wirklich absolut kein Mensch auf der Welt, egal was er auch getan hatte. Natürlich gab es immer wieder Ausnahmen, was zum Beispiel richtig physisch kranke Leute betraf. Die Männer, die systemmatisch den Frauen auflauerten, sie vergewaltigten, sie umbrachten und mit ihren Leichen anschließend noch abscheuliche Dinge anstellten. Dazu gehörten aber wahrscheinlich nicht viele Gefangene hier in Phoenix, da man diese Menschen meistens in geschlossene Anstalten einwies, da sie ein richtiges Problem hatten und vom Gericht als nicht zurechnungsfähig eingestuft worden waren. Nach wie vor war ich auch der Meinung, dass der junge Mann wohl kaum etwas ganz schlimmes getan haben konnte. Vielleicht ein Einbruch oder ähnliches? Jedenfalls erweckte Nathan bei mir nicht den Eindruck eines kaltblütigen Serienmörders. Doch anscheinend waren die Polizisten und anderen Gefangenen da anderer Meinung. Diese wussten aber wahrscheinlich auch fast alle, was wirklich der Grund für die Inhaftierung von Nathan war. Mich interessierte es nach wie vor nicht so sehr, dass ich jemanden fragte oder die Akten durchstöberte. Entweder Nathan sagte es mir irgendwann selbst oder ich erfuhr es unglücklich von jemand anderen. Erste Lösung war aber wahrscheinlich durchaus angenehmer für alle Beteiligten. Doch immerhin hatte ich Nathan zum lachen gebracht, auch wenn es vielleicht kein wirklich echtes Lachen gewesen war. Immerhin eine Kleinigkeit, mehr wollte ich auch nicht. Vielleicht schon, aber nicht so unbedingt und auch nicht sofort. Meine Vermutung bejahte der junge Mann recht schnell mit einem traurigen Nicken, welches mich auch seufzen ließ. "Oh man.", gab ich nachdenklich von mir und zuckte hilflos mit den Schultern, dachte angestrengt nach und beließ es zumindest vorerst dabei, da Nathan eh schon wieder weiter redete. Er kam auf den zerknüllten Brief zu sprechen und ich lauschte seinen Worten interessiert, schließlich studierte ich Jura und beschäftigte mich auch damit. "Anträge auf Revision werden meistens abgelehnt, wenn der Sträfling schon im Gefängnis sitzt.", erklärte ich nickend und lächelte schwach. "Die Ämter beschäftigen sich eher mit aktuellen Fällen und deiner ist ja jetzt schon eine Weile her, wenn du schon über drei Monate hier bist.", fuhr ich fort. "Ich muss ja nicht nur zur Uni, sondern auch hin und wieder in eine Kanzlei. Ich hatte Glück, dass mein Vater sehr viel Kontakt zu diesen Leuten hat und bin in einer sehr angesehenen gelandet. Vor allem sind die Leute da echt nett, was mich ehrlich gesagt wundert.", erzählte ich nebenbei und lächelte nach wie vor. Mein Lächeln war absolut ehrlich und echt. Ich hatte ausgeblendet, dass ich mich in einem Gefängnis befand und mich mit einem Inhaftierten unterhielt. Ich verhielt mich einfach so, als würde ich mit einem jungen Mann in einem netten Café in der Stadt sitzen und mich mit ihm unterhalten. Das war auch besser so, da Nathan sicher niemanden gebrauchen konnte, der ihn wie den letzten Abschaum behandelte, nur weil er im Knast saß. "Meistens werden die Anträge nicht einmal mehr durchgelesen, sondern sofort in den Papierkorb geworfen.", beichtete ich und sah meinen Gegenüber schon beinahe traurig an. "Aber ich könnte dir helfen, einen neuen Antrag zu stellen. Ich könnte den Brief Maja geben. Sie ist die Tochter des Geschäftsführers. Sehr nette Dame. Mitte 30, schlank, blond. Hat bereits zwei sehr süße Kinder und ist ein herzensguter Mensch. Und sie hat im Gegensatz zu mir bereits ihr Jurastudium hinter sich.", schlug ich hilfsbereit vor und lächelte aufmunternd. "Und ich kann dir auch genau sagen, was die Leute lesen wollen. Wenn der Brief nach ihrem Wollen aufgebaut ist, werden sie sich eher mit deinem Anliegen beschäftigen, Nathan.", informierte ich den jungen Mann. "Und ich denke, Maja würde sich dir sicher annehmen.", stellte ich schmunzelnd fest. Mir war klar, dass Nathan wahrscheinlich kaum bis wenig Geld hatte, da er sich anscheinend auch keinen sehr guten Anwalt leisten konnte. "Man muss ihr das Geld auch nicht sofort geben. Sie hatte vor fünf Jahren einen Mandanten, der eh schon Schulden hatte. Der hat dann für sie gearbeitet und ein Teil des Gehalts hat sie halt direkt behalten.", erzählte ich zuversichtlich. Und falls Maja eine Anzahlung haben wollte, würde ich das übernehmen. Geld genug hatte ich ja eigentlich. Was sparen und wohlhabende Familien nun mal möglich machten. "Also ich kann dich natürlich zu nichts zwingen. Ich wollte es dir nur anbieten.", beendete ich meinen langen Vorschlag hastig und lächelte ein wenig entschuldigend, ehe ich zurück auf die Familiensache kam. "Und wegen deiner Familie...Du kannst mir gerne ihre Namen geben und ich werde schauen, was ich tun kann. Vielleicht trauen sie sich auch einfach nicht, hier aufzutauchen. Viele Menschen fühlen sich in Gefängnissen absolut unwohl. Für mich war es hier anfangs auch echt schlimm und ich habe mich ständig noch kleiner gemacht als ich eh schon bin.", erklärte ich ihm lachend und beobachtete für einen Moment die anderen Anwesenden, welche uns immer wieder neugierig musterten. Jaja, da sprach die Tochter des Chefs locker flockig mit einem Gefangenen, welcher jedem hier ein Dorn im Auge zu sein schien. Ich seufzte und schüttelte nur angewiedert von dem Verhalten der Menschen den Kopf, ehe ich mich wieder auf den jungen Mann konzentrierte.


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#21

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 01.02.2015 03:04
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Wahrscheinlich brauchte ich Maddie, auch wenn ich es gar nicht wusste. Ich hatte sonst niemanden zum Reden. Wann hatte ich das letzte mal wirklich jemandem vertraut? Wahrscheinlich als ich fünf war und meine Mutter noch da gewesen war, als sie mich noch in ihren Arm geschlossen hatte, ich ihre sanfte melodische Stimme gehört hatte, die mir versprach, dass alles gut werden würde. Dass ein Leben vor mir lag, das gelebt werden wollte mit Spaß und dass ich nicht weinen sollte, wenn etwas falsch lief, denn der Weg bestand aus Pflastersteinen und wenn sich einer einem in den Weg legte, sollte man damit den Weg ausbauen, auch wenn man erst drüber stolperte. Wenn mein Vater sie geschlagen hatte und ich sie nachts in der Küche weinen hörte, weil sie nicht schlafen konnte , und ich das gehört hatte, hatte sie mich immer angelächelt und gesagt, sie weinte, weil sie so stolz auf ihre Kinder war. Sie hatte mir durchs Haar gestrichen und mir einen Kuss auf die Stirn gedrückt, die Tränen weg gewischt und mich wieder ins Bett gebracht. Ich war ja so naiv gewesen, hatte das geglaubt und gedacht, sie wäre so stark. Und eines Tages war sie weg gewesen, all ihre Sachen und meine Schwester, knapp ein Jahr alt, hatte sie ebenfalls mitgenommen. Mich hatte sie zurück gelassen. Bei meinem immerzu betrunkenen Vater. Ohne Perspektive. Ich hatte kein schönes Leben verbracht, lernte, mich zu verschließen. Kinder waren nämlich am gemeinsten und ich war ein armer Junge mit ausgetragenen, kaputten Sachen, hatte keine Mutter und so wenig Geld, dass ich mir kaum einen Ranzen leisten konnte. Ich hatte im Spott gelebt, mein Leben selbst organisiert, wo ich es musste und hatte Schläge und Hass von meinem Vater eingesteckt, bis ich mir sicher war, dass ich auf der Straße überleben konnte. Da war ich gerade mal 14 gewesen, hatte schnell gelernt, mich auf mich zu verlassen, nachdem ich mich in ein paar Leuten stark getäuscht hatte. Ich war auf das andere Ende der Stadt geflüchtet. Am Stadtrand war fast überall Armut vertreten und ich hatte mich in dem Milieu gut geschlagen. Ich hatte gelebt und das endlich ohne Bindungen, ohne mich von meinem Vater misshandeln lassen zu müssen. Damit hatte ich viel gewonnen gehabt, wenn auch ein warmes Dach über dem Kopf verloren und ein eigenes Bett. Wobei die Heizkosten oft nicht gedeckt waren und manche Winter deshalb sehr hart gewesen waren.
Ich dachte so über sein Leben nach, während Maddie mir gegenüber saß. Meine Stimmung war dementsprechend, auch wenn ich nach außen nicht zeigen sollte, wie sehr ich meine Kindheit vermisste. Ich konnte nicht sagen, dass sie unbeschwert war. Ich hatte so oft geheult, wenn mein Vater rumgebrüllt hatte, mich in die Abstellkammer sperrte um seine Ruhe zu haben und meine Mutter mich erst spät wieder da raus geholt hatte. Ich wollte sie aber wieder haben, meine Mutter, mich einmal in ihrem Arm geborgen fühlen, auch wenn ich nicht wusste, ob ich ihr heute noch vertrauen würde, weil sie mich einfach verlassen hatte. Und aus dem Grund würde sie auch nicht mehr auftauchen mit meiner Schwester. Wie sie wohl aussah? Ich erinnerte mich kaum an sie. Sie war ein Jahr alt gewesen, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie konnte sic wahrscheinlich nicht mal erinnern, dass sie einen Bruder hatte. Und ich wusste nicht, ob meine Mutter ihr das gesagt hätte. Es wäre vielleicht besser, wenn sie es ließe. Wenn meine Schwester sich nach mir informierte, würde sie nur negatives hören und mich hier kennen lernen müssen. Nur um dann zu erfahren, dass ich sterben würde. Ich sollte ihr den Schmerz ersparen. Und mir auch, ich wollte niemandem wichtig sein und keinen haben, der mir wichtig war. Dann war es leichter zu sterben. Dass unser Thema dann wechselte auf die Revisionsanträge machte es nicht viel besser. Weg von meiner Familie hin zu meinem Todesurteil. Was hatte ich dem lieben Herrn im Himmel nur angetan, dass ich das verdient hatte? Als sie mir erklärte, dass sowas meistens abgelehnt wurde, nickte ich leicht. Das hatte ich bemerkt. "Ich habe direkt nach meinem Urteil schon Revision verlangt. Das Problem ist eben, dass das da schon keiner angenommen hat. Es ist ausweglos"; meinte ich frustriert. Ich kannte die Beweisführung und sie war als sehr eindeutig dargestellt worden und klang auch so, warum sollte da jemand Zweifel haben Wahrscheinlich fanden sie es mehr als lächerlich, dass ich immer noch sagte, dass ich unschuldig war. Und es machte mich fertig, dass Maddie sich um mich bemühte. "Ich glaub nach einem Prozess, der in sich komplett korrekt scheint, hilft das nicht. Ich weiß nicht ob irgendein Gericht meinen Fall zulassen würde. Sie sind froh, dass ich hier bin und würden sich das nicht mehr nehmen lassen", meinte ich mit einem schmerzlichen Lächeln. Als sie hinzufügte, dass man das Geld abarbeiten konnte, sah ich sie mit einem bitteren Blick an. "Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas kann um da zu arbeiten", zerstörte ich wahrscheinlich ihre Zuversicht. Ich war vielleicht auch einfach nur pessimistisch, aber so war ich nun mal. Ich konnte mich nicht mehr an den letzten Faden Hoffnung klammern, der mich aus der Schlucht retten konnte, wenn ich doch sah, dass er schon fast gerissen war. Lieber wanderte ich durch die Schlucht und verreckte da. "Ich bin dir auch dankbar dafür", sagte ich, als sie einen hastigen Abschluss fand mit einem entschuldigenden Blick. Ich glaubte schon fast unser Gespräch wäre jetzt beendet, aber sie kam nochmal zurück auf meine Familie kam, presste ich kurz die Lippen zusammen. Es machte mich nervös. diese Möglichkeit. Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Kurz grinste ich, als sie erklärte, wie sie sich hier fühlte. Und sie kannte das Leben hier noch nicht. Wenn sie die letzte Nacht mitgemacht hätte, würde sie sich auch paranoid fühlen wie ich. "Ich... ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist..", meinte ich, blickte kurz schweigend zur Seite, atmete tief durch. "Weißt du, meinen Vater hab ich seit neun Jahren nicht gesehen, weil ich von zuhause abgehauen bin. Er.. er hatte ein starkes Alkoholproblem und ich schätze er hat es immer noch. Ich weiß nicht, ob ich ihn wieder sehen will.. Und meine Mutter ist vor 17 Jahren mit meiner Schwester abgehauen wegen ihm und hat mich einfach zurück gelassen. Da kann ihr Wunsch mich wieder zu sehen auch nicht so groß sein. Und meine Schwester weiß wahrscheinlich noch nicht mal was. Sie ist ja damals erst ein oder zwei Jahre alt gewesen", offenbarte ich ihr den Teil meiner Geschichte, sah sie dabei lieber nicht an, sondern auf meine Hände auf dem Tisch, der zwischen uns stand, zuckte unbeholfen mit meinen Schultern. "Und zu meinen Leuten von der Straße schicke ich dich lieber nicht. Zumal sie dieses Gebäude so oder so nie betreten würden", seufzte ich dann. Ich fühlte mich schon irgendwie schlecht, während ich ihr gegenüber saß. Sie war eine Studierende. War auf einem Internat und hatte soziale Kontakte. Und scheinbar ein Pferd, okay, das war kein Tier für mich, aber gut. Ich wusste, dass die sehr teuer waren. Sie hatte also auch Geld. Und Bildung. Sie hatte alles und ich hatte nichts. Außer sexuelle Erfahrung, die sie nicht hatte, aber was wog das schon. Ich saß im Gefängnis, gehasst, ungebildet, einsam und war schon so gut wie tot. Sie sollte sich lieber gar nicht mit mir abgeben.


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#22

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 01.02.2015 14:11
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Nachdenklich legte ich für einen Moment den Kopf in den Nacken und seufzte leise. "Es ist wirklich eine Schande.", stellte ich daraufhin leise fest und schluckte beklemmt. "Mehr als 90 Prozent aller Fälle, die mit einer Haftstrafe enden, werden einfach beendet. Wenn der Verurteilte Revision einlegt, wird innerhalb weniger Sekunden entschieden, abzulehnen. Es ist traurig, aber wahr.", erklärte ich mit ruhiger Stimme und konnte es sehr gut nachvollziehen, dass Nathan jegliche Hoffnung aufgegeben hatte. "Nun ja, es ist deine Entscheidung. Ich kann dir nach wie vor nur meine Hilfe anbieten. Annehmen musst du sie, da will ich dir nichts einreden.", stellte ich schulterzuckend fest. "Jeder Mensch kann etwas. Auch wenn du vielleicht in der Schule kein Genie warst oder nie eine Schule besucht hast, Nathan.", klärte ich den jungen Mann überzeugt und zuversichtlich auf. "Ich habe viel Nachhilfeunterricht gegeben. Ich bin dabei den unterschiedlichsten Menschen begegnet. Manche waren schlecht in Mathe, beherrschten aber fünf verschiedene Sprachen. Manche konnten mit der Grammatik von Sprachen nichts anfangen, lösten aber alle Matheaufgaben ohne Probleme im Kopf. Und wiederrum gab es Schüler, die eher handwerklich begabt waren. Wobei ich da wirklich nicht helfen kann. Ich habe kein Problem mit Schulfächern, aber wenn es darum geht, ein Möbelstück aufzubauen oder eine Glühbirne zu wechseln, muss ich passen.", erzählte ich lachend und dachte an einen Vorfall vor etwa zwei Jahren in der Schweiz. "In meinem Internatszimmer ist im Winter mal die Heizung ausgefallen. Es war verdammt kalt und der Hausmeister war übers Wochenende bei seinen Verwandten. Es war Sonntagnachmittag und nichts hatte offen. Und was habe ich gemacht? Ich kam auf die glorreiche Idee, die Heizung selbst zu reparieren. Jedenfalls habe ich es irgendwie geschafft, den gesamten Strom zu kappen. Von mehreren Internatsgebäuden.", murmelte ich beschämt und grinste schuldbewusst. "Raus gekommen ist es zum Glück nie. Und da mich niemand gefragt hat, habe ich meinen Einfluss auf den Stromausfall auch nie gebeichtet.", gab ich ehrlich zu und senkte kurz schuldbewusst den Blick. Wieso erzählte ich Nathan eigentlich so viel? Wahrscheinlich interessierte es ihn nicht und es brachte ihm selbst auch nicht viel. Doch ich wollte ihn ablenken und da tat es sicher mal gut, wenn er etwas anderes hörte, was hier im Gefängnis eigentlich völlig irrelevant war. Ich ging jedenfalls nicht davon aus, dass man als Verursacher eines Stromausfalls hinter Gittern landete. Als Nathan mir seine Familiengeschichte erzählte, wurde ich etwas blasser um die Nase. Er tat mir wirklich leid. Ich stellte es mir äußerst schlimm vor, so eine kaputte Familie zu haben. Und sowohl Mutter wie auch kleine Schwester 17 Jahre nicht gesehen zu haben. Wie alt war Nathan überhaupt? Sicher über 21. "Nun ja. Vielleicht hast du Recht und deine Familie will nichts mit dir zutun haben. Dein Vater sollte dir wirklich egal sein. Aber vielleicht weiß deine Mum gar nicht, dass du im Gefängnis sitzt. Sie hat damals vielleicht falsch gehandelt, in dem sie ohne dich abgehauen ist. Aber ich denke, sie hatte einfach Angst um deine Schwester. Du bist ein Kerl, die können sich noch leichter gegen ihre Väter wehren als schwache Mädchen.", murmelte ich nachdenklich und lächelte zaghaft. "Ich komme ja jetzt auch nicht unbedingt aus einer Bilderbuchfamilie. Bis ich fünf Jahre alt war, lebten wir in der Geburtsstadt meiner Mutter. Mein Bruder und ich sind dort auch geboren. Dann bekam mein Dad das Angebot, dieses Gefängnis zu übernehmen. Meine Mutter wollte aber nicht nach Amerika. Sie haben sich nur noch gestritten und schließlich geschieden. Mein Dad ging mit meinem Bruder nach Phoenix, ich blieb bei meiner Maman. Und weil sie ständig unterwegs war und ich meine Kindermädchen mehr gesehen habe als sie, wurde ich in die Schweiz auf ein Internat geschickt.", stellte ich fest und zuckte mit den Schultern. "Ich kann mich natürlich nicht beschweren. Ich bin absolut zufrieden mit meinem Leben. Aber ich bin nicht auf das Geld angewiesen. Ich bin nicht so eine verwöhnte Tussi, die das Vermögen der Eltern ausnutzt.", klärte ich Nathan auf und lächelte leicht. "Wobei es mich dann letztendlich wohl besser erwischt hat als dich, mhm?", fragte ich abschließend mit einer gewissen Trauer in der Stimme, sah dabei Nathan tief in die Augen und lächelte ihn zärtlich an.


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#23

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 02.02.2015 00:35
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Irgendwie machte sie mir nicht gerade Mut. Ich war doch sowieso schon deprimiert genug, ich war nicht gerade optimistisch un den letzten Funken Hoffnung zertrat sie ohne es zu wissen. Sie wusste aber auch nicht, was mir bevorstand und ich wusste nicht, ob ich ihr das sagen wollte. Ich wollte kein Mitleid haben und so wie es sie schon mitzunehmen schien, dass meine Revision im Sande verlief. Und dabei konnte sie doch gar nicht beurteilen, ob ich die überhaupt zurecht stellte. Wenn sie über meinen Fall bescheid wusste, so wie es in der Akte stand, würde sie mich auch für einen brutalen Triebtäter halten, mich hassen und meiden und mir wahrscheinlich auch noch Wachen auf den Hals hetzen. Und ich hatte bisher zum Glück noch gut überlebt, auch wenn der Abend gestern mir ja gezeigt hatte, dass ich jetzt nicht mehr sicher war. Die Wächter hassten mich und es würde nicht lange dauern bis sie mich anprangerten, wenn es so weiter ging. Und ich wollte mir nicht vorstellen, was dann auf mich zu kam. Ich hatte bisher alle Gerüchte und Fragen irgendwie unter Kontrolle bekommen, aber das würde nicht mehr funktionieren, wenn die Wächter sich wirklich einmischten und sich bezahlen ließen um alles auszuplaudern. Und ich hatte kein Geld um gegen zu reden, sonst müsste ich meine Drogen aufgeben und das konnte ich nicht. Dafür brauchte ich zu sehr das Hochgefühl, das mich auf den Beinen hielt.
Zu gerne hätte ich ihr gesagt, dass ich das annehmen wollte, aber es schien für mich so ausweglos. Ich wusste doch, was die Gesellschaft von mir hielt, niemand würde eine unbefangene Jury finden und einen gerechten Richter. Der Anwalt von der Klägerin, der Staatsanwalt, die waren gut, sie hatten mich zerrissen und umgekrempelt, sie hatten es geschafft, das meine Wahrheit wie ihre klang und dafür würde ich jetzt sterben. Ich hatte leider nie die Möglichkeit gehabt mit der Frau selbst zu reden, dass ich sie retten wollte. Ich hatte es ihr nie erklären können, sie nicht fragen können, warum sie mich verurteilte. Ich war bei dem Übergriff doch nicht dabei gewesen, ich hatte die Männer vertrieben. Wieso glaubte sie, dass ich sie vergewaltigt hatte. Ich musste eigentlich mit ihr reden, damit ich leben konnte, aber sie wollte nicht. Natürlich hatte ich meinen Anwalt darauf angesetzt, damit wir das anders klären konnten, aber erreicht hatten wir gar nichts. Ich war hin und her gerissen zwischen der neuen Möglichkeit und meinen Zweifeln. Ich konnte nichts zahlen und nichts bieten. "Ich weiß nicht, was ich kann..", seufzte ich. Ob ich handwerklich begabt war, konnte ich bei dem bisschen nicht sagen. Und selbst wenn, was sollte ich in einer Kanzlei schon basteln? Kaffee kochen konnte ich vielleicht. Akten schreddern. Aber dafür hatte man Praktikanten, die man nicht bezahlte und ich brauchte doch Geld um den Dienst abzuarbeiten. Und das konnte ich nicht haben. Ich würde zwangsläufig auch in der Industrie landen oder sonst wo, wo es kaum Geld war. Ich würde weiter auf der Straße leben, während ich Schulden bei der Anwältin hatte und die ganz langsam abarbeitete. Als sie wieder eine Geschichte von sich erzählte, sah ich auf, schmunzelte leicht vor mich hin und schüttelte leicht den Kopf. "Ich hab auch mal an einer Heizung rumgeschraubt. Wir waren zu arm um die Heizkosten zu bezahlen und es war so kalt. Im Keller hab ich an irgendwelchen Rohren rumgeschraubt und Verbindungen gewechselt. Ich hab mich dabei an dem Heizungswasser verbrannt, der Keller stand unter Wasser, aber wir hatten wieder eine Heizung. Nur nicht für lang, weil sich der Nachbar, dem ich das abgezwackt habe, sich beschwert hat und es aufgeflogen ist", meinte ich mit einem Lächeln. Das war eine der witzigeren Geschichten meiner Kindheit. Alle waren ein wenig verwundert gewesen, dass ich das geschafft hatte und mein Vater hat da vielleicht das erste und einzige mal ein wenig Stolz gezeigt über meinen Versuch uns zu helfen. Er hatte darüber grinsend den Kopf geschüttelt. Und eine halbe Stunde später hatte er es in seinem Suff schon wieder vergessen. Es gefiel mir ganz und gar nicht, dass ich gerade so viel in meiner Vergangenheit hing. Ich wollte wieder raus aus den Gedanken, an nichts mehr denken. Der Wunsch nach meinen Drogen brannte sich langsam in meinen Kopf, machte mich innerlich ein wenig nervös, auch wenn ich es nicht zeigen wollte. Ich wollte nicht, dass sie es meldete, weil sie es für besser hielt, wenn ich aufhörte, welche zu nehmen. Ich brauchte das Zeug.
Das Gespräch über meine Mutter und meine Schwester schnürte mir die Kehle zu. Es griff mich mehr an, als ich wollte und ich wollte nicht so schwach sein. Ich wollte nicht vor ihr zusammenbrechen und jammern wie der fünfjährige, der ich gewesen war, als sie verschwunden waren. Ich atmete tief durch, fuhr mit mir einer Hand durchs Gesicht, schüttelte unmerklich den Kopf. "Mein Vater hat mich da schon lange geschlagen oder auch in die Abstellkammer gesperrt. Er kam nicht klar mit der Lebensenergie von Kindern, das konnte meine Mutter sehen. Und trotzdem hat sich mich alleine gelassen"; meinte ich und klang leider viel verletzter, als ich wollte. Ich wollte sachlich darüber denken können und ich konnte es nicht. Ich war eben auch nur ein Mensch, der seine Familie brauchte. Dass sich meine Hände inzwischen um die Tischkante krallten bis die Knöchel weiß hervortraten, war mir ziemlich egal, während ich zur Seite zum Boden sah. Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte. Vor mir selbst hatte ich mich immer gut drücken können. Zweifel und Unsicherheit wurden immer gleich in Drogen betäubt und jetzt konnte ich mich nicht einfach entziehen und dem entkommen. Und ich dachte zwangsläufig darüber nach, wie es wäre, wenn meine Mutter mir wieder gegenüberstand. Ich hatte Angst sie zu sehen. Sie würde nicht stolz auf mich sein, sie würde mir fremd sein und in mir nur den verkorksten Sohn sehen, der nach seinem Vater kam. Sie würde mich gar nicht erkennen, so lang war es her. Oder? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie mich liebte, sonst hätte sie doch versucht mich da weg zu holen und ich hatte nie auch nur irgendwas von ihr gehört. "Mit fünf Jahren geht wohl immer der Mist los", meinte ich bitter. Immerhin war ich auch fünf gewesen, als sich alles verdramatisierte. Ich seufzte, als sie erklärte, dass sie nicht auf das Geld angewiesen war, und sah sie an, weil sie so traurig schien. Warum musste sie nur so mitfühlend sein, so konnte ich nicht selbst meine Fassade härten, dabei wollte ich doch einfach nur ohne Zusammenbrüche irgendwie überleben.


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#24

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 02.02.2015 11:32
von Alex • Senior Member | 5.845 Beiträge | 1040224 Punkte

Ich hätte Nathan natürlich lieber etwas Positiveres über seine Zukunft erzählt, doch dann hätte ich den jungen Mann ganz klar angelogen. Ich hatte ihm wahrheitsgemäß alles erzählt, was ich ihm sagen konnte. Ich war zwar erst in meinem ersten Semester, hatte mich allerdings schon über die Jahre hinweg über diesen Beruf informiert. Demnach kannte ich mich ganz gut aus und ich erlebte ja tagtäglich in der Kanzlei mit, wie es so ablief. Auch wenn ich Nathan gerade vielleicht den letzten Hoffnungsschimmer genommen hatte, es war besser so. Ich wollte ihn gewiss nicht mit Lügen beglücken, denn eine Lösung war lügen nie. Als der junge Mann zugab, dass er nicht wusste, was er konnte, wurde ich stutzig. "Du weißt nicht, was du kannst?", wiederholte ich sichtlich überrascht und schüttelte amüsiert den Kopf. "Du wirst doch sicher Talente haben. Irgendwelche?", fragte ich vorsichtig unf zuckte hilflos mit den Schultern. Ich lernte gerade einen Typen kennen, der wohl gar nicht so hart zu sein schien. Ich kannte mich mit Männern zwar nicht so gut aus, aber wie sagte man so schön? Harte Schale, weicher Kern. Vielleicht tat es Nathan sogar gut, mal seine weiche Seite zeigen zu können. Ich ging schwer davon aus, dass man hier im Knast immer stark und hart sein musste, um nicht komplett unterzugehen. "Ich liebe zum Beispiel kochen.", meinte ich grinsend. "Vielleicht etwas klischeehaft, aber es ist so. Nachdem ich ja ständig neue Nannys hatte, die aus den verschiedensten Ländern gekommen sind, habe ich schon als Kleinkind internationale Gerichte gelernt. Und in der Schweiz im Internat waren Mädchen mit den verschiedensten Herkünften.", erklärte ich grinsend. "Außerdem tanze ich sehr gerne und ich bin eine begeisterte Reiterin. Zu meinem zwölften Geburtstag habe ich mein Pferd bekommen und seit dem bin ich immer wieder mal auf einem Turnier. Und ich habe jahrelang Kampfsport gemacht. Ist vielleicht einer der Gründe, wieso ich überhaupt hier sein darf.", stellte ich lachend fest und strich mir eine blonde Haarsträhne hinters Ohr. "Du musst nur mutig sein und neue Dinge ausprobieren, Nathan. Hier gibt es doch genügend Möglichkeiten. Melde dich in der Schule an, mache einen guten Schulabschluss. Hänge während dem Freigang nicht da rum, wo ich dich aufgegabelt habe. Es gibt hier drinnen so viele Orte. Trage dich einfach bei den Aktivitäten ein und entdecke, was dir Spaß macht.", schlug ich lächelnd vor. Es würde auch sicher gut ankommen, wenn Nathan sich beteiligte und etwas tat. Diese Menschen hatten ihre Vourteile gegenüber Straftätern, doch wenn die Gefangenen sich engagierten, war das gut. Als Nathan ebenfalls von einem Heizungsunglück erzählte, zog ich etwas spöttisch die Augenbrauen nach oben. Auf so etwas musste man auch erstmal kommen. Ich fand es definitiv nicht gut, dass er Verbindungen vertauscht hatte. "Mhm.", gab ich nachdenklich von mir und zuckte mit den Schultern. Immerhin hatte es seinen Vater erfreut, weswegen ich dazu nicht viel sagen konnte. Nathan fuhr dann auch schon mit seiner traurigen Erzählung fort, weswegen ich mein Kinn mit der Hand abstützte und ihm aufmerksam zuhörte. "Okay, da kann ich wirklich nicht mitreden. Mich hat noch nie jemand geschlagen. Und ich hoffe, es bleibt so.", stellte ich grinsend fest und lächelte deprimiert. "Es tut mir wirklich leid für dich, Nathan. Ich hatte nie mit solchen Problemen zu kämpfen. Ich glaub mein größtes Problem in meiner Kindheit war, dass ich nicht wusste, welches Kleid ich meiner Barbie anziehen sollte.", erzählte ich schmunzelnd. "Denkst du? Ich finde, dass man das nicht so allgemein sagen kann. Vielleicht ging bei dir der Mist mit fünf los...Aber ich fand es auch damals nicht schlimm, dass meine Eltern sich geschieden haben. Mein Bruder war immer schon das Papakind und ich eben das Mamakind. Ich habe ihn ehrlich gesagt nicht vermisst und war auch nie besonderes scharf darauf, zu meinem Vater in die USA zu fliegen. Aber meine Eltern haben sich nun mal darauf geeinigt. Und sobald ich dann auf dem Internat war, habe ich die Schweiz sowieso nur noch für Urlaube verlassen. Sobald ich noch etwas Geld verdient habe, will ich mir auch eine eigene Wohnung kaufen. Es ist echt komisch, mit meinem Vater unter einem Dach zu wohnen.", gab ich schmunzelnd zu und lächelte unschuldig. "Ich bin glücklicherweise nicht so ein Mädchen, dass ihr gesamtes Geld in Make-Up und Designerteile steckt. Ich habe zwar über die Jahre hinweg viel Taschengeld bekommen, aber davon immer um die 80 Prozent auf mein Konto getan. Davon habe ich mir vor kurzen mein Auto gekauft und jetzt soll halt demnächst eine Wohnung gekauft werden.", erzählte ich fröhlich. Es schadete sicher nicht, Nathan einen Hauch von Normalität entgegen zu bringen. "Bloß habe ich leider genaue Vorstellungen von der Wohnung. Ich will unbedingt einen Altbau haben. Mit hohen Decken und Wandverziehrungen. Gemischt mit moderner Einrichtung und passender Deko sieht das so schön aus.", erklärte ich mein Vorhaben schwärmend. "Ich gucke schon dauernd nach passenden Objekten. Aber billig sind sie nicht, weswegen ich mir eventuell außerhalb der Stadt etwas suche.", meinte ich lachend und lächelte Nathan sanft an. "Schau nicht so angespannt. Das lässt dich böse wirken. Du siehst viel besser aus, wenn du lächelst.", meinte ich feinfühlig und beugte mich etwas über den Tisch, legte anschließend meine Hand auf seine. "Das wird schon, ja?", versicherte ich ihm aufmunternd.


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#25

RE: Unfair Justice | Dodo & Alex

in Unfair Justice | Dodo & Alex 02.02.2015 22:23
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich bemerkte ihren leicht irritierten Blick, als ich meinte, dass ich nicht wusste, was ich konnte. Aber was sollte ich schon gelernt haben? Es gefiel mir nicht, dass sie ungläubig und auch amüsiert darüber schien. Sie konnte es vielleicht nicht verstehen, sie war aber auch nicht ihr ganzes Leben dabei gewesen, sich nur durchzuschlagen. Sie konnte aufwachsen, lernen und ausprobieren. Und was hatte ich? Ein Leben auf der Straße, ich hatte nur gelernt mich durchzuschlagen, zu stehlen und zu überleben am Rande der Gesellschaft und am Rande des Gesetzes. Als sie mich nach meinen Talenten fragte, schnaubte ich ein wenig bitter. "Wenn stehlen, Straßenkämpfe und das reine Überleben am Rande der Gesellschaft dazu zählt? Dann das", meinte ich ziemlich trocken. Ich sah zur Seite, weil ich mich nicht für den Ton entschuldigen wollte, aber eigentlich hatte sie es nicht verdient, dass ich sie so behandelte, wo sie doch eigentlich nur versuchte zu helfen und mich aufzumuntern. Sie war eine der wenigen, die mit mir normal sprachen und ich blockte ab, weil ich lieber in meinem Loch mit Selbstmitleid blieb und nicht raus wollte, weil ich nicht wusste, was auf mich wartete. Ich hatte zu viel schon versucht zu erreichen und hatte es nie geschafft. Wieso sollte es jetzt anders sein in einem Bereich, in dem ich keine Ahnung hatte. Ich lauschte dann dennoch wieder ihren Erfahrungen, ihren Hobbies, von denen sie erzählte. Sie redete wahrscheinlich echt gerne. Ob es nun an mir lag oder ob es generell so war, wusste ich nicht, aber sie war locker im Umgang und das fand ich sehr angenehm. Wenn nicht das Thema ständig auf meine Vergangenheit fallen würde und damit immer tiefere Kerben in die Schutzhülle riss, hinter der ich mich versteckte zu verbergen. Ein kurzes Schmunzeln erschien auf meinem Gesicht, als sie von ihrem Kampfsport erzählte. Fast jeder hier im Gefängnis war ein Kämpfer. Natürlich gab es auch die, die eigentlich nie was gemacht hatten und aus einem sauberen Umfeld kamen und dann auf einmal ihre Frau erschossen, aber es war doch die Mehrheit, die hier eher gewaltbereit war. Hätten die Kerle mich gestern nicht mit mehreren so aufgegabelt, hätte ich vielleicht auch eine gute Chance gehabt. Ich war nicht schlecht im Kämpfen, aber ich kannte keine Kampfsportregeln. Ich hatte gelernt, was funktionierte, was weh tat und um es mal so zu nennen, war ich ziemlich hinterhältig beim Kampf. Dann tat ich halt schwach um dann zu überwältigen, dann schlug ich jemandem halt auf den Kehlkopf, bis derjenige um Atem ringend umkippte und daran fast krepierte - zum Glück hatte ich noch nie geschafft einen Kehlkopf zu brechen, das führte nämlich zum Tod und eigentlich wollte ich niemanden umbringen. Aber es half. Genau so wie das Knie anderer kaputt zu machen oder Rippen zu brechen. Während ich über so manchen Kampf nachdachte, sprach sie davon, mehr zu machen. Ich riss mich aus meinen Gedanken, hörte ihr wieder zu. Nachdenklich sah ich sie an, als sie von Schule sprach. Ich wusste nicht, ob ich das machen sollte. Ich war auf dem Weg in den Tod, was sollte ich dann mit einem Abschluss? Andererseits wäre es eine Beschäftigung am Vormittag und ich würde nicht mehr nur in der Zelle vergammeln. Und ob ich nachmittags beim Werken teilnehmen sollte, hatte ich auch bereits überlegt. Vielleicht hatte sie recht und ich sollte mir einfach nicht mehr selbst im Weg stehen und mir mal einen Tritt geben, aber ich war mir einfach nicht sicher, ob es was brachte. Ich schenkte ihr ein flüchtiges, nachdenkliches Lächeln.
Ich hatte das Gefühl, dass sie meine Erzählung von der Heizung falsch verstanden hatte. Sie schien zumindest weder amüsiert noch sonst irgendwie davon positiv berührt, da sie die Augenbrauen hochzog und nur ein "Mhm" von sich gab. Was sollte mir das jetzt sagen? Ich seufzte leise, senkte den Blick. Man konnte nicht alles richtig machen im Leben. Dass ich die Heizungsverbindung getauscht hatte, sah ich auch nicht als Heldentat. Aber wie alt war ich gewesen? Elf Jahre vielleicht oder doch schon etwas älter? Und ich hatte gedacht, das eine Rohr ist warm, das andere kalt, das wechseln wir mal. Mir war einfach kalt gewesen und ich war verzweifelt, weil ich nicht mal eine richtig dicke Decke gehabt hatte. Ich wusste inzwischen, dass es falsch war, immerhin hatten die Nachbarn dafür gezahlt, aber ich war jung gewesen und wollte einfach nur einmal die Heizung aufdrehen können. Ich sagte aber einfach nichts dazu, wollte mich nicht rechtfertigen für etwas, was schon zehn Jahre oder so zurück lag. Als sie meinte, dass sie noch nie geschlagen wurde, nickte ich leicht. "Das hoffe ich auch für dich", sagte ich leise, grinste ein wenig sarkastisch über ihr Barbie-Kleid-Problem. Ich fühlte mich mal wieder schlecht neben ihr. Warum gab sie sich mit mir ab? Wir kamen aus verschiedenen Welten. Und auch wenn es nicht ihre Intention war, so war es für mich, als würde sie es mir unter die Nase reiben, mein Licht unter den Scheffel stellen. Wobei es da kein Licht gab bei mir. Vielleicht sollte man es eher so sehen wie sie langsam mir wie einem Insekt alle Beine rausriss. Aber sie wirkte nicht so hochnäsig, als würde sie es so meinen und ich war vielleicht auch einfach nur zu verloren in meinem beschissenen Leben, sodass ich ihr vielleicht auch das Glück gar nicht gönnen wollte. Als sie mir von ihrer Wohnungssuche berichtete, konnte ich ihren Beschreibungen kaum helfen. Ich kannte sowas gar nicht. Ich kannte die kleine Wohnung mit gefliesten Boden, niedrigen Decken, keinen Fenstern und Möbeln, die schon fast reif für den Sperrmüll waren. Hier war alles so schlicht und monoton, dass man da fast vor Langeweile umkam und hübsch war auch nichts. "Bevor ich hier gelandet bin, hab ich mit meiner Bande in einer leerstehenden Werkstatt gelebt. Davor in einer Zwei-Zimmer-Bruchbude. Ich weiß nicht mal, was für Wandverzierungen es gibt abgesehen von Plakaten und Deko gab es bei uns nie. Und wenn dann nur Vasen, die dann mit Glück 'nur' an der Wand gelandet sind", brummte ich, eher für mich als für sie. Sie machte sich Sorgen, dass ihr perfekter Traum Geld kostete. Ich wäre froh überhaupt überleben zu dürfen. Ich hätte mich früher darüber gefreut, wenn ich eine eigene Wohnung gehabt hätte, auch wenn sie nur ein Zimmer gehabt hätte. Ein Zimmer, Küche und Bad, das hätte gereicht. Ich wollte nicht viel, aber gehabt hatte ich gar nichts. Bei ihrem Aufmunterungsversuch, sah ich sie an, zwang mich zu einem Lächeln, das aber meine Augen nicht erreichte. Dann sah ich auf ihre kleine zarte Hand, die sich über meine schob. "Deine Wohnungssuche? Ja, die wird bestimmt was", meinte ich dann, seufzte leise. "Ich weiß nicht, was bei mir noch werden soll..", murmelte ich dann, sah zur Seite zu den Polizisten und als ein Blick mich streifte, zog ich meine Hände vom Tisch. Ich wollte nicht wieder, dass da irgendwas aufkam und ich leiden sollte.


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