#101

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 03.05.2015 19:08
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Misstrauisch wickelte ich mich enger in die warme Decke ein und ließ dabei Kieran nicht aus den Augen. Was wollte er hier? Und was bildete sich Diego eigentlich ein? Etwas genervt rollte ich mit den Augen und hätte meinem schwulen Freund am liebsten einen Tritt in die Eier verpasst. Wobei das wohl eine eher schlechte Idee war wenn man bedachte, dass ich ihn noch auf der Bühne brauchte. Stirnrunzelnd hob ich also wieder den Blick und sah den jungen Mann leer an. Aufmerksam lauschte ich trotzdem seinen Worten.Natürlich tat es ihm leid. Was denn sonst? Ich seufzte leise und zuckte mit den Schultern. Was erwartete Kieran denn jetzt von mir? Sollte ich aufspringen und ihm in die Arme fallen? Nachdenklich rollte ich mich umständlich aus Diego's Bett und kam wankend auf die Füße. Natürlich umhüllte mich noch immer die Wärme der Bettdecke. Ich wollte mich Kieran in dieser Situation nur ungern nackt zeigen, weswegen ich mich langsam in Richtung Tasche bewegte und dort zuerst einmal in meine Unterwäsche schlüpfte. Erst dann ließ ich die Decke über meine Schultern hinweg auf den Boden gleiten. Vorsichtig bückte ich mich, streckte Kiri meinen Arsch hingegen, griff nach meiner Hose und einem Pulli. Hastig zog ich mir auch diese Kleidungsstücke an und lauschte nebenbei weiterhin den Worten, welche beinahe sprudelnd aus Kiri's Mund kamen. "Ich will keine Pause. Ich liebe die Arbeit auf dem Gestüt. Ich liebe die Tiere. Die Leute. Di...", fing ich leise an und stoppte abrupt. Errötend senkte ich den Blick und lächelte zaghaft. "Nach Hause? Das Gestüt ist dein Zuhause, Kieran.", stellte ich trocken fest und hob meine Tasche vom Boden auf. "Aber nicht meins. Ich wohne dort nur aktuell.", meinte ich und schluckte. Bisher hatte ich es nie so genau ausgedrückt. Leider war es nunmal so. "Aber ich komme mit zurück aufs Gestüt. Ich kann meinen armen Thunderblood doch nicht so lange alleine lassen.", beschloss ich und bewegte mich zur Tür. "Diego? Sperr' bitte wieder auf. Wir haben uns...vertragen. Ich fahre mt ihm zurück aufs Gestüt.", rief ich und kurz darauf wurde von außen der Schlüssel umgedreht. Nur kurz darauf öffnete mein Tanzpartner die Tür und grinste erst mich und dann Kiri triumphierend an. "Na also. Geht doch. War das denn jetzt das Problem, Bienchen?", erkundigte sich der Schwule lachend und ich boxte ihm meine Faust gegen die trainierte Brust. Ohne Erfolg. Diego trat nur schmunzelnd einen Schritt zur Seite und ließ mich in den Eingangsbereich laufen. Als Kieran mir folgte, hielt mein Tanzpartner den jungen Mann jedoch noch einmal kurz auf und beugte sich näher zu ihm. "Bau keine Scheiße, Bruder. Vivi ist ein ganz besonderes Mädchen und hat es nicht verdient verletzt zu werden.", flüsterte er leise und für mich nicht hörbar. Nur seine nächsten Worte verstand ich deutlich. "Wenn du sie dir nämlich nicht schnappst, überlege ich vielleicht doch nochmal und werde zumindest bi.", erklärte Diego und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich zog spöttisch die Augenbrauen nach oben und öffnete die Wohnungstür. Auf den Treppenstufen drehte ich mich abwartend um und lächelte Diego kurz an, welcher gerade Kieran ins Treppenhaus schob. "Bist du mit dem Auto da?", fragte ich ungeduldig und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Tatsächlich hatte ich wohl vor allem meinen geliebten Thunder vermisst. Er war einfach speziell und ich wollte nicht, dass Collins ihn am Ende doch einschläfern ließ. Ich hatte mir nun mal das Ziel gesetzt aus dem wilden Hengst ein braves Pferd zu machen. Insgeheim plante ich sogar schon am Hofturnier auf Thunder teilzunehmen. Von meinem Vorhaben hatte ich bisher zwar niemanden erzählt, doch träumen durfte ich doch noch, nicht? Ich folgte Kieran dann schweigend und konzentrierte mich stattdessen auf den Boden, welcher höchstinteressant war.


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#102

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 04.05.2015 19:53
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Zu gerne würde ich ja sagen, dass ich es verstehen konnte, dass sie sich mir gegenüber gerade so abweisend verhielt. Ich hatte ihr Vertrauen verletzt und gegen ihren Wunsch war ich jetzt hier. Sie hatte ihre Ruhe gewollt und ich missachtete das und war jetzt hier. Gut, ich hatte gedacht, dass das hier ein mehr oder weniger normales Gespräch wurde. Ich hatte immerhin nicht gerade geplant, mit ihr im Schlafzimmer eingesperrt zu werden und es kam mir auch makaber vor, wenn ich an ihre Erzählungen dacht. Ich würde ihr zwar nie was antun, aber ich stellte es mir nicht gerade toll vor für sie, so überrumpelt zu werden, während sie scheinbar nackt im Bett lag. Lieber hätte ich mich mit ihr im Wohnzimmer mit einem Tee hingesetzt und es irgendwie normaler besprochen als so in die Situation hinein geworfen zu werden. Entschuldigend lächelte ich Vivi vorsichtig an, begegnete ihrem kritischen Blick. Es schnürte mir schon fast die Kehle zu, wie sie mich ansah. Als sie mit den Augen rollte, senkte ich kurz den Blick, ehe ich meinen Mut zusammen nahm und die Worte endlich veräußerlicht bekam. Zufrieden war ich immer noch nicht damit, konnte einfach nicht ausdrücken, wie sehr ich sie brauchte. Oder vielleicht könnte ich es schon, aber ich würde mich wahrscheinlich dumm und dusselig reden und am Ende führte es nur dazu, dass ich vor ihrer Reaktion Angst hatte und meine Vernunft mich auch umbrachte. Es war aber auch leider nie einfach mit Vivi. Ihr Schulternzucken war auch nicht gerade das, was mir weiterhalf. Ich wollte sie wieder in meine Arme schließen, einfach zu ihr gehen und sie umarmen aber sie wirkte nicht gerade so, als wolle sie das auch. Eher wirkte sie ziemlich gleichgültig was mich betraf. Hatte ich es wirklich so sehr zerstört? Hatte ich sie so sehr verletzt, dass wir wieder am Anfang standen? Nachdenklich und frustriert beobachtete ich wie sie aufstand und zu ihrer Tasche ging, schob meine Hände in die Hosentaschen. Ich kam nicht umhin, sie stillschweigend zu betrachten, als sie die Decke fallen ließ und sich nach ihren weiteren Klamotten bückte, aber sie bezweckte es auch irgendwie, so wie sie mir ihren Knackarsch entgegenstreckte. Schließlich setzte sie endlich zu einer Antwort an und ihre Worte erleichterten mich, auch wenn ihr abruptes Ende mich die Stirn runzeln ließen. Ich musterte sie, wie sie rot wurde, irgendetwas in mir sagte mir, dass ich ganz genau hätte hinhören sollen bei ihrer letzten Silbe. Ihre nächsten Worte lenkten mich davon wieder ab. Sie klang ziemlich sachlich und betonte, dass es mein Zuhause wäre. Ich wartete auf weiteres, weil es einfach nicht nach einer leeren Phrase klang und das was dann kam, erklärte es ja auch. "Ich verstehe", hauchte ich leise, senkte leicht, irgendwie enttäuscht und verletzt. Sie fühlte sich bei uns also nicht zuhause, bei mir nicht. Hatte ich sie wirklich so sehr verletzt, dass es jetzt nicht mehr so war oder hatte sie so von Anfang an gedacht? Es fühlte sich zumindest an, als hätte sie mir gerade den Laufpass gegeben. Dabei hieß es doch immer so schön, dass dein Zuhause da wäre, wo man willkommen ist und Leute an einen dachten. Von meiner Seite aus, wäre sie bei uns also zuhause, aber ich konnte sie nicht zu ihrem Glück zwingen. Ich wusste ja auch, dass sie zu ihrem Vater wollte, nach Russland, viel zu weit weg eben. "Der hat dich auch wahnsinnig vermisst. Ein paar Tage zu stehen, hat ihm nicht so gut getan", meinte ich mit einem gezwungenen Grinsen, während mein Herz verkümmerte, weil sie nur zurück zu dem Pferd wollte. Ich hatte es wirklich versaut. Ich wusste auch nicht wirklich, ob sie es ernst meinte, als sie nach Freiheit verlangte und meinte, wir hätten uns vertragen. Wobei sie da auch zögerte. Das Thema war also eigentlich noch nicht vom Tisch. Ich war zumindest noch nicht glücklich mit der Situation. Als Diego die Tür öffnete, zwang ich mich zu einem Lächeln. Ich wollte ihr schließlich folgen, hier weg und wieder nach Hause. Ich hoffte, dass es sich dort etwas lockerte und wir wenigstens wieder normal mit einander umgehen konnten, ohne dass ich mich so bedrückt fühlte wie jetzt. Ich konnte leider nicht wissen, wie es bei Vivi aussah, konnte nur hoffen, dass sie sich nicht zu unwohl fühlte, sondern mir noch eine Chance gab. In Gedanken versunken erschrak ich fast, als Diego mich noch einmal zurück hielt. Bei seinen mahnenden Worten nickte ich leicht, seufzte leise. "Ich weiß. Ich hoffe ich kann es wieder geradebiegen", murmelte ich wehmütig mit einem gezwungenem Grinsen. Bei seinen nächsten Worten schüttelte ich grinsend den Kopf. "Vergiss es", meinte ich nur, klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, ehe ich mit Diego zur Tür trat und schließlich Vivi folgte. Ich lächelte leicht über ihre Ungeduld, nickte dann. "Klar. Ich hätte dich zwar gerne mit Pferden abgeholt, aber ich dachte, dann bekomm ich nur wieder Ärger", meinte ich und lächelte sie kurz frech an, ehe ich unten angekommen die Haustür für Vivi aufzog. Auch die Heckklappe vom Wagen öffnete ich ihr, ehe wir uns schließlich auf den Weg machten. Für mich nach Hause, für sie zu ihrem aktuellen Wohnort. Der Gedanke machte mir immer noch zu schaffen und so blieb ich eher ruhig, konzentrierte mich auf die Straße. Als wir ankamen und ich den Motor abstellte, sah ich Vivi nachdenklich an. "Möchtest du erst einmal zu deinem Schatz? Ich kann dir deine Sachen dann hochbringen, wenn du möchtest", meinte ich bemüht, auch wenn ein Teil von mir sich mal wieder selbst bemitleidete, weil Thunder ihr Schatz war und nicht ich. Oder zumindest kam es mir momentan nicht wieder so vor. Es endete aber darin, dass wir zusammen reingingen und uns in Stallsachen warfen, ehe wir in den Stall gingen. Natürlich wich ich nicht von ihrer Seite, wollte einfach bei ihr sein und mir sicher sein können, dass es wieder in Ordnung kommen würde. Kaum ein paar Meter im Stall hörte man das lautstarke Wiehern von Thunder und sah seinen Kopf, den er aus der Box reckte. Meine Pferde hatten nur zur Begrüßung gegrummelt. aber die hatten mich heute auch schon gesehen. "Er hat sich heute übrigens nicht mal auf die Weide bringen lassen. Weder von Collins noch von mir. Hat nur an der Hand gebockt und das war uns zu unsicher wegen der anderen Pferde und bevor er den Zaun zerlegt, sollte er drinnen bleiben", meinte ich, weil man dem Tier die Aufregung deutlich ansah. Es war nicht schön, dass gerade so ein temperamentvolles Tier stehen musste, wenn es erst mal im Training war, aber ich hätte momentan nicht die Kraft, den Kerl zu bändigen, hätte ich versucht mit ihm zu arbeiten und er wäre so durchgedreht. Da hätten meine Rippen nicht mitgemacht.


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#103

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 05.05.2015 10:43
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Ich war mehr als nur erleichtert als Kieran sein Auto auf einem der Parkplätze auf dem Gestüt parkte und ich aussteigen konnte. Die Heimfahrt war sehr qualvoll gewesen. Er hatte sich auf die Straße konzentriert und für mich waren meine lackierten Fingernägel sehr interessant gewesen. Während ich die Tür öffnete, ertönte dann doch noch einmal die Stimme des jungen Mannes. Nachdenklich erwiderte ich seinen Blick und beschloss dann, erst einmal ins Haus zu gehen und mich umzuziehen. Ich wollte direkt noch ein wenig mit Thunderblood arbeiten und das nur ungern in normalen Klamotten. Als wir eine Viertelstunde darauf das Stallgebäude betraten und ich einen sanften Pfiff ausstieß, ertönte sofort das erfreute Wiehern meines Lieblings. Kurz darauf ertönte auch schon der schwarze Kopf. Eilig joggte ich zu seiner Box, öffnete die Tür mit zittrigen Fingern und schlang dann auch schon meine Arme um seinen Hals. "Es tut mir so leid, Thunder. Ich lasse dich nie wieder solange alleine.", flüsterte ich liebevoll und strich ihm über das glänzende Fell. Kiri informierte mich im Hintergrund darüber, dass Thunder die Tage über nur in der Box gestanden hatte. Ich löste mich von dem Hengst und sah den jungen Mann vorwurfsvoll an. "Ich sperre dich mal solange in deinem Zimmer ein.", knurrte ich und griff dann auch schon nach dem roten Halfter, welches an einem Haken an der Boxentür baumelte. Innerhalb weniger Sekunden hatte ich mein Baby angezogen und führte ihn in den Putzbereich. Nachdem ich seinen Putzkasten aus der Sattelkammer geholt hatte, widmete ich mich direkt der Fellpflege. Thunder genoss die plötzliche Zuwendung total und döste entspannt vor sich hin. Überglücklich strahlte ich das Pferd an und blendete die Umgebung vollkommen aus. "Ich möchte Thunder heute ans Zaumzeug gewöhnen.", klärte ich Kieran nebenbei auf und verschwand dann auch schon wieder in die Sattelkammer. Alexander Collins hatte wie für Thunder's Mutter Fee auch für den Hengst bereits eine komplette Ausrüstung anfertigen lassen. Nur konnte man diese bisher nicht für Thunder benutzen, da er ständig austickte. Grummelnd entsperrte ich das Zahlenschloss von dem Schrank des Hengstes und ergriff das schwarze Lederzaumzeug, welches am Stirnstück kleine Swarowskisteine hatte. Es war so wunderschön. Gut gelaunt eilte ich zurück zum Putzplatz und atmete einmal tief durch. Ich hängte mir das Zaumzeug über die linke Schulter und trat langsam an den Wilden heran. "Na mein Süßer.", murmelte ich liebevoll und strich ihm vorsichtig über den Hals in Richtung Kopf. Leise und beruhigend vor mich hin murmelnd öffnete ich dann den eisernen Haken des Halfters und zog es über Thunder's Hals. "Ist gut, mein Liebling.", flüsterte ich und drückte dem Hengst einen Kuss auf die weichen Nüstern. "Du musst keine Angst haben.", fügte ich hinzu und warf einen schnellen Blick in Richtung Kieran. Dieser konnte sich Thunderblood noch immer nicht wirklich nähern. Also stand der junge Mann eher hilflos einige Meter abseits und musste das Schauspiel wohl oder übel beobachten. Vorsichtig legte ich dann die nagelneuen Zügel, welche noch ziemlich steif waren, über den Hals und flüsterte weiterhin leise vor mich hin. Ich ließ Thunderblood keinen Moment aus den Augen und so entging es mir auch nicht, dass er die Nüstern blähte und das Weiße in seinen Augen deutlich hervor trat. "Es ist doch alles in Ordnung.", meinte ich leise und streichelte Thunder vorsichtig mit dem Leder des Zaumzeugs. Das Pferd tänzelte nun unruhig hin und her und stieg immer wieder leicht. Es kostete mich sehr viel Überwindung, nicht zurück zuweichen. Als ich das Zaumzeug dann ein weiteres Mal näher an Thunder's Kopf brachte, fletschte er wie ein tollwütiger Hund die Zähne und biss mir aufgebracht in die Hand. Ich stieß einen leisen Schrei aus und ließ das Zaumzeug mit schmerzverzerrten Gesicht auf den Boden fallen.


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#104

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 09.05.2015 04:55
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Die Stille war unangenehm. Ich hätte nicht gedacht, dass das noch mal vorkommen würde bei Vivi und mir, dass ich mich in ihrer Gegenwart unwohl fühlte und mich wie gelähmt fühlte auch nur irgendwas zu sagen. Ich wollte ja, ich wollte wissen, wie es ihr ging. Ich wollte wissen, was los war, ob alles okay war oder zumindest wieder okay kommen würde. Ich wollte wissen, warum sie sich bei uns nicht zuhause fühlte und warum sie nicht mit mir sprach. Ich wollte wissen, was sie über mich dachte, ob sie mir wirklich verzieh oder es nur belächelnd sagte um ihre Ruhe zu haben. Dennoch fühlte ich mich unfähig auch nur einen Ton hervor zu bekommen. Ich konnte nichts sagen und nichts fragen, könnte ihr nicht offenbaren, wie sehr sie mir in den paar Tagen gefehlt hatte, auch wenn es nur sehr wenige gewesen waren. Ich wollte ich so gerne sagen, was sie mir bedeutete und dass ich sie bei mir behalten wollte, dass ich ohne sie nicht schlafen konnte. Aber was war, wenn sie das ganz anders sah? Wenn ich einfach alles mit dem Misstrauen zerstört hatte und sie mich nur noch tolerierte und nicht mehr mochte. Einen Moment blieb ich im Auto sitzen, als sie ausstieg, sank im Sitz zusammen und legte den Kopf in den Nacken. "Scheiße"; flüsterte ich leise, ehe ich schließlich ausstieg und mich bemühte, meinen Frust und meine Gefühle zurückzudrängen. Ich hatte mir das ganze einfacher vorgestellt. Oder eher erhofft. Ich hätte mir ja denken können, dass es wieder schwierig wurde. Aber wie sehr, das hatte ich mir nicht ausgemalt. Ich hatte ihr dargelegt, wie es mir ging. Von ihr aus hatte ich nicht wirklich viel mitbekommen, was wirkliches verzeihen oder Gefühle anging. Außer dass ihr heißgeliebtes Pferd ihr ja so wichtig war. Oh ja, er war wichtiger als alles andere in der Welt. Dabei war er eines der durchgeknalltesten Wesen, die ich je getroffen hatte. Als wir im Stall ankamen und sie so zu Thunder rannte, mit hastigen Fingern die Boxentür aufschob und ihrem Tier um den Hals fiel, blieb ich in ein paar Metern Abstand stehen, lehnte mich gegen eine andere Box und besah mir die Szene mit verschlossener Miene und verschränkten Armen. Wo sie diesen durchgeknallten Hengst zu sehr vermisst hatte, hatte ich ihr scheinbar gar nicht gefehlt. Dass mich das verletzte, bemerkte sie in ihrer Liebe zu dem Tier wahrscheinlich gar nicht. "Es ist ja nicht so, als hätte ich das gewollt. Nachdem er mir an der Hand gestiegen ist und ich eine halbe Stunde keine Luft mehr bekommen hatte, dachte ich ich lass das lieber. Ich hatte ihn da nämlich noch nicht mal aus dem Stall bekommen"; erwiderte ich mehr als gereizt. Klar war ich Schuld. Was denn sonst. Warum gab ich mir das eigentlich. Ich sollte einfach froh sein, dass sie wieder da war und gehen. Sie wollte mich ja doch nicht hier haben, beschuldigte nur mich und fragte gar nicht, woran das gelegen hatte. Blind vor Liebe dieses Mädchen. Nur nicht zu mir. Gott, warum verschenkte ich mein Herz nur immer an die Falschen? Immer wurde darauf herumgetrampelt. Ich wusste schon, warum ich sie nicht hier haben wollte von Anfang an. Warum nur hatte ich mich selbst davon überzeugen müssen, was für ein bezauberndes Mädchen sie sein konnte. Warum hatte ich nicht einfach alles sein lassen können. Mein Bemühen, meinen Aufwand für ein Hollywoodreifes Date? Wofür? Dafür dass ich nur wieder Schuld war? Wozu kam ich mit zu ihrem Ballett, interessierte mich für sie und half ihr wo ich konnte? Damit ich hören konnte, dass sie ein Angebot für Russland hatte und sich hier nicht zuhause fühlte. Und das schlimmste war, dass ich sie nicht aufhalten konnte und nicht einmal wollte. Sie sollte ja glücklich sein. Aber warum ging das nicht mit mir? Warum konnte ich nicht glücklich sein? Mein Blick war starr und glasig die Stallgasse hinunter gerichtet, ich regte mich kaum, während sie ihr Tier aus der Box holte, folgte ihr dennoch zu den Putzplätzen, obwohl mein Verstand mich zum Haus dirigieren wollte. Ich sollte einfach gehen, meine Gedanken und Gefühle zurück lassen und es vergessen. Ich zog mich auf eine der Stangen, die die Putzplätze voneinander trennten und für kurzzeitige Sattelablage genutzt werden konnten, in einem Platz Abstand, ich wollte nicht so nah bei dem Tier sein und konnte Vivi schon gar nicht so nah sein. Unzufrieden saß ich da, betrachtete das entspannte Pferd und wurde nur immer verbitterter. Als Vivi sich dann doch mal mir zuwendete, streifte ich sie nur kurz mit einem Blick. "Klar. Der ist alt genug dafür", gab ich nur monoton von mir, doch ich stellte mich wieder mit meinen Füßen sicher auf den Boden. Ich wollte eingreifen können, wenn was war, irgendwas sagen können, sollte etwas sein. Ihre Vorgehensweise war eigentlich okay, wie ich fand, doch trotzdem war ich angespannt. Vielleicht sorgte das auch dafür, dass Thunder sich nur noch mehr aufregte, ich wusste es nicht. Er schien auf jeden Fall nicht glücklich und interessiert, sondern eher steif und panisch. Ich fragte mich woran das lag, da Collins ihn eigentlich nicht verhunzt hatte und ihn ja seit Geburt an hatte. Einfach ein durchgeknalltes Vieh, das herumtänzelte, seinen Hals gegen das übergestreifte Halfter stemmte und leicht stieg und die Ohren unruhig drehte. "Vielleicht sollten wir...solltest du das doch anders angehen"; meinte ich nur leise und ja, ich korrigierte mich. Ich konnte zum einen nicht Teil hieran haben, weil Thunder mich nicht akzeptierte und zum anderen, war ich für sie ja so gut wie egal gewesen. Doch gerade in dem Moment als ich etwas sagte, war es auch schon zu spät und dieses Mistvieh schnappte mehr als nur drohend nach Vivi. Ich zuckte zusammen bei ihrem Schrei, fluchte und zog sie von dem Tier weg, sobald ich sie zufassen bekam. Der regte sich nämlich nur noch mehr auf, weil die Trense jetzt neben seinem Bein baumelte und je mehr er tänzelte, desto mehr klimperte das Gebiss und schlug gegen sein Bein. Und ich wollte sicher nicht, dass Vivi auch noch von ihm umgesprungen wurde. "Ist deine Hand okay?", fragte ich sie besorgt, vergessen war mein Ärger, sah nur kurz darauf. Darum würde ich mich sofort kümmern. Aber erst einmal musste ich verhindern, dass der Hengst sich auch noch die Beine brach oder den Hals. Ich wollte nicht mehrere Tausend Euro Schadensersatz hinblättern. "Ich kümmer mich sofort um dich", murmelte ich dann, wandte mich dem Hengst zu, der mehr als nur unglücklich mit der Trense schien. Ich versuchte danach zu greifen, was sich als schwierig herausstellte. Sein Hals war ja beweglicher, weil er nicht mehr direkt am Kopf angebunden war und seine Hufe waren auch nicht ungefährlich. Nachdem er mir androhte mich zu beißen, obwohl ich nur nach der Trense greifen wollte, und mir einmal zu Nahe kam, hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Dieses Pferd war mehr als nur gefährlich. Und mir reichte es. Wütend schlug ich mit einer Hand nach seinen Nüstern. Aufgebracht riss der Hengst den Kopf zurück. "Es reicht du Mistvieh! Wann hat Vivi dir mal weh getan, hm?!", schnauzte ich das Tier an, griff nach der Trense und zog sie an mich. "Ist ja nicht so, als hätte sie es dir aufgezwängt du Idiot! Ich dachte du passt auf sie auf"; fluchte ich munter weiter, während ich die Zügel von seinem Hals warf und mich dann schnell mit der angeschrammten Trense in Sicherheit brachte. Achtlos ließ ich die Trense dann fallen neben der Putzbox, wandte mich dann wieder Vivis Hand zu. "Collins sollte ihn endlich mal legen lassen und aufhören von einem Crack mit hohen Decktaxen zu träumen. Vielleicht beruhigt sich der dann endlich mal", beschwerte ich mich, während ich ihre Hand vorsichtig in meine zog und darauf achtete nicht die direkte Bissstelle zu berühren. "Sollen wir uns gleich wieder ins Auto setzen und ich bring dich ins Krankenhaus?", fragte ich besorgt, hob dann endlich den Blick und sah Vivi das erste mal seit langem wieder richtig an.


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#105

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 14.06.2015 20:43
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Kieran schien alles andere als begeistert über Thunderblood's Verhalten gewesen zu sein.Jedenfalls erweckte er für mich genau den Eindruck, den ich von den meisten Menschen hier von Anfang an gehabt hatte. Sie hassten Thunder und wollten ihn am liebsten in ihrer Wurst haben. Oder wenigstens nicht mehr lebend. Doch dann tickte der Hengst auch schon aus und Kiri packte mich relativ unsanft am Arm, um mich von ihm wegzuziehen. Seine Frage bejahte ich dann hastig, auch wenn sie ziemlich schmerzte. Kieran's nächste Handlung ließ mich aber vollkommen durchdrehen. Erst holte der junge Mann weit aus und wollte Thunder seine flache Hand auf die Nüstern klatschen und dann schnauzte Kieran meinen Liebling auch noch an. Entsetzt trat ich sofort zwischen Kieran und den Hengst und schubste den Reiter mit voller Kraft weit weg. "Wie kannst du es wagen, so mit ihm umzugehen!", zischte ich aufgebracht und sah meinen Gegenüber voller Entsetzen an. Ich hätte nie so etwas von ihm erwartet, da er vor allem in der Gegenwart der Pferde immer besonders ruhig und vorsichtig gewesen war. Als Kiri dann auch noch auf die Idee kam, nach meiner Hand zu greifen, riss ich mich von ihm los und schüttelte fassungslos den Kopf. "Wie konntest du nur?", flüsterte ich und hatte Tränen in den Augen. Hinter mir hörte ich noch immer das ängstliche Wiehern und Schnauben des Pferdes, welches mittlerweile nervös hin und her trabte und immer wieder auf die Hinterbeine stieg. Vor meinen Augen lösten sich alle Erfolge in Luft auf. "Setz' dich gefälligst alleine in dein dämliches Auto! Und dann fahr am besten irgendwo hin. Ganz weit weg. Nach Australien oder so.", zischte ich immer noch fassungslos und schluckte. Gerade erst hatte ich Kieran vergeben und dann machte er sowas. Der junge Mann wusste doch eigentlich genau, wie viel mir der wilde Hengst bedeutete und wie viel Mühe ich mir mit ihm gab. "Ich muss nicht ins Krankenhaus! Aber Thunder braucht jetzt wahrscheinlich einen Pferdepsychologen so wie du gerade ausgerastet bist.", stellte ich eiskalt fest und seufzte. "Du bist das Allerletzte. Ich hätte nie von dir erwartet, dass du so mit einem Pferd umgehst.", flüsterte ich unglücklich und enttäuscht. Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich zu dem Hengst um und trat langsam auf ihn zu. "Shhhh.", murmelte ich beruhigend und näherte mich Thunderblood immer mehr, bis ich seinen Führstrick in der Hand hielt und leise auf Russisch auf ihn einsprach. Ich würdigte Kieran keines Blickes mehr, sondern führte den tänzelnden Hengst schweigend in die Stallgasse und anschließend über den Hof zu einer der Einzelweiden. Dort angekommen öffnete ich vorsichtig das schwere Gatter und zog meinem Goldstück das rote Halfter über Ohren und Nüstern nach unten. "Lauf.", hauchte ich liebevoll und sah dem Wilden nach wie er in kräftigen Galoppsprüngen davonjagte. Nachdenklich erschien ein leichtes Lächeln in meinem Gesicht. Vielleicht hatte Kieran doch nicht alles an Thunder zerstört. Doch ich ging stark davon aus, dass der Hengst zukünftig auf Kiri nicht mehr gut zu sprechen sein würde. Ich seufzte leise und zuckte zusammen, als hinter mir eine tiefe Stimme ertönte. "Vivi, Liebes. Was ist passiert?", fragte Alexander Collins mich vorsichtig und ich drehte mich zu ihm um. "Kieran...Er...Ich wollte Thunderblood zum ersten Mal auftrensen. Er hat mich gebissen...Kieran ist ausgerastet. Er wollte Thunder schlagen und hat ihn angebrüllt.", erzählte ich mit brüchiger Stimme und schluckte. Erst jetzt fiel mein Blick auf meine Hand, welche inzwischen schon verfärbt und angeschwollen war. Ich unterhielt mich noch lange mit Collins, bis ich kurz vor dem Abendessen das Haus betrat und Kieran's Mutter half, den Tisch zu decken.


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#106

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 15.06.2015 03:40
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich hatte mir geschworen, die Dinge anders zu sehen. Ich hatte Vivis Eifer und Liebe für dieses Pferd verstehen wollen und hatte ja auch sehen können, wie er etwas umgänglicher wurde. Nicht viel, nicht gerade unbedingt zu mir, aber er war bei Vivi ja gerade zu zu einem Kuschelbärchen mutiert, wenn man es mit seinem vorigen Verhalten verglich. Ich hatte ihm vertraut, dass er Vivi achtete und sie als Bezugsperson annahm und ich hatte es ihr auch zugetraut, dass sie es schaffte, mit ihm zu arbeiten, dass er lernte, dass Menschen nicht unbedingt schlimm waren. Natürlich war ich angespannt, was neue Schritte anging und sowieso war ich ziemlich missmutig, wegen ihrer Liebe zu dem Tier und ihrer ja schon fast Ignoranz mir gegenüber. Ihm fiel sie um den Hals, mir schenkte sie nicht einmal ein ehrliches Lächeln. Aber sie sah das wahrscheinlich nicht einmal. Sie hatte vielleicht nicht gerade gelernt, dass Männer Gefühle hatten, mit Gefühlen wären sie immerhin schwerer zu den ganzen Grausamkeiten fähig, aber sie kannte mich doch inzwischen. Sie wusste, dass ich anders war und mich sorgte und fühlte. Konnte sie nicht verstehen, dass es mich verletzte, wenn sie mich einfach in einer Ecke abstellte, nachdem ich sie jede Nacht im Arm gehalten hatte um sie vor bösen Träumen zu schützen, nachdem ich sie im Arm hielt um sie zu trösten, sie geküsst hatte und mit ihr tanzte, mit ihr in der Wanne gesessen hatte. Es verbitterte mich total, vor allem aber auch, weil ich ja irgendwie daran Schuld war. Nur weil ich eifersüchtig war! Es gab Mädchen, die freuten sich über sowas, weil sie sich dann geliebt und begehrt fühlten, hätten es mit einem Tadeln abgetan und aufgeklärt, aber nein. Ich verschenkte mein Herz an das komplizierteste Mädchen und sah dabei zu wie sie es einfach in den Staub fallen ließ und missachtete, wie aus Versehen noch einmal drauf trat. Und ich stand hilflos daneben und wusste nicht, wie ich ihr Herz erobern konnte, ohne dass meines dabei starb. Und alles rückgängig machen konnte ich leider auch nicht mehr.
Die Tatsache, dass ich den Hengst anfluchte, als könnte er meine Worte verstehen, war mir ziemlich egal. Und auch, dass ich ihn mit dem Klaps auf die Nase zurechtwies. Ich wollte nicht von ihm zerbissen werden, während ich ihm Hals und Beine rettete. Ich war aber eher mehr unter Spannung als reell wütend. Ich machte mir Sorgen um Vivi und war einfach geschockt, dass Thunder sie wirklich verletzt hatte. Ich hatte gerade diese verfluchte Trense in der Hand, als Vivi mich von Thunder wegstieß. Überrumpelt machte ich ein paar Schritte um den Stoß auszugleichen, starrte sie perplex an bei ihren Worten. Wütend verengten sich meine Augen und ich pfefferte die Trense beiseite, schluckte meine Worte hinunter, die mir schon auf der Zunge lagen. Ich wollte mir ihre Hand ansehen, meine Sorge überwog nämlich noch. Doch ehe ich mir ihre Hand näher betrachten konnte, entriss sie sich mir. Als ich sie ansah, begegnete ich ihrem entsetzten Blick, sah die Tränen in ihren Augen und konnte mir vorstellen, mal wieder eine Welt zerstört zu haben. Ich schluckte mühselig meine Wut über ihr Unverständnis herunter, ehe ich antwortete. "Ich habe versucht, ihn davor zu bewahren, sich selbst den Hals und die Beine zu brechen. Und das kann ich nicht, wenn er mich blau und blutig beißt. Tut mir leid. Ein Pferd hätte ihn schärfer gemaßregelt", versuchte ich zu erklären, auch wenn ich mehr als angespannt klang. Bei ihren Worten, dass ich verschwinden sollte, presste ich verbittert die Lippen zusammen, während sich ihre Worte wie ein brennender Dolch in mein Herz bohrten. Ich war niemand, der schwach war und nachgab, aber als sie mich so beschimpfte, senkte ich den Blick. Nicht, weil sie recht hatte, sondern weil sie mich einfach verletzte und ich den Schmerz nicht ertrug. "Ich habe ihn nicht verletzt. Jedes verdammte Pferd hätte ihn bei solchen Aktionen auch abgewehrt. Und ich wollte weiterleben. Aber schön, dass dir sein kurzer Schock so nahe geht und es dir egal wäre, hätte er mir das Genick zerbissen, während ich nach der Trense greife. Sicherheit geht vor, tut mir leid. Lass du dich doch von ihm herumschubsen, soll mir gleich sein!", machte ich meinem Frust mit bebender aber auch leicht brüchiger Stimme Platz, als sie mir stumpf den Rücken zuwendete. Ohne auf eine weitere Reaktion zu warten, machte ich kehrt und eilte schon fast davon. Ich sollte sie abschreiben. Es würde sich nie wieder richten und sie würde mich einfach immer hassen. Es war egal, was ich tat, es war falsch. Wütend aber auch voller Schmerz stapfte ich zum Haus, warf die Tür lautstark hinter mir zu. "Kieran, hier wird nicht mit Türen geknallt!", tadelte meine Mutter aus der Küche, wo sie wahrscheinlich gerade das Essen vorbereitete. Ich ließ das einfach unkommentiert, ließ meine Schuhe unordentlich an der Garderobe stehen und stapfte die Treppe hinauf in mein Zimmer, schloss hinter mir ab, sollte irgendjemand auf die Idee kommen, mich zu nerven. Auch wenn es Vivi wäre. Ich würde gerade einfach nicht mit ihr reden können, musste erst einmal verdauen, was sie zu mir gesagt hatte, musste verkraften, dass das mit uns definitiv nichts mehr werden würde. Ich ließ mich bekümmert einfach auf mein Bett fallen, was meine Rippen als eine schlechte Idee erachteten und mir kurzzeitig der Atem weg blieb, aber der körperliche Schmerz war nicht so schlimm wie das Echo in meinem Kopf. Du bist das Allerletzte. Gequält schloss ich die Augen und schlug wütend gegen den Bettpfosten, ehe ich einfach dumpf liegen blieb und mich daran machte, mich wieder abzuhärten, meine Gefühle weg zu schließen und zu ignorieren, auch wenn der Schmerz übermächtig war. Irgendwann drang der Geruch von Essen nach oben, doch eigentlich hatte ich keinen Appetit, reagierte auf das Rufen meines Vaters nicht. Ich wollte ganz sicher nicht zum Essen kommen und mich dahin setzen als wäre nichts. Erst beim zweiten Ruf stand ich seufzend auf, weil mein Magen sich doch beschwerte. Ich wappnete mich gegen alles, als ich schließlich nach unten ging. "Da bist du ja endlich", meinte meine Mutter, doch ich schüttelte nur den Kopf. "Ich esse nicht mit euch", sagte ich, fast monoton, sammelte Geschirr und Besteck von meinem Platz, füllte mir etwas auf. Nur kurz suchte ich in einem letzten Hoffnungsschimmer Vivis Blick, senkte ihn aber, als ich mich dabei ertappte. Ich musste das ertragen, dafür sollte ich ihr nicht nachjammern. Es brachte sowieso nichts. Mein Blick fiel dafür auf ihre Hand und sofort drängte sich Sorge hervor. "Kannst du es bewegen? Vielleicht solltest du doch zum Arzt, das sieht nicht gut aus", sagte ich leise, konnte meine Sorge und auch meine Kränkung nicht wirklich verstecken, sah es vor, mich dann lieber wieder zu verdrücken und bemühte mich nicht zu sehr zur Treppe zu eilen, während ich meine Eltern ohne Erklärung mit Vivi zurückließ. Sollte sie das doch erklären, wenn sie wollte.


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#107

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 09.07.2015 22:04
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Kieran's Eltern und ich saßen bereits am Tisch, als die Haustür knarrte und kurz darauf hart ins Schloss fiel. Vor allem seine Mutter, welche gerade noch einmal in die Küche verschwunden war, und ich zuckten bei den plötzlichen Geräuschen erschrocken zusammen. Verwirrt sah ich dem jungen Mann nach, welcher aufgebracht die Treppe nach oben stürmte. Seine Eltern sahen mich ahnungslos an. Ich zuckte nur mit den Schultern, entschuldigte mich für das Abendessen und lief ebenfalls die Treppe nach oben. Vor seiner Tür blieb ich stehen und wollte gerade klopfen, als mein Handy klingelte. Ein weiteres Mal zuckte ich zusammen und zog das Teil aus meiner Gsäßtasche. Unbekannter Anrufer. Argwöhnisch presste ich die Lippen aufeinander und nahm den Anruf an. "Hallo?", fragte ich leise und zuckte sofort ein drittes Mal zusammen. Nur vage drangen die Worte an mein Ohr, ich war viel zu sehr damit beschäftigt, wer da am Telefon sprach. Meine Mutter flehte mich auf Russisch an, nach Hause zu kommen. Ich hörte sie weinen und ich hörte ihren Mann und meinen Stiefvater im Hintergrund reden. Außerdem drang das Wimmern meiner Halbgeschwister gedämpft durch die Lautsprecher. In diesem Moment schaltete sich etwas in mir um und ich fing an hysterisch in meiner Muttersprache loszubrüllen. Ich verhaspelte mich und stolperte auf dem kurzen Weg in mein Zimmer unzählige Male. Nun mischte sich auch Danilo, mein verhasster Stiefbruder ein. Zuhause war die Hölle los und alles nur wegen mir. Meine zwei kleinen Halbgeschwister und auch meine Mutter wurden wahrscheinlich nur geschlagen und misshandelt, weil ich mich verpisst hatte. Noch immer außer mir schrie ich weiterhin belanglose russische Sätze vor mich, zerrte eine große Handtasche aus dem Schrank und packte in Windeseile das Nötigste zusammen. "Mama..haltet durch.", murmelte ich auf englisch und legte dann auf. Das Handy landete ebenfalls in der Tasche. Ich hatte keine andere Wahl. Andrej und Danilo würden nach und nach alle abschlachten. Wahrscheinlich erst meinen Halbbruder Alexej, danach Irina und am Ende meine Mutter. Ich konnte es nicht zulassen, weswegen ich schleunigst nach Pittsburgh musste. Entweder ich oder meine Familie. Es war doch logisch, dass ich niemals zulassen konnte, dass man den wichtigsten Menschen in meinem Leben wehtat. Mein Weg führte mich noch zu meinem Schreibtisch, um Papier und Stift zu greifen.
~Kieran...Es tut mir so unendlich leid was passiert ist. Ich muss zurück zu meiner Familie, sonst töten sie sie. Meine Sachen hier kannst du spenden. Ich flehe dich an, mich zu vergessen. Es ist besser so. Suche dir ein Mädchen, das nicht so vom Schicksal gezeichnet ist und dir keine Probleme bereitet. Я люблю тебя! Vivienne~

Die russischen Schriftzeichen standen für Ich liebe dich, was ich natürlich niemals in einer Sprache geschrieben hätte, die Kiri auch verstand. Leise schlich ich mich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, legte den von meinen Tränen feuchten Zettel vor seiner Tür ab und verschwand dann unbemerkt aus dem Haus. Zu meinem Glück verließ gerade einer der Angestellten mit dem Auto das Anwesen und erklärte sich bereit, mich zumindest bis in die Stadt mitzunehmen. Von dort aus würde ich am nächsten Morgen in den nächsten Flieger nach Pittsburgh steigen.


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#108

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 10.07.2015 06:33
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich war einfach fertig. Fertig mit der Welt und am Ende. Dass sie mich so sehr verabscheute und sei es nur aus einem Schock, einer kurzen Reaktion heraus, das hatte ich nicht gedacht und ich konnte nicht damit umgehen. Ich hätte mich eigentlich als umgänglichen Typen beschrieben, dachte, ich könnte für sie da sein und ihr beistehen. Ich hatte es versucht, hatte es wirklich versucht und das obwohl ich mich vorher noch nicht auf so tiefe emotionale Ebenen eingelassen hatte. Sie war meine Ausnahme, eben meine, nur wollte sie es nicht sein. Ich versuchte sie zu verstehen, aber scheinbar verstand sie mich nicht oder ich machte wirklich alles falsch. Ich hatte gespürt, dass etwas zerbrochen war, als ich meinen Eifersuchtsanfall hatte, es war komisch geworden, aber jetzt? Jetzt war es nur noch schlimm. Als hätte man mein Herz wie eine Zitrone ausgequetscht und in den Müll geworfen. Ich war absolut verzweifelt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte um irgendwie wieder einen richtigen Blick zu bekommen, ein kleines, nur ein kleines, Lächeln zu sehen. Aber wie sollte das auch gehen, wenn einfach alles aus dem Ruder lief und mir alles aus den Händen glitt. Verlor ich etwa den Blick auf das Wesentliche und machte deshalb alles falsch oder kam es mir einfach nur so vor? Eigentlich war es auch egal. Ich konnte aufhören, nach Gründen zu suchen. Ich hatte es versucht, aber sie wollte mich nicht mehr sehen, hatte mich beleidigt. Bei anderen hätte es mich vielleicht nicht so sehr getroffen, aber bei ihr war ich einfach nur enttäuscht, verletzt und irgendwie wütend - das wahrscheinlich eher auf mich selbst. Jedenfalls war ich viel zu gefühlsduselig geworden. Ich versuchte mich irgendwie zu fassen, zu leben wie vorher auch. Normal ohne Herzschmerz. Nur deshalb holte ich mir etwas zu essen, wollte es ihr nicht vergönnen, dass ich wegen ihr in den Hungerstreik ging, auch wenn ich schon nicht unten essen würde. Ich war erleichtert, als ich wieder in meinem Zimmer war, drehte Musik auf und ließ mich auf meinem Schreibtischstuhl fallen, aß missmutig mein Essen. Ich versuchte irgendwie den Kopf frei zu bekommen, nicht mehr darüber nachzudenken auf Knien bei ihr anzurobben, damit sie mir noch eine Chance gab. Weit kam ich nicht damit, zuckte trotz lauter Musik leicht zusammen. Vivi stand scheinbar direkt vor meiner Tür, brüllte unverständliches Zeug auf russisch vor sich hin. Das Telefonklingeln zuvor hatte ich nicht vernommen, weshalb ich eher dachte, dass sie mich weiter beschimpfte um ihrem Ärger Luft zu machen. Verbittert schob ich meinen Teller von mir, ließ den Rest einfach stehen und starrte einfach aus dem Fenster. Ich würde sicher nicht die Tür öffnen und mir anhören, was sie jetzt noch zu beklagen hatte und auch würde ich nicht darüber meckern, das sie da stand und lärmte. Ich würde einfach nicht mit ihr reden. Nicht jetzt, nicht so.
Erst recht spät am Abend verließ ich mein Zimmer, wieder, den Teller in der Hand und bemerkte den Zettel nur, weil ich drauf trat. Irritiert hob ich ihn auf, las ihn durch und musste sogleich darauf achten, den Teller nicht fallen zu lassen. Schon wieder war sie weg. Nur diesmal war es wirklich wegen einem ernsten Problem. Schnellen Schrittes eilte ich ins Zimmer zurück, ließ den Teller mehr oder weniger auf den Tisch fallen und machte mich dann eilig auf die Suche nach meinem Handy. Ihr Schreien von vorhin machte auf einmal Sinn und das bestürzte ich. Ich hatte mal wieder das falsche getan. Warum hatte ich nicht nachgesehen, warum hatte ich sie nicht beruhigt und irgendwie versucht zu helfen. Und natürlich würde ich auch jetzt wieder das falsche tun. Ich würde sie ganz sicher nicht vergessen und zulassen, dass sie sich an die Schweine zurückverkaufte, auch wenn ich nicht wusste, wie ich ihr helfen konnte. Als ich endlich mein Handy gefunden hatte, suchte ich in den Kontakten nach ihrer Nummer, wählte und wartete ungeduldig auf irgendeinen Laut. "Komm schon", fluchte ich leise, hoffte, dass ich durch kam. Ich musste mit ihr reden, ich musste einfach.


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#109

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 12.07.2015 22:38
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Ich saß gerade am Flughafen und wartete darauf, das Flugzeug betreten zu dürfen, als mein Handy klingelte und ausgerechnet SEIN Name angezeigt wurde. Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass Kieran mich noch anrufen würde, da schon einige Zeit seit meiner überstürzten Abreise vergangen war. Ich seufzte leise und starrte nachdenklich auf das Display. In letzter Sekunde nahm ich den Anruf dann doch noch an und drückte mir das Handy ans Ohr. "Hör mir zu. Danilo und mein Stiefvater werden meine Mutter und meine Halbgeschwister umbringen, wenn ich nicht zurückkomme. Bitte mach es mir nicht noch schwerer, Kieran.", flüsterte ich leise, da ja schließlich nicht jeder etwas mitbekommen musste. "Glaube mir, ich hatte eine wunderschöne Zeit bei dir..mit dir. Mit euch. Mit Thunder. Aber es geht um meine Familie und ich kann nicht zulassen, dass ihnen etwas passiert. Ich musste schon zu viele Mitglieder verlieren.", fügte ich hastig zu. "Flug AH 1829 nach Pittsburgh ist bereit. Bitte begeben Sie sich zu Terminal C.", ertönte eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern und ich schluckte. Hoffentlich hatte Kieran diese Ansage nicht gehört. Ich hatte ihm nie erzählt, wo ich eigentlich hier in den USA lebte, doch diese Ansage konnte es verraten. Ich erhob mich langsam und schnappte mir mit der freien Hand die Tasche. "Sag bitte Collins Bescheid und richte ihm aus, dass es mir leid tut und er Thunder nicht aufgeben soll...", bat ich den jungen Mann noch und kämpfte mit den Tränen. "Ich muss auflegen, mein Flug geht gleich. Mach's gut...", hauchte ich noch in den Hörer und beendete das Telefonat schluchzend. Hoffentlich kam er über mich hinweg. Vielleicht würde Kieran zwar noch lange an mich denken, doch irgendwann wurde der Schmerz weniger. So war es mir mit dem Verlust meines Vaters und dann auch noch mit dem meiner Tochter auch ergangen. Schweigend suchte ich mir meinen Platz im Vogel, verstaute die Tasche unter dem Vordersitz und starrte dann aus dem Fenster. Nach dem Start konnte ich noch einmal das große Gelände des Gestüts sehen, welches in den letzten Wochen beinahe eine neue Heimat für mich geworden wäre. Ich hätte es fast geschafft. Aber am Ende hatten Andrej und Danilo doch ein weiteres Mal gesiegt. Es gab nichts, was ich noch hätte tun können. Alexander Collins musste wieder alleine mit dem Wilden klarkommen, würde ihn wahrscheinlich früher oder später doch wie ursprünglich geplant einschläfern lassen. Diego musste sich eine neue Tanzpartnerin suchen und auch die russische Ballettakademie musste ohne mich klarkommen. Auf dem Hof würde man mich und meine helfenden Hände ersetzen müssen und das von mir bis dato bewohnte Zimmer würde verstauben. Kieran würde vielleicht wieder mit seiner kranken Ex zusammenkommen oder ein anderes Mädchen kennenlernen. Doch was würde mit mir geschehen? Nach meiner Landung in Pittsburgh – der Weg zu meinem eigentlichen Zuhause. Dort würden sie warten, mich quälen und foltern und letztendlich umbringen. Ich musste irgendwann eingeschlafen sein, denn ich wurde von einer freundlichen Stewardess geweckt. Überrascht stellte ich fest, dass das Flugzeug bereits leer war. Entschuldigend griff ich meine Tasche und eilte aus dem Flugzeug. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit war ich also wieder in Pittsburgh und es fühlte sich grauenhaft an. Ich atmete tief durch und lief vorerst ziellos durch die Straßen.


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#110

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 13.07.2015 05:12
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich konnte nicht mehr denken. Alles schien sich zu drehen in meinem Kopf, während ich auf diesen Zettel starrte. Ohne ein Wort war sie gegangen. Nur der Zettel blieb von ihr, ebenso wie die Leere ihres Zimmers. Niemals könnte ich ihre Sachen weggeben. Spenden war eine tolle Sache, mir gefiel es schon fast, dass sie immer an andere dachte, aber sie verkaufte sich damit selbst, sie gab sich auf. Ich konnte mir das einfach nicht mitansehen. Gut, ich sah es nicht, aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, sie nicht wiederzusehen. Oder gar, wie sie behandelt werden würde. Ich könnte einfach nicht damit leben und vergessen konnte ich sie sicher auch nicht. Es war auch mal wieder verdammt egal, was sie mir gesagt hatte. Sie hatte mir gesagt, sie wollte mich nie wieder sehen, dass ich abscheulich wäre - und ich würde trotzdem für sie in mein Verderben rennen. Es war mir doch egal, ob sie mich warnte, dass ich den Zorn der Männer auf mich zog. Ich musste etwas tun, musste irgendwie helfen. Das einzige, an was ich denken konnte, war, wie dringend ich mit ihr sprechen musste. Und ich wollte wissen, was sie da geschrieben hatte. Umständlich hatte ich es auf meinem Laptop gegooglet, während mein Handy erst Netz suchte und dann immer noch ewig auf ein Freizeichen wartete. Ich war schon erleichtert, als nicht sofort die Mailbox ansprang. Sie hatte ihr Handy also nicht ausgeschaltet. Nur ging sie leider nicht ran. Aber so war ich schneller mit der Suche nach den Worten fertig, starrte dann wie versteinert auf den Bildschirm meines Laptops, überflog jedes Zeichen noch einmal um zu sehen, dass ich mich nicht verklickt hatte. Aber da stand es wirklich. Diese Zeichen sollten bedeuten: Ich liebe dich. Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Herz zusammenschnürte. Sie liebte mich? Warum nur hatte sie es mir nicht gesagt, warum nur hatten wir in der letzten Zeit so viel streiten müssen? Hätte ich doch nur gewusst.. Und ich dachte, sie hasste mich. Vielleicht tat sie es auch. Vielleicht war es dasselbe wie bei mir. Sie versteckte ihre Gefühle hinter Härte und Wut um nicht angreifbar zu sein.
Fast hätte ich gar nicht mitbekommen, wie abgenommen wurde, weil ich immer noch so sehr in Gedanken hing, versuchte mich dann aber zu sammeln und lauschte ihrer leisen Stimme. "Es muss eine andere Möglichkeit geben, irgendwas", protestierte ich schwach. Ich konnte sie ja verstehen, ich hätte wohl auch so gehandelt, aber sie konnte mich doch nicht einfach zurücklassen und glauben, dass ich das ertrug. Bei ihren nächsten Worten bekam ich einen Kloß im Hals. Es klang so sehr nach einem Abschied für immer. "Vivi..:", sagte ich gequält, konnte nicht ausdrücken, wie sehr es schmerzte, dass sie mich verließ. Im Hintergrund erklang dann auf einmal die blecherne Stimme einer Durchsage. Ich presste mir das Handy mit Herzrasen gegen mein Ohr, schaltete gleichzeitig die Lautstärke höher um mehr zu verstehen. Natürlich musste ich es hören. Ich musste wissen, wo sie hin verschwand und es wäre mir egal, wo es wäre, ich würde ihr auch direkt bis nach Russland folgen, wenn es sein musste. Ich versuchte mir einzuprägen, was da gesagt worden war, ehe auch wieder Vivis Stimme erklang, ein wenig brüchig und schwach. "Ich geb auf ihn Acht. Es tut mir so leid, dass die letzten Tage nicht so schön waren"; sagte ich bedrückt, immer noch verzweifelt, auch wenn ich wenigstens mit einem Umkreis rechnen könnte, sollte ich die Durchsage richtig verstanden haben. Tief atmete ich durch, als sie sich schließlich verabschiedete. "Mach's besser..", seufzte ich leise, gab mir dann einen Ruck. "Ich liebe dich auch", sagte ich noch, ehe auch schon das durchgängige Tuten erklang. Ich war mir gar nicht sicher, ob sie es überhaupt noch gehört hatte, aber ich hatte ihr Schluchzen gehört. Fahrig rieb ich mir mit einer Hand durchs Gesicht, sank ein wenig in mich zusammen und sammelte mich, ehe ich mir Zettel und Stift griff um mir zu notieren, was ich gehört hatte. Dann sammelte ich hastig meine Papiere, Geld und Schlüssel zusammen, packte eine Notfalltasche, ehe ich schon die Treppe runter rannte. "Mom? Dad? Ich und Vivi sind weg. Ich weiß nicht wie lange. Macht euch keine Sorgen!", rief ich Richtung Wohnzimmer, schlüpfte in meine Schuhe und war schon sogleich aus dem Haus gestürmt, ohne auf Fragen zu antworten. Ich rannte zum Wagen, fuhr viel zu schnell zum Flughafen, wo ich meinen Wagen abstellte und zu einem Schalter ging mit meinem Zettel in der Hand. Eine Frau begrüßte mich mit einem gütigen Lächeln. "Hallo, ich... ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll", murmelte ich. "Der Flug AH 1829 nach Pittsburgh.. ich glaube, es war ein Mädchen an Bord, das mir sehr wichtig ist. Können sie das für mich überprüfen?", fragte ich. Eigentlich durften sie ja keine Daten rausgeben und das sagte diese Dame ihm auch. "Wissen Sie, sie ist meine Freundin und sie ist in Gefahr. Ich muss wissen, wo sie hin ist um ihr helfen zu können", flehte ich und zerknüllte fast den Zettel wegen meiner Anspannung. "Na gut. Aber nur Ausnahmsweise. Wie heißt sie?" Ich seufzte. "Danke. Und da ist das nächste Problem. Ich kenne nur ihren Vornamen... wie gesagt, sie war auf der Flucht.. Sie dürfte einen russischen Nachnamen haben. Ihr Name ist Vivienne, und sie ist 17 falls das hilft", sagte ich hastig, lächelte unsicher. Die Dame besah mich kurz ein wenig skeptisch, aber sie schien Mitleid zu haben. Wahrscheinlich sah ich aber aus, wie ich mich fühlte. Wie ein Häufchen Elend. "Ja, hier... Vivienne Desdemona Karamakov..sie war an Bord. Der Flug dürfte schon gelandet sein", meinte die Dame. "Ihre Adresse haben sie nicht zufällig, oder?", fragte ich drängend. "Nein, tut mir leid. Hier ist nur die Stadt Pittsburgh verzeichnet", sagte sie entschuldigend. Ich nickte leicht, ich hatte es fast erwartet, aber man hätte ja hoffen können. "Geht heute noch ein Flug dahin?", fragte ich dann, doch auch das verneinte sie. Ich seufzte leise, drückte ihr ein paar Dollar in die Hand. "Danke für alles", sagte ich dann noch, ehe ich auch schon kehrt machte und zurück zu meinem Wagen lief, ehe sie protestieren konnte, dass sie kein Geld annehmen dürfe, das nicht mit Tickets zu tun hatte.
Meine Nacht war kurz. Ich hatte mich in mein Auto geschwungen, mein Handy zum Navi umfunktioniert und war losgefahren zur Autobahn. Es war dunkel, der Verkehr in Ordnung, aber ich kam mir vor, als würde ich mich durch Treibsand bewegen und nicht von der Stelle kommen. Die ganze Nacht fuhr ich durch, kam im Morgengrauen in Pittsburgh an und wusste nicht wohin mit mir. Ich schleppte mich um 5 Uhr morgens zu einem Fast Food Restaurant, holte mir einen großen Kaffee und etwas zu essen, hing, während ich versuchte das Essen herunterzuwürgen, über meinem Handy und suchte nach Telefonbüchern, suchte nach Viviennes Nachnamen, aber ich fand keine Einträge. Pittsburgh wäre auch zu groß um Leute auf der Straße zu fragen. Also Polizei oder Privatdetektiv. Ich würde sicher nicht aufgeben. Aber erst einmal war es doch leider zu früh um irgendwas zu machen und so suchte ich einen öffentlichen Parkplatz, machte meine Lehne so flach wie möglich und stellte mir meinen Wecker auf 9 Uhr morgens. Etwas über 3 Stunden Schlaf mussten reichen. Da konnte ich mir sicher sein, dass alle Leute ihre Geschäfte öffneten. Auch Detektive. So versuchte ich also trotz Licht und schlechtem Gefühl ein wenig zu schlafen in der unbequemen Position.


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#111

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 13.07.2015 22:30
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Ich machte mir noch lange Gedanken über das Telefonat mit Kieran. Er hatte also die russischen Wörter übersetzt und wusste, was sie bedeuteten. Wieso sonst hätte er mit 'Ich liebe dich auch' geantwortet? Es zerriss mir fast das Herz, doch immerhin schien der junge Mann vernünftig zu sein. Er ließ mich gehen und machte keine Anstalten, mir zu folgen. Davon ging ich zumindest aus. Ich irrte die gesamte Nacht durch die Straßen von Pittsburgh, legte einige Kilometer zurück. Ich besuchte noch einmal alle wichtigen Orte, bis ich in den frühen Morgenstunden das Anwesen meiner Familie ansteuerte. Wir lebten auf einem riesigen Grundstück. Eine 200qm Villa als Haupthaus, ein weiteres Gebäude mit Saunalandschaft, Poollandschaft und co. Dazu ein riesiger Pool im Garten. Man traute mir wahrscheinlich gar nicht zu, dass ich hier wohnte. Ich war einfach viel zu bescheiden für dieses Reichtum. Ich kam den Tor immer näher und konnte schnell die goldene Klingel erkennen, über welcher in geschwungener Schrift der Name Pawlow stand. Ich hatte den Namen meines Vaters behalten, meine Mutter hatte nach der Hochzeit den von Andrej angenommen. Ich seufzte leise und griff nach meinem Handy. Kurz vor sieben. Andrej und Danilo mussten gleich los zur Arbeit. Ich schaltete das IPHone aus und ließ es in der Tasche verschwinden. Noch einmal holte ich tief Luft, ehe ich nach meinen Schlüsseln griff und langsam das schwere Tor öffnete. Ab jetzt musste ich stark sein. Ich musste wieder die Vivi sein, die ich die ganze Zeit lang gewesen war. Die Vivi, die Kieran ursprünglich kennengelernt hatte. Ich hatte mich mit der Zeit auf dem Hof verändert, war wieder mein wahres Ich gewesen. Doch dieses wahre Ich versteckte ich nun wieder hinter einer kalten, gleichgültigen Fassade. Mit großen Schritten lief ich den Kieselweg entlang bis zur Veranda. Die Treppenstufen nahm ich hastig, dann stand ich auch schon vor der Tür. Noch ein letztes Mal schluckte ich alle Trauer hinunter, dann legte ich den Finger auf die Klingel. Doch anscheinend hatte man mich bereits erwartet und entdeckt, denn die Tür wurde geöffnet und ein breit grinsender Andrej stand vor mir. "Desde, Liebes. Schön, dass du kommst.", säuselte er gehässig. Ich hasste es, wenn Andrej und Danilo mich Desde nannten. Nur mein Vater durfte das. Sein Sohn erschien nun hinter ihm. "So sieht man sich wieder. Ist die Wunde verheilt?", fragte Danilo schmunzelnd. Andrej nahm mir die Tasche ab und ich betrat das Haus. Es sah noch immer aus wie damals, mit einer Ausnahme. Es war mehr als nur chaotisch. Es hatte wohl viele Kämpfe gegeben. "Wo sind Mama und die Kleinen?", fragte ich und sah mich um. "Keine Angst. Unsere Abmachung steht. Du kommst, sie dürfen gehen.", versprach mir Danilo lachend und griff nach meinem Arm. "Und jetzt komm. Wir können es gar nicht abwarten.", knurrte er und zerrte mich zur Garage, in welchem unsere Autos standen. Unsanft wurde ich auf die Rücksitzbank geworfen. Während Danilo sich zu mir zwängte, nahm sein Vater hinter dem Steuer Platz. Ich wusste genau, wohin unsere Fahrt ging. Zu einem alten Fabrikgelände, welches außerhalb der Stadt lag. Schon früher war dieses abgelegene Gelände perfekt gewesen, um mich zu quälen. Andrej und Danilo hatten wahrlich ein kleines Paradies für ihre Spielchen errichtet. Ich biss mir auf die Unterlippe, als mein Stiefbruder schon jetzt anfing, mich mit seinen ekligen Händen überall zu berühren. Nebenbei brabbelte er für mich unverständliche Worte auf Russisch. Ich schloss einfach die Augen und baute gedanklich meine damals errichtete Fantasiewelt wieder auf. Hoffentlich spielten sie nicht zu lange mit mir, sondern brachten mich bald um...
[Zeitsprung von drei Wochen]

Die darauf folgenden drei Wochen waren für mich der blanke Horror gewesen. Während ich anfangs noch darauf gehofft hatte, dass mich Andrej und Danilo schnell aus dem Weg räumen würden, hatte sich auch der letzte Hoffnungsschimmer nach der ersten Woche in Luft aufgelöst. Die beiden Männer waren brutal wie noch niemals zuvor und es schien mir, als hätten sie mit mir ein neues Geschäft aufgemacht. Wenn ich alleine war, hielten sie mich in einer Zelle gefangen, meine Arme waren mit Handschellen nach oben Richtung Decke gezogen und ich konnte den kalten, nassen und klibrigen Boden nur berühren, wenn ich meine Zehenspitzen streckte. Immerhin machte sich das jahrelange Balletttraining nun bezahlt. In den ersten Tagen kam Danilo morgens vor der Arbeit, Andrej abends nach der Arbeit. In ihren Mittagspausen kamen sie beide gemeinsam. Doch nach vielleicht fünf Tagen stand auf einmal ein Arbeitskollege meines Stiefvaters in meiner Zelle und seitdem bekam ich im Zweistundentakt und sogar nachts Besuch von zahlreichen Männern. Manche kamen nur einmal, manche öfters. Doch alle waren genauso brutal und voller Hass wie Danilo und Andrej. Ich wurde am ganzen Körper geschlagen, getreten, ausgepeitscht und mit Messern attackiert. Mir wurden Knochen gebrochen, Muskeln gezerrt und mein Intimbereich glich einem Schlachtfeld. Ich wurde für sämtliche erdenkbare Praktiken benutzt und im wahrsten Sinne des Wortes ausgebeutet. Durch die stickige Luft, das schlechte Licht und die Kälte – ich war schließlich bis auf die Haut nackt – hatte ich mir allerhand Krankheiten eingefangen. Meine Haare verfilzten und auf meiner Haut bildeten sich immer wieder aufplatzende Wunden. Ich fragte mich, wie lange diese Männer mich noch begehren konnten, ich sah eigentlich bereits nach zehn Tagen aus wie ein Monster. Doch es reichte Andrej und Danilo einfach nicht. Sie zwangen mich zu den schlimmsten Dingen, Nahrung gab es für mich kaum. Sie hingen mir morgens direkt vor meinem Kopf eine Flasche auf, so wie Nagetiere sie hatten, und füllten diese mit dreckigem Wasser aus Pfützen. Außerdem kam Danilo auf die glorreiche Idee, Fallen aufzustellen und damit allerlei Kleintiere zu fangen. Vor lauter Hunger aß ich diese Tiere dann tatsächlich roh, was zu weiteren Erkrankungen führte. Ich lebte in meinem Blut, in meiner Pisse, in meiner Scheiße und in meiner Kotze. Die Zelle verließ ich immer nur dann, wenn man mich brauchte.
Ich hatte eigentlich schon aufgegeben und dachte auch nicht einmal mehr an meine Vergangenheit. Für mich gab es nur noch dieses Leben in Gefangenschaft als Sklavin. Ich wartete bereits auf den Tod und sehnte ihn sogar herbei. Und jede neue Krähe, die durch das vergitterte Fenster in meine Zelle flatterte, ließ mich hoffen, bald zu sterben. Meine Mutter schien inzwischen mit meinen beiden Halbgeschwistern in Russland zu sein. Andrej und Danilo hatten sie wahrscheinlich so unter Druck gesetzt, dass sie niemanden etwas erzählte und wenn die Frage nach ihrem ältesten Kind auftauchte, nur mit "Ich weiß es nicht, ich habe sie lange nicht mehr gesehen." antwortete. Immerhin hatten sie nun wieder ein gutes Leben, mehr wollte ich nicht. Auch wenn ich gerne meinen Vater wiedergesehen und meine Tochter kennengelernt hätte. Ich hatte nach zwei Wochen aufgehört, die Tage zu zählen. Für mich wurde jeder Tag gleich, eine immer wieder kehrende Routine. Ich hatte noch nie sonderlich viel gewogen, doch in der Zeit hier unten hatte ich von meinen 47 kg auf 1,65m einiges verloren. Die Rippen stachen deutlich hervor, die Wangen waren eingefallen. Wahrscheinlich brachte ich keine 30 kg mehr auf die Waage und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich zusammenbrach. Nach der dritten Woche war wirklich rein gar nichts mehr von irgendeiner Vivi übrig. Ich war einfach nur noch ein Skelett, selbst meine Mutter hätte ihre eigene Tochter nicht wiedererkannt. Meine Arme konnten mein Gewicht nicht mehr halten, weswegen Andrej und Danilo mich aus der hängenden Position befreit hatten und ich stattdessen nun liegend an die Wand gefesselt war. Dieser Umstand machte es jedoch keineswegs besser. Meine geliebten langen Haare waren zuerst kaputt, verfilzt und voller Läusen gewesen. Nun war nichts mehr von der früheren Pracht zu sehen. Die längsten Strähnen gingen mir nur noch knapp bis zu den eingefallenen Schultern, die nicht einmal mehr die Last einer Feder hätten tragen können. Ich wurde immer öfters immer länger bewusstlos und bekam die Misshandlungen am Ende eigentlich gar nicht mehr mit. So war es auch heute. Es war spät abends und Danilo und Andrej hatten bei ihren Kumpels eine große Party angekündigt. Ich war mit gespreitzten Beinen auf einem Tisch gefesselt und jeder durfte mal ran. Ich sah alles nur noch verschwommen und mir war klar, dass ich diese Nacht nicht überstehen würde...


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#112

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 14.07.2015 04:45
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Wirklich schlafen konnte ich nicht. Ich versuchte es, aber meine Sorge war zu groß um wirklich loslassen zu können, auch wenn ich wusste, dass ich nicht helfen konnte, wenn ich mich selbst umbrachte, weil ich im Verkehr einfach einschlief und deshalb einen Unfall hatte. Das half nur leider nicht wirklich bei der Tatsache, dass ich sie sofort wiedersehen wollte. Ich musste sie finden, bevor sie zurückkehrte zu ihrer Familie und den Männern. Ich musste irgendwie ihre Familie da rausholen und sie damit befreien von der Last. Ich würde mit ihr dann ans Ende der Welt verschwinden, wenn ich müsste, wenn es sicherer wäre und sie damit besser leben könnte. Auch wenn viele vielleicht daran zweifelten, sagen würden, dass wir uns doch gar nicht so lange kannten und wir doch zu jung waren um zusammen zu leben und zusammen zu bleiben. Aber das änderte nichts daran, dass ich sie liebte und ich liebte sie jetzt und ich wollte diese Möglichkeit gerne behalten und nicht versauen dadurch, dass ich ihr nicht nachlief und ihr nicht half. Ich würde sie sonst nie wieder sehen, ich wusste es. Im halb wachen, halb schlafenden Zustand träumte ich schlecht. Danilos hasserfüllter Blick verfolgte mich, Vivis Angst nagte an mir und ich fühlte mich einfach ohnmächtig. Was sollte ich nur machen, ich würde es doch nie schaffen, sie zu retten, wenn sie erst einmal in Gewalt der Männer war. Ich wusste nicht, wie sehr die Polizei auf mehr oder weniger Spekulationen einging, wie schnell sie handelten. Ich konnte ihnen immerhin nur ihren Namen nennen und ihren Zettel schreiben, dass ihre Familie in Gefahr war. Mehr konnte ich nicht wirklich machen. Und wenn ich nicht wissen würde, dass mir die Zeit weg lief, würde ich versuchen sie auf eigene Faust zu suchen. Ich wusste ja, wie sehr sie Angst davor hatte, damit zur Polizei zu gehen, aber wie sollte ich das jetzt ohne die Polizei anstellen sollte. Als der Wecker mich aus meinem albtraumartigen Dösen riss, zuckte ich zusammen, ehe ich mein Handy wieder verstummen ließ. Müde rieb ich mir über die Augen, suchte dann per Internet das Hauptrevier und fuhr dorthin. Ich musste einfach etwas unternehmen. "Morgen. Ich brauche dringend Hilfe, Meine Freundin ist in Gefahr", erklärte ich an der Rezeption, angespannt. Ich musste dann ewig warten, man vertröstet mich mit Kaffee, bis sich jemand meiner annahm. Dem Polizisten erklärte ich dann, was vorgefallen war. Von Anfang an, wie sie bei uns in Cleveland aufgetaucht war, verletzt und ohne viele Sachen, dass wir sie aufgenommen hatten, wie scheu sie anfangs war und was sie mir dann von ihrer Familie erzählte. Ich erzählte, dass Danilo aufgetaucht war und sie verletzt hatte, ihr gedroht hatte und dass sie eben am gestrigen Abend scheinbar einen Anruf mit einer Drohung erhalten hatte. Ich zeigte ihm den Zettel, den sie mir hinterlassen hatte. Dann ging es an den theoretischeren Teil Ich versuchte Danilo zu beschreiben, erklärte die Familienkonstellation in der Form, in der ich sie von Vivi erfahren hatte und zu guter Letzt fertigte ich mit einem Zeichner ein Phantombild an. "Gut, wir werden öffentlich nach ihr fahnden lassen, dann erhöhen wir den Druck und sie können nicht unbemerkt etwas tun", erklärte der Polizist, doch ich sah ihn geschockt an. "Sie kennen die Männer nicht. Sie würden sie nicht gehen lassen. Die dürfen davon nichts mitbekommen, sonst töten sie sie und ihre Familie und machen sich aus dem Staub", erklärte ich besorgt. Zumindest war das mein Eindruck. Wenn sie herausfanden, dass nach Vivi gesucht wurde und nach ihnen gefahndet, sie würden sie dafür noch mehr schinden. Und mich wahrscheinlich wirklich umbringen. Und Vivi damit nur noch mehr quälen. Ich würde mich zweifelsohne für sie opfern, aber ich müsste dafür sicher sein, dass sie wirklich überlebte. Der Polizist nickte. "Ohne die Öffentlichkeit kann es aber länger dauern. Ich werde alle Männer unterrichten und Ausschau halten lassen. Wir finden sie schon wieder", erklärte der Polizist milde.
Fakt war, dass Entführungsopfer nach zwei Tagen meistens tot waren. Ich wusste das durch Dokus über Polizeiarbeit. Fakt war auch, dass Vivi nicht wirklich entführt wurde. Nicht so. Ich glaubte, dass sie länger überlebte, aber das war nicht gerade positiv. Es bedeutete ebenso, dass sie länger gequält wurde. Ich fühlte mich machtlos, auch wenn ich irgendwie die ganze Polizei in Aufruhr versetzte, ich durfte sogar vor den Patrouillen sprechen, erklären, wie ich die Männer einschätzte und was sie gefährlich machte. Und dann wurde ich vertröstet, dass ich mich bedeckt halten sollte, nicht mitkommen könnte und man sich melden würde. Ein paar Tage blieb ich in Pittsburgh in der Hoffnung, dass sie schnell etwas fanden, aber irgendwie wollte sich nichts ergeben und ich wurde ermahnt, dass es nicht gut wäre, wenn Danilo mich sehen würde, weshalb ich auch noch nach Cleveland zurück geschickt wurde. Verzweifelt entfernte ich mich also wieder von Vivi, was mehr als schmerzte in meinem Herzen. In den Tagen, die ich weg war, hatte ich meinen Eltern nichts erklärt, ihnen nur gesagt, dass ich es bald erklären würde. Und so schleppte ich mich nach Hause, zutiefst deprimiert, immer noch müde, weil ich absolut nicht schlafen konnte und in tiefster Sorge. "Ist alles okay?", fragte meine Mutter besorgt, als ich also zuhause ankam, zog mich spontan in ihre Arme. "Nein.. Als Vivi zu uns kam, war sie auf der Flucht vor ihrem Stiefvater. Er hat ihr gedroht, dass er ihrer Familie etwas antut, wenn sie nicht zurück kommt und jetzt fehlt von ihr jede Spur..", sagte ich kraftlos, versuchte nicht zu sehr auszusehen, als würde ich daran zugrunde gehen. "Oh Kieran..", flüsterte meine Mutter nur mitleidig und besorgt, strich mir über den Kopf, als wäre ich noch einmal fünf Jahre alt. Sie kümmerte sich rührend um mich, achtete darauf, dass ich genug aß, versuchte mich abzulenken und sagte nichts dazu, wenn ich schnell gereizt oder nicht ganz bei der Sache war. Meinem Vater hatte sie es scheinbar auch gesagt, denn ich sah seine wissenden Blicke. Nur mit Collins musste ich noch selbst sprechen, erklärte ihm, dass ich nicht wusste, wann oder ob Vivi wiederkam, dass ich mein bestes tat und er trotz des Rückschlags Thunder nicht aufgeben sollte. Sollte Vivi nicht wiederkommen, wenn sie es nicht schaffen würde... Ich mochte gar nicht daran denken, aber wahrscheinlich würde ich dann im Notfall Thunder Collins abkaufen um irgendeine lebende Erinnerung von ihr zu behalten. Die Tage zogen dahin. Ich war unkonzentriert, wurde still und hoffnungslos. Es quälte mich, dass ich nichts machen konnte, dass ich keine Ansätze hatte. Meine Pferde ließ ich bereiten, war selbst nicht mehr bei der Sache, half nur noch im Stall oder verbrachte meine Zeit damit am Weidezaun zu stehen und ins Nichts zu starren. Ein Schnauben ließ mich einmal wieder aus meinen Gedanken zurückkehren. Thunder stand ein paar Meter entfernt, blickte mich skeptisch an. "Oh Thunder...", seufzte ich leise, wandte ihm leicht meine Schulter zu, wie um ihn einzuladen und nicht frontal gegenüber zu stehen. "Vivi fehlt dir, hm? Mir auch..", murmelte ich, sah wieder in die Ferne und hoffte einfach nur, dass die Polizei endlich Hinweise fand. Ich bemerkte im Augenwinkel, wie Thunder einen kleinen Schritt näher kam und schnaubte. Tja, Ruhe und keine direkte Nähe und so schlimm war ich da dann doch nicht. Dennoch, er würde immer Vivis Pferd sein. Und er ihr Angelpunkt. Meiner war momentan das Telefon und schließlich kam ein Anruf. Mit rasendem Herzen nahm ich sofort ab, als ich die Nummer vom Polizeipräsidium erkannte. "Habt ihr sie gefunden?", sprudelte es aus mir heraus, doch die Stille ließ mich zögern. "Noch nicht. Wir wissen jetzt, wer die Männer sind, aber.. wir konnten sie noch nicht ausfindig machen", wich der Polizist am anderen Ende aus. "Wie kann man wissen, wer sie sind und sie nicht finden?!", fluchte ich aufgebracht. "Tut mir leid, aber so einfach ist das nicht. Wir werden sie die nächsten Tage überwachen und dann nächste Schritte einleiten", erklärte der Polizist ruhig. "Und was wenn -... wenn sie nicht mehr lebt?", fragte ich heiser. "Sie entsprechen nicht den normalen Entführertypen.. Es besteht noch Hoffnung", meinte der Polizist, weiterhin ausweichend. "Sagen Sie das mal, wenn Ihre Freundin entführt und misshandelt wird", knurrte ich mit bebender Stimme, ehe ich einfach auflegte. Trotz der noch nicht wirklich sicheren Nachricht suchte ich mir wieder ein Hotel in Pittsburgh, verabschiedete mich von meinen Eltern und fuhr wieder in die entfernte Stadt. Ich nahm das Auto um mobiler zu sein, auch wenn es ätzend war, so weit zu fahren. Ich bezog mein Hotel, meldete der Polizei, dass ich nun da war und auf jeden Fall dabei sein wollte, wenn sie den Übergriff machten. Immerhin musste ich schon lange warten. Viel zu lange. Ich hatte die Tage gezählt, auch wenn ich es kaum ertragen hatte, hatte immer versucht zu hoffen und mir einzureden, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch lebte, existierte. Es waren nun 23 Tage, die sie fort war. 23 Tage, die sie alleine war um gequält zu werden. 23 Tage, die ich untätig und ohnmächtig nichts tun konnte, außer an sie zu denken. "Wir haben gerade noch einmal überprüft, wo die Männer sich aufhalten. Sie sind beide in dieser alten Fabrik. Wir vermuten sie dort. Machen Sie sich bereit, wir werden sie stürmen", erklärte der Komissar und alle nickten, machten sich bereit, als sie mich endlich zu sich gerufen hatten. Auch ich bekam eine kugelsichere Weste, wurde angewiesen mich im Hintergrund zu halten. Einen Krankenwagen orderten sie schon für den Notfall. Niemand glaubte wirklich, dass es Vivi gut ging. Einigen sah ich an, dass sie den Krankenwagen für überflüssig befanden und eher einen Leichenwagen für angebracht hielten.
Ich konnte nicht atmen, nichts fühlen und mein Herz war zu einem kleinen Bleiklumpen zusammengepresst worden. Ich starrte angespannt, gerade zu nervös aus dem Fenster, als wir langsam vor einem abgelegenem Gelände hielten. Ich versuchte irgendwie Luft in meine Lungen zu bekommen, aber ich hatte das Gefühl zu ersticken, während alle Wagen zum Stehen kamen. Leise stiegen allesamt aus, wurden in mehrere Truppen aufgeteilt um die verschiedenen Eingänge zu besetzen und zu stürmen. Ich selbst hielt mich beim Haupteingang, gedeckt von einem Polizisten. Auf einen Funkspruch hin wurde schließlich das Gebäude gestürmt. Ich hörte nur das Geschrei. "Hände hoch an den Kopf! Auf die Knie!" Es verlief ohne Schusswechsel und sobald mein Wächter das Okay bekommen hatte, betraten wir ebenfalls das Gebäude. Danilo und scheinbar sein Vater wurden von Polizisten in Handschellen auf den Eingang zu drangsaliert, kurz ruhten ihre Blicke auf mir. Wäre ich nicht so extrem hasserfüllt und hätte ihnen am liebsten die Augen ausgestochen und ihr bestes Stück genommen, hätte ich vor den kalten Augen vielleicht Angst gehabt. Aber so erwiderte ich den Blick starr und ebenso kalt. "Ich hoffe für euch, dass sie noch lebt", sagte ich nur leise, mehr für mich als wirklich für sie. Doch sie schienen es gehört zu haben und Andrej lachte schon fast höhnisch auf. Das saß. Panik schnürte mir die Kehle zu und so wandte ich mich ab, durchquerte die Vorhalle. "Wo ist sie?", zischte ich zu dem Polizisten, der mich begleitete. In dem Moment rief auch schon jemand. "Ich hab das Mädchen gefunden.., glaube ich", rief jemand. Mein Herz machte einen Satz und ungeachtet einer Warnung schlug ich die Hand des Polizisten beiseite, rannte los, in die Richtung, wo der Ruf hergekommen war. Erschüttert blieb ich stehen, als ich den Raum dann sah. Ich fand keine Worte dafür. Es war pervers, schlimmer als in einem SM-Club, würde ich mir vorstellen. Am schlimmsten war aber das, was dort in der Mitte des Raumes war. Ein Tisch stand dort, Seile lagen am Boden, durchgeschnitten. Gehalten hatten sie scheinbar die Gelenke, die schon nicht mehr aussahen, als hätten sie irgendwelche Kraft sich zu wehren. Ich hatte nicht bemerkt, wie ich meine Hand vor den Mond gehoben hatte, konnte meinen Blick einfach nicht abwenden. Sie musste es eigentlich sein, eigentlich musste es Vivi sein, die da lag, doch sie sah nicht mehr aus wie sie, wenn überhaupt wie ein Schatten ihrer selbst. Das Haar kaputt und filzig, die Haut wirkte dünn und zart wie Pergament, gespannt über das Gerippe, das sie nur noch war. Überall waren Wunden zu sehen, die teilweise dreckig und entzündet aussahen. Zu viel Blut. Es war zu viel Blut überall und sie lag einfach da, schwach und regungslos. "Ist sie...?", brachte ich brüchig hervor, konnte mich einfach nicht bewegen und sank teilnahmslos auf die Knie, als der Polizist versuchte einen Puls zu finden. Unfähig zu fassen, was ich sah, vergrub ich mein Gesicht in den Händen, sank auf meine Fersen. Ich hatte mir vorgestellt, dass es schlimm war, aber das Ausmaß hatte ich nicht begriffen. Tränen standen mir in den Augen. Vor Wut und Hass und vor Schmerz. Ich hatte nichts tun können, ich war nicht schnell genug gewesen. Warum nur war ich nicht aufgestanden und hatte sofort nach ihr gesehen, als sie so hysterisch telefoniert hatte. Warum nur hatte die Polizei auch nicht schneller handeln können. Drei Wochen! Wieso brauchte man drei Wochen um ein Mädchen zu finden? Ich hatte doch gewusst, dass es zu spät war. "Nein...nein ! Sie atmet noch! Alarmiert sofort den Krankenwagen, dass sie einsatzbereit sind und sie sofort ins Krankenhaus bringen!", rief der Polizist, größtenteils zu seinen Kollegen. Mein Herz setzte einen Schlag aus. "Vivi!", rief ich, in einem Anflug von Hoffnung und Angst, stürmte auf die Beine und zu ihr. Ich musste es selbst sehen. Mit zittrigen Fingern tastete auch ich nach ihrem Puls, der wirklich nur ein Hauch war, hielt meine Wange über ihr Gesicht und spürte den minimalen Hauch. "Halt durch, bitte", flüsterte ich, während ich meine Schutzweste auszog, dann mein Hemd und es ihr vorsichtig anzog, ehe ich sie hochhob. Sie wog gar nichts mehr und ich hatte das Gefühl, dass sie zerbrach, wenn ich sie berührte oder als würde sie einfach auseinander fallen. "Vivi! Wach auf, bitte. Sieh mich an", flehte ich, während ich versuchte sowohl schnell, als auch möglichst ohne Stöße sie nach draußen zu tragen. Ein Sanitäter brachte eine Bahre schon entgegen, wo ich sie vorsichtig ablegte. "Sie.. sie hat kaum Puls.. sie ist schwach..", flüsterte ich, aber das sah man Vivi auch an. Bleich lag sie da, viel zu dürr in meinem Hemd, doch ich wollte nicht, dass noch mehr Männer sie nackt sahen. Schnell brachte der Sanitäter sie in den Krankenwagen und ich schob mich einfach mit hinein. Mit Blaulicht und viel zu schnell rasten wir Richtung Krankenhaus, die beiden Sanitäter schlossen sie bereits an eine Infusion an, intubierten, als ihre Atmung zusammenfiel. Ich versuchte nur nicht im Weg zu sein, hielt trotzdem ihre Hand, die viel zu kühl und knöchern in meiner lag. "Bitte Vivi, verlass mich nicht. Ich liebe dich", sagte ich leise, betete einfach, dass sie durchkam. Jetzt, wo ich sie gefunden hatte, durfte sie nicht einfach sterben. Sie konnte mich doch nicht im letzen Hoffnungsmoment noch alleine lassen.


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#113

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 15.07.2015 22:40
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Von der dramatischen Stürmung der alten Fabrikhalle, der Gefangennahme ihrer Peiniger und auch von ihrer Rettung bekam Vivienne herzlich wenig mit. Die junge Frau war quasi eigentlich bereits tot und die Rettungskräfte hatten allerlei zutun, sie auf dem Weg ins Krankenhaus am Leben zu erhalten. Immer wieder hörte ihr Herz auf zu schlagen und wäre Kieran nicht gewesen, hätten die Sanitäter wohl noch auf dem Weg zum Krankenhaus aufgegeben. Als der Krankenwagen dieses jedoch erreichte, wurde der junge Mann hastig aus dem Weg geschoben. "Sie helfen ihr jetzt am besten, wenn Sie sich verziehen.", riet ihm eine Krankenschwester noch schnell, ehe Vivi bereits in einen Operationssaal geschoben wurde. Es vergingen Stunden und die behandelnden Ärzte und Schwestern hatten sehr viel zu tun, um der Russin das Leben zu retten. Nach etwa dreizehn Stunden tauchte eine Krankenschwester bei Kieran auf. Der junge Mann hatte seit der Ankunft auf einem Stuhl gesessen und war nur immer wieder kurz in einen unruhigen Schlaf gefallen. "Ihre Freundin ist vorerst über den Berg. Allerdings können wir nichts versprechen.", klärte die Schwester ihn ruhig auf. "Können Sie irgendwelche Angaben zu der Familie von Frau Karamkov machen?", erkundigte sie sich anschließend und wurde daraufhin von dem jungen Mann enttäuscht.

In den folgenden sieben Tagen befand sich Vivi in einem Einzelzimmer auf der Intensivstation und niemand durfte zu ihr. Das Krankenhaus arbeitete eng mit der örtlichen Polizei zusammen. Einerseits wegen dem Verbrechen und andererseits wegen der Familie der jungen Frau. Nach Kieran's Befragung wurde der junge Mann vorerst nach Hause geschickt, da er in Pittsburgh nicht viel bewirken konnte. Es vergingen weitere drei Wochen, in denen die Polizei verzweifelt nach Vivi's Familie suchte und dafür mit internationalen Wachen zusammenarbeitete. In diesen drei Wochen veränderte sich Vivi's Gesundheitszustand kaum. Zumindest wurde er nicht besser, sondern eher immer wieder dramatisch schlechter. Als in der Mitte der dritten Woche zumindest die beste Freundin, Dunja, Tarassow, ausfindig gemacht wurde, gelang kurz darauf auch der Kontaktaufbau zu Anastasija Pawlow, Vivi's Mutter. Diese hatte mit ihren beiden Kindern bei Dunja in Russland Unterschlupf gesucht und aus Angst niemandem etwas erzählt. Am Ende der dritten Woche landete Ana in Pittsburgh und machte nun endlich ebenfalls eine Aussage bei der Polizei. Auch die beiden Kinder Irina und Alexej wurden mehrmals verhört. Nach dem ersten Monat hatte sich noch immer nichts verändert. Ana saß Tag und Nacht am Krankenbett ihrer im Koma liegenden Tochter. Auch im zweiten Monat wurde ihr Gesundheitszustand nicht besser Die Untersuchungen und Nachforschungen bezüglich Danilo und Andrej liefen auf Hochtouren und beide Männer saßen in Untersuchungshaft. Doch es gelang der Polizei tatsächlich, Vivi's leiblichen Vater ausfindig zu machen. Nikolaj Karamakov wohnte mittlerweile in den USA, hatte dort seine eigene Architekturfirma und war verheiratet und hatte zwei Kinder. Nachdem man ihm mitgeteilt hatte, was seiner Tochter zugestoßen war, ließ er sofort alles stehen und liegen und reiste nach Pittsburgh. Das Wiedersehen mit seiner Ex-Frau verlief katastrophal, da er ihr die Schuld zuschob. Erst gegen Ende des zweiten Monats war Vivienne vorläufig außer Lebensgefahr. Es war ihr Vater, der dann von seinem Hotel aus auf dem Gestüt von Kieran's Familie anrief und Kiri in einem kurzen Gespräch mitteilte, dass er Vivi's verschollener leiblicher Vater war und es Vivi etwas besser ging. Kurz darauf erreichte der junge Mann wieder Pittsburgh, zeitgleich wurde Vivienne von der Intensivstation entlassen und in ein normales Einzelzimmer verlegt. Allerdings lag die Russin noch immer im Koma, zeigte jedoch inzwischen kleine Regungen, die Grund zur Hoffnung gaben. Andrej und sein Sohn saßen noch immer in U-Haft, da bis zu Vivi's Genesung keine Verhandlung festgesetzt werden konnte.

Einige Tage nach Kieran's Ankunft in Pittsburgh wurde er von einer asiatischen Krankenschwester aus dem Zimmer der Russin gezogen. "Entschuldigung, dass ich Sie einfach so in Beschlag nehme. Aber ich wollte zuerst mit Ihnen darüber reden, was neuerste Untersuchungen ergeben haben.", fing die kleine Frau beinahe ängstlich an und sah zu dem groß gewachsenen Kerl auf. "Und zwar ist Frau Karamakov schwanger.", kam es ihr dann doch über die rot geschminkten Lippen. Kurz schwieg die Krankenschwester, ehe sie weitersprach. "Hatten Sie mit ihr in dem Monat bevor sie das Gestüt verlassen hat, Geschlechtsverkehr?", fragte sie dann vorsichtig und zog den Kopf ein wenig ein. Es lag auf der Hand. Wenn Kieran als Vater ausgeschlossen war, musste Vivienne von einem ihrer vielen Peiniger schwanger geworden sein. Erneut schwieg die Asiatin kurz, ehe sie weitersprach. "Da Vivienne noch nicht 18 ist, können ihre Eltern in diesem Fall über eine Abtreibung bestimmen. Ich wollte wie gesagt erst mit Ihnen sprechen. Selbst wenn die Eltern sich gegen die Abtreibung entscheiden, wird das Kind wohl kaum überleben und auch für Ihre Freundin ist die Schwangerschaft sehr gefährlich.", erklärte die Frau mit ruhiger Stimme. "Vor allem denke ich, dass Ihre Freundin lieber ihre Tochter als Einzelkind behält. Zumindest vorerst. Ein Neugeborenes und ein Kleinkind unter diesen Umständen? Ich weiß ja nicht..."


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#114

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 17.07.2015 01:18
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Wäre ich doch nur schneller gewesen oder hätte sie einfach von vornherein aufgehalten. Wieso konnte ich nicht einfach für sie da sein, einfach mit ihr zusammen sein und glücklich sein mit ihr. Vor allem hatte sie das ganze doch auch nicht verdient. Ich würde sofort für sie sterben, wenn ich damit helfen könnte. Ich würde alles tun, alles aufgeben, sogar meine Pferde und den Hof, solange ich nur wüsste, dass ich sie einmal noch einmal lächeln sehen konnte, sie einmal in meine Arme ziehen könnte und neben ihr aufwachen konnte. Mehr wollte ich nicht, einfach, dass sie aufwachte, gesund wurde und irgendwann wieder glücklich sein konnte. Es würde ein langer Weg werden, aber den musste sie schaffen. Verzweifelt klammerte ich mich an ihre Hand auf dem Weg ins Krankenhaus. Schnell war sie an die Geräte angeschlossen und ich bekam durch die Piep-Töne viel mehr mit, wie schwach und langsam ihr Puls war und wann er aufgab. "Komm schon!", murmelte ich brüchig, blinzelte Tränen aus den Augen. Ich war niemand, der nah am Wasser gebaut war, aber ich konnte sie einfach nicht sterben sehen, strich über ihre trockene Haut der viel zu dünnen Finger. Als wirklich ein zweites Mal ihr Herz versagte, brach ich wirklich in Tränen aus, lehnte meine Stirn an ihre Hand und flüsterte leise auf sie ein, dass sie mich nicht alleine lassen sollte, dass ich ohne sie nicht auskam und es nicht ertrug. Ich spürte den zweifelnden Blick des einen Sanitäters, doch sie kämpften weiter, immer wieder und immer weiter. Als wir endlich hielten, sprang ich mit aus dem Krankenwagen, hielt weiterhin ihre Hand, als wir nach drinnen eilten, ehe ich recht rüde gestoppt wurde. Ich hätte ja wütend geantwortet, sah aber einfach verzweifelt der Bahre mit Vivis Schatten nach, ehe ich mich auf einen der Stühle setzte um zu warten. Binnen weniger Augenblicke wurde ein weiterer Chirurg angefordert und eilte in den OP-Saal. Ich telefonierte kurz mit meinen Eltern, die alles mögliche für den Hof mobil machten und sich auf den Weg machten um vorerst auch in der Nähe zus ein. Sie hingen eben auch an Vivi und hatten sie ins Herz geschlossen. Und dann angelte ich mir eine Krankenschwester, wollte fragen, ob ich helfen könnte durch eine Blutspende. Immerhin schien es eine große OP zu weren, wenn zwei Chirurgen benötigt wurden. Tatsächlich durfte ich Blut spenden. Sofern es passte von der Blutgruppe, könnten sie es verwenden. Was daraus wurde, wusste ich aber nicht, als ich müde da saß, Kaffee in mich hineinschüttete und versuchte wach zu bleiben. Ständig nickte ich wieder ein, träumte schlecht von meiner schlimmsten Vorstellung, dass jemand herauskam, mich deprimiert ansah und den Kopf schüttelte. Doch so etwas geschah zum Glück nicht. Ein Räuspern weckte mich irgendwann und ich blickte erschöpft in ein ebenso müdes Gesicht. Die Krankenschwester fragte nach ihrer Familie, doch ich musste sie enttäuschen, dass ich nichts wusste. Nicht mal dabei konnte ich helfen.
Die folgenden Tage verbrachte ich eigentlich auch fast ausschließlich im Krankenhaus oder auf der Polizeiwache um meine Aussagen zu machen. Ich schlief kaum und aß kaum etwas, stand einfach nur an der Tür mit dem verglasten Fenster, durch das ich einen halben Blick auf Vivi erhaschen konnte oder eher auf die Decke und all die Schläuche, die an ihr hingen. Irgendwann kam von der Stationsleitung ein Machtwort, dass ich nicht helfen konnte und doch selbst nur schwächer wurde, wenn ich aufhörte zu leben nur um hier zu sein. Meine Eltern nahmen mich also wieder mit nach Hause, doch unproduktiv war ich nach wie vor. Ich hatte Angst, dass Vivi starb und ich nicht da sein konnte, denn ihr Zustand war nicht stabil gewesen, als ich gefahren war. Ich rang mich schließlich durch, zu ihrer Tanzschule zu fahren, stand nach der Tanzstunde da, mit meinen Augenringen und innerlich verzweifelt. "Diego", sprach ich den jungen Mann an, der gerade seine Sachen packte. Er wirkte frustriert. "Vivi wird erst einmal nicht mehr mit dir tanzen", sagte ich, fast monoton um nicht zusammenzubrechen, doch wirkte ich damit zu kühl. "Aha", Diego schien wütend zu sein, weshalb ich beschwichtigend eine Hand hob. "Sie kann nicht.. Sie liegt im Krankenhaus", sagte ich dann leise. "Sie ist fast gestorben und ist... immer noch nicht stabil",setzte ich hinzu, brach mal wieder daran kaputt, fand mich dann auf einmal in einer Umarmung wieder. "Sie schafft das...sie ist stark", versuchte Diego mich aufzumuntern, ehe er mich losließ und bat, ihn auf dem laufenden zu halten. Ob er auch mal im Krankenhaus war, wusste ich nicht, denn viel schrieb ich nicht mit ihm, hatte meinen KKopf überall und nirgendwo. Als ihr Zustand sich wieder verschlechterte, war ich immer sofort wieder beim Krankenhaus, saß solange auf dem Gang, bis sie wieder stabilisiert war.
Als eine unbekannte Nummer das Gestüt anrief, nahm ich ab. Im Büro saß ich eigentlich nur, weil ich kaum was machen konnte mit meienm derzeitigen Problem, mich nicht konzentrieren zu können. Mit Erstaunen erfuhr ich, dass es der leibliche Vater von Vivi war. Und dass es ihr besser ging. Und wieder reiste ich nach Pittsburgh, lernte im Krankenhaus dann ihre Eltern kennen. Es war ein wenig merkwürdig, weil wir alle drei eigentlich kaum etwas miteinander zu tun hatten. Ihre beiden Eltern waren getrennt und schienen sich nicht zu verstehen und ich kannte beide nicht, hing einfach nur an Vivi. Vor allem, als wir auf dem Einzelzimmer, das sie endlich beziehen konnte, alle nebeneinander saßen, war es komisch. Wenn die beiden diskutierten, dann eher auf russisch und ich verstand kein Wort. Als die Krankenschwester mich beiseite zog, sah ich überrascht auf, ließ Vivis Hand los, die nicht mehr ganz so extrem mager war, blickte auf ihr Gesicht, das inzwischen nicht mehr von ihren ehemals schönen Haaren gerahmt wurde. Nur langsam wuchsen die Haare nach, waren momentan noch sehr kurz. Aber das war nicht schlimm, es ging ihr besser, die ganzen Parasiten und weitere Kleinerkrankungen war sie langsam los. Die Unsicherheit der Krankenschwester überraschte mich und verunsicherte mich gleichermaßen. "Okay...", murmelte ich vorsichtig, als sie meinte, dass es neue Erkenntnisse gäbe. Als sie mir die Diagnose gab, starrte ich sie sprachlos an. Ich hatte das Gefühl nicht atmen zu können, Hass kochte in mir hoch, gleichzeitig aber auch Sorge und sowieso war es einfach viel zu viel. Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken, der im Flur stand, fuhr mir mit einer Hand durchs Gesicht. Bei ihrer Frage, ob wir Sex gehabt hätten, schüttelte ich benommen mit dem Kopf. Ihre weiteren Worte nahm ich nur wie durch Watte wahr. Ich wüsste aber auch nicht, was zu tun wäre. Ich wusste nicht, ob sie wirklich ein Kind haben wollte, das sie von einem der Ekelpakete hatte, doch ich könnte niemals über Leben und Tod entscheiden. Ich könnte niemals etwas töten, was lebte. Doch hatte ich auch Angst um Vivi, dass sie es nicht überstand. "Was?!", fragte ich dann auf einmal. Ich hatte die letzten Worte verstanden, so war es ja nicht. Doch ich erkannte den Sinn nicht. "Tochter? Kleinkind? Wovon sprechen?", sagte ich ein wenig flau mit unsicherer Stimme. Sie hatte mir nie etwas dergleichen erzählt. Die Krankenschwester schien nun auch verunsichert. "Vor... vor zwei Jahren hat sie in diesem Krankenhaus eine Tochter zur Welt gebracht. Wussten Sie das nicht? Und.. wo ist dann die Kleine?", mit großen Augen sah die Asiatin mich an. Ich schüttelte leicht den Kopf. "Weiß ich nicht", flüsterte ich abwesend und erhob mich. "Sprechen sie mit ihren Eltern über die Schwangerschaft. Ich muss mal Luft schnappen", murmelte ich, ehe ich mit steifen Schritten das Krankenhaus verließ für einen Rundgang. Ich konnte es nicht fassen. Eine Tochter. Und schwanger. Kinder von den schlimmsten Männern, die ich mir vorstellen konnte. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ein paar Tage war ich nur kurz im Krankenhaus, brauchte die Zeit um nachzudenken und wollte nicht wissen, wie ihre Eltern entschieden hatten. Vielleicht warteten sie auch bis zum letzten möglichen Tag ab, an dem man noch abtreiben durfte, in der Hoffnung, dass Vivi noch aufwachte und es selbst bestimmte. Ich freundete mich nicht wirklich mit dem Gedanken an Kinder vom Ekelpack an, aber ich wollte trotzdem wissen, was aus dem Mädchen geworden war. Als ihr Vater nicht da war, sondern nur ihre Mutter, sah ich sie schließlich matt an. "Was ist aus ihrer Tochter geworden?", fragte ich also und Ana schien nervös, sagte, sie wisse es nicht. "Das glaube ich nicht. Wurde sie abgegeben oder hat Andrej sie getötet? Ich will nur wissen, wie es ihr geht", fragte ich bitter und nachdrücklich. Mir wurde selbst klar, dass ich es wissen wollte, sollte Vivi wirklich nicht mehr aufwachen. Ich wollte eine Erinnerung an sie haben, auch wenn ich über die väterliche Linie hinweg sehen sollte. Ich wollte wissen, wo die kleine Vivi lebte und wie sie groß wurde. Ob es wenigstens etwas gab, das schön war, an ihrem Leben. Ich erfuhr also, dass die kleine Valeska illegal abgegeben wurde. Also verkauft wurde auf Andrejs Drängen hin. Geschockt ließ ich mir die Kontaktdaten geben, hoffte, dass sie noch aktuell waren.
Unsicher stand ich vor dem kleinen Haus in der Vorstadt von Chicago. Es war eigentlich ganz schick mit gepflegtem Rasen, ein wenig Spielzeug und einer kleiner Sandkiste. Auf dem Klingelschild stand geschwungen "Brighton" und scheinbar wollte ich auch genau da hin. Ich klingelte schließlich und eine mittelschlanke, erwachsene Frau öffnete. Ihr braunes Haar fiel lockig bis auf ihre Schultern und sie lächelte freundlich, aber irritiert. Ich hörte ein kleines Kinderlachen und kurz darauf erschienen kleine Händchen, die sich am Bein der Dame festhielten und ebenfalls ein kleiner Kopf mit eindeutig Vivis Augen. Ich war hin und weg von dem kleinen Lächeln, das der Winzling mir schenkte. "Misses Brighton?", fragte ich schließlich und sah die Dame wieder an, die nun nickte. "Ich weiß... es kommt etwas komisch, aber... ich wollte einfach mal schauen, wie es Valeska geht", fing ich vorsichtig an. Nicht vorsichtig genug. Sofort gefror das Lächeln der Frau und sie schob vorsichtig das Mädchen etwas zurück, die Tür weiter zu. "Ben!", rief sie dann eindringlich ihren Mann. Ich merkte, dass es eng wurde, trat einen weiteren Schritt auf die Veranda. "Verzeihung.." - "Halten Sie sich fern von uns! Es war alles abgemacht!", fauchte die Frau mich an, doch ich hielt die Tür auf, als sie sie zuschlagen wollte. "Hören Sie mir zu! Ich will Ihnen Valeska doch nicht wegnehmen! Damit hab ich absolut nichts zu tun!", verteidigte ich mich. Ich sah eine Bewegung im Hintergrund und scheinbar holte der Mann das Kind von der Tür weg. "Bitte lassen Sie es mich erklären", flehte ich und trat wieder zurück. "Bitte..", wiederholte ich. Sie zögerte. Vielleicht sah sie mir an, dass ich einfach fertig war. "Wer sind Sie?", fragte sie dann also. "Kieran Grantham. Ich bin der Freund von ihrer Mutter", sagte ich also mit einem leicht unsicheren Lächeln. "Und was wollen Sie? Sie sind doch nicht der Vater, das war irgendein One Night Stand", meinte die Frau verschlossen. Ich schüttelte den Kopf über den abfälligen Ton. "Ich möchte nur wissen, was ihre Sicht der Geschichte ist .:", erwiderte ich. "Da gibt es keine Geschichte. Ihre Freundin war so früh schon gedankenlos und hatte unverhütet Sex und wollte den Ballast nicht, der beim freisein stört, fertig" - "Das hat ihr Stiefvater erzählt, oder?" - "Ja, er hat das ganze abgewickelt", meinte sie. Ich seufzte. "Kann ich rein oder sie raus kommen? Ich will nicht mit einer Tür reden", meinte ich vorsichtig. "Na gut..." Kurzerhand machte sie die Tür auf. Ihr Mann stand im Hintergrund, die Kleine auf dem Arm und sie spielte an den Knöpfen des Polo Hemds. "Kommen Sie mit in die Küche", erklärte sie schließlich, bot mir sogar ein Glas Wasser an. Ich erzählte den beiden schließlich, wie es wahrscheinlich gewesen war. Dass ihr Stiefvater sie vergewaltigt hatte und auch wie es ihr jetzt gerade ging, erklärte wie viel Angst sie eigentlich hatte vor Männern und dass sie niemals feiern gegangen wäre, weil dort Betrunkene herumliefen, die sie berühren könnten. Ich erzählte, dass sie mir nie von dem Kind erzählt hatte und sie selbst mir nicht alles anvertraute. "Ich wollte nur einmal sehen, ob wenigstens dieser kleine Teil von ihr glücklich sein kann, falls... falls sie nicht mehr aufwacht...", murmelte ich, woraufhin die Frau mir die Hand auf meinen Arm legte. "Das tut mir leid... Hätten wir das gewusst, hätten wir das niemals unterstützt.:", murmelte sie. Sie erzählte mir, dass sie keine Kinder bekommen konnte nachdem sie einmal eine schlimme Beckenbodenentzündung gehabt hatte und dass sie sich aber immer ein Kind gewünscht hatte. Das Jugendamt hätte ihnen eine Adoption verweigert, weil sie noch nicht verheiratet gewesen waren und er damals nur Zeitarbeiter war. Wir beide saßen am Ende mit einem Kloß im Hals da, ihr Mann stand an der Theke und beschäftigte die Kleine. "Wenn sie wieder aufwacht und ihre Tochter sehen möchte, dann könnt ihr euch ruhig melden", sagte sie schließlich und ich nickte. "Danke, dass ich einen Einblick bekommen habe", murmelte ich und wurde zur Tür begleitet. "Sie heißt übrigens inzwischen Nadine", meinte sie noch, ehe wir uns veranschiedeten und ich mit zwei Fingern der Kleinen über die Hand strich und sie noch ein letztes Mal betrachtete. Eine bezaubernde Kleine.

Es war gut, dass ich die Kleine getroffen hatte. Mein Abscheu vor dem Ungeborenen war verschwunden. Sollte sie es behalten wollen, wenn sie aufwachte oder ihre Eltern blieben einfach bei der Meinung, es nicht abzutreiben, würde ich es aufnehmen. Auch wenn es nicht von mir war, war es von Vivi und sie liebte ich. Ich würde auch das kleine Wesen lieben, das sowieso unschuldig war und sicher nicht unter dem Unfluss der Ekelpakete aufwachsen würde. Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen strich ich Vivi über die kurzen Haare, als ich einmal alleine bei ihr saß. "Ich war bei deiner Tochter. Der Weg ist zwar auch weit, aber es geht ihr gut. Sie ist ein hübsches kleines Mädchen. Sie hat deine Augen, weißt du? Und du kannst sie sehen. Dann hast du alle deine Familienmitglieder wieder", sagte ich sanft, hielt wie immer ihre Hand. "Ich liebe dich..", flüsterte ich, wie so oft, blieb dann noch Stunden an ihrer Seite. Eine Woche war ich wieder zuhause, ein wenig motivierter. Vivis Zustand war soweit stabil, ich hatte einen kleinen Hoffnungsblick und meine Pferde wurden endlich mal wieder von mir bewegt. Als ihr Zustand sich so weit besserte, dass die Ärzte die Endphase des Komas mit Mitteln kontrollierten, war ich natürlich wieder im Krankenhaus. Ich döste gerade noch im Sessel, der in der Ecke des Zimmerst stand, als Vivi sich minimal bewegte und die Geräte anzeigten, dass ihr Puls ein wenig schneller wurde, sprang ich auf, setzte mich auf einen Stuhl, der neben ihrem Bett stand und hielt wieder vorsichtig ihre zarten Finger in meiner Hand. "Vivi", flüsterte ich leise. "Kannst du mich hören?" Der Hauch eines Lächelns stahl sich auf meine Lippen, als ich sah, dass ihre Augenlider zitterten. Sie würde aufwachen. Selbst wenn sie dann wieder viel schlief. Sie würde endlich aufwachen.


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RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 17.07.2015 12:41
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Ganze drei Monate hatte ich im Koma gelegen. Drei Monate, in der mein Leben viel zu oft am seidenen Faden gehängt hatte. Drei Monate, in der sich wohl meine Liebsten die Augen aus dem Kopf geweint hatten, wovon ich jedoch nichts ahnen konnte. Ich hatte nichts mitbekommen. Als ich dann langsam aus dem Koma erwachte, hörte ich zuerst eine männliche Stimme, die gar nicht so weit entfernt zu sein schien. Mein Puls wurde etwas schneller und irgendjemand griff nach meinen Fingern. "Vivi. Kannst du mich hören?", ertönte die Stimme nun erneut, dieses Mal direkt neben mir. Wer war das? Ich kannte ihn nicht, aber in mir breitete sich panische Angst aus. Als ich mit viel Anstrengung endlich die Augen öffnen konnte, dauerte es noch einige Minuten, bis ich richtig sehen konnte. Erst war alles schwarz, mit der Zeit wurde es heller und irgendwann nahm ich Umrisse wahr. Außer dem jungen Mann befand sich niemand im Zimmer. In meinen Augen wurde das Weiße sichtbar und ich stieß einen gellenden Schrei aus. "Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?", schrie ich außer mir vor Angst und entriss dem Fremden meine Hand. Hysterisch kreischte ich los und sah den jungen Mann noch immer panisch an. Kurz darauf stürmten zwei Krankenschwestern und ein Arzt ins Zimmer. Eine der beiden Frauen, eine Asiatin, zog den Mann aus dem Zimmer. Ich verstand einige Worte, konnte aber nicht viel damit anfangen. "Sie wird sich wahrscheinlich momentan an fast nichts erinnern. Das ist völlig normal. Fahren Sie ins Hotel und machen Sie sich frisch, Kieran. Ich rufe Sie an, wenn es Ihrer Freundin besser geht.", versicherte die Krankenschwester dem jungen Mann. In der Zwischenzeit wurde ich von den anderen beiden Leuten beruhigt und bekam eine Spritze. Ziemlich schnell dämmerte ich dann vor mich hin. Die Asiatin benachrichtigte anschließend meine Mutter und meine Vater, welche sich beide sofort ins Krankenhaus begaben. Meine Mutter erkannte ich sofort, als sie das Zimmer betrat. "Mama...", flüsterte ich schwach und streckte meine dünne Hand nach ihr aus. Sofort war meine Mutter neben mir und bedeckte mein Gesicht mit Küssen. Misstrauisch ließ ich dabei den Mann nicht aus den Augen. Er kam mir bekannt vor, aber ich konnte ihn beim besten Willen nicht zuordnen. Erst als er näher kam und sich mit einem liebevollen "Desde." zu Wort meldete, realisierte ich, wer hier vor mir stand. "Daddy?", hauchte ich schockiert und als er leicht nickte, liefen mir warme Tränen über die Wange. "Ich lasse euch allein, Nikolaj. Ihr habt sicher viel zu reden.", meinte meine Mutter und verließ den Raum. Ich sah ihr kurz nachdenklich nach. Sie sah gut aus. Es schien ihr einigermaßen gut zu gehen. Ich unterhielt mich etwa drei Stunden mit meinem Vater, bis irgendwann die asiatische Krankenschwester auftauchte und ihn anwies, jetzt mal zu gehen, da ich noch viel Ruhe brauchte. Sie brachte mir dann auch noch einige Scheiben trockenes Toastbrot und ließ sich neben dem Bett auf einen Stuhl nieder. "Wie geht es dir, Vivienne? An was erinnerst du dich?", fragte sie vorsichtig. Ich senkte den Blick und schluckte bedrückt. Hunger hatte ich nicht, weswegen die Frau, die sich als Kira vorstellte, den Teller auf den Tisch stellte. "Ich...keine Ahnung...ich bin nach Hause gekommen. Ich weiß nicht wo ich war...vielleicht in der Schule...oder unterwegs. Mein Stiefvater und mein Stiefbruder haben mich gepackt, ins Auto gesteckt und wir sind zu der Fabrikhalle gefahren, wo wir früher immer waren...", fing ich stockend an und brach dann auch schon hemmungslos in Tränen aus. Kira saß die ganze Nacht neben mir und jedes Mal wenn ich schreiend aus dem Schlaf aufschreckte, hielt sie meine Hand und sprach mir Mut zu. In den folgenden zwei Wochen schlief ich viel und schluckte haufenweise Schmerzmittel, da es mir noch immer sehr schlecht ging. Ich hatte verkündet, dass ich den jungen Mann hier nicht sehen wollte. Kira versuchte mich mehrmals davon zu überzeugen, dass Kieran -wie er hieß- mein Freund war. Doch egal wie sehr ich es versuchte, ich erinnerte mich nicht an ihn. So bekam ich nur Besuch von meinen Eltern, meinen kleinen Halbgeschwistern und von der Polizei, die immer wieder vom Personal aus meinem Einzelzimmer geworfen wurde, da sie mich mit Dingen konfrontierten, für die ich noch nicht bereit war. Die Psychologin des Krankenhauses, Frau Doktor Sullivan, tauchte über den Tag verteilt immer wieder bei mir auf und wollte mir dabei helfen, über das Trauma hinwegzukommen. Doch ich sprach kein Wort mit ihr. Auch mit meinen Eltern unterhielt ich mich nicht über dieses Thema. Meine Mutter erzählte mir hin und wieder von Andrej und Danilo. Beide saßen noch immer in Untersuchungshaft und die Verhandlung stand noch aus, da ich noch nicht aussagen konnte. Mama hatte die Scheidung eingereicht und das Jugendamt alarmiert, damit sie das alleinige Sorgerecht für die Kleinen bekam. Meine Mutter befand sich ebenfalls in Therapie, um alles besser verarbeiten zu können. Mein Vater hatte netterweise eine kleine Wohnung für meine Mutter und die Kinder gemietet, da unsere Villa von der Polizei beschlagnahmt worden war. Es wunderte mich, dass er sich so um seine Ex-Frau und deren Kinder kümmerte. Wahrscheinlich tat er es mir zu liebe. Hin und wieder erreichten mich Nachrichten von diesem Kieran, doch ich ließ alle unbeantwortet. Ich erinnerte mich vage an einen großen Reitstall. An ein schwarzes Pferd. Ans Ballett. An eine anderen Kerl. Doch ich konnte es nicht verstehen und niemand konnte mir etwas erklären. Nach einem Monat im wachen Zustand ging es mir zwar besser, aber noch immer schlecht. Ich konnte nur Leitungswasser trinken und meine Nahrung bestand aus Suppen und trockenem Brot. Teilweise wurde ich über Schläuche ernährt. Meine Wunden heilten nur langsam und es war klar, dass fast überall Narben zurückbleiben würden. Als ich in dem Monat von der Schwangerschaft erfuhr und das nur Danilo oder Andrej als Väter in Frage kamen, fiel meine Entscheidung schnell. Erstens wollte ich nicht noch ein Kind von diesen Männern und zweitens stand fest, dass ich die Geburt nicht überstehen würde. Also wurde die Abtreibung vorgenommen. Es war mein Vater, der Anfang des insgesamt fünften Monats nach meiner Rettung nach Cleveland flog und plötzlich auf dem Gestüt auflief. Er hatte Kieran ins Herz geschlossen und wollte sehen, wo seine Tochter die letzten Monate so glücklich gewesen war. Er sah sich Thunderblood an, welcher seitdem nur noch trostlos und mit hängendem Kopf in seiner Box stand. Er besuchte die Tanzschule und lernte meinen Tanzpartner kennen. Er klärte Kieran über die vorgenomme Abtreibung auf und das ich bald das Krankenhaus verlassen dürfte. Mein Vater erwähnte auch, dass ich mich nach wie vor nicht an Kieran erinnern konnte und selbst vor den Ärzten panische Angst hatte.


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#116

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 19.07.2015 16:09
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Es war das schönste, was ich je erlebt hatte. Es war so wenig, aber es war irgendwie eine ganze Welt für mich, als ich sah, wie sich ihre Augenlider leicht bewegten. Gebannt wartete ich darauf, dass sie die Augen gänzlich aufschlug und ich wieder endlich für sie wirklich da sein konnte. Gebannt musterte ich sie, während ich ihre Hand hielt, sah dabei zu, wie sie blinzelte und scheinbar einen Moment brauchte, um sich zurecht zu finden. Ich wollte ihr diese Zeit geben, sah sie nur erleichtert und liebevoll an, hielt weiter sachte ihre Hand in meiner. Ich war zwar ein wenig unsicher, wie sie auf mich reagierte, weil wir uns lange nicht gesehen hatten, sie wohl geglaubt haben dürfte, dass ich sie aufgegeben und den Männern überlassen hatte. Ich wusste absolut nicht was mich erwartete. Ganz sicher hätte ich auf jeden Fall nicht das erwartet, was vor sich ging. Kaum sah Vivi mich an, schrie sie auch schon. Sie erkannte mich nicht. Sie erkannte mich einfach nicht! Oder sie wollte mich nicht erkennen. Ich zuckte zurück, als sie dermaßen anfing zu kreischen, dass es mir in den Ohren klingelte. Wie erstarrt saß ich da, zutiefst erschüttert darüber, wie sie auf mich reagierte. Ihr panischer Blick brannte sich in meinem Herzen fest. "Vivi...", flüsterte ich überfordert, als ich auch schon von der asiatischen Krankenschwester am Arm gegriffen wurde. Apathisch folgte ich ihr, während ich immer noch zu Vivi sah und mein Herz daran zerbrach. "Völlig normal...", wiederholte ich nach ihren Worten, völlig von Sinnen. Vivi erinnerte sich nicht an mich. Das saß tiefer als jede Angst, die sie haben könnte. Wenn sie nur Angst hätte, hätte sie sich auf Erinnerungen besinnen können um sich irgendwann ein wenig zu beruhigen. Aber jetzt? Alles war verloren, all meine Bemühungen zunichte gemacht und mein Herz gebührte einer Fremden, die panische Angst vor mir hatte. Wie ich aus dem Krankenhaus kam, ging ziemlich an mir vorbei. Ich fand einfach meinen Weg, ohne wirklich aufzupassen. Ich war nachhaltig geschockt, fühlte mich einfach vor den Kopf gestoßen und zutiefst verletzt. Ich war zwar froh, dass Vivi lebte, aber es war klar, dass sie nicht mehr mit mir leben würde. Sie war wohl offiziell nicht mehr meine Freundin. Im Hotel schmiss ich mich auf mein Bett, vergrub mein Gesicht im Kissen und hoffte einfach zu ersticken. Sie würde ohne mich klar kommen, hatte ihre Familie wieder und meinen Verlust spürte sie nicht. Ich ihren dafür um so mehr.
Tagelang wartete ich auf einen Anruf, der mir irgendwie weiterhalf. Eine Nachricht, dass es ihr besser ging und sie sich erinnerte. Als nichts kam und ich es einfach nicht mehr aushielt, fuhr ich einfach wieder zum Krankenhaus, erkundigte mich nach ihr, doch ich wurde vertröstet. Das ging ein paar Mal so, bis mir ziemlich direkt gesagt wurde, dass sie mich nicht sehen wollte. Verletzt und am Boden zerstört gab ich schließlich auf. Ich müsste warten, sagten sie. Warten... Aber worauf? Mir wurde gesagt, dass sie sich an vieles erinnerte, nur eben nicht an Cleveland. Und wie sollte sie sich erinnern, wenn sie es einfach nicht zulassen wollte, weil ich sie verschreckt hatte? Deprimiert verließ ich die Stadt also wieder, ich konnte nichts tun, dann musste ich meiner Familie helfen. Es brachte ja nichts, ein Hotel reich zu machen und alle Pflichten zu vernachlässigen. Also arbeitete ich meinen Frust ab, versuchte ihren Rat zu befolgen, den sie mir vor ihrer Abreise gegeben hatte - sie zu vergessen. Aber ich konnte es nicht, wartete immer auf Anrufe, meldete mich selbst beim Krankenhaus, doch nie mit Erfolg. Ich fühlte mich irgendwann schon wie ein Stalker und ich fing an, wieder verschlossen zu werden. Jeden Abend alleine im Bett zu liegen, sie nicht mal zu sehen, nicht zu hören, zu wissen, dass sie mich nicht mehr liebte, mich nicht mal mehr kannte, es würde mich fertig machen, wenn ich es zulassen würde. Also kämpfte ich dagegen an, verschloss mich wieder und ignorierte die Sorge meiner Eltern. Ich hätte wohl weiter so mein Leben fortgesetzt, scheuchte knurrend die Leute rum und wurde wieder zum Arsch von früher, wenn nicht auf einmal Vivis Vater auf dem Hof gestanden hätte. Meine harte Miene brach, als ich ihn sah und unsicher wie zuvor trat ich auf ihn zu. Er erzählte mir von Vivis Zustand, der langsam annähernd stabil war. Und dann auch von der Abtreibung. Schock machte sich in mir breit. Ich konnte es zwar verstehen, irgendwie, aber gleichzeitig war es dennoch ein kleines Leben, das vernichtet wurde. Ich hatte lange gebraucht, mich mit dem Gedanken eines weiteren Kindes anzufreunden und nun wurde mir gesagt, dass es tot war. Ein wenig überfordert führte ich ihn schließlich herum, zeigte ihm Vivis Zimmer, das nur ein wenig aufgeräumt, das Bett gemacht und vom Staub befreit worden war, führte ihn über den Hof und erzählte von ihren ersten Reitversuchen auf Cardi, die schnell von Erfolg gekrönt worden waren und auch Thunder. Sein Temperament hatte er zusehends verloren, ich machte mir inzwischen wirklich Sorgen. Das einzig gute daran war wohl, dass wir zusammen litten und er mich nicht mehr so hasste nach meinem Ausbruch. Trotzdem konnte man ihn nicht wirklich dazu bringen, mit einem zu arbeiten und so hatte er die Muskeln, die er aufgebaut hatte, wieder abgebaut und war nicht mehr der stattliche Hengst, sondern sah einfach aus wie ein 2 jähriger, unterbaut und untrainiert. Als er erwähnte, ihre Ballettschule besuchen zu wollen, erzählte ich ihm wer Diego war, ehe er das Gestüt verließ. Scheinbar nach seinem Besuch schrieb Diego mit mir, fragte wie es mir ging und ob er was tun könnte. Er konnte sich wahrscheinlich vorstellen, dass mir das ganze ziemlich zusetzte. Und tatsächlich fragte ich ihn nach etwas. Ich fragte ihn, ob er nicht mal zu Vivi wollte. Er war eine Bezugsperson für sie geworden, wenn sie ihn sah, half ihr das vielleicht. Zumal er ihr vielleicht nicht so unheimlich war, wie alle anderen, weil er schwul war. Natürlich wollte ich trotzdem mitkommen, sah es als meine letzte Chance. Um irgendwie Erinnerungen anregen zu können, nahm ich ein paar Dinge für Vivi mit. Zum einen packte ich die Bestätigung von der Ballettschule ein. Selbst wenn sie nie wieder her kommen würde, sollte sie wenigstens ihre Leidenschaft ausführen können. Auch nahm ich vorsichtig die getrockneten Rosen von der Wand und ich machte Fotos von ihrem Zimmer, meiner Familie und von Thunder und Cardi. Vielleicht half es, wenn sie die sah. Dann machte ich mich auf den Weg, sammelte Diego ein und zusammen fuhren wir zum Krankenhaus in Pittsburgh. Noch war sie da ja stationiert. Unter den Blicken der Krankenschwestern setzte ich mich auf den Gang, sank in mich zusammen und sah Diego nach, der mit den Mitbringseln zögernd das Krankenzimmer betrat, ebenfalls unter strengen Blicken.


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#117

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 19.07.2015 18:02
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Ich litt. Ich litt wahnsinnig darunter, dass mir anscheinend die schönsten Erinnerungen meines Lebens fehlten. Anfangs versuchte man mich davon zu überzeugen, dass ich monatelang auf einem Gestüt in Cleveland gelebt und gearbeitet hatte. Ich schien dort auf jeden Fall glücklich gewesen zu sein. Doch statt mich an diese Momente zu erinnern, sah ich nur die schlechten Erinnerungen vor mir. Angefangen mit der Scheidung meiner Eltern. Der Tag, an dem meine Mutter mir ihren neuen Freund vorgestellt hatte. Die Zeit in Russland, in der die gemeinsamen Stunden mit meinem Vater immer weniger wurden. Der Umzug nach Amerika mit einem Mädchen, das nur russisch sprechen konnte. Der plötzliche Bruder, der mich von Anfang an nicht hatte ausstehen können. Das erste Mal als Andrej sich an mir vergriffen hatte. Ich erinnerte mich haargenau an jedes einzelne Mal, als mein Stiefvater, mein Stiefbruder und deren Kollegen mich misshandelt und vergewaltigt hatten. Ich sah es wie einen Film. Doch ich konnte mich einfach nicht an diesen Kieran und mein neu aufgebautes Leben erinnern. Stattdessen hatte ich nur panische Angst vor Männern, rastete teilweise sogar bei den Ärzten aus. Die Psychologin gab irgendwann verzweifelt auf. Es war nicht der Schmerz, der mich innerlich zerriss. Natürlich war es schlimm für mich und die Wochen der Folter in der alten Fabrik hatten sich in mein Gedächtnis gebrannt. Doch am schlimmsten waren einfach diese fehlenden Erinnerungen. Ich wollte diesen jungen Mann nicht sehen. Ich wusste, dass ich ihn nur verletzen würde, was ich auf keinen Fall wollte. Doch als dann irgendwann ein weiterer junger Mann in das triste Krankenhauszimmer spazierte und haufenweise Mitbringsel auf dem Tisch ablegte, setzte ich mich doch neugierig auf. "Hey Vivi.", fing er an und lächelte unsicher. "Erinnerst du dich an mich? Ich bin D...", wollte er sich vorstellen, doch ich unterbrach ihn. "Diego. Mein Tanzpartner. Ich weiß.", murmelte ich und lächelte zaghaft. Ja, an diesen schwulen Kerl erinnerte ich mich. Er atmete erleichtert auf und kam mir vorsichtig näher, rechnete wohl bereits mit einem Ausraster. Doch vor einem Schwulen brauchte ich wohl kaum Angst zu haben, weswegen ich nur stolpernd auf die Beine kam und Diego in die Arme fiel. Er schlug vor, das schöne Wetter auszunutzen. Es war Anfang November und hier in Pittsburgh schneite es bereits seit Mitte Oktober. Doch heute kamen doch einige Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Also stimmte ich zu, duschte schnell und schlüpfte dann in Jogginghose und Pulli, wickelte mich noch in eine warme Wolldecke und verließ mit einem schützenden Arm um meine schmalen Schultern das Krankenzimmer. Sofort glitt mein Blick zu der Person, die im Gang auf einem Stuhl saß. Automatisch drückte ich mich mehr an Diego, sah Kieran scheu an und verschwand dann auch schon im Aufzug. Diego unterhielt sich lange mit mir und wäre nach vier Stunden nicht ein besorgter Pfleger im Garten aufgetaucht, hätten wir wohl noch ewig weitergeredet. Doch ich war nun wirklich müde und erschöpft, konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Aus diesem Grund hob Diego mich entschlossen hoch und ich schlief noch auf dem Weg ins Zimmer ein. Diego kümmerte sich noch liebevoll um mich, ehe er Kieran aufsuchte und ihm von dem Gespräch, welches relativ gut verlaufen war, erzählte. Als die asiatische Krankenschwester aufkreuzte, verzog Diego sich in die Cafetaria. "Kieran, wir werden Vivienne in einigen Tagen entlassen. Aber wir sind zu der Meinung gekommen, dass sie nicht hier in Pittsburgh bleiben sollte. Sie verbindet mit der Stadt viel zu viele schlechte Erinnerungen.", fing Kira geduldig an. "Sie sollte dorthin, wo sie glücklich war.", kam sie anschließend langsam auf den Punkt. "Wir dachten uns, dass Sie und ihre Eltern Vivienne als eine Art Kurgast auf dem Gestüt aufnehmen. Wir haben dort befreundete Ärzte, die mit ihrem Gesundheitszustand vertraut sind und Ihnen jederzeit zur Verfügung stehen. Wir haben bereits mit Vivienne's Eltern gesprochen, sie sind einverstanden. Frau Pawlow möchte mit den beiden kleinen Kindern zurück nach Russland und sich von allem erholen. Herr Karamakov muss leider wieder in seine Firma und zu seiner Familie, wird Sie und Ihre Familie jedoch auf jeden Fall für den möglichen Aufwand entschädigen, insofern es in Ordnung ist."


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#118

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 26.07.2015 03:04
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich hätte es nie irgendjemandem gewünscht, etwas zu vergessen. Amnesie war nichts schönes. Und selbst wenn Vivi ihre schlimmsten Erinnerungen vergessen hätte, das Problem war doch das Unterbewusstsein. Zumindest könnte ich mir vorstellen, dass das Unterbewusstsein ja alles noch gespeichert hatte, man es eben aber nicht mehr wusste und nicht drauf zugreifen konnte. Und wenn man vergaß, wer man war, was man gemacht hatte und wie man lebte, das stellte ich mir schlimmer vor als zu wissen, was mit einem geschehen war. Vielleicht versuchte ich es mir auch nur einzureden, weil ich hoffte, dass ihr Unterbewusstsein irgendwann wieder Erinnerungen an mich zuließ. Ich würde sonst darin verzweifeln, ein völlig Fremder für Vivi zu sein und zu bleiben, auch wenn es momentan einfach nicht danach aussah. Ich konnte den Gedanken nur nicht ertragen. Von vorne beginnen, irgendwie hoffen nach all dem Terror, den sie durchlebt hatte, versuchen, sie wieder zu überzeugen. Zu zeigen, dass ich nicht so schlimm war, dass ich sie niemals einfach anfassen würde und dass ich für sie da war. Als sie zu uns gekommen war, war sie hart gewesen, sie hatte sich davon lösen können und war zwar nicht drüber weg, aber ein wenig gefestigter, als jetzt, wo alles frisch war und auf sie einstürmte. Sie hatte mir ja nicht einmal die Chance gegeben, mich ihr wieder vorzustellen. Ich hatte doch keine Chance, ihr wieder nahe zu kommen, sollte sie sich nicht irgendwie erinnern. Und wenn sie mir sonst keine Chance gab, sie wieder kennen zu lernen, weil sie einfach zu große Angst hatte, würde ich sie einfach für immer verlieren. Diego sah ich als meine einzige Chance. Ich konnte nicht einfach alle Leute zu ihr bringen, die ihr dann verhielten, wie sie gelebt hatte, das wäre zu viel. Meine Mutter hätte ich gerne zu ihr geschickt, aber sie hatte auf dem Hof allerhand zu tun. Bei Diego hoffte ich einfach, dass es sie etwas entspannte. Er war schwul und ihr bester Freund, er musste doch helfen können und sie sich erinnern lassen. Gespannt saß ich da, während er das Zimmer betrat und die Tür langsam hinter ihm zufiel. Ich hatte schon fast Bauchschmerzen vor Aufregung. Vielleicht lag es aber auch am Hunger, denn ich hatte noch nicht wirklich was gegessen. Der Besuch hier war mir wichtiger gewesen, auch wenn ich es wieder mal riskierte, Hausverbot zu bekommen, auch wenn sie versuchten mich höflich vor die Tür zu setzen. Aber selbst da würde ich auf Diego warten, und wenn ich erfror. Wobei ich dann wegen Unterkühlung auch gleich ein Zimmer bekam und versorgt werden würde. Ich machte es mir aber erst einmal so bequem wie möglich, grub die Hände in die Bauchtasche des Hoodies und streckte meine Beine aus, ein wenig seitlich, damit ich keiner sich beeilenden Krankenpflegerin ein Bein stellte. Ungeduldig saß ich dort, auch wenn ich nicht damit rechnete, dass sie mir in zehn Minuten entgegen stürmte und sich in meine Arme warf. Als nach einiger Zeit die Tür aufging, hob ich den Blick, konnte die Hoffnung nicht unterdrücken, die mein Herz beklemmte. Was ich sah, ließ mich kurz die Luft anhalten. Sie sah ein wenig besser aus, nicht mehr so leichenblass. Dennoch sah man ihre Wangenknochen deutlich, die kurzen Haare betonten das. Der Pulli und die Decke wirkten zu groß und schwer um überhaupt von ihren schmalen Schultern getragen zu werden und ihr Gang sah noch nicht wirklich sicher aus. Dann begegnete ich ihrem Blick und all meine Hoffnung erstarb wieder sichtlich. Ich konnte sehen, wie sie sich hinter Diego verstecken wollte vor mir und wie ängstlich ihr Blick war. Der Versuch mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr das schmerzte, scheiterte kläglich. Verbissen presste ich die Lippen zusammen, senkte den Blick und starrte teilnahmslos und mutlos zu Boden, während die beiden im Fahrstuhl verschwanden. Es hatte also nichts gebracht, die mitgebrachten Dinge nicht und Diegos Anwesenheit auch nicht. Es war einfach verloren. Was waren meine Erinnerungen noch wert, wenn sie einfach nur schmerzten und einfach fiktiv wirkten, denn niemand teilte sie mit mir. Was war das Date noch wert, das wir gehabt hatten. Die Zeit davor, wo sie so süß gewesen war, gut gelaunt und mit allem Aufwand die Rosen konserviert hatte. Es war, als wäre das alles nur ein Traum oder erfunden und nichts mehr wert. Ewigkeiten verbrachte ich im Krankenhaus, anfangs wartete ich vorm Zimmer, später ging ich in die Cafeteria im Erdgeschoss, zwang mich etwas zu essen, obwohl mir nicht wirklich danach zu Mute war und trank mehrere Becher Kaffee. Danach kehrte ich wieder an meinen Platz zurück, still und abwesend. Ich wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Ich wollte nicht aufgeben, wollte es einfach nicht einsehen, aber ich sah einfach keine Möglichkeit mehr. Stunden später kam Diego wieder, hielt Vivi im Arm. Am liebsten hätte ich sie ihm abgenommen, aber ich begnügte mich damit, ihm die Tür zu öffnen und sonst Abstand zu halten. Wenn sie meine Anwesenheit im Halbschlaf bemerkte, würde sie sicher durchdrehen. Seine Erzählungen machten es auch nicht so viel besser. Zwar sagte er, dass das Gespräch ganz gut verlief und ein paar Dinge wohl wieder in Erinnerungen zurückkehrten, aber ich war nicht darunter, der Hof auch nicht wirklich. Es war einfach so unfassbar. Sie erkannte Diego und wusste, dass sie getanzt hatte, aber wieso wusste sie nicht mehr, wo sie gelebt hatte, wo sie eine neue Familie hatte. Warum vergaß sie ausgerechnet, wen sie liebte? Oder eben geliebt hatte. Die Befürchtung, dass sie sich nie erinnern würde, ergänzte ich gerade im Kopf. Was, wenn sie sich zwar irgendwann erinnerte, dass sie mich geliebt hatte, aber einfach nichts mehr empfand?.Meine Chancen waren doch wirklich gering. Mehr als nur betrübt saß ich schweigsam da, ließ mich auch nicht so recht aufmuntern. Als eine Krankenschwester bei uns stehen blieb, sah ich auf und erkannte die Asiatin. Ich wollte schon fast sagen, dass ich ja sofort wieder ging, als sie auf einmal das Wort erhob und Diego bedeutete kurz zu gehen. Mein Blick wurde ein wenig ungläubig, als sie dann erklärte warum und dass Vivi zu uns auf den Hof kommen sollte. "Sind Sie sich sicher, dass das eine gute Idee ist? Sie erinnert sich doch nicht mal, dass sie da glücklich war und hat tierische Angst vor mir... Ich bin mir nicht sicher...", fing ich an, unterbrach mich aber. Ja, ich war mir nicht sicher, ob es Vivi damit gut gehen würde, aber noch mehr hatte ich wahrscheinlich Angst, dass ich das nicht ertrug. Wenn sie vor Ort war, konnte ich sie nicht vergessen. Das könnte ich so oder so nicht, aber wenn sie nicht da war, machte ich es wie die letzte Zeit. Mich abschotten, von Menschen fernhalten und nichts tun. Wenn sie zu uns kam, konnte ich nicht einfach allem ausweichen. "Ich bin aber nicht sicher, ob eine Entschädigung wirklich von Nöten ist. Meine Eltern zählen sie zur Familie, ob mit oder ohne Erinnerungen..", sagte ich dann nur und versuchte mich an einem Lächeln. Aufmunternd sah Kira mich an, meinte, sie würde sich noch melden, wenn die letzte Untersuchung durch war, wann wir sie abholen konnten. Ich nickte nur schwach, ehe ich mich langsam auf den Weg nach unten machte um Diego wieder einzusammeln. Im Auto ließ ich mich kraftlos zurücksinken. "Ich weiß nicht, ob ich das kann, Diego. Es bringt mich um, dass sie mich ansieht wie ein Monster. Wie soll ich denn damit umgehen, wenn sie wieder bei uns wohnt?", wandte ich mich an ihn. Natürlich wusste ich, dass ich für sie da sein musste und es auch wollte. Auch schwere Zeiten gehörten zu einer Beziehung, aber bisher gab es nur das Date als eine gute Zeit und durch ihre Panik und ihre Amnesie war da keine Beziehung mehr. Schweigsam fuhren wir zurück nach Cleveland, unterbreitete dort meiner Familie den Plan der Ärzte. Die beiden freuten sich, auch wenn sie wussten, dass Vivi nichts mehr wusste. Vielleicht verstanden sie auch einfach das Ausmaß nicht. Oder hatten eben einfach nicht das Gefühl, alles verloren zu haben. Und so kam eine halbe Woche später der Anruf, dass wir sie abholen konnten. Ich war verdammt nervös, wollte eigentlich nicht mal mitkommen. Ich wusste nicht, ob es so eine schlaue Idee war, auf engstem Raum mit ihr eingesperrt zu sein. Meine Mutter kam auch mit, als Beistand und weil sie einfach eine Frau war. Als wir am Krankenhaus waren, stieg ich unsicher aus, ging dann zur Rezeption, wo wie Vivi abholen sollten und Papierkram zum Unterschreiben und zu übermitteln für die Ärzte in Cleveland bekamen. Zu intensiv beschäftigte ich mich damit, hielt Abstand zu Vivi und schenkte ihr nur einen kurzen Blick, versuchte mein Unbehagen zu verstecken. Auf einen tadelnden Blick meiner Mutter, lächelte ich dann leicht. "Soll ich deine Tasche nehmen, sieht schwer aus..", versuchte ich irgendwie freundlich zu sein. Ich machte mir tatsächlich immer noch Sorgen um sie. Sie war doch mein kleines Mädchen, wenn auch nicht mehr wirklich. Ich seufzte lautlos als meine Mutter entschieden die Schlüssel und den Papierkram ergriff und uns zum Parkplatz brachte. Ganz in der Rolle, als würde sie eine fremde Jahreshilfe aufnehmen, erzählte sie Vivi vom Hof und dem Zauber der Allee, die dorthin führte, wie sie in den Jahreszeiten aussah, sprach von den Kindern und den Reitertagen mit kleinen Wettbewerben. Alles generelle Dinge, die nicht zu sehr in Wunden bohren könnten, und eben auf ihre freundlich mütterliche Art. Das Gepäck verstauten wir im Kofferraum und zufällig musste zwecks Erreichbarkeit und Dringlichkeit ihre Handtasche auf dem Beifahrersitz liegen und sie wollte fahren mit der Begründung: "Du bist doch viel zu nervös um dich auf die Straße zu konzentrieren." Es war ja nicht so, als hätte Ablenkung vielleicht gut getan, aber schätzungsweise wollte sie uns wieder aneinander gewöhnen, indem wir gezwungen waren, beide hinten einzusteigen.


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#119

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 28.07.2015 21:10
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Einige Tage nach dem Besuch von Diego wurde ich entlassen und ich wusste noch nicht, was ich davon halten sollte. Ich hatte immerhin die letzten Monate in diesem Krankenhaus verbracht und hatte mich kaum aus diesem Einzelzimmer bewegt. Andrej und Danilo saßen immer noch in Untersuchungshaft, ein Gerichtstermin stand bisher noch nicht fest, da man zuerst ein ärtzliches Okay wegen meiner Aussage benötigte. Da ich noch immer schwach war und kaum aß, hatte sich an mir nicht viel verändert. Ich war noch immer viel zu dünn, man konnte jeden Knochen sehen. Meine ehemals so schönen Haare, welche mir abrasiert worden waren, wuchsen jedoch schnell und schön wie schon immer. Daher waren sie in den drei Monaten in denen ich im Koma gelegen hatte und in dem etwas mehr als einen Monat, den ich jetzt schon wach war, um einige Zentimeter gewachsen und reichten mir nun immerhin schon wieder knapp übers Kinn. Ich sah es mit Humor, ich war nun sämtlichen Spliss los und freute mich wahnsinnig darauf, meine Haare in einigen Monaten wieder lang zu haben. Meine Haare wuchsen zum Glück schneller als die von anderen Mädchen. Innerhalb der letzten vier Monate um knappe 16 Zentimeter. Dennoch würde es lange dauern, sie wieder bis zum Po zu tragen. Allerdings spielte ich mit der Überlegung, sie einfach brustlang zu lassen. Meine Mutter lebte inzwischen mit den Kleinen in einer Wohnung in Pittsburgh, welche mein Vater netterweise gekauft hatte. Dieser war leider schon wieder in seiner Heimat, da die Arbeit nicht ewig wartete. Er hatte versprochen, mich möglichst oft auch mit meiner Mutter und meinen Geschwistern, zu besuchen. Ich ging zurück nach Cleveland, auch wenn ich lange mit meinen Eltern und den Ärzten diskutiert hatte. Am Tag meiner Abreise hatte ich alleine erst einmal mein Zeug im Krankenhauszimmer gepackt und danach war ich mit der netten Krankenschwester Kira zu unserer alten Villa gefahren, die nun leer stand. Wir wussten noch nicht, was wir damit machen sollten, vielleicht vermieten oder auch verkaufen. Dort nahm ich nun alles mit, was ich damals vor Jahren bei meiner Flucht dort gelassen hatte. Zwar passten die Klamotten kaum noch, doch ich hatte schon meine Pläne damit. Zurück im Krankenhaus wartete ich dann am Tisch im leeren Zimmer auf Kieran und seine Mutter, welche pünktlich um 13 Uhr auftauchten. Ich wurde von Amilia herzlich begrüßt, während ihr Sohn unsicher weit von mir entfernt stand. Auf seine Frage hin nickte ich leicht, überließ ihm die beiden riesigen Koffer. Seine Mutter nahm die beiden Reisetaschen und ich selbst nur meine gefüllte Handtasche und einige leere, die nicht mehr in das Gepäck gepasst hatten. "Nimmst du euren gesamten Hausrat mit nach Cleveland?", fragte mich Amilia lachend und ich zuckte mit den Schultern. "Was soll mein Zeug denn noch hier in Pittsburgh? Ich will nie wieder hier hin.", antwortete ich leise und die Frau schwieg betroffen, murmelte eine leise Entschuldigung. Kaum auf dem Weg zum Auto, ergriff Amilia jedoch schon wieder das Wort, wollte wohl das unangenehme Schweigen brechen. Konnte sie nicht einfach den Mund halten? Ich schaltete komplett ab, ließ die beiden das Zeug verstauen und nahm hinter dem Fahrersitz Platz. Amilia ließ sich hinter dem Steuer nieder, platzierte ihre Handtasche auf dem Beifahrerplatz und wies Kieran somit an, ebenfalls hinten Platz zu nehmen. Ich schluckte, mir wurde die Nähe jetzt schon zu viel und bis nach Cleveland waren es noch qualvolle 134 Meilen, also mehr als zwei Stunden Autofahrt. Ich starrte also nur aus dem Fenster, beobachtete zum letzten Mal die Einwohner der Stadt, sah mich genau um und nahm mir vor, alles hier zu vergessen. Warme Tränen suchten sich ihre Wege über meine Wangen, ich gab allerdings kein Wort von mir. Ich hatte wahnsinnige Angst vor der Zukunft, war doch meine Vergangenheit nun eigentlich abgeschlossen, abgesehen von der bevorstehenden Verhandlung. Nach einigen Meilen kramte ich in meiner Handtasche nach dem kleinen Täschen mit haufenweise Medikamten. Argwöhnisch zog ich die Augenbrauen nach oben und dachte nach. "Amilia, kannst du bei der nächsten Raststätte halten?", bat ich die Fahrerin leise und kurz darauf kam der Wagen bereits zum stehen. Kurz entschlossen stieg ich mit dem Täschen aus, öffnete es und lief mit schnellen Schritten auf einen steilen Abhang zu, an wessen Ende ein Fluss war. Ich löste dann jede Tablette, jedes Pulver, jede Kapsel und jede Creme aus den Verpackungen, beförderte das Zeug nach unten und entsorgte die Verpackungen im Mülleimer. Zurück am Auto, sah Amilia mich entgeistert und aufgebracht an. "Was war das? Du kannst doch nicht einfach deine Medikamente wegwerfen, die du dringend brauchst?!", meinte sie wütend und ich funkelte sie ebenso wütend an. "Ich werde bald 18 und bin wohl alt genug, dass selbst zu entscheiden.", knurrte ich und steckte mir die Kopfhörer in die Ohren. Die restliche Strecke hob ich meinen Blick nicht mehr, ignorierte Kieran und seine Mutter und schaltete die Musik erst ab, als wir auf dem Gestüt hielten. Unsicher stieg ich aus, sah mich um. Erinnerungen machten sich in mir breit und ich taumelte kurz überfordert über den Kiesboden. "Kannst du mein Zeug bitte in mein Zimmer bringen?", bat ich Kieran leise und steuerte bereits eines der Stallgebäude an. Mein Ziel war eine Box. Ein Pferd, an welches ich mich ganz genau erinnerte. In der Stallgasse pfiff ich leise und bekam sofort eine Antwort. Als ich dann bei der Box ankam, wartete ein verdreckter Thunderblood auf mich. Er schien diese Box wohl nicht verlassen zu haben, seit ich verschwunden war. Armer Kerl. Immerhin wusste er genau, wer ich war und dementsprechend fiel die Begrüßung aus. Ich verbrachte dann geraume Zeit damit, ihn auf dem Putzplatz zu schrubben und nachdem nach einer Stunde Arbeit sein Fell wieder seidig glänzte, seine Mähne entwirrt und die Hufe gesäubert waren, band ich ihn ab und lief langsam neben ihm her über den Kopf, durch das offene Tor und kurz darauf verschwand ich mit dem Hengst auch schon in dem Wald. Ich war lange fort und entfernte mich viel zu weit vom Gestüt. Ich bemerkte es natürlich nicht, da ich viel zu tief versunken war. Ich erzählte meinem Liebling alles und es tat gut, einfach mal mit jemanden zu reden, der es wahrscheinlich nicht einmal verstehen konnte und mir nicht antwortete. Ich hatte Thunder so sehr vermisst und erst als ich bemerkte, dass es bereits dunkel war, blieb ich geschockt stehen. Ich war müde und mir tat alles weh. Natürlich war ich noch nicht bereit für so eine Wanderung gewesen. Meine Handtasche lag vor seiner Box, ein Handy hatte ich nicht dabei. Ob Kieran und die anderen Leute sich Sorgen machten? Ich drehte mit Thunder um, konnte jedoch meine Beine kaum noch heben. Es war der ach so wilde und gefährliche Hengst, der plötzlich stehen blieb und mit den Vorderbeinen einknickte, den Kopf dann zur Seite drehte und wiehrte. Überrascht starrte ich ihn kurz an, ehe ich vorsichtig auf seinen Rücken glitt. Elegant kam der Rappe anschließend wieder auf die Beine. Er trug nur das rote Halfter mit dem Führstrick, welchen ich in einer Hand hielt. Müde lehnte ich meinen Oberkörper nach vorne, schlang die Arme um den Hals des Pferdes und schlief tatsächlich auf ihm ein. Ich vertraute dem Hengst und er mir. Dennoch war es wahrscheinlich mehr als nur merkwürdig, als das berüchtigste Pferd in Cleveland im zügigen Schritt in den Abendstunden das Gestüt erreichte und laut schnaubend vor dem Haupthaus stehen blieb, anscheinend darauf wartete, dass sich jemand mir annahm und ihn danach in die Box brachte.


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#120

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 01.08.2015 03:46
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Ich fühlte mich wirklich schlecht. Es klang so bescheuert, wenn ich sagte, dass ich es nicht ertragen würde, Vivi wieder bei uns zu haben, weshalb ich es einfach keinem sagte und vor mich hin schwieg. Mir fiel selbst auf, wie sehr Vivi mein Herz erweicht hatte, geöffnet hatte. Und das wurde nun zu meinem Problem, denn ich sah auch den Zerfall. Ich liebte sie. Nach wie vor und ich konnte es mir einfach nicht aus dem Kopf schlagen, alles zu versuchen, damit sie sich erinnerte und mich wieder lieben konnte. Ich hatte mich so wohl mit ihr gefühlt, die Gewissheit zu haben, für jemanden da sein zu können, jemanden beschützen zu können und sei es nur vor einem einzigen dunklen Gedanken und mit jemandem im Arm einzuschlafen und aufzuwachen, es gab nichts besseres. Und das fehlte nun aber. Ich konnte es immer noch nicht begreifen oder wollte es nicht, dass meine Erinnerungen und meine Gefühle einfach wertlos waren und nicht erwidert wurden. Ich fühlte mich, als würde ich gegen eine Wand laufen, immer und immer wieder. Wohlbemerkt gegen eine Wand mit Dornen. Und niemand konnte mir helfen, ich konnte es aber auch niemandem anvertrauen. Wem denn auch? Meine Eltern hatten zu viele eigene Sorgen, mein bester Freund war gerade mit seinem Studiengang in Chicago und ich wusste nicht, ob ich einfach Diego damit vollquatschen sollte oder konnte. Ich war einfach wieder der Einzelgänger wie zuvor, hielt mich vom Reitunterricht der Kinder fern und sowieso von anderen. Collins versuchte ich zu vertrösten, der oft nachfragte, und vor Jessica musste ich mich hüten. In all meiner Einsamkeit war sie nämlich schon fast wieder nett, auch wenn ich wirklich keine Lust auf sie hatte. Warum sollte ich nicht einfach all meinen Ballast auf sie abwälzen und sie dann stehen lassen? Wobei meine Probleme sich schnell herumgesprochen hatten. Alle fragten mich, wie es mir ging, ob sie helfen könnten, wie es Vivi ging. Ich konnte es nicht mehr hören, wollte meine Ruhe haben und einfach abschalten. So unglücklich wie jetzt war ich nur gewesen, als ich mich mit Vivi gestritten hatte. Und es zerriss mir das Herz, dass sie gegangen war, ohne dass wir uns wieder versöhnen konnten. Das kleine Gespräch am Telefon war ja nicht vergleichbar. Und jetzt war ich schon froh über das kleine Kopfnicken, das ich von ihr als Antwort bekam, auch wenn es mir gleichzeitig das Herz zerriss, weil ich sie einfach in meine Arme schließen und für sie da sein wollte. Die Last der schweren Koffer war nicht einmal vergleichbar mit dem Schmerz in meinem Herzen, als ich die Sachen zum Auto trug und im Kofferraum verstaute. Ich fühlte mich nicht wohl, so ganz und gar nicht. Ich sollte Vivi lieber aus dem Weg gehen um nicht alles noch schlimmer zu machen, sowohl für mich, als auch für sie, doch ich nahm wohl oder übel hinten Platz. Mein Blick war eisern aus dem Fenster gerichtet, fast ein wenig glasig vor gefühlter Ohnmächtigkeit. Was sollte ich denn nur auch tun? Schwermütig lehnte ich meine Schläfe an die Scheibe, schloss gequält die Augen und versuchte einfach irgendwie durchzukommen ohne zu zerfallen. Bei unserem kurzen Stopp sah ich nur schweigsam dabei zu, wie Vivi die Medikamente vernichtete und mischte mich auch in den kurzen Streit nicht ein. Ich konnte beide Seiten verstehen. Ich machte mir auch Sorgen um Vivi und ihre Gesundheit, doch kam ich nicht umhin, ihre Willensstärke zu bewundern. Der Rest der Fahrt war genauso unerträglich wie der Anfang, still, bedrückt und fremd. Ich setzte einfach all meine Hoffnung darauf, dass sie sich schnell erinnerte. Oder mein Herz einfach taub wurde. Ansonsten würde ich mir einen mehrtägigen Lehrgang irgendwo suchen und noch einen und noch einen um einfach eine Weile wieder weg von hier zu sein, weil ich ihre - nicht wirklich vorhandene - Nähe nicht ertrug. Als wir ankamen, war ich erleichtert, endlich aussteigen zu können. Ich warf einen kurzen Blick zu Vivi, als ich bereits den Kofferraum öffnete. Ich sah, wie sie taumelte, wollte nach ihr greifen und sie stützen, zog aber von der Erkenntnis, dass sie nur in Panik verfallen würde, gepeinigt meine Hand zurück, verschränkte unbeholfen meine Arme. "Natürlich", sagte ich ebenso leise auf ihre Worte, sah ihr kurz nach, wie sie den Stall ansteuerte, ehe ich ihre Koffer ergriff und rauf brachte in ihr Zimmer. Neben ihrem Bett stellte ich sie ab, musterte es kurz, das frisch bezogen und einfach unbewohnt war, bevor ich ihr Zimmer wieder verließ. Ich zog mich in mein eigenes zurück, ließ die frische Luft herein und ließ mich auf der Fensterbank nieder, ließ ein Bein außen baumeln, spielte ein paar gedankenverlorene Akkorde auf der Gitarre. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich sie sah, wie sie mit Thunder über den Hof ging. Der Hengst sah wieder gepflegt aus und entspannt. Die Bewegung tat ihm auch gut, auch wenn ich mir zeitgleich Sorgen um sie machte. Verfolgen wollte ich sie dennoch nicht. Ich begab mich lediglich in den Stall, kümmerte mich um meine beiden, ritt Socke und machte mir Sky Bodenarbeit an der Doppellonge, übte ein paar schwierigere Lektionen. Doch selbst als ich mit beiden fertig war und es bereits dämmerte, war Vivi noch nicht zurückgekehrt. Besorgt ging ich wieder nach drinnen, machte mir einen spätabendlichen Snack und spähte nach draußen. Tatsächlich sah ich eine dunkle Bewegung im Schein der kleinen Lampe, die beim Gartentor war. Halb aufgegessen ließ ich das Brot liegen, ging zur Haustür und zog sie auf um besser sehen zu können. Das Schnauben von einem Pferd erwartete mich und Thunder stand da, nicht unweit vom Gartentor und mit einer über dem Hals hängenden Vivi. Besorgt lief ich direkt barfuß raus, öffnete das Gartentor und kam langsam auf Thunder zu. "Hey Großer... Überlässt du sie mir? Ich tue ihr nichts, bringe sie nur ins Bett", redete ich leise auf das Tier ein, bis ich neben ihm stand. Barfuß. Eigentlich nicht gerade die beste Idee, wo man sonst bei ihm eher Stahlkappen tragen sollte, aber ich hoffte einfach mal, dass er jetzt ein wenig ausgeglichener war. Es war schon erstaunlich, mal wieder, dass er sie auf seinem Rücken einfach so duldete, wo er sie vorher noch gebissen hatte nur wegen der Trense. "Ganz ruhig", flüsterte ich leise, tastete besorgt erst nach Vivis Puls, der aber zum Glück noch vorhanden war. Erleichtert seufzte ich auf, griff nach dem Strick um Thunder zu versuchen näher zum Haus zu bewegen um von der Stufe des Haustürbereichs Vivi besser greifen zu können. Vorsichtig zog ich sie schließlich in meine Arme, trug sie wie eine Braut vorsichtig die Treppe hoch und in ihr Zimmer, deckte sie zu, weil sie recht kühl schien und eilte dann wieder nach draußen, bevor Thunder irgendwas anstellen könnte. "Na komm mein Großer. Morgen wird sie wieder bei dir sein, wenn sie sich nicht zu sehr erschöpft hat. Sie bleibt wieder hier", redete ich leise mit dem schwarzen Hengst, führte ihn - immer noch ohne Schuhe - über den Hof bis zum Stall, brachte ihn in seine Box zurück, nahm ihm nach kurzen Zögern dann doch das Halfter ab, auch wenn es ein paar Anläufe brauchte. Vivi würde nur wieder meckern, dass es scheuern würde und unnötig in der Box war... oder zumindest würde die alte Vivi das tun. Ich warf ihm noch ein paar Möhren in den Trog, ehe ich schnell wieder zum Haus eilte und die Treppe hinauf. Ich wollte nach Vivi schauen, ob sie wach war oder nicht. Ich klopfte leise an ihre Zimmertür, als ich oben stand. "Vivi?", fragte ich leise, doch erhielt keine Antwort. Also trat ich zu ihr ans Bett, das Nachtlicht angeschaltet, und musterte sie besorgt. Sie wirkte blass, hatte aber sehr rote Lippen, ein wenig Schweiß auf der Stirn. Besorgt befühlte ich diese und lag richtig. Sie glühte. Und sie hatte ja keine Medikamente mehr. Also holte ich aus dem Bad eine Schüssel mit kaltem Wasser und einen Waschlappen, zog mir ihren Schreibtischstuhl neben das Bett und legte den kalten Waschlappen auf ihre Stirn, passte aber auf, dass sie die Decke nicht von sich schob. Es war ja wichtig, dass ihr Körper warm blieb, aber sie sollte nicht so überhitzen. Achtsam kühlte ich den Waschlappen immer wieder in dem kalten Wasser, tupfte ihre Wangen ab, ihre Stirn. Zwischendurch döste ich immer wieder weg, wachte aber immer auf, wenn ich irgendwie fast vom Stuhl fiel oder weil ich mir unterbewusst die ganze Zeit Sorgen machte. Nur langsam wurde ihr Fieber etwas weniger und so legte ich um fünf Uhr morgens das letzte mal den kalten Lappen auf die Stirn, ehe ich mit auf die Brust gesunkenem Kinn wieder in einen leichten Schlaf fiel auf dem Stuhl.


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#121

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 08.08.2015 22:56
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Ich bekam weder mit, wie Thunder mich nach Hause getragen hatte, noch wie er auf Kieran in der Nähe des Gartentors wartete. Auch als der junge Mann mit dem Hengst sprach und ihn näher zu dem Haus führte, schlief ich tief und fest. Selbst auf dem Weg nach oben in mein Zimmer wurde ich nicht wach und kuschelte mich stattdessen einfach nur in das weiche Bett. Mir entging es, dass Kiri wieder in das Zimmer kam und kurz darauf feststellte, dass ich Fieber hatte. Es lag daran, dass ich schon den ganzen Tag die notwendigen Tabletten und was auch immer nicht genommen hatte und genau das machte sich nun leider bemerkbar. Mein Schlaf war allerdings ruhig und noch immer lächelte ich glücklich vor mich hin. Also war es eigentlich das komplette Gegenteil von meinen sonstigen Schlafgewohnheiten. Als ein kaltes, nasses Etwas auf meiner Stirn landete, zuckte ich kurz zusammen und wälzte mich kurz im Bett. Ansonsten schlief ich jedoch den Rest der Nacht wie auf Wolken und bekam nichts davon mit, dass sich Kieran so rührend um mich kümmerte. Doch wie hätte ich reagiert, wenn ich wach gewesen wäre? Hätte ich es überhaupt zugelassen? Wohl kaum. Als ich jedoch wach wurde und nach einem kurzen Blick auf den Wecker, es war sieben Uhr, feststellte, dass da ein zusammengesunkener junger Mann neben dem Bett auf einem Stuhl saß, war ich sofort auf den Beinen. Geschockt musterte ich Kiri einige Sekunden lang, ehe ich mich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schlich. Noch in den selben Sachen wie am Vortag führte mich mein Weg sofort in den Pferdestall. Nur meine Schuhe hatte mir Kieran nach meiner späten Ankunft noch ausgezogen. Zum Glück hatte er darauf verzichtet, die Jeans und die hellblaue Bluse zu entfernen. Denn dann hätte ich ihn wohl jetzt getötet. Im Stall war noch nicht so viel los, die Stallburschen fütterten erst um acht Uhr. Also gelang ich ungestört zu Thunder, welcher wohl ebenfalls von dem jungen Mann versorgt worden war. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich die Boxentür öffnete und barfuß in das Stroh trat. Thunder kam sofort zu mir und holte sich schnaubend ein paar Streicheleinheiten ab, ehe ich ihn ohne Halfter aus dem Stall auf eine Koppel führte. Ich vertraute dem ach so gefährlichen Hengst blind und da er die letzten Monate nur in der Box verbracht hatte. Als wir auf einer leeren Koppel standen, sah der Schwarze mich abwartend an und erst als ich leicht nickte, jagte er mit großen Galoppsprüngen davon. Ich beobachtete den Hengst eine Weile, ehe ich zurück zum Wohnhaus lief und mich in die Küche stellte. Mit einem beladenen Tablett kehrte ich gegen acht Uhr zurück in das Zimmer und stellte es vorsichtig auf dem Bett ab. "Kieran?", murmelte ich leise und blieb neben dem Schlafenden stehen, ging dann leicht in die Hocke. Noch immer hatte ich Angst, doch die Erinnerungen kamen allmählich zurück. Allerdings wollte ich das vorerst niemanden sagen, da man mich sonst nur wieder nerven würde.


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#122

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 11.08.2015 02:26
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Was sollte ich noch tun. Was konnte ich noch tun. Was um alles in der Welt sollte ich machen, damit es ihr endlich besser ging. Es war doch, als wäre ich gefangen in dieser Welt, die gerade darauf beharrte, dass Unglück und Leid Vivis Schicksal waren. Und das war etwas, wogegen ich ankämpfte. Ich wollte es nicht hinnehmen, wollte es verändern und irgendwie helfen. Und immer wieder bekam ich einfach nur einen Schlag in den Nacken. Vielleicht wollte es mir auch sagen, dass ich einfach aufgeben sollte, wie ich es mir schon gedacht hatte, als sie mir den Zugang zum Krankenhaus verwehrt hatte. Vielleicht war ich ja auch irgendwie Schuld daran. Wenn ich aufhören würde, das alles so zu Herzen zu nehmen. Vielleicht wollte das Schicksal nämlich einfach mir nichts gönnen außer die materiellen Dinge. Abgesehen von meinen Pferden und dem Geld war mein Leben ja doch recht einseitig. Mein bester Freund war eigentlich kaum da, meine Ex griff mich aus Eifersucht an, mein Verhältnis zu meiner Familie wäre vielleicht gut, wenn da nicht der zeitliche Stress meiner Eltern wäre, der uns oftmals zusehr auf eher geschäftlicher Ebene agieren ließ. Und dann war da Vivi. Ein fremdes Mädchen, voller verborgener Geschichten und Eigenschaften, ein Mädchen, in das ich mich trotz allem verliebte und einfach nur für sie da sein wollte und es scheinbar nicht durfte. Es hatte mich hart getroffen und saß tief, dass sie sich nicht an mich erinnern konnte. Mir war einfach mein Boden unter den Füßen weggezogen worden und ich stand alleine da, konnte jetzt noch nicht mal wieder Abstand gewinnen. Und Nähe auch nicht. Außer wenn sie schlief, wie als Thunder auf dem Hof gestanden hatte und in meinem Umgang so brav wie lange nicht mehr gewesen war. Es war schön, sie wieder in den Arm ziehen zu können, auch wenn es gleichzeitig ebenso wehtat. Sie war viel zu leicht, ich spürte wie untersetzt sie noch war und ich wusste genau, dass so ein Moment nicht wieder kommen würde. Sie hatte Angst vor mir, mehr denn je und ich konnte mich ihr nicht mehr annähern, schon gar nicht so aufbauend wie letztes Mal. Ich war ihr doch schon verfallen, da würde ich zu schnell handeln, ungeduldig werden oder mir andere Dinge erhoffen.Es konnte nicht gut gehen - trotzdem genoss ich es, zog sie an mich und wollte sie am liebsten nicht mehr loslasssen. Doch ich musste, musste sie sogar kurz alleine lassen, aber ich konnte Thunder nicht einfach im Vorgarten stehen lassen. Wenn er irgendwas fraß, wäre das nicht gut, zumal er Garten und Beet zerstören würde und meine Mutter dann richtig wütend werden würde.
Ich wusste nicht, wie lange ich durchgängig wach war, das Telefon und ein Fieberthermometer immer in der Hand. Ich kontrollierte oft ihre Temperatur und achtete darauf, dass sie stabil blieb, auch wenn sie ziemlich hoch war. Im Notfall, wenn es schlimmer wurde, würde ich den Notarzt rufen, aber ich wollte es mit warten und selber helfen versuchen. Ich schätzte nämlich, dass sie wieder zu sehr in Stress geriet, wenn sie wieder an männliche Ärzte kam. Lieber kümmerte ich mich also und ging im Notfall ins Bett. Den Moment verpasste ich aber immer wieder, ich wollte helfen und nicht durchgängig schlafen. Trotz der ungemütlichen Haltung war es erstaunlich, wie schnell ich mich damit arrangierte und wie tief ich es schaffte zu schlafen. Ich bekam nicht mit, dass sie irgendwann aufstand, aber es lag auch einfach daran, dass ich viel arbeitete momentan und versuchte irgendwie ihre Arbeitshaltung auszugleichen, damit wir nicht wieder einen Zeitarbeiter anstellen mussten. Mein Schlaf war irgendwann wieder etwas leichter und ich wachte auf, als ich eine Stimme neben mir hörte. Ich zuckte leicht zusammen, quälte meine Augen auf und blinzelte müde, ein wenig irritiert. Alle meine Muskeln schmerzten und ich konnte mir gar nicht zusammenreimen, wo ich war, im ersten Moment. Als ich es verstand, sah ich überrascht zu Vivi auf, sofort besorgt. "Tut... tut mir leid, dass ich eingeschlafen bin.. Du hattest starkes Fiber und ich dachte-..ich pass lieber auf... tut mir leid..Ich wollte dich nicht belästigen..", entschuldigte ich mich schnell, wandte den Blick ab und erblickte da erst das Tablett auf dem Bett. "Hast du mich mit eingeplant?", fragte ich vorsichtig, hatte nicht so genau hingesehen was Telleranzahl anging, sondern war eher damit beschäftigt, meine Hoffnungen zu verdrängen und setzte mich etwas gerader hin. Ich streckte meine verspannten Muskeln , stemmte mir die Hände ins Kreuz und beugte mich leicht zurück. Ein leises Knacken folgte. Ächzend streckte ich dann auch meine Beine. Mir tat echt alles weh und müde war ich auch immer noch.


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#123

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 16.08.2015 22:38
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Als Kieran zusammen zuckte, tat ich das selbe. Er brauchte wohl eine Weile, bis er mich erkannte. Bei seiner Entschuldigung wurde ich stutzig. "Wieso entschuldigst du dich dafür?", fragte ich leise und setzte mich auf das Bett. "Du siehst schrecklich aus.", stellte ich trocken fest. "Du hast mich nicht belästigt. Ich finde es echt süß von dir, dass du dich so um mich gesorgt und gekümmert hast...", versicherte ich dem jungen Mann mit einem kleinen Lächeln im Gesicht und strich mir eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr. Erst jetzt schien er das Tablett zu sehen, jedenfalls deutete seine Frage darauf hin. "Nein, ich mache nur mir was zum essen. Ich bin total egoistisch.", murmelte ich ironisch und klopfte auf die weiche Matratze. "Komm her. Ist deutlich bequemer als so ein Stuhl.", schlug ich schmunzelnd vor. Der arme Kerl sah wirklich fertig aus. Und alles nur wegen mir. Ich schluckte betroffen und biss ein Stück von einem Marmeladenbrot ab. "Ich bin gestern zu weit gelaufen mit Thunder...irgendwann war es dunkel und ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich war. Ich war kurz davor, mich einfach auf den Boden zu legen und zu schlafen. Plötzlich hat sich Thunder hingelegt und hat mich aufsteigen lassen...Dann ist er wohl einfach zurück gelaufen, während ich geschlafen habe. Ich nehme an, du hast uns gefunden und ihn noch versorgt?", erzählte ich mit leiser Stimme und fixierte den jungen Mann neugierig mit meinen Augen. Ich erinnerte mich bereits wieder etwas an die Zeit hier. Auch an ihn. Doch ich wollte ihm noch keine Hoffnungen machen, auch wenn ich spürte, dass ich mehr für ihn empfand. Doch die Angst war einfach viel zu groß. Ich schluckte und kaute nervös an dem Brot, welches schnell kleiner wurde und letztendlich ganz in meinem Mund verschwunden war. "Ich will heute wieder anfangen, mit ihm zu arbeiten. Ich glaube nicht, dass ich von vorne anfangen muss. Sonst hätte er mich wohl kaum heim getragen.", stellte ich nachdenklich fest. "Daher möchte ich es heute mal mit Zaumzeug und Sattel versuchen. Hilfst du mir?", fragte ich Kieran leise und sah ihn mit weichen Gesichtszügen an. Ich würde ihm eine Chance geben. Doch er sollte sich von mir fern halten. Mir nicht zu nahe kommen. Denn dann kam die Panik in mir hoch. Das wollten wir beide nicht. Ich wusste nicht, wie weit ich bei Thunder schon gehen konnte. Ich war zweimal auf ihm geritten. Ohne Ausrüstung. Doch würde er überhaupt Sattel und Zaumzeug dulden? Ich würde dem Hengst Zeit lassen. Ihm ging es so wie mir. Auch wenn er doch eigentlich nie etwas schlimmes erlebt hatte. Er war einfach so geboren worden. Wild, verrückt und unberechenbar. Nur bei mir wurde er zahm wie ein Lamm. Ich war stolz darauf. "Diego hat mir im Krankenhaus erzählt, dass bald ein Turnier hier stattfindet.", meinte ich lächelnd und trank ein Glas Orangensaft im einem Zug aus. "Kann ich helfen? Ich möchte nicht tatenlos hier im Zimmer sitzen und Däumchen drehen. Ablenkung und harte Arbeit ist wohl für mich das beste momentan.", erklärte ich leise und schluckte. Ich dachte oft an Andrej und Danilo und fürchtete mich schon jetzt vor der Verhandlung. Ich wollte nicht aussagen. Doch ich hatte keine andere Wahl. Ich musste jedes Detail schildern. Von Anfang an. Zum Glück hatte ich noch etwas Zeit und ich hatte mir schon vorgenommen, meinen ganzen Text aufzuschreiben und vorzulesen. So war es vielleicht machbar für mich, ohne zusammen zu brechen. Doch weinen würde ich im Gerichtssaal wohl auf jeden Fall. Ich zwang mich, an schönere Dinge zu denken. Ich musste stark sein. Es war eigentlich vorbei und ich brauchte nichts mehr zu befürchten. Doch das war leichter gesagt als getan. Ich atmete tief durch und schob Kieran das Tablett entgegen, damit er sich nach dieser Nacht stärken konnte.


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#124

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 29.08.2015 01:25
von Dodo • Junior Member | 468 Beiträge | 13334 Punkte

Im Schlaf vergaß man schnell, wo man war und was das letzte war, das man gemacht hatte. Vor allem, wenn man nicht im eigenen Bett einschlief und keine Zeit hatte, sich zu sortieren, wenn man von sich aufwachte. Mein Schlaf war schlecht, die Haltung ungewohnt, ebenso wie eine menschliche Stimme, die mich weckte. Entweder mein Wecker riss mich aus dem Schlaf oder ich wachte von selbst aus. Vivis Stimme hatte ich ja schon lange an keinem Morgen mehr gehört, keine seichte Berührung, die mich weckte oder schon nur ihre fehlende Wärme. In den letzten Monaten hatte ich mich wieder an die Einsamkeit gewöhnt und auch daran, dass sie mich nicht in ihrer Nähe ertrug. Dementsprechend folgte auf den Schrecken des Weckens direkt der nächste, weil ich ja in ihrem Zimmer, direkt neben ihrem Bett gesessen hatte wie so ein Spinner. Zumindest könnte sie das so sehen, denn sie hatte meine Bemühungen nicht mitbekommen. Und selbst wenn sie wach gewesen wäre, dann hätte sie meine Hilfe wahrscheinlich nicht gewollt, weil ich ihr dabei zu nahe war. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass ich besser schnell flüchten sollte. In mein Bett am besten, ich war echt ziemlich fertig. Als sie fragte, warum ich mich entschuldigte, sah ich sie müde an. "Weil ich ungefragt die Nacht hier verbracht habe", murmelte ich mit leicht rauer Stimme, räusperte mich leise. Ihr nächster Kommentar entlockte mir ein leichtes Schmunzeln. "So fühle ich mich auch", warf ich ein, ehe ich meinen Rücken ein wenig streckte, die Schultern kreisen ließ und versuchte meinen verspannten Nacken etwas zu lockern. Ein Lächeln schlich sich schließlich auf meine Züge, wollte gar nicht mehr verschwinden, als sie meinte, dass sie es süß fand und ich sie nicht belästigt hatte. Es war das erste nette und fast vertraute, was sie zu mir sagte und es beflügelte mein Herz, weckte wieder Hoffnungen, die ich eigentlich begraben wollte. Sie wirkte zwar noch nicht so sicher, wie sie sich die Strähne hinters Ohr strich, aber das war nur allzu verständlich.
Ihre Ironie überraschte mich schon fast und ich schnaubte leise mit einem Grinsen, war aber mehr als erfreut, dass sie ihren Humor wiederfand. Ein wenig unsicher war ich dennoch, als sie mich einlud, mich auf die Matratze zu setzen. Ich stand schließlich von dem Stuhl auf, ächzte leise, weil alle Muskeln sich beschwerten, ehe ich mich aufs Bett fallen ließ. Ich hörte ihrer Erzählung zu, nickte leicht mit erstaunter Miene. Ich hatte Thunder gesehen, als sie ihn versuchte aufzutrensen. Aber auch, als sie mich bei der Geländestrecke gefunden hatte nach meinem Sturz. Bis zum Krankenhaus hatte er sie ihn reiten lassen. Das Pferd wusste scheinbar einfach, wann es nötig war, gegen jedes bisschen mehr sperrte er sich nur. Bei ihrer Vermutung nickte ich leicht, zuckte leicht mit den Schultern. "War doch selbstverständlich. Ich bin nur froh, dass er es auch zugelassen hat", meinte ich, fühlte mich ein wenig komisch. Ich hatte so lange nicht mit ihr gesprochen, sie so lange nicht gesehen und jetzt schien es schon fast ein normales Gespräch zu sein, obwohl sie gestern noch ziemlich abgeneigt von meiner Nähe zu sein schien. Oder redete ich mir das ganze nur ein und es hatte sich nicht wirklich was geändert hatte. Zögerlich griff ich mir schließlich auch was zu essen, kaute nachdenklich darauf herum. Ich wurde ein wenig aus den Gedanken gerissen, als sie irgendetwas von 'mit ihm arbeiten' erzählte. Sorge machte sich in mir breit, zu stark war die Erinnerung, wie er sie biss und durchgedreht war, unser Streit und ihr Verschwinden. Ich fühlte mich furchtbar, wenn ich daran dachte. Ich war so wütend gewesen, auf Thunder und auf sie, weil sie nie auf mich hörte, weil sie das Pferd in Schutz nahm und mir vorgezogen hatte, weil sie mich so beleidigt hatte. Ich hatte nicht das Gespräch gesucht, war stur gewesen. Und die Folge war gewesen, dass ich sie drei Monate verzweifelt gesucht hatte, mich zumindest für die Suche stark gemacht hatte, an die niemand geglaubt hatte. Ich hatte auch daran geglaubt, dass sie überlebte, als niemand es für möglich hielt. Und genau aus den Gründen zog sich mein Herz zusammen, als sie sagte, sie wolle mit Sattel und Zaumzeug arbeiten. Ich hatte einfach das gleiche vor Augen, wie letztes Mal passiert war, auch wenn es Schwachsinn war. Das Dreckspack saß hinter Gittern. Und dennoch war es auch schwierig Thunder einzuschätzen. Zögernd nickte ich. "Schauen wir mal, wie er heute drauf ist", meinte ich also mit einem kleinen Lächeln. Ich wollte ihr ja die Chance geben und Thunder auch, immerhin hatte er sich gestern Abend wirklich bewährt. Als sie fragte, ob sie auf dem Turnier helfen könnte, lächelte ich. "Sicher. Die Reitschüler freuen sich sicher über Hilfe beim Putzen und Einflechten, ein bisschen Lampenfieber kannst du ihnen vielleicht auch nehmen und man braucht immer ein paar Leute an den Startertafeln", erklärte ich mit einem Grinsen. Auf dem Hofturnier war immer reichlich Trubel.
"Wann hattest du denn vor mit ihm zu arbeiten? Ich würde mich gerne noch eine Runde hinlegen. Oder in die Wanne schmeißen, Hauptsache die Muskeln ein wenig lockern", meinte ich mit einem seichten Lächeln, ehe ich mir noch eine Scheibe Brot nahm und weiter aß. So groß war mein Appetit aber nicht. Aus Sorge vielleicht und wahrscheinlich auch, weil mein Magen noch gar nicht so verstand, dass er jetzt aufnahmefähig sein durfte.


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#125

RE: Bisherige Posts III

in New Life | Dodo & Alex 07.09.2015 23:31
von Alex • Senior Member | 5.811 Beiträge | 1036624 Punkte

Ich kam nicht ganz mit, warum sich Kieran dafür entschuldigte. Natürlich, er hatte einfach hier geschlafen. Doch andererseits hatte er sich hervorragend um mich gekümmert. Ich kannte genügend Männer, die mich einfach draußen hätten liegen lassen. Sofort kamen wieder die schmerzvollen Erinnerungen an meine Zeit in Gefangenschaft hoch und ich schluckte panisch. Ich hätte die Tabletten nicht wegwerfen sollen. Ich brauchte diese Beruhigungsmittel auf jeden Fall, denn sonst sah ich wirklich überall Gespenster. Nachdenklich beobachtete ich den jungen Mann, der sich streckte und sich langsam entspannte. Er tat mir leid. Sein Lächeln sorgte für einen Moment tatsächlich für Herzklopfen. Doch ich stoppte es bestimmt, da ich noch viel zu mitgenommen von den letzten Monaten war. Ich hatte wahnsinnige Angst. Ich konnte mich plötzlich an meinen ersten Tag hier erinnern. Er lag so weit zurück. Mein Verhalten und mein Charakter waren wohl nun so wie damals, nur um ein vielfaches schlimmer. War wohl auch verständlich. Die Gerichtsverhandlung hatte ich noch vor mir. Keine Ahnung, wie ich das jemals schaffen sollte. Von Anfang an sollte ich dort alles erzählen, bis ins kleinste Detail. Ich wollte das nicht, doch es gab keine andere Möglichkeit. Nur zögerlich begann mein Gegenüber zu essen und kaute meiner Meinung nach viel zu lange an einem einzigen Bissen. Doch dann gelang es mir, Kieran's Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Was ging in diesem Moment wohl in ihm vor? Ich wusste, bei welchem Schritt ich mit Thunder aufgehört hatte. Das Zaumzeug. Der Biss. Der Streit mit Kiri. Und dann war ich abgehauen. Im nachhinein vielleicht ein fataler Fehler. Ich konnte verstehen, dass Kieran nicht besonders begeistert von meinem Vorhaben war. Doch ich vertraute Thunder und wusste, dass sich nun alles ändern würde. Zumindest bei dem Hengst. Es war so ein Gefühl. Thunder wollte nicht noch einmal im Stich gelassen werden und so war ich mir sicher, dass er alles dafür tun würde, damit ich blieb. Er war ein schlaues Tier. Als der junge Mann mir mögliche Aufträge für das Turnier gab, nickte ich leicht. Ich war ein Arbeitsmensch, hatte ich hier oft genug bewiesen. Allerdings lag das Turnier aktuell noch in weiter Ferne. Okay, eigentlich nicht. Ein paar Wochen vielleicht. In meinem Kopf breitete sich eine waghalsige Idee aus, die ich sofort wieder vergaß. Das war sowieso nicht möglich. Kiri's Frage riss mich aus den Gedanken und ich erlebte vor meinem geistigen Auge ein Deja-Vue. Badewanne. Ich runzelte die Stirn und starrte den jungen Mann einfach nur an, während ich verzweifelt versuchte, die Puzzleteile zusammen zu fügen. "Kannst du machen.", fand ich meine Sprache schließlich wieder und ich erhob mich langsam. "Ich werde in schon mal holen und putzen.", kündigte ich an und warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Ich trug noch die Sachen vom Vortag. Mit unsicheren Schritten trat ich zum Schrank und öffnete diesen. Mein Blick fiel auf die Stall- und Reitklamotten. Zögerlich griff ich nach einer beigen Reithose, einem dunkelbraunen Poloshirt und einem paar Stiefeletten. Mein Blick fiel auf Kieran und ich wartete darauf, dass er mein Zimmer verließ. Ich wollte mich nicht vor ihm umziehen. Auch wenn ich das vielleicht schon getan hatte damals. Ich schämte mich für die vielen Narben, die meine sonst so weiche Haut überall verunstalteten. Ich wollte mich nicht einem Mann ausliefern. Die Angst war einfach zu groß und ich konnte daran nichts ändern. Erst als Kieran verschwunden war, zog ich mich um, machte mir einen Dutt und verließ fünf Minuten später das Haus. Thunder war erfreut mich zu sehen und zog sich das rote Halfter schon beinahe selbst an, trabte fröhlich neben mir her zum Putzplatz, der in der Mitte des viereckigen Stallgebäudes im Freien lag. Ich band ihn lächelnd an, tätschelte ihm den Hals und holte in einem Schwung seinen Putzkasten, die rote Satteldecke, den Sattel und das Zaumzeug. Die Ausrüstung legte ich vorsichtig ab, während ich mich dem Fell des wunderschönen Pferds widmete. Als von Kieran nach einiger Zeit noch immer jede Spur fehlte, ergriff ich die Initiative. Vorsichtig ließ ich Thunder an der Satteldecke schnuppern und strich mit der unteren Seite über das glänzende Fell. Der Hengst spitzte neugierig die Ohren und zeigte keinerlei Anzeichen von Angst, weswegen ich ihm schließlich die Decke vorsichtig auf dem Rücken platzierte.


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